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„Es war ein dunkler Tag“: Wie die Taliban die Zukunft von Mädchen und Frauen zerstören

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Sajida Hussaini steht unter einem Baum
Sajida Hussaini war kurz davor, zu studieren, bevor die Taliban ihr das verboten haben. © Sajida Hussaini

Eigentlich versprachen die Taliban, dass sie Mädchen weiterhin auf die Schule gehen lassen. Doch dieses Versprechen hielten sie nicht. Saidja ist eine der Leidtragenden.

Als ihr erster Schultag unter Taliban-Herrschaft näher rückte, war Sajida Hassaini hoffnungsvoll. Ihr Vater, seit siebzehn Jahren Lehrer und ihre Mutter hatten ihr und ihren Geschwistern den Wert von Bildung schon sehr früh beigebracht. Jetzt war sie nur ein Jahr von ihrem Schulabschluss entfernt.

Obwohl die Taliban das Land vergangenen Sommer übernommen hatten (und ihr und vielen anderen afghanischen Mädchen Rechte weggenommen wurden) hatte das Regime dennoch bekannt gegeben, dass die Schulen am 23. März 2022 wieder öffnen würden und Mädchen diese auch besuchen dürften. Aber als Sajida und ihre Klassenkameradinnen am Schultor eintrafen, wurde sie von der Schulleitung informiert, dass Mädchen nach der sechsten Klasse nicht mehr am Unterricht teilnehmen dürfen. Viele der Mädchen brachen in Tränen aus. „Ich werde diesen Moment niemals vergessen“, sagte Sajida. „Es war ein dunkler Tag.“

Wegen der Taliban müssen sich TV-Journalistinnen in Afghanistan nun komplett verschleiern – nur noch die Augen sind sichtbar.

Taliban gegen Mädchen: Zuerst wollte die Terrormiliz Regeln bezüglich der Ausbildung lockern

Sajida war eine von circa einer Million Mädchen in Afghanistan, die gerade dabei war, ihre Rückkehr zur Schule nach acht Monaten des Chaos vorzubereiten. Als die Taliban in den beiden ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts ihre Macht verloren, gewannen Mädchen und Frauen überall im Land neue Freiheiten, die nun, nachdem die Taliban im August Kabul eingenommen hatten, wieder infrage gestellt werden mussten. In den ersten Statements, gerichtet an die internationale Gemeinschaft, signalisierten die Taliban, dass sie einige der Regeln bezüglich der Ausbildung von Frauen lockern würden, inklusive die des Schulverbots.

Aber das war nicht der Fall und als der Tag der Schuleröffnung kam, dämmerte es Sajida und den anderen, dass die Taliban die Verbote aufrechterhalten würden. Der Optimismus der ersten Tage, ausgelöst durch die Statements, die am Ende einfach nur internationale Anerkennung generieren sollten, war wie hinweggewischt. Die Taliban hielten nicht nur am Verbot des Schulbesuchs von Mädchen fest, sondern ordneten auch an, dass sich Frauen in der Öffentlichkeit von Kopf bis Fuß bedecken müssen. Außerdem verboten sie ihnen, außerhalb des Hauses zu arbeiten, ohne männlichen Vormund ins Ausland zu reisen und an Protesten teilzunehmen.

„Meine Eltern haben mich mit Hoffnung und Angst erzogen“

Für eine Generation von Mädchen, die mit dem Ziel aufgewachsen ist, in die Berufswelt aufzusteigen, haben die wiederaufgenommenen Beschränkungen der Taliban Träume zerstört oder zumindest aufgeschoben, die die Mädchen seit ihrer Kindheit hatten. Für Sajida, die in eine schiitische Familie aus der Mittelschicht hineingeboren wurde, war es immer klar, dass sie eine Hochschulausbildung absolvieren und eines Tages genug Geld verdienen würde, um sich um ihre Eltern zu kümmern, wenn sie alt sind.

„Meine Eltern haben mich mit Hoffnung und Angst erzogen“, sagte sie. Hoffnung, dass sie Rechte bekommen würde, die den früheren Generationen von Mädchen, die unter der früheren Taliban-Herrschaft aufgewachsen sind, verwehrt wurden. Angst, dass das Land eines Tages wieder unter die Macht von Leuten kommen könnte, „die nicht glauben, dass Mädchen die Hälfte der menschlichen Gesellschaft ausmachen.“

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Taliban nehmen Mädchen und Eltern im ganzen Land Hoffnung

Saidja kam mit sieben in die Schule und las bald jeden Roman, den sie in die Finger bekam. „Ich hatte vor, persische Literatur zu studieren, um eine gute Schriftstellerin zu werden und über die Wunden und die Not meiner Gesellschaft nachzudenken“, sagte Sajida. Selbst in den Jahren nach der Entmachtung der Taliban musste Sajida Dutzende von Anschlägen militanter Gruppen auf Schulen und akademische Zentren in der Umgebung von Kabul erlebt.

Im Mai 2021 bombardierte der sogenannte IS (Islamische Staat) eine schiitische Mädchenschule, wobei mindestens 90 Mädchen getötet und 200 weitere verwundet wurden. Obwohl es immer die Gefahr von Gewalt gab, ging sie weiterhin zur Schule und schloss vergangenen Jahr die 11. Klasse ab, bevor die Taliban Kabul einnahmen und ihre Hoffnung auf den Abschluss der Oberschule zertrümmerten.

Durch diesen plötzlichen Verlust an Hoffnung waren viele Eltern im ganzen Land am Boden zerstört. Eltern, die Jahre über Jahre viel Geld investiert haben, damit ihre Töchter die Möglichkeit haben, ins Berufsleben einzusteigen. In der südöstlichen Provinz Ghanzni 150 Kilometer westlich von Kabul sagt Ibrahim Shah, dass er jahrelang hart arbeitete, um genau das Geld zu sparen, um seine Kinder auf die Schule zu schicken. Seine Tochter Belqis, 25 Jahre, schloss die Schule vor ein paar Monaten ab, nur kurz bevor die Taliban die Kontrolle zurückerlangten. Ihr Traum war es, beim Staat zu arbeiten und dadurch für ihre Generation von Mädchen als Vorbild zu dienen. Jetzt weiß sie nicht mehr, was sie tun soll. Die Rückkehr der Taliban „war ein dunkler Tag für die afghanischen Frauen und Mädchen“, sagt sie.

Taliban verbietet Mädchen zur Schule zu gehen – UN macht internationalen Druck

Als Reaktion auf die Taliban-Regeln rief der UN-Sicherheitsrat eine Sondersitzung ein und forderte „die Taliban auf, das Recht auf Bildung zu respektieren und ihre Zusage einzuhalten, die Schulen für alle Schülerinnen ohne Verzögerung umzusetzen.“ Die EU und die USA veröffentlichten ebenfalls Verfügungen.

Die Behörden der Taliban „haben immer wieder öffentlich ihre Bereitschaft kundgetan, dass alle Mädchen zur Schule gehen können“, sagte Liz Throssell, Sprecherin des UN-Menschenrechtsbüros in Genf zu BuzzFeed News US. „Wir fordern sie auf, ihr eigenes Versprechen zu halten und die Beschränkungen aufzuheben, damit Mädchen jeden Alters überall im Land sicher in ihren Klassenraum zurückkehren können.“

Als Reaktion auf die Beschränkungen der Taliban gab die Weltbank im März bekannt, dass sie noch einmal darüber nachdenkt, 600 Millionen Dollar Investitionen in vier Projekte in Afghanistan zu investieren. Die Projekte haben das Ziel „die momentanen Bedürfnisse nach Bildung, Gesundheit und nachhaltige Landwirtschaft zu unterstützen“. Wegen des internationalen Drucks gaben die Taliban bekannt, dass sie eine Kommission mit acht Mitgliedern einrichten werden, die die Regeln bezüglich Mädchenschulen beraten solle. Sajida und vier andere Mädchen, die mit BuzzFeed News US gesprochen haben, bleiben skeptisch, ob das Regime ihnen erlauben wird, in ihre Klassenräume zurückzukehren.

Autor ist Syes Zabiullah Langari. Der Artikel erschien am 13. Juni 2022 auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Leon Lobenberg.

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