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Focus-Redakteur spricht von „Kolonialgeschichte, die es nie gab“ – will er damit provozieren?

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Von: Jana Stäbener

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Der Focus-Redakteur Jan Fleischhauer twittert etwas zu „Kolonialgeschichte, die es nie gab“. Provokation oder „koloniale Amnesie“, findet Kolonialismus-Experte.

Außenministerin Annalena Baerbock und Kulturstaatsministerin Claudia Roth (beide von den Grünen) gaben am Dienstag, 20. Dezember, in der nigerianischen Hauptstadt Abuja 20 wertvolle Benin-Bronzen an das afrikanische Land zurück. Wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtete, gehörten die in Kolonialzeiten geraubten Kunstwerke lange Zeit zu Beständen von Museen in Berlin, Hamburg, Köln, Stuttgart und Dresden sowie Leipzig. Hier sprechen wir mit Forschenden über Ideen, wie man das kulturelle Erbe entkolonialisieren könnte.

Auf Twitter nennt Baerbock den Schritt „überfällig“. „Das wird nicht alle Wunden der Vergangenheit heilen, aber wir zeigen, dass wir es ernst meinen mit Aufarbeitung unserer dunklen Kolonialgeschichte“, twittert die Grünen-Politikerin. Der Focus-Redakteur Jan Fleischhauer reagiert auf ihren Tweet und wirft ihr vor, eine Kolonialgeschichte zu imaginieren, die es nie gab. Entweder Provokation oder „koloniale Amnesie“, findet der Professor für Globalgeschichte Jürgen Zimmerer.

„Es ist für manche Deutsche bis heute schmerzhaft zu akzeptieren, dass Deutschland schon immer [...] Second Rate [war]. Also imaginiert man auch eine Kolonialgeschichte, die es nie gab“, twitterte Jan Fleischhauer.
„Es ist für manche Deutsche bis heute schmerzhaft zu akzeptieren, dass Deutschland schon immer [...] Second Rate [war]. Also imaginiert man auch eine Kolonialgeschichte, die es nie gab“, twitterte Jan Fleischhauer. © Jörg Carstensen/dpa

Jan Fleischhauer vom Focus twittert zu „Kolonialgeschichte, die es nie gab“

„Es ist für manche Deutsche bis heute schmerzhaft zu akzeptieren, dass Deutschland schon immer bei Vielem nicht Führungsmacht war, sondern bestenfalls Second Rate. Also imaginiert man auch eine Kolonialgeschichte, die es nie gab“, twittert Jan Fleischhauer am Mittwoch, 21. Dezember (siehe unten).

Auf Twitter kommt der Journalist damit gar nicht gut an. „Das ist sogar für Ihre Verhältnisse reichlich platt“, schreibt ein User. Ein anderer fragt den Redakteur, ob das die Leugnung von Kolonialgeschichte rechtfertige. Der Komiker Abdel Karim (bekannt aus der Heuteshow) schreibt ironisch: „Jan Fleischhauer hat sich natürlich nicht bewusst missverständlich ausgedrückt. Es war natürlich auch nicht sein Ziel, Menschen zu triggern.“

Ein anderer scheint Geschichtslehrer zu sein. Er werde im Unterricht nun dank Fleischhauer deutlich mehr auf das Thema Kolonialismus eingehen, twittert er.

Mehr zu Kolonialismus: Nach Tod der Queen: Südafrikaner:innen fordern Diamant aus Kronjuwelen zurück.

„Verantwortung für Kolonialismus, muss eine transnationale sein“

Wir fragen Jürgen Zimmerer, was er von den Aussagen Fleischhauers hält. Er ist Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg und leitet dort die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“. „Kolonialismus war weit mehr als formale Kolonialherrschaft, es war vor allem transnationale Verflechtung im globalen Maßstab“, erklärt er BuzzFeed News DE. „Die Verantwortung für das verbrecherische System, das wir Kolonialismus nennen, muss deshalb auch eine transnationale sein.“

Genau deswegen sei die Rückgabe der Benin Bronzen so wertvoll: Denn die Außenministerin erkenne dadurch die „transnationale Verantwortung“ an, findet Zimmerer. Denn selbst wenn Verbrechen zu Zeiten des Kolonialismus in Nigeria durchaus von anderen Nationen begangen wurden, so sei Deutschland eindeutig ein „Nutznießer“ dieses kolonialen Handelns gewesen.

„Fleischhauers Kommentar, wenn man ihn denn in seiner inhaltlichen Aussage ernst nehmen will, verkennt diese transnationale Dimension, ist selbst ein Zeichen, wenn man es wohlmeinend interpretiert, von kolonialer Amnesie.“ Oder es sei „einfach Provokation um der Provokation willen“, das könne er auch nicht ausschließen, sagt Zimmerer.

Kolonialismus führt auch dazu, dass wir heute noch Klischees über afrikanische Länder haben. Diese TikTokerin muss sich Fragen wie „Gibt es Pools in Afrika?“ anhören und räumt deswegen mit rassistischen Klischees auf.

Fleischhauer betreibt „Leugnung oder Hierarchisierung kolonialer Völkermorde“

„Unrecht ist Unrecht und Profite von Unrecht sind unrechtmäßige Profite“, betont der Professor für Globalgeschichte. Dies sei ein wichtiger Grundsatz, wenn es um die langfristigen Folgen des Kolonialismus jenseits der Museen gehe, etwa was die Ausbeutung von Menschen und ökologischen Ressourcen anbelange – gerade auch in Zeiten des Klimawandels. Hier berichten wir darüber, wie sehr der Klimawandel Frauen im globalen Süden betrifft.

Dass Fleischhauer Deutschland als „Second Rate Kolonialmacht“ bezeichne, hält der Kolonialismus-Experte für „Leugnung oder Hierarchisierung kolonialer Völkermorde. Außerdem sehe er darin auch eine Tendenz, andere Nationen beim Thema Kolonialismus mehr Verantwortung zuzuschreiben, weil man in die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und Holocausts in Deutschland schon so viel investiere. „Dem eigenen Menschheitsverbrechen stellten viele in der Nachkriegszeit die kolonialen Verbrechen der anderen gegenüber“, so Zimmerer.

Eine positive Dimension habe der Tweet von Fleischhauer jedoch: Man sehe, dass das deutsche koloniale Erbe endlich erfolgreich aufgearbeitet werde. „Sie ist nun auf der Tagesordnung und eben deshalb auch zum Clickbaiting zu missbrauchen.“

Mehr zum Thema Kolonialismus? Hier hat eine BuzzFeed-Autorin eine klare Meinung zum kolonialen Erbe des englischen Königreiches: Der Tod der Queen machte mich nicht traurig – sie steht auch für Rassismus.

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