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Transgender CEO: Caroline Farberger wurde vom Mann zur Frau - „Männer wissen nicht, was für ein Privileg sie haben“

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Von: Jana Stäbener

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Caroline Farberger als Mann und als Frau. Sie ist mittlerweile im Vorstand des Investmentunternehmens Wellstreet.
Caroline Farberger wandelt ihr Geschlecht 2018 zur Frau und dachte auf einmal völlig neu über Gleichberechtigung. © Dan Goodman/Mio Sallanto (Collage)

Caroline Farberger leitete als Mann ein Versicherungsunternehmen. Heute ist sie ein weiblicher Transgender Boss und denkt Gleichberechtigung komplett neu.

Vor ein paar Tagen schrieben wir über 5 Forderungen für mehr LGBTQI+-Gleichberechtigung. Dazu gehört in Deutschland auch ein selbstbestimmter Geschlechtseintrag für trans- und intergeschlechtliche Menschen. Der ist in Schweden schon eine Weile möglich. Für die Schwedin Caroline Farberger war es deswegen einfacher, ihr Geschlecht auf „weiblich“ umtragen zu lassen – an einem Abend ging sie als „Carl“ ins Bett und erschien am nächsten Morgen als Caroline zur Arbeit.

Sie leitete das schwedische Versicherungsunternehmen „ICA Försäkring AB“ zuerst zwei Jahre lang als Mann, outete sich dann als trans Frau und führte ihre Mitarbeiter:innen vier Jahre lang als weiblicher CEO. Dabei lernte sie die Geschäftswelt aus einer völlig neuen Perspektive kennen. Seit Mai 2022 ist sie Vorstandsvorsitzende beim Investmentunternehmen Wellstreet und möchte dort bewirken, dass mehr Frauen Förderungen für ihre Geschäftsideen erhalten.

Caroline Farberger als männlicher und weiblicher CEO von „ICA“.
Von einem Tag auf den anderen: Aus „Carl“ wurde Caroline. © privat

Transgender Boss: Caroline Farberger trug schon immer etwas Weibliches in sich

Caroline Farberger lebt in der Nähe von Stockholm und hat gemeinsam mit ihrer Ehepartnerin drei Kinder. Sie habe schon immer gewusst, dass sie etwas Feminines in sich trage, sagt sie gegenüber BuzzFeed News Deutschland. Doch diese femininen Gefühle haben ihr früher sogar Angst gemacht. Deswegen „lebte sie so vor sich hin“, heiratete, bekam Kinder und führte ein „normatives Leben“, wie sie sagt. Lange habe sie sich nicht getraut, dieses Leben aufzugeben. Erst 2018 fasste sie den Beschluss: Das Leben ist zu kurz, um nicht authentisch zu sein, sagte sie sich – und wurde zu dem Geschlecht, das sie schon immer war: einer Frau.

Jetzt ist Caroline so glücklich wie lange nicht mehr und liebt ihr neues Leben als weiblicher Papa in einer Regenbogenfamilie im Jahr 2022. Im Interview erzählt Caroline Farberger BuzzFeed News Deutschland von ihrer Geschlechtsumwandlung und warum sie seitdem eine völlig andere Sicht auf Gleichberechtigung hat.

2018 haben Sie beschlossen, dass sie ab sofort als Frau zur Arbeit gehen. Wie hat es sich angefühlt, diese Entscheidung zu treffen?

Ich wusste lange Zeit nicht, was ich mit meinen weiblichen Gefühlen anfangen sollte. Ich fing irgendwann an, mich weiblich zu kleiden und überlegte kurzzeitig, nur an den Wochenenden eine Frau zu sein. Aber ich merkte schnell: Meine weibliche Identität ist einfach zu stark. Mir war klar, dass ich eine Geschlechtsumwandlung machen muss. Natürlich hat mir das auch Angst gemacht. Ich hatte Angst, meine Familie, meinen Job und auch meine jetzige Position in der Gesellschaft zu verlieren.

Angeblich haben Sie an einem Abend eine E-Mail geschrieben, dass sie ab sofort Caroline heißen und sind am nächsten Tag mit Rock statt Anzughose aufgelaufen. Ging das nicht ziemlich schnell?

Es war definitiv dramatischer als bei anderen Leuten, ja. An einem Donnerstag im September 2018 war mein letzter Tag als ein Mann. Am nächsten Morgen bin ich dann als Frau bei der Arbeit aufgetaucht. Ich habe mich quasi über Nacht verwandelt.

Wie waren die Reaktionen darauf?

Die Reaktionen waren sehr positiv – meine Kolleg:innen haben mich sehr unterstützt. Ich glaube, das lag daran, dass die Unternehmenskultur bei ICA immer sehr offen war. Ich weiß aber auch, dass das in anderen Unternehmen nicht der Fall ist.

Wie ist das, wenn man die Geschäftswelt sowohl als männlicher als auch als weibliche CEO kennenlernt?

Es war natürlich noch der gleiche Job. Aber meine Perspektive hatte sich komplett gewandelt. Wenn Sie mich, als ich noch ein Mann war, zu Gleichberechtigung gefragt hätten, dann hatte ich starke Meinungen dazu. Früher dachte ich, Männer und Frauen sind eigentlich schon gleichberechtigt und es gäbe nicht mehr viel zu tun. Aber als ich als Frau lebte, änderte sich das. Nicht weil ich benachteiligt wurde, aber weil ich mehr wahrnahm, was andere Frauen erleben. Mir wurde klar: Es liegt noch ein weiter Weg vor uns. Männer können in der Arbeitswelt gefühlt immer noch machen, was sie wollen. Sie können sie selbst sein und müssen sich nicht anpassen – nicht was ihr Verhalten oder ihre Kleidung anbelangt. Viele Frauen werden auf irgendeine Weise diskriminiert oder benachteiligt. Das sah ich als männlicher CEO nicht – jetzt verstehe ich es.

War es einfacher, ein männlicher Chef zu sein?

Ja absolut. Weil einfach alle anderen Chefs so aussahen wie ich. Schaut man sich Bilder von meinem früheren Ich an, dann sah ich aus, wie jeder andere CEO. Es war einfach, reinzupassen. Auch was die Arbeitsatmosphäre anbelangt. Wenn beispielsweise ein Meeting stattfindet, und es sich länger zieht, dann kümmern sich Männer oft nicht darum. Sie denken einfach, ihre Frauen werden sich schon um das Abendessen kümmern. Frauen hingegen können das oft nicht – sie haben die Familie im Kopf und für sie ist es sehr belastend, wenn ein Meeting ungeplant länger geht. Viele Männer wissen gar nicht, was sie da für ein Privileg haben.

Sie sagten in einem früheren Interview: „Echte Gleichstellung der Geschlechter hängt nicht von der gleichen Anzahl von Frauen und Männern in einem Unternehmen ab, sondern von einer echten und gleichmäßigen Verteilung der Macht.“ Was meinen Sie damit?

Wir reden schon lange über Diversität und versuchen immer alles zu messen. Deswegen wollen wir, dass alle Geschlechter in Vorständen vertreten sind. Das ist an sich auch gut, aber was dann passiert, ist, dass die Männer die mächtigen Rollen ergreifen und Frauen die „weicheren“ Aufgaben wie HR oder Kommunikation übernehmen. Im Vorstand eines Unternehmens zu sein, bedeutet nicht, die gleiche Macht zu haben. In Schweden ist es so, dass die Rollen bei Leuten frisch von der Universität relativ ausgeglichen sind. Aber dann passiert etwas und im Beruf gibt es dann auf einmal einen geringeren Anteil von Frauen in höheren Positionen. Warum? Vielleicht, weil die mächtigen Rollen sehr aufopferungsvoll sind und Männer eher bereit sind, familiäre Opfer zu bringen. 

Als Sie zur Frau wurden – haben Sie dann auch reflektiert, wer bei Ihnen in der Familie die Opfer gebracht hat?

Ich konnte mich nach meiner Umwandlung besser in meine Frau hineinversetzen. Die hatte vor 16 Jahren, als unsere Zwillinge geboren wurden, ihre Karriere aufgegeben. Damals hatte ich als Mann Angst, Elternzeit zu beantragen – auch weil ich keine guten Vorbilder von anderen Vätern in Führungspositionen hatte. Heute schäme ich mich dafür. Ich tat damals eben, was die meisten anderen Männer taten.

Heute sind Sie Vorstandsvorsitzende im Investment-Unternehmen Wellstreet, das Risikokapital in Start-Ups und Gründer:innen investiert. Wie sieht es hier mit der Gleichberechtigung aus?

Die Investmentbranche in Europa hat ein großes Problem. Das meiste Risikokapital, mehr als 95 Prozent, geht an männliche Gründer. In Schweden erhalten Frauen gerade mal ein Prozent der Investments.

Warum ist das so?

Die meisten Leute, die auf dem Risikokapitalmarkt arbeiten, sind männlich. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es einfacher, mit jemandem zu verhandeln, der eher ist wie man selbst. Außerdem sind Frauen bescheidener, was die Risikobereitschaft anbelangt – Männer hingegen oft aggressiver.

Was tut Wellstreet gegen dieses Ungleichgewicht bei der Risikokapital-Förderung?

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, gerade Frauen und auch ethnische Minderheiten finanziell zu unterstützen. Deswegen durchleuchten wir unsere Unternehmer:innen also ganz genau und versuchen dann, den Frauen über ihre Bescheidenheit wegzuhelfen. Bei den männlichen Unternehmern versuchen wir eher das Gegenteil und holen sie mit nicht selten auf den Boden der Tatsachen zurück.

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