Queen & Slim ist näher an der Realität als uns lieb ist

Die Dashcam im Polizeiauto hat alles gefilmt, das Video geht viral.

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Ein schummrig beleuchtetes, amerikanisches Diner. Die Gäste sitzen auf mit petrolfarbenem Kunststoff bezogenen Holzbänken an ihren Tischen. „Open“ Neonschilder leuchten an den Fensterscheiben und die Wände sind mit Holzpanelen ausgekleidet. „Kommst du hierhin weil das Essen dir schmeckt, oder weil du dir nichts anderes leisten kannst?“ fragt die Frau mit den langen kunstvoll geflochtenen Haaren und dem weißen Rollkragen Pullover den Mann mit lockigem Haar im blauen Sweatshirt, auf dessen Brust ein goldenes Kreuz prangt. „Das Restaurant gehört Schwarzen“ antwortet er. „Touché“ gesteht sie ein. Das Date der beiden läuft nicht besonders gut, aber dass sie anderen Schwarzen Menschen helfen wollen, haben sie gemeinsam.

Als Anwältin und Schwarze Frau weiß Queen, dass sie keine Chance haben

Queen and Slim erzählt die Geschichte zweier Menschen, die unter grausamsten Umständen zueinander finden und für ihre Freiheit kämpfen. Nach ihrem Date werden Slim (Daniel Kaluuya) und Queen (Jodie Turner-Smith) von einem Polizisten angehalten. Als Zuschauerin schlägt mein Herz direkt schneller. Es kann nichts Gutes verheißen, wenn zwei Schwarze Menschen von einem weißen Polizisten gestoppt werden. Der Polizist befiehlt Slim, auszusteigen. Er behandelt ihn grob und herablassend, findet immer neue Wege, ihn zu schikanieren. Queen, die Anwältin ist, beginnt zu filmen. Die Situation eskaliert, der Polizist schießt Queen in den Oberschenkel, Slim und er rangeln, bis Slim ihn in Notwehr erschießt. Als Anwältin und Schwarze Frau weiß Queen, dass sie keine Chance haben, später zu beweisen, tatsächlich in Notwehr gehandelt zu haben. So beginnt ihre Flucht quer durch das Land.

Die Dashcam im Polizeiauto hat alles gefilmt, das Video geht viral. Sonst sind es Videos von Schwarzen Menschen, die getötet wurden, die viral gehen. Ihre Fahrt durch die Weiten der USA verleiht dem Film eine wahnsinnige Schönheit, obwohl er herzzerreissende Themen wie Polizeigewalt und Rassismus behandelt. Die bahnbrechende Drehbuchautorin, Produzentin und Schauspielerin Lena Waithe lieferte die Geschichte, Melina Matsoukas (bekannt. u.a. durch Beyoncés Lemonade) übersetzte die Geschichte in eine imposante Bildsprache. Untermalt wird die Roadmovie Ästhetik durch Tracks von Musikgrößen wie Lauryn Hill oder Burna Boy und Scores von Devonte Hynes aka Blood Orange.

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Sonst sind es Videos von Schwarzen Menschen, die getötet wurden, die viral gehen.

Eine der wohl bemerkenswertesten Szenen trägt sich zu Beginn ihrer Flucht zu. Queen fragt Slim, was sie zu ihrem zweitem Date gemacht hätten. Er antwortet, dass sie tanzen gegangen wären und kurz darauf hält er vor einem Juke Joint. Diese Musiklokale sind Teil der Schwarzen Südstaatenkultur. Hier trifft man sich, um zu dem Sound der Stringbands zu tanzen und unter sich zu sein. Nicht von ungefähr heißt die Bar „The Underground“, eine Anspielung auf die Underground Railroad, über die versklavte Menschen aus dem Süden in den Norden flohen. Doch Queen und Slims Route ist umgekehrt, eine Flucht aus dem Norden in den Süden. In jenem Süden, der noch extremer durch Rassismus geprägt ist finden die beiden verschiedene Rückzugsorte und Solidarität, so auch im „The Underground.“ In der Bar wissen alle, wer sie sind, die Bardame spendiert Drinks aufs Haus und von jeder Seiten gibt es wissende Blicke und Kopfnicken.

Der kurze Moment der Sicherheit und Geborgenheit in der Bar ist der Punkt, an dem sie zueinander finden und sich verlieben. Manche würden das vielleicht kitschig finden, doch der Tanz steht für ihr zweites Date und für so viele Momente mehr, die sie vielleicht nicht erleben werden dürfen. Das gedimmte Licht und die langen Kameraeinstellungen geben der Szene etwas verträumtes. Matsoukas und Waithe gewähren uns einiger solcher Szenen, bei denen einem als Zuschauerin das Herz aufgeht. Anders wäre der Film wohl kaum zu ertragen. Szenen, die Liebe, Zuneigung und Erotik zwischen den Protagonisten darstellen, werden mit Szenen des Chaos und der Gewalt gecrosscutted, denn unweigerlich steuert der Film auf ein dramatisches Ende zu. Keine Kinokonvention, sondern leider bittere Realität.

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