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Verband fordert Schluss mit Blutspende-Diskriminierung – „keine Zeit zu verlieren“

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Von: Michael Schmucker

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Person mit Regenbogenflagge und Person, die Blut spendet.
In Deutschland werden schwule und bisexuelle Männer bis heute beim Thema Blutspenden diskriminiert. © Shotshop/Imago/Jörg Carstensen/dpa

Während Österreich Diskriminierung beim Blutspenden abbaut, rückt in Deutschland eine Überarbeitung der Regeln in weite Ferne. Auch trans* Personen werden „völlig unebgründet“ anders behandelt.

Seit Anfang September dürfen schwule und bisexuelle Männer ganz selbstverständlich und diskriminierungsfrei in Österreich eine Blutspende abgeben – was völlig normal klingt, war ein jahrelanger Kraftakt der LGBTQIA+-Community vor Ort, bis die Regierung schließlich die alten Regelungen überarbeitete. Unabhängig von der sexuellen Orientierung oder der geschlechtlichen Identität dürfen alle Menschen nach der sogenannten 3x3-Regelung Blut spenden, wenn sie in den vergangenen drei Monaten nicht mit mehr als drei unterschiedlichen Menschen Sex hatten.

In Deutschland hingegen werden schwule und bisexuelle Männer bis heute als eine Art Sonderfall diskriminiert und gesondert behandelt – eine Blutspende ist nur nach viermonatiger Abstinenz oder bei einer streng monogamen Beziehung möglich. Das zusätzlich Schlimme daran: In Deutschland scheint eine Überarbeitung der bisherigen Regeln von 2021 immer mehr in weite Ferne gerückt zu sein.

Deutschland hält an diskriminierenden Regeln bei der Blutspende fest

Alfonso Pantisano, Mitglied im Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD), erklärt dazu gegenüber BuzzFeed News von IPPEN.MEDIA: „Erstmal möchte ich allen Menschen in Österreich gratulieren, dass sie in einem Land leben, in dem bei der Blutspende alle gleichbehandelt werden. Deutschland hat sich in dieser Frage in den letzten Jahren nicht sonderlich viel bewegt. Während viele Länder ihre diskriminierenden Regelungen bei der Blutspende abgeschafft haben, hat Deutschland daran ganz stark festgehalten. Hier ist jetzt die Politik gefragt. Und ganz ehrlich: Wir haben keine Zeit zu verlieren. Die Ungleichbehandlung von Männern, die Sex mit Männern haben, aber eben auch die Diskriminierung von trans* Menschen muss ein für alle Mal von der Bundesärztekammer behoben werden.“

Die Bundesregierung in Österreich konnte am Ende auch deswegen zu einem Einlenken bewogen werden, weil der Vorrat an Blutkonserven rapide gesunken war. Ähnlich leer sehen die Regale in Deutschland aus, was abseits der Betroffenen und der Ärzt:innen in der Politik anscheinend niemanden besonders stark zu beunruhigen scheint. Auch die Bundesärztekammer lässt sich mit einer Entscheidung Zeit, so Pantisano weiter:

Ich finde dieses ganze Vorgehen der Bundesärztekammer äußerst diskriminierend, unverantwortlich und eben auch homophob. Die Wissenschaft und die Erfahrungen vieler anderer Länder zeigen, dass diese ausschließenden und diskriminierenden Haltungen keinen Sinn ergeben. Denn die Wahrheit ist, dass in den Ländern, wo kein Unterschied bei der Blutspende gemacht wird und die richtigen Fragen gestellt werden, einfach keine HIV-Infektionen durch Blutspenden zu beklagen sind.

Alfonso Pantisano, Mitglied im Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD)

Pantisano wünscht sich auch für Deutschland das klassische Modell, bei dem ausschließlich das Sexualverhalten der letzten Monate einer Person ausschlaggebend ist.

Queere Community würde regelmäßig Blutspenden, sagt Verbandsmitglied

Könnte das ständige Hinausschieben wichtiger Änderungen in Deutschland so zudem langsam zu einer Resignation in der Community führen, obwohl Blutspenden doch so dringend benötigt werden? „Ich kann all diejenigen gut verstehen, die von dieser langen Zeit der Demütigung und der Ausgrenzung betroffen waren und sich jetzt sagen, dass sie nun auch nicht mehr zum Wohle der Gemeinschaft beitragen wollen. Doch unser Appell kann nur sein: Wir stehen als queere Community zusammen und wir beweisen, dass auf uns Verlass ist. Ich gehe davon aus, dass am Ende viele von uns das Angebot der Blutspende regelmäßig wahrnehmen werden, denn unsere Gesellschaft konnte sich schon immer auf die queere Community verlassen, wenn es darauf ankam.“

Trans* Personen werden beim Blutspenden als eigene Risikogruppe behandelt – „völlig unbegründet“

Die jetzige Regelung in Deutschland ergibt dabei auch rein logisch betrachtet in der heutigen Zeit einfach keinen Sinn mehr: „Wenn ein Mann, innerhalb von vier Monaten, mit mehr als nur einem Mann Sex hat, wird er von der Blutspende ausgeschlossen. Wenn ein Mann, innerhalb von vier Monaten, mit mehr als einer Frau Sex hat, wird er von der Blutspende nicht ausgeschlossen. Was soll diese Unterscheidung? Warum soll das Blut eines schwulen oder bisexuellen Mannes anders sein, gefährlicher sein, als das eines heterosexuellen Mannes? Genauso diskriminierend und unverständlich sind die Regelungen für trans* Personen: Obwohl trans* Personen keine höheren oder anderen Infektionsrisiken haben, werden sie als eigene Risikogruppe behandelt – völlig unbegründet!“

Natürlich kann auch die Ampel-Koalition, die viele Pläne für die LGBTQIA+-Community umsetzen will, nicht alles gleichzeitig machen, trotzdem muss gesagt werden: „Alle vier Jahre, immer dann, wenn eine neue Regierung gewählt wird, wird die Prioritätenliste der Projekte neu aufgestellt. Beim Thema Blutspende drehen wir diese Schleife seit Jahren und ich habe ehrlich gesagt keine Geduld mehr, diese absurde Diskriminierung hinzunehmen. Meine Deadline war vorgestern! Oder anders gesagt: Hört bei der Blutspende mit der Diskriminierung von Männern, die Sex mit Männern haben, sofort auf!“, so Pantisano abschließend.

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