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Wir reden mit einem TikToker, der geflüchtet ist, weil er schwul ist

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Von: Michelle Anskeit

Das erste Video von Sekou Yatara alias Remy, auf seinem TikTok-Kanal mit dem Namen lgbtq_asylant. Text: Ein Zitat aus dem Interview mit BuzzFeed Deutschland: „In Mali als Homosexueller zu leben, ist eine Gefahr, um die man sich jeden Tag sorgen muss.“
Remy spricht in seinem Interview mit BuzzFeed Germany über seine Erfahrungen als Geflüchteter. © TikTok: u/lgbtq_asylant

„Ich bin wegen meiner sexuellen Orientierung geflüchtet.“

Wenn du mal wieder eines Abends durch TikTok scrollst und dabei das erste Mal auf den Account von „lgbtq_asylant“ stößt, dann fallen dir sofort zwei Dinge auf: Die sehr positive Ausstrahlung des Mannes im Video und sein Wille, als der zu leben, der er ist.

Der Account gehört Remy, der eigentlich Sekou Yatara heißt. Er ist Schwarz, homosexuell und Geflüchteter. Aus seinem Heimatland Mali in Westafrika ist er geflüchtet, weil er seine Homosexualität nicht mehr verstecken wollte. Eine sexuelle Orientierung, so erklärt Remy in seinem Interview mit BuzzFeed Deutschland, wegen der man in Mali jeden Tag Angst davor haben müsse, totgeschlagen zu werden. Mit seinem TikTok-Account, auf dem er seine Erfahrungen teilt, will er auf die Probleme und die fehlende Sichtbarkeit der LGBTQ-Community in seiner Heimat aufmerksam machen.

„In Mali als Homosexueller zu leben ist eine Gefahr, um die man sich jeden Tag sorgen muss.“

Remy ist 2015 nach Deutschland geflüchtet - nach etwa 22 Jahren in seinem Heimatland. In diesem hat er nach seinem Umzug von einem kleinen Dorf in die Großstadt mit 15 angefangen, seine Sexualität in Frage zu stellen.

„Ich wusste damals, dass ich auf Männer stehe, aber ich wusste nicht, was das war. In der Zeit war mir Homosexualität nicht bekannt. Ich hatte nie zuvor das Wort Homosexualität gehört und wusste nicht, dass sich zwei Männer oder Frauen lieben können.“ 

Remy

Erst mit 19 hat er dann angefangen, seine Sexualität auszuleben - aber versteckt.

Sekou Yatara alias Remy, der auf einer Treppe post.
Remy musste seine Sexualität in seinem Heimatland versteckt ausleben. © Sekou Yatara

In Mali sei Homosexualität zwar nicht explizit verboten, aber der Hass und die Intoleranz habe Remy trotzdem täglich gespürt: „Um in Mali in die Gesellschaft reinzupassen, muss man die Heteronormativität akzeptieren und leben.“ In seiner Familie sei es ihm außerdem verboten gewesen, zu singen oder ein Instrument zu lernen. „Meiner Meinung nach ist das kein Leben. Ich möchte nicht für die anderen leben, sondern für mich.“ Solche Verbote und die Angst vor der intoleranten Gesellschaft brachten Remy im April 2015 dazu, Asyl in Deutschland zu beantragen.

„Es war hart, aber ich möchte nie wieder jemand anders sein, um akzeptiert zu werden.“

In Deutschland wohnte Remy in einem Flüchtlingsheim. Über seine Erfahrungen dort spricht er in seinen TikToks:

Er erklärt im Video, dass außer einer einzigen Person sogar im Flüchtlingsheim keine*r mit ihm hätte reden wollen. In unserem Interview spricht Remy darüber, dass es eine schwere Zeit für ihn gewesen sei, er sich aber trotzdem immer wieder vor seinen ehemaligen Mitbewohner*innen outen würde: „Ich möchte nie wieder jemand anders sein, um akzeptiert zu werden.“

Trotz der Isolation von den anderen sei es Remys Ziel, seine neue Zeit in Deutschland zu genießen. Er lebt offen homosexuell, kauft sich eine Gitarre und fängt an zu singen - die Dinge, die ihm in Mali verboten waren. Genau das will Remy auch allen ans Herz legen, die in einer ähnlichen Situation wie er sind: „Ich würde allen raten, sich erstmal selbst akzeptieren zu können und herauszufinden, was ihnen besonders Freude macht.“

Sekou Yatara alias Remy, der neben zwei Plakaten steht und lächelt.
Remy konnte in Deutschland anfangen, seinen Hobbys und Leidenschaften nachzugehen. © Sekou Yatara

„Homophobie und Rassismus sind leider immer noch eine Realität, mit der man sich oft auch in Deutschland konfrontiert sehen muss.“

Remy sagt uns, er sei glücklich über sein neues Leben in Deutschland: Er arbeitet als Koch in einer veganen Küche, die Kitas versorgt und holt sein Abitur an einem Abendgymnasium nach. Für die Prüfungen büffelt er in seiner WG, in der er mit zwei Deutschen lebt. „Ich finde, das ist auch noch ein wichtiger Punkt für die Leute, die in meiner Situation sind. Es könnte sehr hilfreich sein [mit Deutschen zusammenzuwohnen], um sich schnell in der deutschen Gesellschaft zu integrieren.“

Und obwohl Deutschland seiner Meinung nach im Vergleich zu Mali sehr viel offener gegenüber der LGBTQ-Community sei, sieht Remy trotzdem noch einiges an Veränderung, die nötig ist.

 „Homophobie und Rassismus sind leider immer noch eine Realität, mit der man sich oft auch in Deutschland konfrontiert sehen muss. Ich möchte mich damit nicht als Opfer darstellen, denn ich sage mir, es könnte schlimmer sein. Allein wenn ich an die Millionen von Homosexuellen denke, die sich das Leben wünschen, das ich heute in Deutschland habe. Aber das heißt noch lange nicht, dass in Deutschland alles perfekt ist.“

Remy

„Mein Ziel ist es, dass wir LGBTQ-Personen nicht mehr aufgrund unserer sexuellen Orientierung fliehen müssen.“

Auf die Frage, was nun Remys Ziele für die Zukunft seiner Aufklärungsarbeit sind, hat er eine klare Antwort: „Die Grundrechte von jedem Menschen stehen an erster Stelle. Sie sollten ohne Ausnahme geschützt werden. Mein Ziel ist es, dass wir LGBTQ-Personen nicht mehr aufgrund unserer sexuellen Orientierung fliehen müssen.“ Die Einforderung dieser Rechte sowohl in seiner Heimat als auch in Deutschland und die Sichtbarkeit der LGBTQ-Community seien für ihn auch die Definition von Pride.

Sekou Yatara alias Remy, der vor einer Regenbogenflagge steht, die an einer Wand zu sehen ist.
Remy will auf seinem TikTok weiter Content machen, um die LGBTQ-Community für alle sichtbarer zu machen. © Sekou Yatara

Dass er mit dieser Einstellung und seiner positiven Art schon viele Follower, Likes und Kommentare auf seinem Channel sammeln konnte, gäbe ihm Hoffnung: „Bisher habe ich mehr positive Reaktionen von Leuten bekommen. Viele finden mein Content sehr interessant und ermuntern mich dabei, weiterzumachen.“

Hoffnung gäbe ihm auch, dass er sieht, wie sich die Einstellungen von Menschen verändern können: „Einige Personen [aus dem Asylheim] haben sich nach ein paar Monaten bei mir entschuldigt. Einer von ihnen hat mir das Versprechen gegeben, dass wenn er einer homosexuellen Person begegnen würde, er diese Person respektieren wird. Wenn ich heute über meine Zeit in dem Asylheim nachdenke, denke ich am meisten an dieses Versprechen.“

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