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Ein Schrei nach Liebe: Luna Wedler & Jannis Niewöhner im Interview zum Kinostart von „JE SUIS KARL“

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Von: Nadja Rödig

Filmposter von „JE SUIS KARL“ mit Luna Wedler und Jannis Niewöhner in rotem Licht hintereinander stehend
„JE SUIS KARL“: Luna Wedler und Jannis Niewöhner © Pandora Film

„Wenn so jemand kommt, mit den falschen Werten, was passiert dann?“

Luna Wedler und Jannis Niewöhner, die Stars von Christian Schwochows neuem Film „JE SUIS KARL,“ im Interview mit BuzzFeed Deutschland.

Christian Schwochows Film „JE SUIS KARL“ trifft da, wo’s wehtut: Bei einem Anschlag verliert die 18-jährige Maxi (Luna Wedler) einen Teil ihrer Familie und jeglichen Halt im Leben. Aufgefangen wird sie darauf ausgerechnet von Karl (Jannis Niewöhner), einem führenden Mitglied einer rechten europaweiten Jugendbewegung, die hilfsbereit auftritt, jedoch ihre ganz eigenen Pläne verfolgt.

Für ihre emotionale Performance in „JE SUIS KARL“ sind Luna Wedler und Jannis Niewöhner für den Deutschen Filmpreis nominiert (Ausstrahlung: 1. Oktober 23 Uhr im ZDF). Und mit BuzzFeed Deutschland haben sie über die Arbeit am Film, ihre Rollen und die zunehmende Gefahr durch die jungen Rechten in Europa gesprochen.

Luna Wedler und Jannis Niewöhner getrennte Fotos. Luna in einem Interview und Jannis auf einem roten Teppich.
Luna Wedler und Jannis Niewöhner © Independent Photo Agency Int./Imago/Eventpress/Imago

„JE SUIS KARL“: Ein komplexer Film in wenige Worte gefasst

Hallo ihr beiden! Vielen Dank, dass ihr euch Zeit genommen habt. Bevor wir richtig mit den Fragen loslegen, könnt ihr einmal kurz zusammenfassen, um was es in eurem Film „JE SUIS KARL“ geht?

Luna: „Es geht um eine junge Frau, die einen schweren Schicksalsschlag erleidet und sich auf eine Reise begibt, weil sie Antworten möchte. Wobei sich diese Reise als sehr gefährlich und manipulativ herausstellt.“

Jannis: „Und die Kernthemen sind Verführung, rechtsradikale Gefahren in unserer Zeit und was passiert, wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Wie laufen wir dann Gefahr, uns den falschen Leuten zuzuwenden und uns zu verändern?“

„JE SUIS KARL“ richtet sich auch an ein junges Publikum. Wie würdet ihr den Film jemandem beschreiben, der in Maxis Alter (18) ist und selbst noch zur Schule geht?

Jannis: „Also ich würde ihn als einen politischen Film beschreiben, der in seiner Art besonders ist. Weil er eben nicht nur politisch ist, was sehr junge Leute langweilen könnte, sondern auch unterhält. Das sind ja auch die Mechanismen der neuen Rechten, dass die ihre Politik sehr unterhaltsam vortragen. Die Musik, die sie dazu spielen und die Filme, die sie machen, das ist sehr kreativ. Und so ist der Film auch. Der Film bedient sich der gleichen Mittel in seiner Machart.“

„JE SUIS KARL“: Luna Wedler und Jannis Niewöhner über die ersten Reaktionen auf das Drehbuch und frühere Zweifel

„JE SUIS KARL“: Karl (Jannis Niewöhner) und Maxi (Luna Wedler) sitzen nebeneinander auf der Rückbank eines Autos. Text: der Weg zu den Rollen
„JE SUIS KARL“: Karl (Jannis Niewöhner) und Maxi (Luna Wedler) © Copyright Pandora Film

Dass ihr das erste Mal das Drehbuch zu „JE SUIS KARL“ in den Händen gehalten habt, ist inzwischen ja schon eine Weile her. Erinnert ihr euch noch an eure erste Reaktion, nachdem ihr es gelesen habt?

Luna: „Also ich habe das Drehbuch mit 18 [Anm. d. Red.: Luna ist heute 21] oder so gelesen und hab das erstmal abgesagt, weil ich zu diesem Zeitpunkt über diese ganzen Themen zu wenig wusste. Das hat mir vielleicht auch ein bisschen Angst gemacht und es war auch einfach die Ungewissheit, was die Aussage des Films ist. Deshalb bin ich umso dankbarer, dass sich meine und die Wege von Christian [Regisseur Christian Schwochow] mit „JE SUIS KARL“ wieder zusammengeführt haben und ich dann nochmal in das Casting durfte. Ich bin extrem dankbar, dass ich jetzt bei so einem wichtigen Film dabei sein darf.“

Wieso hast du es dir anders überlegt?

Luna: „Erstens mal, Christian Schwochow sagt man eigentlich nicht ab ... Ne, ich habe damals mit Frank Lamm gedreht, das ist der Kameramann von Christian und der hat mich dann gefragt: ,Willst du nicht nochmal?‘ Und dann habe ich das Drehbuch nochmal gelesen und Anja Dihrberg, die das Casting gemacht hat, darum gebeten, dass ich doch nochmal am Casting teilnehmen darf.“

Jannis, hast du auch zuerst gezögert oder hast du sofort gesagt: „Das ist meine Rolle“?

Jannis: „Bei mir war es sehr klar, dass ich es machen will. Vor allem, weil ich unbedingt mit Christian drehen wollte. Aber auch, weil es wirklich eine neue Rolle war. Ein sehr tiefschichtiger Charakter, eingebettet in einen politischen Film und die Möglichkeit, wirklich Teil von etwas zu sein, das nicht nur unterhält, sondern auch relevant ist.“

„JE SUIS KARL“: Arbeiten und Kennenlernen unter der Regie von Christian Schwochow

„JE SUIS KARL“: Luna Wedler und Regisseur Christian Schwochow am Set. Text: Kennenlernen und Vorbereitung
„JE SUIS KARL“: Luna Wedler und Regisseur Christian Schwochow © Pandora Film / Foto: Dominik Wilzok

Das ist ja euer erster gemeinsamer Film. Wann habt ihr euch denn kennengelernt? Bei einem gemeinsamen Casting?

Jannis: „Wir haben uns das erste Mal irgendwann auf einem Filmpreis gesehen.“

Luna: „Ja genau, bei so einem Event ... Aber bei den Filmproben haben wir uns kennengelernt und das waren sehr, sehr intensive Tage. Wir sind pro Tag ein paar Stunden einfach zusammen die Szenen durchgegangen und dann hat sich auch im Drehbuch nochmal viel geändert.“

Jannis: „Das hat man selten, dass man eine Woche Proben hat zusammen mit dem Regisseur, drei Monate vor dem Dreh ... also wir drei saßen da zusammen, haben improvisiert, haben uns als Menschen und dann auch uns in den Rollen kennengelernt. Wir haben geguckt, wie Maxi und Karl miteinander reden und überlegt ‚Wie tun wir das‘? Das war sehr besonders, das hat uns schon sehr zusammengeschweißt und eine Verbindung und Vertrauen geschaffen und Lust auf‘s gemeinsame Spiel. Die Möglichkeit hat man selten vorher.“

Könnt ihr ein bisschen darüber erzählen, wie ihr euch auf eure Rollen vorbereitet habt? Gab es viel zu recherchieren, zum Beispiel zur rechten Szene in Europa?

Luna: „Das ist so toll an Christian. Man kriegt ganz viel Material, das wir dann lesen durften. Viele Bücher, viele Dokumentationen. Das habe ich mir alles angeschaut und es war auch erschreckend, dass ich so wenig zu diesem Thema wusste. Das ist auch etwas, das wir mit dem Film versuchen zu bewirken. Dass Leute anfangen, sich dafür zu interessieren und sich zu fragen: ‚Was passiert eigentlich heutzutage alles schon?‘ Das ist ein Punkt. Und dann habe ich mich mit Christian auch darauf vorbereitet, indem ich Interviews und Dokumentationen geguckt habe. Über Familien, die solche Schicksalsschläge erlitten haben.“

Jannis: „Bei mir ging es viel darum, über die neuen Rechten zu lernen und zu verstehen, wie die funktionieren und was so deren Mechanismen sind. Auch deren Argumentationsstrukturen. Gerade weil Christian auch wollte, dass wir in vielen Szenen improvisieren. Also, dass man wirklich in der Lage ist, wie jemand von denen zu denken oder auch gleiche Techniken anzuwenden, wenn man jemanden manipuliert. Und zu gucken, wie rede ich vor einer großen Masse von Menschen. Wie begeistere ich die?“

Könnt ihr die Anziehungskraft, die Karl auf andere hat, nachempfinden?

Jannis: „Also ich fand die Idee spannend. Wenn ich mir jemanden wie Obama angucke, denk ich so: ‚Das ist ein toller Typ.‘ Der hat ein wahnsinniges Charisma, dem hör ich gerne zu. Ich sehe mir gerne Interviews mit ihm an. Der ist unterhaltsam in seiner Art und Weise. Und wenn so jemand kommt, aber mit den falschen Werten, was passiert dann?“

Luna: „Man sieht es ja auch, wenn jemand ausgenutzt wird, weil er verloren ist oder nicht mehr weiß, was richtig und falsch ist. Dann kannst du dem eigentlich alles erzählen und er hat endlich wieder Halt. Das ist glaub ich das Manipulative an solchen Menschen, die wissen ganz genau, wie sie mit den Emotionen von anderen spielen können.“

„JE SUIS KARL“: Luna Wedler und Jannis Niewöhner über das Spielen ihrer Rollen und die emotionale Zeit am Set

„JE SUIS KARL“: Maxi (Luna Wedler) trifft am Ort des Anschlags in Berlin auf Karl (Jannis Niewöhner). Text: „Sie ist wirklcih eine Kämpferin“
„JE SUIS KARL“: Maxi (Luna Wedler) trifft am Ort des Anschlags auf Karl (Jannis Niewöhner) © Pandora Film

Luna, du spielst Maxi und ihren Schmerz so wahnsinnig überzeugend. Wie hast du das geschafft und Tag für Tag wieder in die Rolle gefunden?

Luna: „Ich habe das Glück, dass ich meinen Rollen immer sehr, sehr nahe bin. Und ich habe schon beim Drehbuch lesen heulen müssen. Ich konnte einfach direkt in diese Maxi rein ... es kam halt einfach. Für mich ist es manchmal immer noch echt schwierig, über den Film oder die Rolle zu sprechen, weil es mich doch sehr berührt. Es war nicht einfach, aber mir war es total wichtig, dass wir ihre Geschichte erzählen. Für mich ist Maxi kein Opfer. Sie ist wirklich eine Kämpferin. Sie ist eine, die sich auf die Reise begibt und einfach Antworten haben möchte, wütend ist und nicht in Ordnung damit, was passiert. Aber ja ... ich weiß manchmal auch nicht, woher das kommt.“

Jannis: „Ich glaube, das ist auch deine Gabe. Das kannst du schon besonders gut. Die Figuren sind dir nahe, aber du kannst sie dir auch nah machen. Du kannst sie nachvollziehen. Es gibt ja unterschiedliche Herangehensweisen von Schauspieler*innen, die auch unterschiedlich funktionieren. Aber bei Luna muss alles echt sein. Jedes Gefühl. Man muss zu 100 Prozent da drin sein und das ist unfassbar.“

Bleibt ihr denn den ganzen Tag in euren Rollen oder könnt ihr ohne Weiteres in und aus euren Charakteren schlüpfen?

Luna: „Also ich bin nicht jemand, die den ganzen Tag da drin bleibt. Manchmal brauchst du aber einfach einen Moment, weil es dich einfach so getroffen hat. Es ist sowieso wichtig als Schauspieler*in - das lerne ich auch immer noch - die Rolle auch abzulegen und zu sagen: ‚Ne, jetzt bin ich wieder ich.‘ Für mich ist es schon wichtig, dass man dann auch wieder Spaß hat.“

Jannis: „Es kam mir schon auch so vor, dass wir an dem Set besonders viel zwischendurch gelacht haben, weil es das ganze Team auch gebraucht hat. Was wir da erzählt haben war so düster, man musste abends ein paar Bier mehr trinken oder extra viel lachen. Das war wirklich wichtig.“

Erinnert ihr euch noch an einen richtig heftigen Drehtag?

Luna: „Einer war glaub ich für uns beide krass, das war der allererste Drehtag. Da mussten wir eine Rede halten. Das haben wir in Prag gedreht, vor irgendwie 300 Leuten und ich musste auf Französisch diese Rede halten. Das einzig Gute war, dass das alles Tschechen war, die eh nicht verstanden haben, was ich gesagt habe. Aber da wurden wir gleich mal ins kalte Wasser geschmissen.“

„JE SUIS KARL“: Was steckt hinter dem jungen Rechten Karl?

„JE SUIS KARL“: Jannis Niewöhner als Karl. Text: “Er wird so gefährlich dadurch, dass er nicht greifbar wird.”
„JE SUIS KARL“: Jannis Niewöhner als Karl © Pandora Film · Foto: Tom Trambow

Jannis, im Film erfahren wir recht wenig über Karl. Hattest du eine Hintergrundgeschichte von ihm im Kopf, die dir beim Spielen geholfen hat?

Jannis: „Ja, ich hatte eine Geschichte. Wir haben aber auch gesagt, dass wir von der nicht zu viel nach außen tragen wollen. Die Idee von Christian war immer, total gegen die Sehgewohnheit zu gehen. Die, dass wir immer wissen, wer die Figur ist: Das meint sie ehrlich, das meint sie nicht ehrlich. Das ist ihre eigene Überzeugung. Das ist der wirklich Böse, das ist der Gute. Das weiß man bei Karl nicht. Irgendwie folgt man ihm, manchmal glaubt man ihm, manchmal nicht. Er wird so gefährlich dadurch, dass er nicht greifbar wird, auch als Charakter. Es war einfach sehr, sehr spannend, weil es viele Versionen von diesem Typen gab, in unterschiedlichen Momenten.“

Stellt euch mal vor, eure Rollen wären echt. Was würdet ihr Maxi oder Karl unbedingt sagen wollen?

Jannis: „Komm mal her! Und dann in den Arm nehmen. Letztendlich ist alles, was Karl macht, natürlich ein riesengroßer Schrei nach Liebe. Es kommt immer darauf zurück. Es ist immer, dass da jemand versucht Anerkennung, Bestätigung und letztendlich Liebe zu kriegen, durch das, was er macht.“

„JE SUIS KARL“: Wachsam sein und hinterfragen

Politikerin Odile Leconte (Fleur Geffrier) lässt sich von ihren Unterstützer:innen feiern. Text: ein Weckruf
„JE SUIS KARL“: Politikerin Odile Leconte (Fleur Geffrier) lässt sich von ihren Unterstützer*innen feiern © Pandora Film / Foto: Michaela Hermina

Und zum Schluss die große Frage: Was würdet ihr euch wünschen, was ein junges Publikum von „JE SUIS KARL“ mitnimmt?

Luna: „Das ist eh ein Film, der einen durchschleudert und den man erstmal sacken lassen muss. Man fühlt extrem viel und weiß trotzdem nicht genau, was man fühlen soll. Er soll aufwecken und mitgeben, dass man sich auch selbst hinterfragt.“

Jannis: „Ja, dass er wachsam macht. Dass auch gerade jungen Leuten bewusst ist, dass wir in einer Zeit leben, in der Menschen wahnsinnig gut darin sind, sich als etwas Bestimmtes zu verkaufen, ihre äußere Erscheinung zu inszenieren und daran glauben wir dann. Aber in die Tiefe zu blicken und Dinge zu hinterfragen und uns selber auch in unseren Wertvorstellungen zu hinterfragen, das gibt der Film mit.“

Vielen Dank Luna und Jannis für das Gespräch!

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