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14 überraschende Geheimnisse von echten Bestatter*innen

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"Nein, wir schminken die Verstorbenen nicht."

Lea Gscheidel ist Bestatterin in Berlin. Uns hat sie verraten, wie es wirklich ist, jeden Tag mit dem Tod zu arbeiten.

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1. "Nein, wir schminken die Verstorbenen nicht."

"In der Regel schminke ich niemanden. Außer es war jemand, der ohne Schminke nicht aus dem Haus ging. Dann benutze ich dafür die Kosmetikprodukte dieses Menschen. Das gilt auch für Parfum."

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2. "Das, was nach der Feuerbestattung übrig bleibt und in der Alltagssprache "Asche" genannt wird, sind eigentlich gemahlene Knochen. Das nennt sich Kremationsrückstand und wiegt rund 2 - 5 kg."

"Das, was nach der Einäscherung übrig bleibt, sind poröse Knochenstücke und Metalle - Implantate, Sargnägel, Schmuck, Gürtelschnalle … Alles an Metall wird mithilfe eines Magneten entfernt und der Rest dann in einer Knochenmühle gemahlen."

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3. "Die skurrilsten Dinge bekomme ich *hinter den Kulissen* auf Friedhöfen zu sehen."

"Da steht auf dem Aufzug für den Sarg z.B. dick und fett: "Keine Personenbeförderung". Das stimmt zwar juristisch. Aber ich finde es trotzdem seltsam. Oder am Notenpult des Organisten klebt ein Sticker: "Rettet den Feierabend". Oder man sieht eine ausschweifende amtliche Erklärung, wieso die Rehe, die auf den Gräbern äsen, nicht erschossen oder betäubt werden dürfen. Ich hab schon echt skurrile Dinge gesehen."

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4. "Manchmal können trauernde Angehörige sehr unhöflich werden."

"Diesen Menschen verzeihe ich aber aufgrund ihrer Situation alles. Sie haben ein Recht darauf, nicht ordentlich zu funktionieren. Fast alle Entgleisungen haben den Grund, dass die Leute emotional überfordert sind. Und das ist völlig verständlich. Wenn ich etwa unhöflich begrüßt werde, weiß ich: das hat mit mir nichts zu tun. Da sagt jemand: "Ich will Sie eigentlich gar nicht sehen!" – Damit wird doch nur gesagt: "Ich will meinen geliebten Menschen zurück!" Da bin ich Stellvertreterin für den Tod und das ist für mich okay."

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5. "Bestatter führen keinen Smalltalk."

"Unser Beruf ist relativ smalltalk-frei. Ich begleite Menschen in einer sehr intimen Zeit. In dieser Zeit bin ich ihnen manchmal sehr nahe und dann ist die Zeit vorbei und sie gehen ihren eigenen Weg weiter. Es ist etwas ganz Besonderes, wenn Menschen mir so viel Vertrauen entgegenbringen."

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6. "Unser Arbeitstag teilt sich in VOR 14 Uhr und NACH 14 Uhr – denn es gibt viele wichtige Ansprechpartner, die nach 14 Uhr nicht mehr zu erreichen sind: In Ämtern, Friedhöfen, Krankenhäusern."

"Außerdem sind die Beisetzungen vormittags. Nachmittags erledige ich administrative Nacharbeit und Gespräche mit Angehörigen und Beteiligten, die auch nach 14:00 noch zu erreichen sind (Fuhrunternehmen, Krematorium, Floristin, Musiker, Sarg-/Urnenzulieferer...). Abends und Nachts gibt es dann Hausabholungen, Hausaufbahrungen und dringende Gespräche mit Zugehörigen."

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7. "Der größte Adrenalin-Kick ist NICHT der Moment, in dem wir den Verstorbenen sehen. Sondern …"

"… wenn etwas schiefgeht oder droht, schiefzugehen. Weil man diesen Moment nie wieder zurückholen kann. Wenn ich auf den Friedhof komme und der Sarg oder die Urne sind noch nicht da, komme ich erstmal richtig ins Schwitzen. Oder wenn ich wenig Zeit habe, um eine Abschiednahme vorzubereiten. Da ist es mir immer sehr wichtig, dass alles möglichst schön und freundlich ist, damit es den Menschen leichter fällt, sich ihrem Verstorbenen zu nähern. Und wenn ich irgendwohin gerufen werden, weiß ich oft nicht, was mich erwartet: Weder, wie der Verstorbene aussieht, noch wie der Raum gerade aussieht – und ob ich direkt jemanden finde, der den Schlüssel hat.

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8. "Ich habe kein Mitleid mit den Menschen, mit denen ich arbeite. Ich habe Mitgefühl."

"Der Unterschied ist: Ich bin grundsätzlich damit einverstanden, dass Menschen sterben. Egal wie jung oder wie alt oder in welcher Lebenssituation. Das ist einfach Teil des Lebens. Manchmal ist es katastrophal für alle Beteiligten – und manchmal ist es einfacher zu integrieren. Aber das hat nicht nur mit den Rahmendaten wie Alter, Beziehungsstatus, Art des Todes zu tun, sondern auch sehr viel damit, wie die Lebenssituation der Verstorbenen war, und wie die Beziehungen der Verstorbenen mit den Hinterbliebenen ausgesehen hat."

9. "Ich versuche gar nicht erst, großen Abstand zu den Geschichten der Verstorbenen zu halten. Künstlich Abstand zu halten kostet mich mehr Kraft als menschliche Nähe und Durchlässigkeit."

"Es ist für mich einfach wichtig, ein ruhiges letztes Bild zu haben – vom Verstorbenen und auch von der Familie. Wenn das gelingt, habe ich gute Arbeit geleistet und kann die Menschen auch entspannt weiter ihrer Wege ziehen lassen. Manchmal gelingt es nicht, und dann bleiben mir die Geschichten und Familien länger im Gedächtnis und ich frage mich, wie es ihnen wohl geht. Manchmal auch noch Monate später. Der einzige Moment, wo ich an dem Tag echt dran zu knabbern hatte, war, als wir einen verunfallten jungen Mann gewaschen und angekleidet haben. Dieser Mann war meinem Mann in Alter und Statur, Haut- und Haarfarbe sehr ähnlich. Als ich dann nach Hause ging, hatte ich ein ganz direktes Gefühl dafür, wie fragil das Leben ist: Auch mein Mann kann plötzlich tot sein. Aber das sorgt bei mir eher dafür, dass ich in meinem Leben viel besser entscheiden kann, was mir wichtig ist. Und das ist doch was sehr hilfreiches. Gerade für unsere Generation, die sich so ungern festlegt."

10. "Egal, wie routiniert wir sind: Es gibt Trauerfeiern, die wir nie vergessen."

"Entweder, weil wir sehr komische Situationen oder einfach intensive Gänsehaut-Momente erleben. Einmal hat sich eine ganze Traube Luftballons während einer Trauerfeier losgemacht und ist davon geflogen. Als wir rauskamen, waren die Ballons einfach weg. Ich war etwas bestürzt, aber die Zugehörigen mussten schmunzeln und waren sich einig: "Das hätte ihm gefallen!" Und es gibt diese Gänsehaut-Momente: Einmal wurde ein Gedicht gelesen, wie alle Tiere Abschied nehmen. Dann war der Moment gekommen, in dem die Urne abgesenkt werden musste. Dabei schaute dann plötzlich ein Fuchs zu. Der Fuchs wohnt da, aber er versteckt sich eigentlich immer, wenn Menschen kommen."

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11. "Die meisten Leute können sich nicht vorstellen, wie vielfältig unser Job ist."

"Wir begleiten die unterschiedlichsten Menschen, erledigen aber auch Dokumentenkram und Unternehmensführung. Wir müssen Talent im ästhetischen Gestalten haben. Wir stehen jeden Tag in Kontakt mit "Kollegen" / Zulieferern anderer Professionen, mit denen wir zusammenarbeiten müssen – und wir können draußen auf dem Friedhof sein und die Eichhörnchen grüßen."

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12. "Der größte Mythos über den Bestatterberuf ist, dass das alles ganz traurig sei, und man das ja kaum aushalten könne. Das stimmt aber nicht wirklich. Seit ich Bestatterin bin, glaube ich wieder an das Gute im Menschen."

"Ich sehe vor allem ganz viel Liebe zwischen Menschen und bin oft sehr beeindruckt und gerührt. Für diejenigen, die sich von einem geliebten Menschen verabschieden müssen, ist es natürlich sehr traurig und schwer, und sie durchleben oft viele heftige Gefühle. Aber wenn ich da bin, wollen sie oft mit mir überlegen, wie sie den Abschied gestalten wollen. Da fließen auch mal ein paar Tränen, da wird aber auch gelacht und manchmal die schönsten Geschichten erzählt. Die meisten sind mit dem ganz großen Schmerz tatsächlich lieber unter sich."

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13. "Wir müssen aufpassen, nicht arbeitssüchtig zu werden – und unserem eigenen Privatleben auch noch genügend Zeit einräumen."

"So, wie wir arbeiten, ist die Sinnhaftigkeit der Arbeit immer so präsent, und die Menschen sind oft so wahnsinnig dankbar – ich glaube, man muss aufpassen, dass man nicht süchtig nach dem Job wird und parallel noch ein erfülltes Privatleben hat. Und das ist nicht immer so einfach. Einfach weil Bestatter kein normaler Job ist, sondern sehr viel Flexibilität erfordert."

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14. "Wenn wir kleine Babys bestatten – also tot geborene Kinder oder Frühchen, die die ersten Tage nicht überlebt haben – ist der Umgang ganz anders, als mit erwachsenen Verstorbenen."

"Alles ist viel handlicher. Das hat den Vorteil, dass die Eltern zum Beispiel problemlos den leeren Sarg mit nach Hause nehmen und dort in aller Ruhe ein letztes Bettchen für ihr Kind gestalten. Sie können auch den Sarg auf dem Friedhof selber zur Grabstelle tragen. Ein ganz großer Unterschied im Umgang ist, dass es jeder als normal empfindet, ein Baby anzuziehen, auf den Arm zu nehmen in sein Bett (in dem Fall in den Sarg) zu legen. Das trauen sich dann fast alle der von mir betreuten Eltern auch. Bei einem gesunden, erwachsenen Menschen ist das nicht normal, dass man ihn wäscht, ankleidet und quasi von einem Bett in ein anderes trägt. Und so ist dann auch bei den gestorbenen Erwachsenen die Hemmschwelle viel höher, ihn nochmal zu umsorgen. (Es sei denn, der Verstorbene wurde in der letzten Lebensphase bereits von Angehörigen gepflegt - dann ist es wieder zur Normalität geworden. Diese Menschen machen oft ganz selbstverständlich alle pflegerischen Handlungen ganz bewusst noch ein letztes Mal und können sich manchmal gar nicht vorstellen, da jetzt einen Fremden dran zu lassen nur weil der geliebte Mensch jetzt kein schlagendes Herz mehr hat.)

Bei verstorbenen Erwachsenen geht es immer um das Verabschieden, während es bei den Babys auch noch darum geht, die Beziehung zu stärken: Die Eltern brauchen die Zeit mit dem Kind, um es besser kennen zu lernen. Es ist ja erst seit der Geburt für alle sichtbar! Die Eltern möchten das Kind etwa der Familie und den Geschwistern nochmal vorstellen, Erinnerungen schaffen, Andenken behalten. Dieser kleine Mensch hatte zwar kaum Lebenszeit, hat aber in dieser kurzen Zeit oft sehr viel verändert und beeinflusst durch seine Geschichte. Dieses Kind hat schon zu diesem Zeitpunkt viele Menschen berührt. Auch ein Sternenkind (so nennt man ein tot geborenes Kind) hat seine Spuren schon hinterlassen und ist Teil der Familie. Man tut nicht mehr so wie früher, als hätte es das Kind gar nicht gegeben."

Ihr könnt hier mehr über Lea Gscheidel erfahren – und nachlesen, wie ihr Bestattungsunternehmen arbeitet.

UPDATE

15.02.2018, 11:18

Wir haben den letzen Punkt (Nummer 14) zu verstorbenen Babys sowie das passende Bild ergänzt.

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