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Bio statt Plastik-Hölle: Seit ich Geld verdiene, habe ich im Supermarkt ein schlechtes Gewissen

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Von: Mika Engelhardt

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Echt jetzt? Über die sinnlosen Plastikverpackungen einiger Lebensmittel kann man wirklich nur den Kopf schütteln.
Echt jetzt? Über die sinnlosen Plastikverpackungen einiger Lebensmittel kann man wirklich nur den Kopf schütteln. © Fabian Sommer/dpa

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Im vergangenen Sommer habe ich die Uni beendet und einen Job gefunden. Plötzlich habe ich mehr Gehalt als je zuvor zur Hand - und eine Menge Gewissensbisse.

Wenn man noch studiert, macht man gerne halbherzige Versprechen an sich selbst. „Wenn ich erstmal alleine wohne, räume ich häufiger auf als in der WG“, zum Beispiel. Oder: „Ich melde mich im Fitnessstudio an, sobald ich mehr Geld verdiene.“ Oder, mein absoluter Favorit: „Sobald ich richtig arbeite, kaufe ich nur noch bio und unverpackt ein.“

Natürlich gaukeln wir uns in den meisten Fällen etwas vor. Niemals, niemals werde ich ein Fitnessstudio betreten. Aber zwischen den tagesaktuellen Nachrichten, Fridays for Future-Demonstrationen und meinen eigenen Interessen hat sich zumindest der letzte Punkt mit dem guten Einkaufen doch irgendwie in meinem Kopf festgesetzt. Das klingt erst einmal nach einer guten Sache: Es ist doch perfekt, wenn ich bewusster einkaufe. Aber so leicht ist es leider nicht, denn ich stoße mit diesem Vorsatz immer wieder an persönliche und strukturelle Grenzen.

Nehmen wir meinen Wocheneinkauf in einer Filiale einer großen Supermarktkette als Beispiel. Als ich noch studiert und auf Studierendenbasis Geld verdient habe, konnte ich oft nicht weiter denken als bis zu den Standard-Notwendigkeiten. Meist wurde das Billigste gekauft, denn mehr konnte ich mir einfach nicht leisten.

Auf dem Weg zum Bio-Regal

Natürlich habe ich mich schon damals gewundert, warum gerade die billigen Produkte oft so dick in Plastik eingepackt sind, aber im Endeffekt war es eine einfache Rechnung: Will ich essen oder nicht? Und damals konnte ich mir ja auch immer noch sagen, dass ich mein Verhalten bald ändern würde.

Jetzt ist dieser Moment gekommen. Plötzlich steht zum Anfang des Monats eine erstaunliche Zahl auf meinem Kontoauszug. Während ich früher also wie eine scheue Katze um das Bio-Regal herumgetigert bin, kann ich es jetzt bewusst ansteuern. Und tatsächlich hat sich mein Einkaufsverhalten recht schnell an meine neue Gehaltsstufe angepasst. Noch überraschender war für mich aber, wie ernst mir der Vorsatz „Wenn ich Geld habe, kaufe ich besser ein“, scheinbar wirklich war.

Beim Einkaufen: das „böse System“

Denn während ich vor ein paar Wochen noch gar keine Probleme damit hatte, meinen Eisbergsalat in Plastik zu kaufen, finde ich das plötzlich gar nicht mehr so gut. Genauso geht es mir mit der Quetsch-Tube Mayonnaise und der Aufbackpizza, die auch noch einmal in Plastik gewickelt ist. So wird ein Einkauf ziemlich schnell zum Krisenherd, denn einfach auf verpackungsfreie Produkte umzusteigen ist in den Supermärkten gar nicht so einfach.

Jetzt kommen wir bei einem Thema an, das sicherlich viel zu umfassend und komplex für meinen Artikel ist, aber dennoch muss ich es ansprechen. Irgendwann ist die Menschheit offensichtlich ein paar Mal falsch abgebogen und stand plötzlich an einem Punkt, an dem es billiger war, Salat auf einem anderen Kontinenten wachsen zu lassen, dann in Plastik zu packen, herzufliegen, in noch mehr Plastik zu packen und zu verkaufen, als Salat (ein heimisches Gewächs) lokal anzubauen und umweltfreundlich verpackt zu verkaufen. Das ist ein strukturelles Problem, das sich leider in Supermarktregalen widerspiegelt.

Rewe, Aldi und Co.: Gewissen rein, alles gut?

Ich möchte hier jetzt nicht rumheulen und auf das „böse System“ schimpfen, aber dieser Aspekt gehört trotzdem in die Diskussion. In den meisten Supermärkten bekommt man viele Produkte gar nicht erst unverpackt. Natürlich begrüße ich Aktionen wie von der Kette „tegut“, die jetzt zumindest in einigen Märkten Unverpackt-Stationen einführt. Leider ist das im tegut meiner Heimatstadt noch nicht geschehen. Ein weiterer ungünstiger Punkt ist, dass Wochenmärkte oder Marktstände nicht so lange offen haben wie Supermärkte. Dort könnte ich unverpackt einkaufen - aber wenn ich Feierabend mache, tun die das auch.

Es wäre natürlich auch blöd, wenn jetzt die Produkte in Plastik verpackt in Supermärkte geliefert würden, dort ausgepackt und mir dann als „unverpackt“ verkauft werden. Das würde vielleicht mein Gewissen für kurze Zeit auf fälschliche Weise beruhigen, aber es ist keine Lösung des Problems, das ich mit der Änderung meines Einkaufsverhaltens anpacken möchte. So finde ich mich oft vor der scheinbar unlösbaren Frage, wie ich überhaupt noch einkaufen kann, ohne mich schrecklich zu fühlen.

Plastikverpackungen: Ein unlösbares Dilemma

Reicht es, nur Bio einzukaufen und die ein oder andere Verpackung in Kauf zu nehmen? Werden Verpackungen, die ich richtig entsorge, nicht sowieso verbrannt oder recycelt? Aber dann stoße ich in den Nachrichten wieder auf Bilder von Plastikinseln in unseren Weltmeeren und bin mir plötzlich gar nicht mehr so sicher, was ich noch glauben soll. Dann denke ich, ich sollte nur noch beim Bauern vor Ort einkaufen, aber wahrscheinlich würde ich nicht einmal dort ganz um Plastik herumkommen. Und so schraube ich mich weiter und weiter in die Verzweiflung.

Wie komme ich also aus diesem Kaninchenbau heraus? Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung. Es ist ein echtes Dilemma. Um Plastik kommt man beim Einkaufen nicht herum. Egal, wie gut man es meint. Das ist zwar ein Problem, aber ich glaube, in Maßen und mit richtiger Müllverwertung, wäre es trotzdem kein so großes Problem, wie wir es jetzt haben. Das Problem ist, dass Plastik inflationär zur Lösung aller Probleme geworden ist. Nach wie vor sehe ich jedes Mal beim Einkaufen Menschen, die ihre zwei Tomaten in Plastiktüten packen, als ob diese dünnen Tütchen die Einkäufe auf irgendeine Art schützen würden.

Es muss nicht immer die Avocado für 70 Cent sein

Nun ist mir natürlich auch bewusst, dass meine Klagen die Definition von „first world problems“ sind. Ab und an sollte man wahrscheinlich auch einen Schritt zurückgehen und sich bewusst machen, dass wir in einer besonders privilegierten Situation leben, wenn wir A) genug Geld haben, um uns überhaupt Gedanken um diese Thematik machen zu können und B) ein mehr als ausreichendes Angebot im Supermarkt vorfinden zu können. Das sind keine Selbstverständlichkeiten und manchmal denke ich, dass ich mit meinen Gedanken die falsche Diskussion führe.

Tatsächlich muss sich einfach eine Menge ändern - aber auch das ist leichter gesagt als getan. Handels- und Einkaufsstrukturen kann man nicht einfach umwerfen und Qualität muss nun mal ihren Preis haben. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass Supermärkte noch mehr auf Nachhaltigkeit, Ortsnähe und den Verzicht auf Plastik setzen. Ich brauche keine Erdbeeren im Januar und auch keine Avocado für 70 Cent. Das kann gar nicht nachhaltig sein. Aber ich würde ich über ein verpackungsarmes Dauerangebot freuen, das ich mit Dosen und Boxen bewaffnet wahrnehmen kann.

Für mehr Umweltschutz: Alle müssen anpacken

Viele Supermärkte haben den Schuss ja auch scheinbar schon gehört. Immer wieder sieht man mehr oder minder ambitionierte Klima- und Nachhaltigkeitsziele in der Werbung. Das begrüße ich natürlich sehr. Wie gesagt, Strukturen lassen sich nicht von einem Tag auf den nächsten ändern. Jetzt sind also wir als Konsument:innen dran, mit unserem Verhalten diese Veränderungen zu begünstigen. Es muss nicht immer der extra Plastikbeutel sein. Bananen schützen sich mit der Schale auch schon ganz gut selbst. Nur wenn der Handel und die Kund:innen zusammenarbeiten, kann wirklich etwas verändert werden.

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