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Ein Lehrer erklärt, wieso er nach 10 Jahren die Schnauze voll von seinem Beruf hat

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Von: Michelle Anskeit

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Eine Frau, die an einem Tisch sitzt. Ihr gegenüber sitzen ein Mann und ein Mädchen. Sie sieht aufmunternd aus, der Mann und das Mädchen fragend und nachdenklich.. Text: „Es entsteht oft eine Situation, in der Eltern das Gefühl haben, ihre Kinder vor der Schule beschützen zu müssen, anstatt zu kooperieren.“
„Es entsteht oft eine Situation, in der Eltern das Gefühl haben, ihre Kinder vor der Schule beschützen zu müssen, anstatt zu kooperieren.“ © IMAGO / MASKOT / Reddit: u/bangitybang69

„Zuletzt habe ich es auch in 6 Wochen Ferien nicht mehr geschafft, richtig abzuschalten.“

Im Subreddit „r/de_IAmA“ erzählen unterschiedliche Personen von ihren Berufen, Krankheiten oder anderen Lebenserfahrungen, die sie gemacht haben. Dafür stellen sie sich kurz vor und lassen andere Reddit-User*innen dann Fragen stellen.

Das hat auch User „u/bangitybang69“ gemacht, der seinen Job als Lehrer für Englisch und Religion nach 10 Jahren gekündigt hat. Er erklärt, dass er nach einem Jahr Gymnasial-Vertretung und 5,5 Jahren an einer Gesamtschule im Brennpunkt an eine Privatschule gewechselt sei, wo er aber die gleichen Burnout-Symptome erlitt, wie schon an den vorherigen Schulen. Jetzt habe er „die Schnauze voll“, gekündigt und mit dem Lehrerberuf abgeschlossen.

In seinem Q&A erlaubt er User*innen auf Reddit, ihn über seine Erfahrungen und seine Entscheidungen auszufragen. Die interessantesten Antworten teilen wir hier mit dir.

Ein Lehrer erklärt auf Reddit, wieso er seinen Beruf nach 10 Jahren aufgegeben hat

Ein Lehrer, der in einem Klassenzimmer in einem Raum mit Schüler*innen steht, die an ihren Tischen sitzen. Text: „Zu den Kids hatte ich meist ein gutes Verhältnis und würde unter anderen Umständen auch gerne mit ihnen arbeiten.“
Ein Lehrer erklärt auf Reddit, wieso er seinen Beruf nach 10 Jahren aufgegeben hat. (Symbolbild) © IMAGO / Panthermedia

1. Wieso genau hast du gekündigt? Was wurde dir zu viel? —knownforbeing

„Es gibt viele Gründe. Was mich am Ende nur noch frustriert hat war, dass man jeden Tag mit Leuten arbeitet, die nicht freiwillig da sind, keine Lust haben und sich aktiv dagegen wehren. Da kann man so viel motivieren und sich coole Stunden ausdenken wie man will, mir wurde es zu viel.

Die Lautstärke. Die inkompetenten Eltern. Die inkompetenten Kolleg*innen. Die Tatsache, dass man nie Feierabend hat, dass immer noch was zu tun ist. Zuletzt habe ich es auch in 6 Wochen Ferien nicht mehr geschafft, richtig abzuschalten.“

2. Kann man sagen, die Kündigungsgründe lagen in erster Linie am Bildungssystem, Kollegium und Eltern? Weniger an den Schüler*innen? —Sandy_Dorothea

„Definitiv. Zu den Kids hatte ich meist ein gutes Verhältnis und würde unter anderen Umständen auch gerne mit ihnen arbeiten.“

Eine Frau, die mit mehreren Kindern im Stuhlkreis sitzt. Alle heben die Hand.
„Zu den Kids hatte ich meist ein gutes Verhältnis und würde unter anderen Umständen auch gerne mit ihnen arbeiten.“ © IMAGO / Shotshop

3. Warum hast du nicht schon viel früher gemerkt, dass das nichts ist? —Seaworthiness-Any

„Ich glaube es hat gedauert, weil mir viele Dinge Spaß gemacht haben. Der Kontakt zu den Kids war meistens schön. Ich hatte oft sehr nette Kolleg*innen. Ich hab gut verdient und hatte auch Spaß daran, mir Methoden und Unterrichtsstunden auszudenken. Die Belastung hat sich glaube ich über die Zeit angehäuft, bis es zu viel wurde und auch in den Ferien nicht mehr wegging.“

4. Was ist dein schönstes Erlebnis aus deiner Zeit als Lehrer?

„Sehr schöne Frage. Definitiv die Interaktion mit den Kids. Ich habe Theaterprojekte gemacht, und zu sehen wie stolz sie nach erfolgreicher Aufführung sind ist schon toll.“

5. „Als Eltern 2er Kinder: Was hättest du dir von den Eltern gewünscht?“ —RustyPd

„Ich glaube, für Lehrer*innen und Schüler*innen ist es am besten, wenn die Eltern der Schule vertrauen. Es entsteht oft eine Situation, in der Eltern das Gefühl haben, ihre Kinder vor der Schule beschützen zu müssen, anstatt zu kooperieren. Sie stellen Maßnahmen, Strafen, Noten etc. infrage, anstatt zu unterstützen. Das ist für alle Beteiligten schlecht. Natürlich gibt es Unverhältnismäßigkeiten und schlecht meinende Lehrer*innen, aber in der absoluten Minderheit.“

Eine Frau, die an einem Tisch sitzt. Ihr gegenüber sitzen ein Mann und ein Mädchen. Sie sieht aufmunternd aus, der Mann und das Mädchen fragend und nachdenklich.
„Ich glaube, was für Lehrer*innen und Schüler*innen am besten ist, ist, wenn die Eltern der Schule vertrauen.“ © IMAGO / MASKOT

6. Hast du mit der Kündigung auch deinen Beamtenstatus verloren? —handsomeAdam2020

„Ja, den muss man aufgeben, um aus der Nummer rauszukommen. Passiert extrem selten, weil die gefühlte Sicherheit viele Leute so krass einlullt. Mein Chef meinte, in 30 Jahren sei ich der erste Beamte auf Lebenszeit, der freiwillig geht.“

7. Wie kommt man aus dem Beamtensystem raus und was kostet dich das? —Gagazet

„Die Kündigung ist ein formloser Zweizeiler an die Bezirksregierung. Kündigung jederzeit zum Ende des nächsten Monats. Die private KKV lässt dich erst gehen, wenn du pflichtversichert bist, das heißt woanders angestellt oder arbeitslos gemeldet.

Das kostet dich einen guten Teil der Pensions/Rentenbezüge, die du bis dahin erarbeitet hast. Deshalb eher früher als später die Entscheidung treffen.“

8. Wieso wolltest du überhaupt Lehrer sein? —MetalHorror9024

„Sicherheit: Ich bin in relativer Armut aufgewachsen, und das Beamtentum war ein fetter Köder.

Gewohnheit: Ich war als Schüler sehr gerne in der Schule, hab mich mit den Leuten verstanden und mich wohlgefühlt.

Ideenlosigkeit: Berufsorientierung gab es bei uns nicht, zu Hause hatte ich keine Vorbilder und keine Ahnung, was man alles machen kann. Schule kannte ich, Lernen war ich ganz gut drin, also bin ich dabeigeblieben.“

Ein Klassenzimmer, in dem mehrere Schüler*innen sitzen und arbeiten.
„Ich war als Schüler sehr gerne in der Schule, hab mich mit den Leuten verstanden und mich wohlgefühlt.“ © IMAGO / Westend61

9. Hat sich in deinen Augen das „Publikum“ seit Beginn deines Berufs bis heute, zehn Jahre danach, verändert? Wenn ja, in welcher Hinsicht? Sind die Schüler*innen mehr/ weniger bei Interesse, klappen die gleichen Lehrstrategien wie vor zehn Jahren heute noch genauso gut (oder wenig)? —Rylonian

„Tatsächlich sehe ich das nicht so kritisch, wie es oft beschrieben wird. Kids heutzutage sind oft super reflektiert und aufgeklärt. Themen wie Klimaschutz, Feminismus, Gleichberechtigung sind für die allgegenwärtig und selbstverständlich. Bei selbstgewählten Referatsthemen kamen oft Sachen wie ‚LGBTQ rights‘, ‚Veganismus‘, ‚Warum ich Feministin bin‘ und ähnliche.

Die geringe Aufmerksamkeitsspanne bei den Kleineren meine ich aber schon gemerkt zu haben, da muss man sich und seinen Unterricht anpassen.“

10. Wie ist deine Meinung, hat das Bildungsniveau in den letzten Jahren abgenommen? —Sandy_Dorothea

„Abgenommen nicht, mit der sich verändernden Gesellschaft und der Rolle, die Medien jetzt im Leben der jungen Leute spielen, muss man andere Maßstäbe ansetzen. Schüler*innen sind nicht ‚dümmer‘ als vor 10 Jahren, eher offener und reflektierter. Sie haben aber schon eine begrenztere Aufmerksamkeitsspanne und andere Prioritäten.“

11. Wie stehst du generell zum Schulsystem in Deutschland? Sind grundlegende Änderungen notwendig? Wenn ja, welche? —Sandy_Dorothea

„Kleinere Klassen (!!!), bessere Ausstattung der Schulen und angenehmere Lernumgebung. Einbinden von modernen Medien in den Unterricht statt das zu verteufeln, was für die Kids normal ist. Und Eingehen auf Lebensrealität der Schüler*innen durch z.B. mental health und ‚Lebenskunde‘ in der Schule.“

Ein Mann, der über Videotelefon einem Mädchen etwas auf einem Blatt Papier zeigt.
„Einbinden von modernen Medien in den Unterricht, statt das zu verteufeln, was für die Kids normal ist.“ © IMAGO / Cavan Images

12. „Können Lehrende bei der hohen Anzahl an Schüler*innen die Entwicklung all ihrer Schützlinge tatsächlich beobachten? —miliewas

„Definitiv nein. Als Klassenlehrer hat man einen guten Zugang und Überblick. Aber mit einer vollen Stelle unterrichtest du ca. 6 Gruppen, das heißt bis zu 180 Schüler*innen. Sehr schwierig.“

13. „Gab es Arroganz und Lästerei im Lehrerkollegium?“

„Am Gymnasium war es klar nach Grüppchen eingeteilt, wenig Kollegialität, viel Elitedenken. An der Brennpunktschule war der Zusammenhalt und generell das Verhältnis mit den Kolleg*innen wirklich ein Traum.“


14. Was machst du jetzt? Habe eine ähnliche Fächerkombi (Englisch/Ethik) - als Nicht-MINTler sieht‘s ja dann meist mau aus! —Aschtuendo

„Es geht tatsächlich. Erwachsenenbildung, Coaching und universitäre Lehre und Forschung sind alles gute Aussichten.

Als Quereinsteiger kann man auch in die IT, Beratung etc. Es ist wirklich nicht so düster wie man meint. Bei ganz vielen Jobausschreibungen steht ‚Hochschulabschluss‘, was du explizit studiert hast, ist eher unwichtig.“

Falls du Lust auf noch mehr interessante Q&As hast, dann beantwortet dir hier ein Waldorfschüler 14 Fragen, auf die du schon immer eine Antwort wolltest.

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