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Bürgernah? AfD auf dem letzten Platz, zeigt Studie – „Selbstbild trügt“

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Von: Robert Wagner

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Nach Wiederholungswahl Berlin - AfD
AfD-Parteichef Tino Chrupalla (l.) während einer Pressekonferenz vor typischer Wahlwerbung, die die AfD als Kümmererpartei inszeniert. Offenbar steckt dahinter wenig Substanz. © Jörg Carstensen/dpa

Die AfD behauptet gerne, den „wahren Volkswillen“ zu repräsentieren. Eine neue Studie belegt nun: Die Partei wird ihrem Selbstbild nicht gerecht.

Anfang Februar feierte die AfD ihr zehnjähriges Bestehen. Seit ihrer Gründung am 6. Februar 2013 hat die rechtspopulistische Partei die deutsche Parteienlandschaft nachhaltig verändert und sich dabei von einer rechtskonservativen „Professorenpartei“ zu einer Partei Rechts Außen entwickelt. Gerade in Ostdeutschland ist sie mit ihrer Strategie, sich als einzige wirklich bürgernahe Kümmererpartei zu inszenieren, erfolgreich und macht den Volksparteien CDU und SPD in manchen Regionen ernsthaft Konkurrenz.

Eine neue Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) belegt nun, dass hinter der beanspruchten Bürgernähe nicht viel Substanz steckt. Das werde an der Zahl der Parteibüros oder Anlaufstellen deutlich. Da nicht einmal die Bundes-AfD selbst eine entsprechende Statistik führt, haben die Wissenschaftler:innen die Daten für alle Parteien anhand von Google Nearby Search API maschinell ausgelesen. Dieses Vorgehen garantiert keine fehlerlose Treffsicherheit und unterschätzt vermutlich die tatsächliche Anzahl an Anlaufstellen; die stichprobehafte Überprüfung deutet jedoch auf eine valide Approximation der Verteilung von Anlaufstellen hin.

144 von 8735 politische Anlaufstellen für Bürger:innen gehören zur AfD

Insgesamt 8735 Anlaufstellen (Wahlkreis-, Abgeordneten- und Bürgerbüros sowie Landes- oder Kreisgeschäftsstellen) in ganz Deutschland konnten so den derzeit im Bundestag vertretenen Parteien zugeordnet werden.

Davon gehörten nur 144 zur AfD. Mit dieser geringen Zahl an Anlaufstellen verfüge die AfD nur über einen sehr dünnen organisatorischen Unterbau und bilde in dieser Hinsicht unter den im Bundestag vertretenen Parteien „mit deutlichem Abstand das Schlusslicht“, so die Studienautor:innen. „Das Selbstbild der Partei, besonders volksnah zu sein, trügt mindestens hinsichtlich ihrer Verankerung in der Fläche“, sagt dazu der Co-Autor Knut Bergmann vom IW.

AfD belegt letzten Platz bei Zahl der Parteibüros

Setzt man die Zahl der Anlaufstellen mit der Zahl der Bundestagsabgeordneten (MdB) ins Verhältnis, wird dieses Ungleichgewicht gut greifbar. Auf ein MdB der AfD kommen im Schnitt lediglich 1,7 Anlaufstellen. Bei den Grünen sind es schon 8,1, bei der FDP 9,8, bei der Linkspartei 13,9, bei der SPD 14,9 und bei der Union 15,8 Anlaufstellen pro MdB.  Schon die Linkspartei, die Bundestagspartei mit den zweitwenigsten Anlaufstellen, verfügt über 3,8 Mal mehr Anlaufstellen – obwohl die AfD mehr als doppelt so viele Bundestagsabgeordnete und fünfmal so viele Direktmandate hat. 

Der Vergleich mit der Linkspartei ist auch deshalb so interessant, weil beide Parteien in besonderer Weise in Ostdeutschland verwurzelt sind. Das bestätigt auch die Studie für die AfD. 38 Prozent der AfD-Anlaufstellen befinden sich im Osten der Republik, und zwar nicht allein in Sachsen und Thüringen, wo 14 von 16 Direktmandaten errungen wurden, sondern genauso in den anderen ostdeutschen Bundesländern. Dort sei es der AfD „wesentlich besser gelungen, Fuß zu fassen als im Westen“, so das IW.

„Wandel in Richtung Osten“– AfD im Osten stärker angekommen als im Westen

Die Autor:innen der Studie schreiben von einem „Wandel in Richtung Osten“, der sich auch an der Mitgliederstruktur und Wahlergebnissen festmachen lasse. Mittlerweile lebe jedes vierte der aktuell rund 30.000 Parteimitglieder in Ostdeutschland. Nur die Linkspartei, die als Nachfolgerin der SED traditionell im Osten verwurzelt ist, weise mit 40 Prozent einen noch höheren Anteil auf.

Diese Verlagerung des Parteischwerpunkts zeige sich auch an den Ergebnissen der letzten Bundestagswahl. Während die AfD bei der Bundestagswahl im Westen lediglich 8,2 Prozent erzielte, waren es im Osten 20,5 Prozent. Dort sind auch alle der 16 Direktmandate beheimatet. Die Studie hält fest, dass die AfD auch im Osten zwar nicht als echte Volkspartei gelten könne. Dennoch sei sie „dort schon länger wesentlich stärker als im Westen in der Mitte der Bevölkerung angekommen“, wenngleich sie auch dort hinsichtlich Mitgliederzahl und Zahl der Anlaufstellen deutlich hinter die anderen Parteien zurückfalle.

„Der Weg von der westdeutschen Professorenpartei zur flächendeckenden Verankerung in Ostdeutschland war kurz“, sagt dazu Bergmann. IW-Ökonom Matthias Diermeier fügt an: „Nach zehn Jahren steht die AfD im Westen klar in der Schmuddelecke. Im Osten dagegen scheint das Maß an enttäuschter Unzufriedenheit dermaßen groß, dass selbst radikale Positionen dort eher einen Platz in der Mitte der Gesellschaft finden.“ 

Der Erfolg der AfD im Osten überrascht Beobachter:innen nicht. Bereits seit längerer Zeit sehen immer mehr Rechtsradikale in Ostdeutschland eine Art Zufluchtsstätte.

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