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„Syrien ist ein echt sicheres Land“ – Influencer machen im Kriegsgebiet Urlaub und ernten Kritik

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Von: Jana Stäbener

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Zwei Reise-Influencer filmen sich in Syrien auf Süßigkeiten-Basaren und in Seifen-Fabriken. Man könnte glatt meinen, der Krieg dort wäre vorbei.

Für den jährlichen Sommerurlaub würden sich viele vermutlich nicht gerade Syrien aussuchen – ein Land, in dem seit mehr als zehn Jahren Bürgerkrieg gegen Machthaber Baschar al-Assad herrscht. Dann lieber noch diese 11 enttäuschenden Reiseziele, würden du und ich vielleicht sagen. Nicht so die Reise-Influencer Luca Pferdmenges und Philipp Buehl. Sie wagten sich Ende August 2022 auf einen siebentägigen Abenteuer-Trip nach Syrien und nahmen ihre Instagram- und TikTok-Follower:innen mit ins Krisengebiet.

Influencer-Reise nach Syrien: Propaganda fürs Assad-Regime?

Auf Social Media heißt Luca Pferdmenges @thegermantravelguy. Dieser Name ist Programm, denn Luca will als jüngster Mann der Welt alle 195 Nationen der Erde bereist haben, schreibt der 21-Jährige in seiner Instagram-Bio. 118 habe er schon geschafft
Auf TikTok folgen dem Reise-Influencer über 2,5 Millionen Menschen, auf Instagram sind es immerhin fast 40.000. All die konnten im August mit dabei sein, als der Travelblogger mit seiner Freundin und Kollege Philipp Buehl @buehlphilipp über den Gewürzmarkt von Damaskus schlenderte.

Das medienkritische Magazin Übermedien berichtet über die Reise der Blogger und kritisiert, dass auf den Social-Media-Posts der Reiselustigen kaum Zeichen des Krieges zu sehen sind, vor dem seit 2011 rund 5,6 Millionen Menschen flüchteten (insgesamt sind weltweit über 100 Millionen Menschen auf der Flucht). Erst Mitte Oktober starben in Syrien laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) Dutzende Menschen, weil eine Bombe nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus explodierte.

Trotzdem wird die Reise bei den Influencern Pferdemenges und Buehl als „sicher“, Syrien als nettes Urlaubsziel verkauft. Manche nennen das auf Twitter sogar Propaganda fürs Assad-Regime (siehe unten).

Reise-Blogger in Syrien: „Syrien ist ein echt sicheres Land“

In den Story-Highlights von Buehl wird deutlich, warum Kritiker:innen in den Reiseberichten Staatspropaganda sehen. Der Travelblogger postete Ende August ein Video, in dem er durch Damaskus spaziert. „Was uns unser Guide gerade erzählt hat – Syrien ist ein echt sicheres Land. Auch Taschendiebe sind echt selten“, erzählt er in seiner Instagramstory. Ein User antwortet ihm darauf mit: „Klingt als ob da im Hintergrund jemand erstochen wird.“ Buehl repostet den Kommentar und schreibt nur „Uhm...“ dazu.

Pferdemenges und Buehl besuchen neben Damaskus, Aleppo und Palmyra auch eine Seifenfabrik, idyllische Bergstädte wie Maaloula und Basare mit Süßwaren. Einmal scheint auf Buehls Instagram doch einen Hauch Politik durch: Er zeigt in einer Story, ein Hotel, das 2015 zerstört wurde. „Von wem kann ich nicht sagen, weil es sonst politische Probleme gibt“, so der Reiseblogger zu seinen Follower:innen. Er schreibt in einer Story auch, dass überall Bilder des Machthabers zu sehen seien „So stelle ich mir Nordkorea vor.“

Reise-Influencer @thegermantravelguy und @buehlphilipp in Syrien.
Die Reise-Influencer @thegermantravelguy und @buehlphilipp waren Ende August in Syrien. Total sicher dort, ist ihr Fazit nach einer geführten, sieben-tägigen Touri-Reise. © Anas Alkharboutli/dpa/Screenshots Instagram @thegermantravelguy @buehlphilipp

Auch Afghanistan ist ein Krisengebiet, seit die Taliban die Macht übernommen haben. „Es war ein dunkler Tag“: Wie die Taliban die Zukunft von Mädchen und Frauen zerstören.

„Ich habe auch kein einziges Mal etwas Positives über das Regime gesagt“

Auf Anfrage von Übermedien antwortet Buehl, er habe aus Sicherheitsbedenken von vornherein beschlossen, sich nicht zu kritisch zur Situation in Syrien zu äußern. Seine Posts sollen „keine Plattform für politische Diskussionen sein“. Trotzdem: „Ich habe auch kein einziges Mal etwas Positives über das Regime gesagt.“ Sein Reise-Kollege Pferdemenges sagt gegenüber Übermedien, dass die Kernbotschaft seiner Stories nicht „das Regime ist gut“ war, sondern, dass die lokale Bevölkerung unfassbar einladend und freundlich sei. „Daran halte ich fest“, so der 21-Jährige.

Bezahlt haben die beiden Blogger ihre Reise selbst, sagen sie. Vereinbarungen, wie Posts aussehen dürfen, habe es nicht gegeben. Die Agentur, die den Reise-Influencern über die Grenze half, war laut Übermedien die „RJ Tavel Agency“, die neben Syrien auch Jemen, Libanon oder Usbekistan als geführte Reise anbietet. Alles nicht gerade Reiseziele ohne Risiko – so viel steht fest. Für Influencer:innen ist das gut. Einen abenteuerlichen Ort gepaart mit oberflächlichem Smalltalk zu sehen, ist genau das, was bei Pferdemenges 2,5 Millionen Follower:innen anscheinend so gut ankommt.

Doch nicht immer ist auf Tiktok alles abenteuerlich. Beim Tiktok-Trend #Dayinthelife zeigen Tiktoker:innen, wie langweilig ihr Leben ist.

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