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Corona-Maßnahmen fallen: Der deutsche „Freedom Day“ löst in mir blanke Panik aus

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Von: Mika Engelhardt

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Besucher:innen feiern beim Sziget-Festival in Budapest
Nach dem „Freedom Day“ können Konzerte und Festivals viel einfacher wieder stattfinden. © dpa/Zoltan Balogh

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Im März ist es so weit: Auch in Deutschland steht eine Art „Freedom Day“ an. Die Querdenker feiern. Und bei mir bricht vor Angst der Schweiß aus.

Es hatte sich schon angekündigt. Und irgendwo kann ich es verstehen. Trotzdem sehe ich die kürzlich angekündigten Änderungen der Corona-Regeln, um Deutschland aus der Corona-Pandemie zu führen, sehr kritisch. Bis Ende März werden alle tiefgreifenden Eingriffe weitgehend abgebaut, einzig die Maskenpflicht soll uns erhalten bleiben. Nach zwei Jahren Pandemie kann ich die Erleichterung vieler Menschen nachvollziehen. Kleine Geschäfte, Lokale oder Theater leiden nach wie vor besonders unter den Einschränkungen. Und der Mob, der jede Woche durch die Straßen „spaziert“, könnte dadurch besänftigt werden.

Aber genau da beginnt meine Angst. Seien wir mal ehrlich: In Deutschland hatten wir es die gesamte Pandemie über bisher ziemlich gut. Einen richtigen Lockdown gab es nie. Vielleicht wurde hier und da mal eine Ausgangssperre über Nacht verhängt und einige Läden mussten schließen, aber nie waren wir an unsere Wohnungen gefesselt wie die Menschen in Spanien oder Portugal. Und jetzt dümpeln wir schon seit einiger Zeit in einer Phase der Quasi-Öffnung, in der nichts wirklich verboten ist. Das reicht aber schon, um gewisse Menschen von „Diktatur“ sprechen zu lassen.

Der „Freedom Day“ bedeutet das Ende der Einschränkungen. Das will ich gar nicht.

Ich bin nicht einer dieser Menschen. Ich fühle mich mit den aktuellen „Einschränkungen“ ziemlich wohl, denn ich fühle mich in keiner Weise eingeschränkt. Ich kann in ein Restaurant oder in eine Bar gehen, kann shoppen gehen, kann mich frei bewegen, kann alles tun, was ich will. Die Maske stört mich überhaupt nicht, sondern gibt mir das gute Gefühl, etwas für meine Gesundheit und die Gesundheit anderer zu tun. Ein negativer Test sorgt immer dafür, dass mir ein großer Stein vom Herzen fällt.

Ich kann meine Corona-Routine einfach fortführen, wenn die Maßnahmen gelockert werden. Aber das bringt natürlich nur bedingt etwas, wenn andere Menschen bald tun und lassen, was sie wollen. Das heißt nicht, dass ich alle Maßnahmen blind befürworte. Ob eine geimpfte oder eine tagesaktuell getestete Person im Restaurant sitzt, ist mir eigentlich egal, auch wenn ich die Ungeimpften als extrem unsolidarische Menschen empfinde und mich auch privat nicht unbedingt mehr mit ihnen treffen möchte. Aber ein Test ist ein Test, und sollte zu einem gewissen Maß an „Freiheit“ führen.

Nach dem „Freedom Day“: Ein paar Schwurbler:innen reichen aus

Trotzdem macht mir die Vorstellung, dass die wenigen Maßnahmen bald abgeschafft werden, richtig Angst, denn ich werde mit einem Gefühl der Hilflosigkeit zurückgelassen. Nicht nur finde ich die Inzidenz immer noch zu hoch für den „Freedom Day“, ich beobachte auch die Spaltung in der Gesellschaft kritisch. Bleiben wir fair: Die meisten Menschen sind sehr solidarisch und halten sich an die Regeln und selbst bei Kritiker:innen sollte man Unterschiede zwischen gerechtfertigt und ungerechtfertigt machen. Aber am Ende reichen nur wenige, maskenkritische, verschwörungsideologisch geprägte Menschen, um das sorgfältige Kartenhaus der Sicherheit zu Fall zu bringen.

Genau die bekommen jetzt Rückenwind, die eh schon laschen Maßnahmen noch weiter verwässern. Nehmen wir das Beispiel Kino, denn das ist die eine Sache, auf die ich nicht verzichten kann und für die ich mich freiwillig aus meiner Wohnung begebe. Aufgrund der Inzidenzen sollte aktuell in allen Kinos bundesweit 2G+ und Maskenpflicht am Sitzplatz gelten. 2G+ kann zumindest am Eingang kontrolliert werden und gibt abseits von Durchbruchsinfektionen ein trügerisches Gefühl der Sicherheit. Aber Maskenpflicht? Pustekuchen. Besonders bei Blockbustern pfeift das oft junge Publikum darauf und atmet fröhlich Viren aus.

Wie verhalten wir uns nach dem „Freedom Day“ gegenüber gefährdeten Menschen?

Öffnungsperspektiven aus der Politik bedeuten, dass bald noch weniger Grundlage für mich besteht, die Menschen zu bitten, ihre Maske zu tragen. Viel mehr habe ich Panik davor, was passiert, wenn die Maske fällt und ich mich dazu entscheide, sie zur Sicherheit weiterzutragen. Dass Querdenker:innen und Co. von aufdringlich bis mörderisch, wie am Beispiel von Idar-Oberstein, agieren können, haben wir in der Vergangenheit gesehen. Und ich habe keine Lust darauf, im Supermarkt oder in der Bahn von diesen Menschen in die Enge gedrängt zu werden, nur weil ich eine Maske trage.

Das sind natürlich hypothetische Gedanken, aber sie sind ziemlich realistisch. Bei mir ist es vielleicht nicht so schlimm, ich bin jung, gesund und geimpft. Aber wie muss es nur den Menschen gehen, die Immunschwächen haben und darauf angewiesen sind, dass andere Menschen sich solidarisch verhalten? Die könnten bald eingesperrt sein, weil sie das Risiko nicht eingehen können, mit Ungeimpften und Unmaskierten eng auf eng an der Supermarktkasse zu stehen. Bei all dem Gerede, man müsse auf Querdenker:innen zugehen, habe ich das Gefühl, dass solche Menschen immer vergessen werden.

Schaffen wir mit dem „Freedom Day“ einen Neustart für die Gesellschaft?

Und es ist schließlich nicht so, als wäre die Krankheit weg, nur weil die Maßnahmen aufgehoben werden. Corona wird uns jetzt für immer begleiten, und in dem Sinne verstehe ich, dass es irgendwann eine Perspektive geben muss, besonders wenn die Krankenhäuser einigermaßen leer bleiben und die Fälle scheinbar immer milder verlaufen. Aber trotzdem wird es mir nach zwei Jahren schwerfallen, mich von der Corona-Denkweise zu lösen. Ich fühle mich ganz wohl in dem Kokon, den ich mir gebaut habe, und eingeschränkt fühle ich mich, wie gesagt, auch nicht.

Am Ende heißt es also Daumendrücken, dass die Öffnungen für erneuten Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgen. Dass die Menschen, die sich jetzt über Öffnungen freuen, Verständnis für die aufbringen, denen es zu schnell geht. Für die 200.000 Neuinfektionen am Tag eben nicht nach einem Hinweis für Öffnungsschritte aussehen. Ich weiß schon jetzt, dass ich wahrscheinlich vergeblich hoffe. Auch ich muss an mir arbeiten. Aber ich habe Panik vor dem Moment, an dem ich ohne „rechtliche Rückendeckung“ Querdenker:innen entgegentreten muss. Aber was soll man machen? Man kann immer noch hoffen.

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