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Hört auf mit eurem Hass auf russische Menschen - das ist Rassismus

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Von: Sabrina Hoffmann

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Links: Ein russischer Supermarkt in Deutschland nach einem Farbanschlag. Rechts: Ein Demonstrant wird in Moskau verhaftet.
Links: Ein russischer Supermarkt in Deutschland nach einem Farbanschlag. Rechts: Ein pro-ukrainischer Demonstrant wird in Moskau verhaftet. © Twitter-Screenshot/picture alliance/dpa/AP | Dmitri Lovetsky/Montage BuzzFeed

Überall auf der Welt solidarisieren sich Menschen mit der Ukraine. Das ist gut und richtig. Doch es verbreitet sich auch ein Hass auf Russ:innen, der mich wütend macht.

Zuallererst möchte ich betonen, dass ich Putin für einen diktatorischen Regimeführer mit gefährlichen Machtfantasien halte. Die Invasion ist ein Kriegsakt, der sich gegen alle Werte richtet, an die ich glaube. Die Ukraine verdient unser aller Rückhalt. Ich bin betroffen und sprachlos über das Leid von Millionen Ukrainer:innen. Und natürlich bin ich überzeugt, dass die weltweiten Sanktionen gegen die Nation Russland richtig sind.

Die Welt stellt sich Putin vereint entgegen - das ist schön. Doch es gibt etwas, das diese gigantische Welle der Solidarität für mich vergiftet: Der Hass, der russischen Menschen jetzt von vielen Seiten entgegenschlägt. Die Sanktionen sollen in erster Linie die Regierung Russlands unter Druck setzen, nicht die Bevölkerung. Natürlich treffen solche Maßnahmen immer auch die einfachen Bürger:innen, denn auch in einem Wirtschaftskrieg gibt es zivile Opfer. Doch sie dürfen nicht absichtlich zur Zielscheibe gemacht werden.

Hass auf Russ:innen: Wenn Solidarität mit der Ukraine zu weit geht

Plötzlich scheint es schon ein Verbrechen zu sein, aus Russland zu stammen. Ein Restaurant in Baden-Württemberg schließt russische Staatsbürger als Gäste aus. Eine Bäckerei hat den russischen Zupfkuchen umbenannt. Solche Nachrichten erhalten Tausende Likes und hämische Kommentare. Es kursieren sogar Videos auf Twitter, die einen Farbanschlag auf einen russischen Supermarkt in Oberhausen zeigen sollen:

Die Welt hat Russland zum Feind erklärt. Vereint wie selten - erst recht in der Corona-Pandemie - erheben sich die Menschen, um für Freiheit und Demokratie zu kämpfen. In ihren Solidaritätsbekundungen gehen jedoch viele zu weit. Denn Menschen aufgrund ihrer Herkunft auszuschließen, ist keine Heldentat. Es ist Rassismus. Und es ist außerdem ein Schlag ins Gesicht all jener mutiger Menschen in Russland, die ihre Freiheit riskieren, um gegen den Ukraine-Krieg zu demonstrieren.

Nicht alle Russ:innen unterstützen Putin. Nicht alle Russ:innen finden die Invasion gerechtfertigt. Und nicht alle Russ:innen sind in der Lage, sich öffentlich gegen das Regime zu stellen. Ihnen drohen Gefängnis oder Schlimmeres - wir haben oft genug gesehen, wozu die russische Regierung fähig ist.

Erstaunlicherweise sind es sogar oft Menschen aus dem linksliberalen Spektrum, die jetzt in den Russenhass einstimmen. Also Menschen, die sich sonst für die Rechte Geflüchteter einsetzen und gegen Rechtsextremismus. Sie glauben, etwas Gutes zu tun, indem sie alles Russische aus ihrem Alltag verbannen. Dabei übersehen sie, wo der Staat aufhört und der einzelne Mensch anfängt.

Sanktionen sollen den Staat Russland treffen, nicht die Menschen

Sanktionen gegen die russische Zentralbank sollen Putin in seinen finanziellen Mitteln begrenzen. Auch der Ausschluss Russlands aus vielen sportlichen Wettbewerben ist ein Zeichen, das sich gegen die Nation in ihrer Gänze richtet. Es mag sogar sinnvoll sein, wenn Barbesitzer russischen Wodka aus dem Sortiment werfen und stattdessen Ukrainischen verkaufen. Denn auch damit schaden sie der Wirtschaft Russlands und tragen dazu bei, die Regierung zu schwächen.

Russisches Kulturgut abzulehnen, geht dagegen zu weit. Niemandem ist geholfen, wenn der russische Zupfkuchen nur noch Zupfkuchen heißt. Oder wenn ein Vater seinem Sohn kein Russisch Brot von Bahlsen mehr kauft (Der Tweet könnte natürlich auch ironisch gemeint sein).

Ich finde es bedenklich, wie schnell eine gut gemeinte Absicht kippen kann. Aus dem entschiedenen Kampf für die Demokratie wird plötzlich Ausgrenzung - und damit ein Vorgehen, das demokratischen Werten völlig widerspricht. Menschen aus Russland haben es genauso wenig verdient, auf ihre Abstammung reduziert zu werden wie Angehörige anderer Ethnien. Rassismus bleibt Rassismus - auch unter dem Deckmantel der Solidarität.

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