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Dieser Animationskünstler zeigt mit „Schizophrenie-Simulationen“, wie sich sein Leben mit der Krankheit wirklich anfühlt

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„Ich bin es leid, dass sich Menschen wegen einer Diagnose selbst schlechtreden und fälschlicherweise glauben, dass sie nichts wert sind. Wir sind alle aus einem Grund hier.“

„Hey, hey, hier oben,“ flüstert eine Stimme im Raum, bevor plötzlich ein ghulartiges Gesicht auf dem Dachboden auftaucht. Es sind noch andere Geräusche zu hören, der gurgelnde, unverständliche Lärm von vielen Menschen, die alle durcheinander sprechen. Die Kamera sucht währenddessen den Raum nach dem Gesicht ab, welches wieder verschwunden ist. Wir müssen aber nicht lange danach suchen, denn das Gesicht selbst weist uns an: ‚Guck aus dem Fenster‘. Dann erscheint es wieder.

Zwei Bilder, auf denen jeweils ein Zimmer zu sehen ist. Auf dem ersten Bild ist ein gezeichnetes, weißes, maskenähnliches Gesicht in der Nähe des Dachbodens zu sehen. Auf dem zweiten Bild ist diese Maske in der Mitte des Zimmers zu sehen.
Christophers Simulationen. © TikTok: @xoradmagical

Über 11,2 Millionen Menschen haben sich dieses Video im POV-Stil bereits angesehen. Es ist nur eins von vielen aus der Simulationsserie des Filmemachers Christopher Gilbert Grant, das viral geht und dessen Erfahrungen mit Schizophrenie für mehrere Millionen Leute im Internet veranschaulicht.

Für diejenigen, die es nicht wissen: Schizophrenie ist eine Erkrankung des Gehirns, die sich durch Episoden definiert, während denen die betroffene Person nicht mehr differenzieren kann, was real und was irreal ist. Die Symptome sind von Person zu Person unterschiedlich, lassen sich aber oft in drei verschiedene Kategorien einteilen: positive Symptome, negative Symptome und desorganisierte Symptome.

janssen.com beschreibt positive Symptome als „Veränderungen im Verhalten oder Denken“. Zu ihnen können sowohl visuelle als auch auditive Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Denkstörungen gehören.

Negative Symptome werden als „Verlust der Funktionsfähigkeit, wie man sie bei einer völlig gesunden Person normalerweise erwarten würde“ beschrieben. Dazu zählen Antriebsmüdigkeit, sozialer Rückzug und fehlende emotionale Reaktionen. Zu letzterem kann auch eine verminderte Mimik gehören. Das MSD Manual zählt außerdem ein verringertes Sprechbedürfnis zu den möglichen negativen Symptomen.

Desorganisierte Symptome können laut dem MSD Manual eine „unorganisierte Denkweise“ und auch „bizarres Verhalten wie kindliche Albernheit oder Erregung“ sein.

Christopher hat die ersten Symptome mit 16 gespürt. Er erklärte gegenüber BuzzFeed: „Ich hab nie damit gerechnet, dass ich mich mit Schizophrenie auseinandersetzen muss. Ich habe in den darauffolgenden Jahren Geflüster gehört, das andere nicht hören konnten und das Gefühl gehabt, als würde ich von ‚Phantom-Augen‘ beobachtet werden. Es war völlig egal, wo ich war, ich hab diese Augen ständig auf mir gespürt. Es ist so ähnlich wie eine soziale Phobie, nur 24/7 und als ob sie immer stärker wird.“

Christopher, der auf einem schneebedeckten Weg steht, die Hände auf die Knie gestützt hat und panisch aussieht. Neben seinem Gesicht sind zwei maskenartige Gesichter. Text: what everyone thinks schizophrenia is. Daneben Christopher, der entspannter aussieht. Text: vs. what it‘s really like day to day.
Christopher spricht auf TikTok von seinen Erfahrungen mit Schizophrenie. © TikTok: @xoradmagical

Christopher hat die Schule abgebrochen, nachdem die Stimmen angefangen haben, sein Verhalten zu beeinflussen. Er hat daraufhin Obdachlosigkeit, Stimmungsschwankungen und vor allem eine schrecklichen Angst erfahren. Das hat dazu geführt, dass er wieder nach Hause gezogen ist, wo er einen ‚Zusammenbruch‘ erlebt hat und ins Krankenhaus gekommen ist. Die Ärzt:innen dort haben ihn dann mit Schizophrenie und einer bipolaren Störung diagnostiziert.

Nach jahrelanger Verhaltenstherapie und Medikamenten, die geholfen haben, seine Stimmung zu stabilisieren, hat sich der 25-Jährige eine 1,3 Millionen starke Community auf TikTok aufgebaut. Diese kann sich mithilfe der Simulationen des Künstlers in ihn hineinversetzen und ihm sogar Fragen stellen, auf die Christopher sehr ehrlich antwortet.

Screenshots von mehreren Videos von Christopher, der auf Kommentare zu seinen Videos auf TikTok antwortet.
Christopher beantwortet auf TikTok Fragen zu seinen Erfahrungen mit Schizophrenie. © TikTok: @xoradmagical

Die Fragen, die Christopher auf TikTok beantwortet, reichen von seinem Weg zur Diagnose bis hin zu den extremsten Dingen, zu denen ihn die Gesichter bringen wollten.

Er hat auch erklärt, welche Polarität zwischen den Gesichtern herrscht. Diese sind zwei prägende Figuren, denen er die Namen Chester und Bertrum gegeben hat. Ähnlich wie Engelchen und Teufelchen auf deiner Schulter sitzt Bertrum an einem Ende des Spektrums der Stimmen, die Christopher hört, während Chester auf dem anderen Ende sitzt. Bertrum versucht, ihn zu ‚bösem‘ Verhalten zu verleiten, Chester ist hingegen auf ‚gutes‘ Verhalten aus. Zwischen diese beiden dominierenden Perspektiven fallen all die anderen Stimmen und Gesichter, denen Christopher keine Namen gegeben hat.

Christopher erklärt: „Schizophrenie ist ein Spektrum-Phänomen. Es äußert sich auf eine Weise, die deinen inneren Bewusstseinsraum widerspiegelt. Deine Erziehung, Kultur, deine Traumata und deine Gene fließen mit rein und wirken sich auf die Erfahrung aus, die du haben wirst.“

„Es ist wie Äste an einem Baum: Es gibt Gemeinsamkeiten, die von Ärzt:innen geteilt und gemessen werden, wie beispielsweise die Sprachverarmung, Halluzinationen und die eigens wahrgenommen Wahnvorstellungen. Aber genau wie ein Baum wachsen diese Dinge dann auf eine eigene einzigartige Weise“, erläutert er weiter.

„Schizophrenie ist wie die Natur selbst. Sie kann nicht gänzlich erklärt, zerlegt oder begriffen werden, weil so viele sensorische Aspekte mit der eigenen Wahrnehmung und individuellen Symbolen und Assoziationen zusammenkommen. Jede Antwort auf eine Frage bezüglich Schizophrenie wirft weitere Fragen auf.“

Diese Unterscheidung der Erfahrungen wird auch häufig in den Kommentaren zu Christophers Videos erwähnt. Viele schreiben, dass seine Erfahrungen nicht auf jede:n zutreffen. Christopher selbst stimmt dem zu: „Meine Simulationen sind so genau, wie ich sie mit den Ausdrucksmöglichkeiten, die ich habe, erstellen kann. Die Gefühle, die Zuschauer:innen beim Ansehen haben, spiegeln jedoch wider, wie sich Menschen fühlen würden, wenn sie ein ähnliches Phänomen erleben.“

Zwei Bilder von einer schneebedeckten Landschaft mit Bäumen im Hintergrund. Auf der Seite des einen Bildes und in der Mitte des zweiten Bildes sind weiße maskenartige Gesichter zu sehen.
Christopher teilt mit seinen Simulationen seine ganz persönlichen Erfahrungen. © TikTok: @xoradmagical

In einem Antwortvideo fügt er hinzu: ‚Ich bin ein Künstler, der meine [...] persönlichen Erfahrungen mit Schizophrenie teilt. [...] Schizophrenie ist so ein weitreichendes Spektrum, dass es unmöglich ist, einen einzelnen Schizophrenie-Simulator zu erstellen, der für alle passt.“

Zuschauer:innen schätzen es, dass Christopher seine eigene Perspektive online teilt, schließlich gibt es immer noch einen Mangel an Berichten über Schizophrenie, die aus erster Hand kommen. Christophers Videos haben Menschen nicht nur dabei geholfen zu verstehen, was ihnen nahestehende Personen durchmachen ...

Ein Screenshot von einem TikTok-Kommentar von „ava !“. Text: thank you for these, a boy i love very much has schizophrenia and this helps me understand more. i appreciate you so much <3.“
Christopher bekommt viele positive Reaktionen auf seine Videos. © TikTok: @xoradmagical

Vielen Dank dafür. Ein Junge, den ich sehr liebe, hat Schizophrenie und das hier hilft mir dabei, ihn besser zu verstehen. Ich schätze dich wirklich sehr <3

... sondern auch die Aufmerksamkeit von medizinischem Fachpersonal auf sich gezogen, die Kommentare darüber hinterlassen, wie seine Kreationen ihnen geholfen haben, ihre Patient:innen besser zu verstehen.

Ein Screenshot von einem TikTok-Kommentar von „danni!“. Text: as a therapist, your simulator videos give me a deeper understanding of what some of my patients truly go through, beyond just the dsm explanations.“
Auch medizinischem Personal gefallen Christophers Videos. © TikTok: @xoradmagical

Als Therapeutin kann ich sagen, dass mir deine Simulations-Videos ein tieferes Verständnis darüber geben, was meine Patient:innen durchmachen. Abseits von nur den DSM-Erklärungen.

(DSM ist das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, auf deutsch: der Diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen.)

Und genau das war Christophers Ziel. Durch seine Arbeit will der Animationskünstler falsche Vorstellungen über Schizophrenie aus dem Weg räumen und dabei helfen, die Krankheit zu entstigmatisieren.

Er erklärt: „Es fällt mir nicht leicht, aber manchmal muss man die Wahrheit an die Öffentlichkeit bringen, um die Leute dazu zu bringen, verständnisvoller zu werden. Auch wenn es dazu führen kann, dass sie sich unwohl fühlen oder Angst haben.“

Christopher fügt hinzu: „Ich tue das, was ich mache, weil ich es leid war, missverstanden zu werden. Ich war es auch leid, nicht als menschlich behandelt zu werden und das nur, weil meine Wahrnehmung vielleicht anders ist als die anderer. Meiner Meinung nach: Pech gehabt. Ich bin hier, ich lebe und atme und ich werde all das zeigen, was mich ausmacht.“

Und anderen, die so sind wie er, sagt der Animationskünstler: „Ich hoffe, dass meine Arbeit anderen neurodiversen Menschen dabei hilft, aus diesem Loch aus Selbstzweifel und Scham herauszukommen. Ich bin es leid, dass sich Menschen wegen einer Diagnose selbst schlechtreden und fälschlicherweise glauben, dass sie nichts wert sind. Wir sind alle aus einem Grund hier. Mach, was du willst. Zeig, wer du bist. Tu nur niemandem weh.“

Wenn du Christophers Weg und seine Kreationen weiter verfolgen willst, dann folge ihm auf TikTok und Instagram.

Informationen über und Anlaufstellen zur Behandlung von Schizophrenie findest du unter gesundheitsinformation.de.

Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit setzt sich außerdem dafür ein, dass psychische Erkrankungen nicht mehr tabuisiert werden. Ihre Projektarbeit wie die „Woche der seelischen Gesundheit“ oder die „Grüne Schleife“ kannst du hier mithilfe von Spenden unterstützen.

Dieser Post wurde übersetzt von einem Post von Alexa Lisitza.

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