1. BuzzFeed
  2. Buzz

So ist das Leben, wo nur noch die Hälfte der Leute wählen geht

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sebastian Fiebrig

Kommentare

"In 10 Jahren sind hier alle tot oder weg." Warum die Menschen in Brandenburg den Glauben an Lösungen verloren haben und deshalb die AfD stärken.

Dirk hat bei der Landtagswahl nicht gewählt. Der 44-jährige sitzt im Bahnhof Nr.1, seinem Restaurant mit Pension in Hohenwutzen. "Ich möchte das System mit meiner Stimme nicht legitimieren. Politik ist doch immer dasselbe Bild. Ob weiter rechts oder links aufgehängt, ist doch egal." Vor zwei Jahren wollte er im alten Bahnhof sein Restaurant eröffnen. Damals brauchte er Genehmigungen von neun Behörden. "Die waren sehr zuvorkommend. Aber teilweise kannte ich die vorher gar nicht. Der Staat soll mich in Ruhe lassen. Nicht bevormunden."

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Hohenwutzen liegt knapp 70 Kilometer nordöstlich von Berlin in Brandenburg und hat 741 Einwohner. Ein Dorf am äußersten Rand des Landkreises Märkisch-Oderland. Es ist vor allem für drei Dinge bekannt: Hier ist der Grenzübergang zu Polen, die Oderflut von 1997 erwischte das Dorf besonders schwer und der Vater von Jürgen Klinsmann wurde hier geboren.

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Die Brandenburger Landtagswahl im September 2014 sorgte bei deutschen Journalisten und Politikern für Verwunderung. 12,2 Prozent der Wähler gaben ihre Stimme der neu gegründeten Alternative für Deutschland (AfD). Nicht mal jeder zweite Brandenburger ging überhaupt zur Wahl. Die Wahlbeteiligung lag bei nur 47,9 Prozent. Berliner Zeitungen schickten ihre Reporter in die Nähe von Eisenhüttenstadt, wo die AfD über 20 Prozent erringen konnte, um diese Besonderheit zu ergründen. In Hohenwutzen dagegen wunderte sich niemand über das Ergebnis. Die AfD erzielte hier 11,2 Prozent. Berlin ist für die Einwohner gefühlt sehr weit weg. Und Potsdam, die Landeshauptstadt noch viel weiter. Im Wahlgebiet Bad Freienwalde, zu dem auch Hohenwutzen gehört, lag die Wahlbeteiligung bei nur 38 Prozent.

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Für die AfD hat Dirk wenig übrig. "Das ist ein ganz schön bunter Haufen," winkt er ab. Vor allem der AfD-Wahlkampfschwerpunkt Grenzkriminalität ist für ihn nicht entscheidend. Für die Partei hingegen scheint genau dies die wichtigste Problematik der Gegend zu sein. Vor der Wahl forderte der 62-jährige Franz Wiese, der für die AfD in Märkisch-Oderland in den Landtag gezogen ist, für seinen Wahlkreis: "Wir brauchen mehr und sichtbare Polizei um das Problem der Grenzkriminalität wieder in den Griff zu bekommen."

Einerseits kommen Eigentumsdelikte wie Einbrüche und Autodiebstähle in den Grenzregionen wirklich häufiger als im restlichen Brandenburg vor. Seit kurzem steigen die Fallzahlen auch wieder an, nachdem sie seit 1993 stark rückläufig gewesen waren. 2007, im Jahr der Abschaffung der Grenzkontrollen zu Polen, gab es 167 Autodiebstähle. 2013 lag die Zahl bei 651. Was bei der Thematisierung des Problems durch die AfD aber meist unter den Tisch fällt: die aktuellen Zahlen sind weit von den Höchstwerten aus den 90ern entfernt.

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Die Polizei und das Gefühl, nicht genügend von ihr geschützt zu werden, ist ein sensibles Thema in Brandenburg. Deswegen sorgte auch der Plan der Landesregierung für eine große, mittlerweile abgemilderte Polizeireform für Unruhe. Potsdam wollte die Zahl der Beamten von knapp 9000 auf 7000 reduzieren und gleichzeitig in wenig besiedelten Regionen Polizeiwachen nicht mehr über Nacht öffnen. Das machte die Sorgen vieler Menschen größer.

Dirk geht es da anders. "Hier in Hohenwutzen traut sich keiner, auch nur die Klinke anzufassen", ist er sich sicher. "Die Polizei ist hier auch in zivil sehr präsent. Im nächsten Ort sieht das aber schon anders aus." Während er das sagt, parkt ein Wagen des Zolls gegenüber vom Gasthof für eine Kontrolle.

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Lange vor der Wahl 2014 und vor der AfD gab es in Brandenburg Landesregierungen, die versuchten, die grenzüberschreitende Kriminalität zu bekämpfen. Die Folgen: Es gibt eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Frankfurt/Oder und die auf die Arbeit an der Grenze spezialisierten Polizeibeamten sind dem Landeskriminalamt zugeordnet. Auf diese Art konnte die Polizei 2013 nach einem mehrmonatigen grenzüberschreitenden Einsatz mit Funkzellenüberwachung, verdeckter Videotechnik und Telefonüberwachung einer Bande 25 Autodiebstähle nachweisen. Und doch kommen Erfolge wie dieser nicht im Bewusstsein der Brandenburger an. Wäre grenzüberschreitende Kriminalität sonst ein Wahlkampfthema gewesen?

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

"Die Polen klauen nicht. Das sind organisierte Banden etwas weiter aus dem Osten. Das sollte man nicht verwechseln", sagt Dirk. Er sitzt locker im Gastraum seiner orange gestrichenen Pension und trinkt einen Schluck Kaffee. "Aber diese Vorfälle verfestigen sich im Kopf. Beim Autokauf hat ein Freund von mir schon darauf geachtet, dass die Marke in den Diebstahl-Charts nicht oben liegt."

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Hohenwutzen geht es besser als vielen anderen Orten in Brandenburg. Hier ist die Infrastruktur noch verhältnismäßig gut. Bäcker und Fleischer gibt es, auch einen Allgemeinarzt. Was mit den Geschäften und Arztpraxen passiert, wenn die Menschen dahinter in Rente gehen, ist aber unklar. Bei der Ärzteversorgung je Einwohner landet Brandenburg nach Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung schon jetzt regelmäßig auf den letzten Plätzen. Aktuell müssen sich rein rechnerisch 1624 Brandenburger einen Hausarzt teilen. Und die Überalterung der Bevölkerung macht auch vor diesem Beruf nicht halt. 34,8 Prozent aller Allgemeinärzte im Landkreis Märkisch-Oderland waren 2013 bereits 60 Jahre alt oder noch älter.

Über die verhältnismäßig gute Ärzteversorgung in Hohenwutzen freut sich auch Anita: "Alles ist noch da. Der Zahnarzt ist gleich nebenan." Die 60-Jährige steht allein in ihrem Laden, den alle nach der früheren DDR-Handelskette weiter Konsum nennen. Das Geschäft wirkt leer im Vergleich zu den Angeboten von Supermärkten. Drei Packungen Cornflakes stehen hinten im Regal, vorne am Eingang das frische Obst und Gemüse. Es gibt alles, was man braucht. Mehr nicht. Wer groß oder preiswert einkaufen möchte, muss elf Kilometer bis nach Bad Freienwalde fahren. Dafür braucht man ein Auto. Wer das nicht hat, ist hier abgehängt.

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Die Treuhand hat den Dorfkonsum versteigert. "Ich habe mitgeboten. Aber die letzte Runde fand im Internet statt. Das habe ich nicht." Seitdem mietet Anita das Gebäude von einem Geschäftsmann aus Eberswalde. Über die Zukunft möchte sie nicht sprechen. Sie sagt dann nur: "Wir haben es nicht leicht." Es ist deutlich, dass der Laden nur noch existiert, weil Anita in ihrer Kittelschürze noch da ist.

Ohne Konsum würde Hohenwutzen nicht nur einer Einkaufsmöglichkeit beraubt, sondern auch eines Treffpunkts. Während Lokalpolitiker den Einwohnern schon nahegelegt haben, doch in Polen einkaufen zu gehen, wenn es in Deutschland keine Läden mehr gibt, hielt AfD-Mann Wiese in seinem Wahlkampf dagegen: "Wissen Sie, wann ein Ort anfängt zu sterben? Wenn der Dorfkonsum schließt! Wenn der letzte Handwerker seinen Laden verrammelt und an den Rhein zieht. Dann ist bald Schluss in dem Ort. Dann kommen die Windräder und Biogasanlagen. In zehn Jahren sind alle weg oder tot. Dann ist da nur noch Wüste. Soll das die Zukunft Ost-Brandenburgs sein?"

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Reich wird Anita mit ihrem Laden nicht. "Davon muss ich leben. Ich bekomme keinen Zuschuss vom Staat." Ob der Verdienst für sie reicht? "Das muss reichen." Nicht nur in Hohenwutzen, sondern in ganz Brandenburg ist vor allem das Lohn-Niveau ein großes Problem. Dirk sieht das ähnlich wie Anita. "Eine alleinstehende Frau mit Kind kann davon nicht leben. Schon gar nicht, wenn sie zur Miete wohnt. Und wer nichts hat, kann nichts kaufen." Er zahlt seinen sechs Angestellten mehr als die rund vier Euro Stundenlohn, die es im Friseursalon gibt. Aber der Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde, der ab 2015 Pflicht wird, bereitet ihm Sorgen. "Das wird ein großes Drama für Ostbrandenburg. Es gibt keine Übergangsfrist. Dieser Sprung ist hier kaum zu verkraften." Er wird die Preise anheben, damit sich das Geschäft noch lohnt.

Am Ufer der Oder stehen Frank und Klaus mit ihren Angeln. Nur wenige Meter rechts von ihnen reißt der Verkehr über die Brücke nicht ab. Die Autos fahren vom deutschen Hohenwutzen ins polnische Osinów Dolny, das vor 1945 schlicht Niederwutzen hieß. Die meisten wollen rüber zum Polenmarkt, der vom Berliner Plattenbau-Bezirk Marzahn ohne abzubiegen über die Bundesstraße 158 zu erreichen ist.

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Der Angler Klaus interessiert sich aber nicht für den Verkehr. Er ist 53 Jahre alt, man würde ihn aber auf älter schätzen. Sein Thema ist die Arbeit: "Zu tun gibt es hier genug. Aber Arbeit gibt es keine." Er wurde in Hohenwutzen geboren, sein Gesicht ist vom Wetter gegerbt und seine Hände zeigen, dass er körperliche Arbeit gewohnt war. Maurer hat er nach der Wende neu gelernt. Seit die Firma Konkurs ging, ist er arbeitslos. Das ist nun schon weit mehr als zehn Jahre her. Die Stationen seitdem: Herzinfarkt, Diabetes und künstliche Linsen im Auge. Arbeit dagegen Fehlanzeige.

"Auf dem Dorf ist es ein ganz schöner Kampf." Klaus seufzt. Er steckt in einer Maßnahme des Jobcenters, macht alle sechs Wochen ein Praktikum woanders. Aussicht auf Übernahme gibt es nicht. Vom Staat bekommt er Hartz IV, das sind 391 Euro im Monat. Davon muss er sein Haus in Stand halten und leben. "Ich sitze oft bei Teelichtern am Abend. So kann ich Strom sparen. Wenn man nicht trinkt und raucht, reicht es."

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Frank schützt seine Augen mit einem weißen Basecap vor der tief stehenden Herbstsonne. "Ich bin seit 2000 arbeitslos, gelte als schwerbehindert. Für den ersten Arbeitsmarkt komme ich sowieso nicht mehr in Frage." Der 58-Jährige wirkt nicht resigniert. Sein Fall liegt beim Sozialgericht. "Mich können sie beim Jobcenter herausnehmen. Ich mache denen doch nur Arbeit." Er sagt das lapidar. So wie man über das Wetter redet. Beide sind zermürbt von den Gängen aufs Amt, wollen nur noch ihre Ruhe. Zukunftsträume haben sie nicht mehr.

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Und was sagen sie zur Wahl? Frank knurrt: "Die Politiker sollen sich nicht wundern, wenn die Wahlen so ausgehen. Die Leute streiken und wollen sich nicht mehr verscheißern lassen. Hier in Hohenwutzen sind so viele Alte. Da denken sich die Politiker wahrscheinlich: Hier machen wir nichts mehr. In zwanzig Jahren ist hier sowieso Totenstille. Und die AfD – die reden doch auch nur groß daher. Früher habe ich die CDU gewählt. Jetzt gehe ich nicht mehr wählen."

Frank und Klaus sind nicht alleine. Laut Statistik lag die Arbeitslosenquote im September in Märkisch-Oderland bei 8,1 Prozent. Rechnet man die Maßnahmen der Jobcenter heraus, liegt die Quote in Wirklichkeit bei über elf Prozent.

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Im Jahr 2003 Jahren hat Hohenwutzen den Status als eigenständige Gemeinde verloren und wird seitdem von der Kleinstadt Bad Freienwalde verwaltet. Die Domain hohenwutzen.de gehört dem Polenmarkt auf der anderen Oderseite. Als Sehenswürdigkeit im Dorf gilt unter anderem der Sportplatz mit Turnhalle. Beide gehören zum Gelände der Werner-Seelenbinder-Oberschule, die vor sieben Jahren geschlossen wurde.

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Während im Speckgürtel um Berlin immer mehr Menschen leben, wird im Rest Brandenburgs bis 2030 in manchen Regionen jeder Dritte weg sein.Die Schülerzahlen sanken durch Geburtenrückgang und Abwanderung nach der Wende um zwei Drittel. Mittlerweile sind sie wieder gestiegen – auf 40 bis 50 Prozent der Schülerzahl, die es vor der Wende gab. Zwischen 2000 und 2012 wurden in ganz Brandenburg 167 Grundschulen und 172 Oberschulen geschlossen.

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Der Sportplatz der Schule in Hohenwutzen ist heute eine Koppel. Vier Pferde grasen dort, wo früher Schüler sprinteten. Ein Rentner führt seinen Dackel auf dem verwilderten Schulgelände aus. "Früher zu DDR-Zeiten war hier Betrieb. Jetzt verfällt alles." Er schimpft nicht, sondern zeigt auf ein kleines Gebäude: "Da drüben ist die Turnhalle."

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Ein verwitterter Basketballkorb hängt draußen an dem grauen Haus, das von außen nicht wie eine Turnhalle aussieht. Der einzige Sportverein, der MTV Deutsche Eiche Hohenwutzen von 1891, nutzt die Halle. Bad Freienwalde möchte das gesamte Schulgelände inklusive Turnhalle verkaufen und verweist auf die Sporthallen in der Stadt. Die Dorfbewohner halten dagegen: "Eine Oma kann doch dort nicht mehr hinfahren." Und weiter: "In der DDR gingen alle Ressourcen nach Berlin und der Rest musste zusehen, was er noch bekommt. Jetzt ist Freienwalde unser Berlin und wir sind der Rest." Hohenwutzen ist am Rande des Randes angekommen.

Über den besonderen Wirtschaftsschwerpunkt Tourismus, für den Bad Freienwalde samt der eingemeindeten Dörfer laut offizieller Äußerung durch Bürgermeister Ralf Lehmann steht, lacht Dirk in seinem Bahnhofsrestaurant. Er profitiert mit seiner Pension vom 630 Kilometer langen Oder-Neiße-Radweg, bei dem Hohenwutzen der Zielort der siebten Etappe ist. Er sagt aber: "Die Gegend muss erst attraktiv für die Menschen werden, die hier leben wollen. Dann kann man sich auch vernünftig um Touristen kümmern." Ein Ort ohne Schule und Kindergarten wie Hohenwutzen sei einfach unattraktiv für Eltern mit Kindern. Für Zukunft ist viel Platz im Oderbruch. Ohne bezahlte Arbeit und mit dem Abbau von Infrastruktur fehlt allerdings der Grund, warum die Zukunft in Ostbrandenburg vorbeischauen sollte.

BuzzFeed.de
BuzzFeed.de © Sebastian Fiebrig/BuzzFeed

Dirk ist ist einer der wenigen Rückkehrer, um die und deren Know-how sich in ihren Reden viele Brandenburger Politiker bemühen. Nach der Wende war er Bankkaufmann in einem bayerischen Dorf. "Dort herrscht ein ganz anderer Zusammenhalt. Da sitzt der Bankdirektor mit den Unternehmern zusammen und berät, was zu tun ist. Das gibt es hier nicht. Stattdessen herrscht hier nur Konkurrenzdenken. Der Sportverein und die Feuerwehr sind das einzige, was Hohenwutzen noch verbindet."

Warum ist er dennoch zurück nach Hohenwutzen gekommen? Stille. So schlagfertig er sonst ist, weiß der Restaurantbesitzer keine Antwort. Dirk nimmt die Brille ab und überlegt: "Ich weiß es nicht. Vielleicht weil es Heimat ist."

Hol Dir BuzzFeed auf Facebook! Like uns hier.

Auch interessant

Kommentare