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Was dich diese Medizinerin über die Rettungsarbeit auf Lesbos wissen lassen möchte

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Von: Saba MBoundza

„Die Menschen, die so sehr an uns glauben wollen, die lassen wir derart fallen.“

Medizinstudentin Verena Würz hat auf Lesbos im Auffanglager Moria Geflüchtete in der Notaufnahme versorgt. Im BuzzFeed-Interview spricht sie über die Herausforderungen, die Situation im neuen Lager KaraTepe und darüber, wie sich andere einsetzen können.

„In Moria Medizin zu machen, hatte was von Kriegsmedizin.“

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© BuzzFeed

Während ihrer Arbeit in der Notaufnahme von Moria musste Würz Menschen betreuen, die Unfälle, Infektionskrankheiten oder schwerwiegende psychische Probleme erlitten hatten. Aufgrund der mangelnden Infrastruktur war der Einsatz für sich genommen schon eine Herausforderung. „Dann kam das Feuer“, erzählt sie. „Die Covid-positiven Patienten sind mit den anderen geflohen.“ Nun gebe es unter den Geflüchteten Hunderte Infizierte.

„Das neue Camp kann einzig und allein den Zweck der Abschreckung haben, anders lässt sich das nicht erklären.“

Die Zustände im neuen Lager Kara Tepe seien noch schlechter als vorher, so die Medizinerin. Die Bewohner*innen müssten mit weniger sanitären Anlagen und ohne fließendes Wasser auskommen. Auch sei es eine Herausforderung, die medizinische Versorgung wieder neu aufzubauen, da so viel Equipment im Feuer verloren gegangen sei.

„Ihr schafft es nicht nach Europa, versucht es gar nicht erst – das ist die Botschaft.“

Verena Würz erzählt von einem der Übersetzer, der mit ihr in der Notaufnahme gearbeitet habe. Der ausgebildete Arzt aus Afghanistan habe hier keine Zulassung und musste während seiner Flucht als Straßenverkäufer arbeiten. Seit zwei Jahren warte er in Moria auf seine Anhörung. „Was sagt man da den Menschen? Was sagt man den Müttern und Vätern, deren Kinder unter diesen Bedingungen aufwachsen?“

Noch sprachloser mache sie, dass die Geflüchteten die Hoffnung nicht aufgeben. „Die Menschen, die so sehr an uns glauben wollen, die lassen wir derart fallen“, so Würz.

„Man kommt ständig an seine persönliche Grenze, auch darin, das Leid zu ertragen.“

Sie berichtet von Patient*innen, die mit psychischen Zusammenbrüchen in die Notaufnahme kamen. Viele hatten mit post-traumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen, die zum Beispiel in Panikattacken oder Selbstverletzung gipfelten. In Deutschland sähen Notfallmediziner*innen auch sehr viel Leid, „aber diese Dichte dort und diese Intensität, die kriegt einen irgendwann, egal wie erfahren man ist,“ erzählt Würz.

Dennoch gebe es auch schöne Momente, erklärt sie.

© BuzzFeed

Ein Patient habe eine schwere Infektion am Auge gehabt, die ihn fast hätte erblinden lassen. Nach einer erfolgreichen Behandlung kam er später mit seiner Familie wieder, um sich bei Verena Würz zu bedanken. Solche Erlebnisse helfen ihr weiterzumachen, erklärt sie. „Also durch die ganze Hilflosigkeit und auch Hoffnungslosigkeit, was die Zukunft der Menschen geht.“

„Das ist ein Schicksal, das hat jemand erlitten.“

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Verena Würz zeigt sich zum Teil frustriert, was die Berichterstattung über die Zustände auf Lesbos angeht. Hinter klickwerten Schlagworten wie Folter, Gewalt und Verzweiflung verbergen sich echte Schicksale. „Wenn man die Menschen kennt, die einem diese Geschichte erzählen, kann einen das so derart zermürben.

„Mit dem Feuer hat das Ganze große mediale Aufmerksamkeit und Unterstützung erfahren. Nichtsdestotrotz schwindet das Thema schon wieder.“

Verena Würz weiß, dass Menschen sich an schlechte Nachrichten gewöhnen jund abstumpfen. „Aber wir haben eine Verantwortung“, betont sie. Durch Wählerstimmen, Proteste und das Verbreiten von Informationen müssen alle deutlich machen, „dass sie diese Zustände nicht tolerieren.“

Hier kannst du dir das ganze Interview ansehen:

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