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Was dich Leute wissen lassen wollen, die für Gorillas und Lieferando arbeiten

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Von: Saba MBoundza

Ein Gorillas-Fahrer fährt auf einem Radweg, der von einem Auto blockiert ist. Dazu das Zitat: „Die Arbeit ist anstrengend und gefährlich, mit langen Schichten und geringem Verdienst.“ Daneben ein Bild von einem Lieferando-Kurier auf einer zugeschneiten Straße: „Ich kündige diesen Monat, weil der physische und mentale Druck das wenige Geld nicht wert sind.“ 
Angestellte von Gorillas und Lieferando haben ihre Erfahrungen mit BuzzFeed geteilt. © IMAGO

„Niemand will kaltes Essen liefern, aber meistens geht‘s einfach nicht schneller. “

Bei Lieferando, Gorillas und Co. zu bestellen, ist für viele Leute in Städten zum absoluten Standard geworden. Dadurch rücken auch die Arbeitsbedingungen dieser Firmen in den Fokus. Bei Gorillas zum Beispiel wurde in den letzten Monaten mehrfach gestreikt, unter anderem, weil die Lieferfahrer*innen einen Betriebsrat gründen wollen. Wir haben daher mit ein paar Mitarbeitenden, vor allem mit sogenannten Ridern, dieser Lieferdienste gesprochen, damit sie (anonym) ihre Erfahrungen mit uns teilen.

Das sagen Leute, die für Gorillas und Lieferando arbeiten

Ein Banner auf dem steht: „Santiago and Betriebsrat or Norillas.“
Mitarbeitende von Gorillas haben durch Streiks die Arbeitsbedingungen beim Unternehmen zum öffentlichen Thema gemacht. © Sabine Gudath via www.imago-images.de

„Dass die Rücken-Polsterungen nicht ausreichend sind, macht sich besonders bei schweren Lieferungen auf Kopfsteinpflaster bemerkbar.“

„Ich arbeite als Aushilfe auf 450€-Basis als Rider bei Gorillas in Berlin. Man bekommt am Anfang der Schicht ein Pedelec zugewiesen, das man zuerst auf Fahrtüchtigkeit überprüfen sollte, da meistens die Bremsen, oder der elektrische Antrieb defekt sind. Ich hatte noch nie am Anfang der Schicht ein vollständig funktionsfähiges Pedelec und auch bei den Ersatzrädern funktionierte bis jetzt nie das Licht. Dass die Rücken-Polsterungen nicht ausreichend sind, macht sich besonders bei schweren Lieferungen auf Kopfsteinpflaster bemerkbar.

Wenn eine Bestellung, weil sie zu schwer ist, mit mehreren Ridern ausgeliefert wird, kann diese nur von einer der Personen in der App registriert werden. Somit wird die Fahrt nicht in der Mitarbeiter*innen-Statistik vermerkt und wenn Trinkgeld über die App gegeben wird, bekommt das nur diese eine Person. Viel bekommt man vom Management nicht mit. Das Support-Team für uns Rider ist überlastet, weil es sich um Belange der gesamten Belegschaft kümmern muss. Dazu gehören Fahrraddefekte, Corona-Tests, Fragen zu Schichten, Krankheitsfälle und so weiter. Es kommen immer wieder Mails im Auftrag des Managements, in denen verklärend auf die Streiks eingegangen wird. So wurde beispielsweise behauptet, dass ausreichende Regenausrüstung in den Lagern vorhanden gewesen sei. Dabei war genau das Gegenteil der Fall, was einer der Gründe für die Streiks hier in Berlin war. Außerdem hieß es, wir sollten lieber dankbar sein, dass wir bei Regen bessere Trinkgelder bekämen.

Mir macht die Arbeit auch Spaß, weil ich sehr gerne radfahre und meine Kolleg*innen sehr freundlich und hilfsbereit sind. Die genannten Probleme sehe ich eher als ein Verschulden des Betriebs.“ – Gorillas-Rider

 „,Bitte schnell liefern‘ bringt da überhaupt nichts. Ich kann nicht wirklich schneller fahren oder schneller in den Restaurants warten.“

„Manchmal haben wir stark verzögerte Lieferungen. Dann fange ich zum Beispiel um 12 Uhr an und es heißt, die Bestellung hätte um 11.30 Uhr abgeholt werden sollen. Die Restaurants trennen zwar die kalten von den warmen Speisen, aber wir haben keine getrennten Fächer in unseren Rucksäcken. Falls bei der Bestellung etwas fehlt, sollen wir ihnen sagen, dass sie sich beim Kundenservice melden müssen. Wenn Fahrer*innen nochmal zu den Restaurants radeln, um fehlende Speisen zu holen, brechen sie damit die Regeln.

Manchmal bekommen wir eine Bestellung zugeordnet, obwohl die Adresse total weit weg ist. Selbst wenn‘s genug in meiner Umgebung gibt. ,Bitte schnell liefern‘ bringt da überhaupt nichts. Ich kann nicht wirklich schneller fahren oder schneller in den Restaurants warten. Je kürzer die Beschreibung ist, um die richtige Tür zu finden, desto besser. Wir können in der App nämlich nicht den vollen Text sehen.“ – Lieferando-Rider

Ein Lieferando-Kurier ist bei winterlichen Bedingungen am Kurfürstendamm im Einsatz.
Ein Lieferando-Kurier im Winter am Berliner KuDamm. © STEFAN ZEITZ via www.imago-images.de

„Laut dem CEO lieben Leute die Arbeit für Gorillas, weil sie so gerne radfahren. Das halte ich für realitätsfern.“

„Als wir damals keine Winterausrüstung hatten, wurden mir Latexhandschuhe gegeben, nachdem meine Handschuhe während einer verschneiten Schicht nassgeworden waren. Bis heute gibt es solche Probleme mit der Ausrüstung. Dabei hieß es in einem Seminar zur Sicherheit am Arbeitsplatz, dass es Aufgabe des Unternehmens sei uns mit wetterfester Kleidung auszustaffieren.

Manchmal haben wir auch nicht genug Räder und Batterien. Wo wir schon davon sprechen: Die Räder sind oft kaputt, zum Beispiel weil sich auf gepflasterten Straßen die Schrauben am Sattel oder am Lenker lösen. Es kommt öfters zu Unfällen (wegen dieser Defekte, dem Verkehr und/oder den Wetterbedingungen).

Es gab bisher auch viele Probleme mit Schichten, die einem fälschlicherweise zugeteilt wurden. Manche Leute haben nicht ihr volles Gehalt bekommen. Diese Probleme wurden vom Unternehmen so lange ignoriert, bis die Streiks sie an die Öffentlichkeit gebracht haben. Laut dem CEO lieben Leute die Arbeit für Gorillas, weil sie so gerne radfahren. Das halte ich für realitätsfern. Die Leute arbeiten dort, weil sie einen Job brauchen. Und die Arbeit ist anstrengend und gefährlich, mit langen Schichten und geringem Verdienst. Das ist keine Familie, wie es immer so schön heißt, aber ein aggressiv wachsendes Unternehmen, dass seine Angestellten ausbeutet und sie konstant Gefahren aussetzt.“ – Gorillas-Riderin

Eine Lieferando-Kurierin schiebt ihr Rad in eine U-Bahn.
„Von Passant*innen habe ich mir auch schon Kommentare und Gelächter anhören müssen“, berichtet eine Lieferando-Fahrerin. © PRESSEFOTOGRAFIE UDO GOTTSCHALK via www.imago-images.de

„Manche von uns fahren jeden Tag bis zu 8 Stunden Fahrrad, irgendwann geht uns da die Puste aus.“

„Wir sind zu wenige Fahrer*innen für die ganzen Bestellungen die eintreffen, vor allem an Wochenenden. Manchmal liegen im Restaurant schon drei Bestellungen bereit und ich muss sie dann alle nacheinander ausliefern. Manchmal warten wir aber auch 20 Minuten bis eine Bestellung fertig ist, weil die Restaurants auch überlastet sind. Daher schaffen wir es nicht immer in der auf der App angegebenen Zeit, das Essen auszuliefern. Der Lieferradius wurde von drei Kilometern auf eine unbekannte Zahl erhöht. Manche von uns fahren also vier, sechs, manchmal sogar acht Kilometer, um zum Zielort zu gelangen.

Niemand will kaltes Essen liefern, aber meistens geht‘s einfach nicht schneller. Manche von uns fahren jeden Tag bis zu 8 Stunden Fahrrad, irgendwann geht uns da die Puste aus. Ich fahre immer maximal 5 Stunden, weil ich bereits nach der Hälfte der Zeit merke, dass ich langsamer werde. Wir haben zwischen Bestellungen oft keine Pausen. An einem ruhigen Tag hat man mal zehn Minuten lang nichts zu tun, aber seitdem die Corona-Lockerungen kamen, ist das nur noch selten der Fall.

Polizist*innen sind genervt von uns und versuchen uns so oft wie es geht anzuhalten (in meiner Stadt zumindest), in Restaurants werden wir hin- und hergeschickt, weil wir überall im Weg stehen. Und von Passant*innen habe ich mir auch schon Kommentare und Gelächter anhören müssen. Ich kündige diesen Monat, weil der physische und mentale Druck das wenige Geld nicht wert sind. Aber viele von uns können sich das nicht leisten. Deshalb bitte ich allen Kund*innen: Habt Verständnis, auch wenn das Essen mal länger dauert, wir geben uns Mühe so schnell wie möglich anzukommen!“ – Lieferando-Riderin

Ein Gorillas Rider fährt auf einem Radweg, der von einem Auto blockiert wird.
„Mir tun die Rider leid“, sagt ein Gorillas-Lagermitarbeiter. © Michael Gstettenbauer via www.imago-images.de

„Diese zehn Minuten machen alles kaputt.“

„Die Leute, die im Lager arbeiten, werden vom Warehouse Manager der jeweiligen Filiale eingestellt und eingeteilt. Die Rider werden hingegen von der Zentrale in Berlin geleitet. Darum ist die Arbeit manchmal sehr unorganisiert. Zum Beispiel wenn Deutschland spielt oder an den nächsten Tagen Feiertag ist. Da ist klar, dass es stressig wird, aber wir bekommen nur sieben oder acht Rider geschickt. Dabei bräuchten wir in dem Fall 17 oder 18, um diese zehn Minuten einhalten zu können. 

Ich sorge in meinen Schichten dafür, dass die Leute eine Pause einlegen. Wenn ein Rider sechs Stunden lang schwere Bestellungen ausliefert, ist es mir dann auch relativ egal, ob wir die zehn Minuten einhalten, auch wenn das nicht zur Firmenphilosophie gehört. Inzwischen kriegen die Mitarbeitenden über die App eine Nachricht, dass sie eine Pause einlegen sollen. Das Unternehmen hat halt mit diesem Zeit-Versprechen angefangen und der Konkurrenzdruck steigt. Das ganz große Problem ist, dass die Firma mehr in Werbung und Wate investiert als in Mitarbeiter*innen. Diese zehn Minuten machen alles kaputt. Mir tun die Rider leid. Vor ein paar Tagen hat‘s hier so krass geregnet, die Rider kamen völlig durchnässt zurück. Mir war das zu gefährlich und ich wollte den Laden schließen. Da hieß es, dass sei nicht nötig, der Regen sei nicht so krass. Aber die Personen, die das entschieden haben, sitzen in einer ganze anderen Stadt.

Den meisten Kunde*innen ist es relativ egal, ob die Bestellung in zehn Minuten oder einer halben Stunde ankommt. Einmal ist die Bestellung eines Kunden untergegangen und wir haben sie erst 1,5 Stunden später geliefert – der hatte volles Verständnis. Das Unternehmen sollte in glückliche Mitarbeiter*innen investieren. Uns sollten auch an Tagen, an denen wenig los ist, genug Leute im Lager bereitgestellt werden. Die könnten dann zum Beispiel Inventur machen, wenn sie gerade keine Bestellungen zusammenstellen. Und denkt an die Rider. Manchmal habe ich das Gefühl, die Rider sind Menschen zweiter Klasse in diesem Unternehmen. Und Kund*innen können sie unterstützen, indem sie Trinkgeld geben.“ – Gorillas-Lagermitarbeiter

„Wir alle kennen jemanden, der sich wegen der schweren Rucksäcke verletzt hat.“

Ich arbeite jetzt seit sechs Monaten bei Gorillas. Ich habe mit Freunden eine Bar in Berlin, aber weil die Hilfen zu spät kamen, musste ich ein Job finden. Gorillas war meine erste Wahl. Der Lohn mit 10,50 Euro pro Stunde ist nicht viel, aber dafür habe ich auch keine Verantwortung. Ich muss nur die Bestellung abgeben. Im Sommer kann der Job ganz schön sein. Leider wurden uns vor ein paar Monaten die Fahrradkörbe weggenommen. Seitdem ist die Arbeit stressiger und auch gefährlich. Die meisten Kunden bestellen nicht nur ein Brot, sondern lassen uns ihren gesamten Einkauf bringen. Das müssen wir alles auf unserem Rücken tragen. Wir kämpfen darum, diese Körbe zurück zu bekommen. Denn wir alle kennen eine*n Mitarbeiter*in, der oder die sich wegen der schweren Rucksäcke verletzt hat (ich selbst gehöre dazu).

In dem Warehouse, in dem ich arbeite, sind die Kollegen*innen alle sehr sympathisch, wir helfen einander. Auch die Manager*innen gehen auf unsere Probleme ein und unterstützen uns. Wir wollen nicht bessere Arbeitsbedingungen für alle. Deswegen streiken die Riders. Nicht wegen Regen, so wie es von Firmenseite aus hieß. Kund*innen unterstützen uns am besten mit Trinkgeld, und indem sie die Bestellung im Erdgeschoss entgegen nehmen. So müssen wir den Einkauf nicht noch mehrere Etagen hoch tragen.“ – Gorillas-Rider

Auf Anfrage beim Unternehmen hieß es von Seiten Gorillas, das Unternehmen stehe im Austausch mit Ridern, um Verbesserungsvorschläge umzusetzen.
„Dazu gehört unter anderem ein neues Schichtplanungssystem, kleinere Rucksäcke mit Maximalgewicht, die Verdoppelung unseres Rider-Support-Teams und vieles mehr.“ Weiter hieß es, „wir unterstützen ausdrücklich und uneingeschränkt die Gründung eines Betriebsrats bei Gorillas.“ Die eingesetzten E-Bikes würden täglich kontrolliert. Was die Trinkgelder angeht, wenn eine Bestellung von mehreren Ridern ausgeliefert wird, erklärt Gorillas: „Wir arbeiten aktuell an einer technischen Lösung, die digital entrichtete Trinkgelder einer Bestellung auf alle beteiligten Rider aufteilt.“ 

Laut Lieferando liefern Lieferando-Fahrer*innen “durchschnittlich zwei Bestellungen pro Stunde aus, fahren dafür rund fünf Kilometer pro Stunde.“
Lieferando-Sprecher Oliver Klug erklärte außerdem, dass Lieferradien fortlaufend „optimiert“ werden. So seien die Distanzen in Randgebieten tendenziell größer. Bei den Anpassungen werde allerdings auch beachtet, dass Fahrer*innen weniger ausliefern können, wenn die Strecken zu lang werden. 

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