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Eine Frau erzählt von ihren Erfahrungen in einem „Fat Camp“ für Jugendliche

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Eine Frau teilt ihre Erfahrungen aus einem „Fat Camp“: - halte alles fest, was du isst
- iss nie mehr als 1200 Kalorien/Tag
- trage einen Schrittzähler
- verliere 18 kg in 10 Wochen
Erfahrungen aus einem Abnehm-Camp für Jugendliche © hannahalysee/TikTok

„Ich war stolz auf mich, wenn ich weniger gegessen habe, als es die vorgeschriebene Diät verlangt hat.“

Hinweis: Der folgende Artikel enthält Schilderungen von Essstörungen.

Wenn du an den Begriff „Fat Camp“ denkst, fällt dir vielleicht der Film „Pfundskerle“ mit Ben Stiller aus dem Jahr 1995 ein oder andere sehr dramatisierte Darstellungen in den Medien von Programmen zur Gewichtsreduzierung bei Kindern.

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Es ist schwer zu glauben, dass Institutionen, die die Ernährung von Kindern regulieren und sie zum Sport zwingen, wirklich außerhalb von Film und Fernsehen existieren. Aber leider gibt es sie wirklich und viele von ihnen sind noch gut im Geschäft. Camp Shane (Amerikas ältestes Abnehm-Camp für Kinder) hat erst im Sommer 2021 offiziell geschlossen.

Zwei Füße stehen auf einer Waage.
Bis 2021 hat sich das älteste Abnehm-Camp für Kinder in den USA gehalten. © Andriy Popov/Imago

Übrigens: Eine Studie aus dem Jahr 2006 kam zu dem Schluss, dass „Diäten und anderes Essverhalten, das zu Gewichtsverlust führen soll, fünf Jahre später zu Übergewicht und Essstörungen führen kann“. 

Hannah, eine 28-jährige Personalberaterin aus North Carolina, wurde kürzlich auf TikTok mit ihren Erfahrungsberichten aus einem „Fat Camp“ bekannt, in dem sie als Teenager war. Im Jahr 2009, hat sie mit 15 das inzwischen aufgelöste Wellspring Adventure Camp in Haywood County, North Carolina besucht. Hannah ist dort 10 Wochen lang geblieben. So lange war sie bis dahin noch nie von zu Hause weg.

Hier sind 15 schockierende Dinge, die sie BuzzFeed über ihre Zeit im „Fat Camp“ erzählt hat:

1. Bevor Hannah auf die Einzelheiten ihrer Erfahrung eingeht, erklärt sie, wie sie dort überhaupt gelandet ist.

„Ich möchte als Erstes festhalten, dass ich freiwillig ins ‚Fat Camp‘ gegangen bin“, sagt sie. „Nach einigen traumatischen Erlebnissen in meinem Leben hatte ich schon früh mit meinem Gewicht zu kämpfen und wollte unbedingt zu den anderen Gleichaltrigen passen. Wegen der Art und Weise, wie die ‚wissenschaftlich geprüften‘ Abnehm-Methoden des Camps dargestellt wurden, dachten meine Eltern und ich, dass sie extrem effektiv sein würden (und das waren sie kurzfristig auch) ...

Aber leider habe ich mir dadurch wirklich ungesunde Essgewohnheiten für die folgenden Jahre antrainiert. Das scheint auf viele Menschen zuzutreffen, die als Teenager in einem „Fat Camp“ waren, soweit ich an den Kommentaren auf TikTok sehen kann.“

2. Hannah erzählt, dass sie bei ihrer Ankunft im Camp sofort von den Betreuer:innen gewogen wurde. Man ermittelte ihren BMI und sagte ihr, sie sei übergewichtig.

Sie gaben den Teenagern außerdem Tagebücher, in die sie alles eintragen sollten, was sie jeden Tag zu sich nahmen. Sie bekamen Schrittzähler, die sie am Handgelenk tragen sollten. Die Kinder in dem Camp waren zwischen 11 und 18 Jahre alt.

3. Allen wurde in etwa dieselbe Diät verordnet. Es gab nur Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, sagt sie.

Hannah hat einen Ernährungsplan mit weniger als 1.200 Kalorien und weniger als 20 Gramm Fett pro Tag bekommen. „Für wen ist das eigentlich ... Für ein Kleinkind?“, sagt sie in ihrem TikTok-Video.

Ein Ernähungsplan liegt auf dem Tisch. Daneben sind Nüsse und Orangen angeordnet.
Wer soll denn davon leben können?! © YAY Images/Imago

4. Hannah wurde mit 16 anderen Mädchen in einer winzigen Unterkunft untergebracht, die nur über zwei Toiletten, zwei Duschen und zwei Waschbecken verfügte. Jede Person hatte nur fünf Minuten Zeit zum Duschen und wenn sie die letzte auf der Liste war, konnte sie nur noch kalt duschen.

Hannah erzählt, dass ihre Stiefmutter bei einem Besuch anfing zu weinen, als sie ihre Unterkunft sah.

5. Ihr Tagesablauf sah vor, um 7 Uhr morgens aufzuwachen und bis 21 Uhr auf den Beinen zu sein. Und das mit nur wenigen Pausen dazwischen. „Man war so ziemlich den ganzen Tag aktiv, jeden Tag“, sagt sie.

Mädchen machen Liegestütze auf einer Wiese
14 Stunden auf den Beinen © agefotostock/Imago

„Von uns allen wurde erwartet, dass wir die Übungen so machen, wie sie uns vorgeschrieben wurden“, sagt Hannah. „Wir hatten nicht viel Spielraum und konnten auch nicht nein sagen. Es sei denn, wir waren verletzt oder krank.“

6. "Wenn wir Essen wollten, mussten wir vor der Cafeteria stehen und warten, bis wir aufgerufen wurden", sagt Hannah zu BuzzFeed.

"Die Reihenfolge hat sich danach gerichtet, wie laut man jubeln konnte ... Es war merkwürdig. Manchmal, wenn man nicht unter den Ersten war, waren für einige von uns keine 'guten Sachen' mehr da, weil alle anderen schon vor uns ihr Essen bekommen haben."

Hannah redet auf ihrem TikTok-Kanal in die Kamera
Hannah auf ihrem TikTok-Kanal © TikTok / hannahalysee

7. Ich wollte mir ein besseres Bild davon machen, wie die Mahlzeiten im Camp aussahen. Also habe ich Hannah gefragt, was sie zur Auswahl hatten.

„Das Frühstück bestand oft aus rohem Eiweiß, fettfreiem oder fettarmem Joghurt, Brötchen und Obst. Zum Mittag- und Abendessen gab es meist Hühnchen oder Büffelfleisch, also Dinge, die viel Eiweiß und wenig Fett enthalten. Zusätzlich zu den drei Mahlzeiten haben wir zweimal am Tag Snacks mit so ca. 100 Kalorien bekommen. Manchmal gab es auch Diätlimonade als ,Belohnung‘. Sie haben uns wirklich dazu gebracht, diese kalorien- und fettarme Ernährung durchzuziehen“, sagt sie.

Eine Müslischale mit Müsli und Erdbeeren. Daneben ein Glas Milch und ein Apfel
Satt wird man davon nicht... © Imago/agefotostock

„Die Betreuer haben immer die Menge an Eiweiß und einige andere Inhaltsstoffe kontrolliert“, sagt Hannah. „Es war wie ein Buffet aus Obst und Gemüse, aber man musste eben genau aufschreiben, was man gegessen hat.“

8. Hannah war eine Crystal Light-Dealerin im Camp (das Getränkepulver - keine Droge, LOL). Die Regel war, dass man nur Diätlimonade oder Crystal Light trinken durfte, wenn man in der Cafeteria war, aber Hannah hatte einige Packungen ins Camp geschmuggelt und sie an andere Kinder verteilt.

9. Das Camp diente nicht nur der Gewichtsabnahme. Zwar waren alle Teilnehmer:innen auf Diät, aber einige Jugendliche waren zusätzlich wegen Verhaltens- und Suchtproblemen dort.

10. Hannah nahm in den 10 Wochen 40 Pfund (ca. 18 kg) ab. Wöchentlich wurden alle gewogen, was zu einem extrem wettbewerbsorientierten Klima im Camp führte.

„Ich habe die ganze Zeit abgenommen und ich war stolz auf mich, wenn ich weniger als die vorgeschriebene Diät gegessen hatte“, sagt sie. Mit ihrem verlorenen Gewicht gaben die Jugendlichen im Camp an.

Hannahs Gewichts-Änderung ist auf drei Bildern von ihr dokumentiert während des Programms.
Es war ein dauernder Wettbewerb © TikTok / hannahalysee

11. Aber das Gewicht kam wieder zurück. Nach neun Monaten, wie sie BuzzFeed erzählt: „Ich habe die 40 Pfund, die ich in 10 Wochen abgenommen hatte, wieder zugenommen und noch mehr. Ich habe einfach nie herausgefunden, wie man ,richtig‘ isst.“

„Nach dem Camp habe ich noch zehn Jahre lang Diäten gemacht. Ich denke, die Erfahrung hat mir gezeigt, dass es nicht klappt von heute auf morgen Gewicht zu verlieren. Ich musste lernen, dass es in Ordnung ist, mehr als 1.200 Kalorien zu essen und meinen Körper mit allen drei Lebensmittelgruppen zu versorgen, anstatt eine auszulassen.“

12. Im Camp gab es eine therapeutische Betreuung, aber es ist fraglich, ob sie in irgendeiner Weise geholfen hat.

„Es war vor allem eine kognitive Verhaltenstherapie. Manchmal wurde sie von den Betreuer:innen geleitet. Ich bin mir nicht sicher, wie qualifiziert sie waren. Wir haben einfach nur herumgesessen und über Auslöser von Essanfällen geredet und darüber, wie man verhindern kann, Emotionen mit Essen zu bekämpfen. Ich glaube nicht, dass das besonders hilfreich war. Ich kann mich an nichts von dem erinnern, was mir dort beigebracht wurde.“

13. Obwohl Hannah die Methoden des „Fat Camps“ gar nicht in Ordnung fand, hat sie dort dennoch Freundschaften fürs Leben geschlossen.

„Während dieser Zeit waren wir alles, was wir hatten“, sagt sie. „Ich war schon immer dick und wuchs als die Dickste innerhalb meiner Freundesgruppe auf. Es war wirklich toll, Leute zu haben, die das nachvollziehen und verstehen konnten und ich fand es schön, sich darüber austauschen zu können.“

14. Auf die Frage, ob sie immer noch Kontakt zu ihren Freund:innen aus dem „Fat Camp“ hat, antwortet Hannah:

„Wir wurden nach dem Camp alle Facebook-Freund:innen, haben aber im Laufe der Jahre nicht mehr miteinander gesprochen. Ich glaube, ich bin mit einigen von ihnen immer noch auf Facebook befreundet, aber ich weiß nicht, wie sie weiter mit der Abnehm-Thematik umgegangen sind.

Ich glaube, dass die Methoden des Camps selbst nicht dazu geeignet sind, einen dauerhaften Gewichtsverlust herbeizuführen. Wir wissen ja, wie schnell man abnimmt und wie wenig nachhaltig das ist. Außerdem gibt es inzwischen Forschungsergebnisse, die zeigen, dass Jugendliche, die schnell abnehmen und extreme Diäten machen, im Erwachsenenalter mit größerer Wahrscheinlichkeit an Essstörungen und Fettleibigkeit leiden.“

Hast du auch Erfahrungen mit „Abnehm-Camps“ und Diäten gemacht? Wenn ja, was waren deine Erlebnisse und Erkenntnisse aus erster Hand? Erzähle es uns gerne in den Kommentaren.

Problematisch ist nicht nur das Thema Diäten in jungem Alter, sondern leider auch häufig das eigene Umfeld, wie in der eigenen Familie. Diese Frauen berichten, welche toxischen Kommentare ihrer Mütter sie bis heute nicht vergessen können.

Dieser Post von Danielle Emanuel wurde aus dem Englischen übersetzt.

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