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Schlusslicht in Europa: Blutspende-Verbot in Deutschland diskriminiert schwule und bisexulle Männer noch immer

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Ein Mann spendet Blut.
Blut spenden als schwuler Mann? In Deutschland gar nicht so einfach. © dpa/Collage

Während in vielen Ländern Europas das Blut-Spendeverbot für schwule und bisexuelle Männer fällt, tut sich in Deutschland nur sehr langsam etwas.

Das Blutspende-Verbot für homo- und bisexuelle Männer: Bis heute herrscht in weiten Teilen der Gesellschaft die Meinung vor, dass LGBTQIA+-Männer hier gleich behandelt werden, doch das Gegenteil ist der Fall. Um die Tragweite der aktuellen Lage zu erfassen, müssen wir kurz in die Anfangsjahre der HIV-Pandemie in die 1980er Jahre zurückkehren.

Gerade in den ersten Jahren herrschte damals sowohl innerhalb der queeren Community wie aber auch bei Ärzt:innen und Expert:innen viel Ratlosigkeit. Wenig war anfangs bekannt, nur nach und nach wurde klar, dass das Virus durch Körperflüssigkeiten und den Austausch von Blut übertragen wird. Als Schutzmaßnahme beschlossen viele Länder weltweit, die am stärksten betroffene Gruppe von Erkrankten, homo- und bisexuelle Männer, ganz von der Blutspende auszuschließen. 

Als wäre die Krankheit selbst gerade in den ersten Jahren nicht schlimm genug für MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) gewesen, erfuhren sie so zudem eine verletzende, wenn auch anfangs nachvollziehbare Form der Stigmatisierung. Der Begriff der „Schwulenseuche“ machte die Runde und stellte eine ganze Gruppe von Menschen unter Generalverdacht. Die Spuren dieser systematischen Herabsetzung haben sich bis heute tief in das kollektive Gedächtnis der queeren Community eingegraben, weswegen auch die aktuellen Diskussionen nicht leichtfertig geführt und wahrgenommen werden. 

Kanada hebt Blutspendeverbot für queere Männer auf: „diskriminierend und falsch“

Erst vor wenigen Tagen hatte die kanadische Regierung angekündigt, dass sie das Blutspende-Verbot für MSM Ende September aufheben wird. Der LGBTQIA+-freundliche kanadische Premierminister, Justin Trudeau, löst damit gegenüber der queeren Community ein Versprechen ein und betonte zudem, dass er die bisherigen Regelungen als „diskriminierend und falsch“ empfunden habe. Die kanadische Gesundheitsbehörde bezeichnete die Entscheidung zudem als „bedeutenden Meilenstein auf dem Weg zu einem integrativeren Blutspende-System“. 

Immer mehr Länder kippten in den vergangenen Jahren das generelle MSM-Verbot von Blutspenden, darunter beispielsweise Italien, Spanien, Ungarn, Portugal oder auch Großbritannien. Vor einer Blutspende wird hier nur noch das generelle Risikoverhalten und die sexuelle Aktivität der Spender:innen abgefragt – unabhängig davon, ob der Mensch heterosexuell oder queer ist.

Für Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe ist die Situation klar: „Eine dauerhaft tragfähige Regelung ist in Deutschland überfällig. Wir hinken der internationalen Entwicklung hinterher. Wir brauchen jetzt endlich eine breit und interdisziplinär aufgestellte Auseinandersetzung mit dem Thema, bei der auch die Menschen einbezogen werden, um die es geht, repräsentiert zum Beispiel durch Verbände“, so Wicht gegenüber Buzzfeed News Deutschland

Für viele schwule Männer, die Blutspenden wollen, gilt in Deutschland: „Vier Monate keinen Sex“

Ohne die Einbindung von LGBTQIA+-Organisationen geht es künftig nicht mehr: „In Deutschland haben die letzten Jahre gezeigt: Die Bundesärztekammer und die entsprechenden Fachgremien alleine sind nicht in der Lage, eine breit akzeptierte und sauber begründete Lösung zu finden. Warum sollte eine Frage von solch gesellschaftlicher Relevanz auch nur in den Händen medizinischer Fachgremien liegen?“, so Wicht weiter.

Eine spannende Frage, auf die es bis heute keine fundierte Antwort gibt. So bleibt der Beigeschmack bestehen, dass hier noch immer mit zweierlei Maß gemessen wird. Zuletzt änderte das Bundesgesundheitsministerium erst im September 2021 die Richtlinien in Zusammenarbeit mit dem Paul-Ehrlich-Institut, dem RKI sowie der Bundesärztekammer, doch blieb eine gewisse Form der Diskriminierung bestehen. Positiv war, dass die sogenannte Rückstellfrist für alle Spender:innen von zwölf auf vier Monate seit dem letzten riskanten Sexualverhalten verkürzt wurde.

Zudem dürfen auch MSM spenden, wenn sie in den vergangenen vier Monaten ausschließlich Sex innerhalb einer monogamen Zweierbeziehung hatten. Holger Wicht dazu: „Die bestehende Regelung schließt Männer, die Sex mit Männern haben, nach wie vor sehr weitreichend aus. Vier Monate kein Sex bedeutet im Klartext: Die meisten dürfen weiterhin nicht zur Blutspende. Wir können nicht erkennen, welche wissenschaftlichen Kriterien dem zugrunde liegen sollen.“  

„Sehr verschiedene Menschen werden ohne Sinn in eine Schublade gesteckt“

Für manchen mag der Teufel im Detail stecken, doch geht es im Kern darum, dass gerade homosexuelle Männer sich einmal mehr jenseits wissenschaftlicher Fakten dem unterschwelligen, herabsetzenden Klischee entgegenstellen müssen, allesamt dauernd wechselnde Partner*innen zu haben. „Andere Möglichkeiten, Risiken einer HIV-Übertragung durch Blutprodukte zu reduzieren, wurden nicht ausreichend ausgelotet. Genau das schreibt aber ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes vor: Ein Ausschluss von Gruppen kann nur gerechtfertigt sein, wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt, Risiken zu reduzieren“, so Wicht weiter.

Dabei sticht ein weiterer Punkt laut Wicht heraus: „Ohne nachvollziehbaren Grund werden trans-Menschen extra benannt. Sehr verschiedene Menschen werden damit ohne Sinn und ohne Not in eine Schublade gesteckt und hervorgehoben. Auch das ist diskriminierend und fachlich nicht nachvollziehbar.“

Die Diskriminierung gerade gegenüber LGBTQIA+ zu minimieren, ist eines der Kernanliegen der aktuellen Ampel-Koalition – darauf pocht nun auch Markus Ulrich, Pressesprecher beim Lesben- und Schwulenverband (LSVD) gegenüber Buzzfeed News Deutschland: „Im Koalitionsvertrag der Ampel ist klar vereinbart, dass das Blutspendeverbot für Männer, die Sex mit Männern haben, sowie für trans Personen abgeschafft werden soll, nötigenfalls auch gesetzlich. Der LSVD fordert, dass damit zügig begonnen wird.“ Die Dringlichkeit bestätigt ebenso Holger Wicht von der Aidshilfe: „Wir erwarten, dass die Bundesregierung hier jetzt einen Prozess initiiert, der mit der Diskriminierung bei der Blutspende endlich Schluss macht!“ Ansonsten wird Deutschland in puncto Blutspende-Verbot wohl tatsächlich zum Schlusslicht in Europa werden. (Autor: JHM Schmucker)

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