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3 Vorschläge, wie Deutschland ohne russisches Gas durch den Winter kommt

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Von: Jana Stäbener

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Dass wir Gas einsparen müssen, ist klar. Doch Forschende sind optimistisch. Sie haben drei Vorschläge, wie wir auch ohne russisches Gas durch den Winter kommen.

Der Ukraine-Krieg sorgte dafür, dass Russland seit Juni die Gaslieferungen über Nord Stream 1 zurückgefahren hat. Mittlerweile werden laut Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) noch etwa 20 Prozent der ursprünglichen Gasmenge geliefert, weshalb manche Städte aufgrund der Gaspreis-Krise sogar Wärmehallen für Bedürftige einrichten, was auf Twitter für viel Unverständnis sorgt. Verfassungsschutzchef Jörg Müller warnt sogar, dass Extremisten die Energiekrise und die hohe Inflation im Rahmen eines „Wutwinters“ ausnutzen könnten.

Russland begründete die gedrosselte Gaslieferung immer wieder mit einer fehlenden Turbine. Die deutsche Ampel-Regierung widersprach dem jedoch – das Einstellen der Gaslieferungen sei viel mehr ein politisches Statement, so Robert Habeck (Grüne) und warf Gazprom Willkür vor. Um zu beweisen, dass die Turbine da ist und nur eingebaut werden muss, besuchte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die Gas-Turbine in Mülheim an der Ruhr und wurde dafür auf Twitter ausgelacht.

Gas einsparen: Gasverbrauch in Deutschland muss um „mindestens 20 Prozent“ zurückgehen

Frau sitzt in Decke an Heizung und spart Gas ein.
Laut Forschenden der Universität Bonn und Köln muss Deutschland 25 Prozent Gas einsparen, um über den Winter zu kommen. © photothek/IMAGO

Doch mit seinem Presse-Besuch konnte Scholz Gazprom nicht umstimmen – die Verschiffung der Turbine ist laut dpa immer nicht sicher. Auch die Alarmstufe des Notfallplans Gas ist damit noch nicht vom Tisch. Die hatte das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) am 23. Juni ausgerufen. In regelmäßigen Abständen informiert die Bundesnetzagentur über die aktuelle Lage der Energieversorgung. Aktuell heißt es (Stand 5. August): Die Gasversorgung und Versorgungssicherheit in Deutschland sei im Moment noch stabil.

Damit dies so bleibe, müssten der Gasverbrauch in Deutschland um „mindestens 20 Prozent“ zurückgehen „also viel mehr als bislang“, sagt der Chef der Bundesnetzagentur Klaus Müller der Welt am Sonntag. Um Gas einzusparen, schloss Müller laut dpa auch längere Laufzeiten für Atomkraftwerke nicht aus – ein Greenpeace-Experte hält dagegen: „Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke ist Unsinn!“

Aber was können wir denn nun wirklich tun, um ohne russisches Gas durch den Winter zu kommen? Heizlüfter sind hier schließlich keine Lösung – hier 11 Tweets, mit denen Leute auf den Heizlüfter-Boom reagieren: „Habt ihr se noch alle?“ Mit der Frage beschäftigen sich auch Forschende der Universitäten Bonn und Köln und veröffentlichen Forschungsergebnisse zur Frage, wo man am ehesten Gas einsparen könnte. Wir erklären die drei wichtigsten Stellschrauben, an denen wir laut den Wissenschaftler:innen drehen müssen.

3 Vorschläge, wie Deutschland Gas einsparen kann

Hauptergebnis der Studie: Die deutschen Gasspeicher müssen zu jedem Zeitpunkt zu 20 Prozent gefüllt sein, um einen Puffer für einen kalten Winter oder weitere Lieferunterbrechungen zu haben. Laut Bundesnetzagentur liegt der Gesamtspeicherstand in Deutschland momentan bei 70,39 Prozent. Um von diesem Vorrat im Winter nicht zu viel zu verbrauchen, muss Deutschland laut den Forschenden aus Bonn und Köln bis zum Ende der kommenden Heizperiode etwa 25 Prozent (210 TWh) Gas einsparen. Das sind von August bis Ende April durchschnittlich 23 TWh pro Monat. Eine Terawattstunde TWh ist die Einheit, in der Energie gemessen wird. 

In diesem Werbevideo wird mit schönen Frauen und billigem Gas für das Auswandern nach Russland geworben – dort sei Energie noch billig, heißt es. Doch auch in Deutschland sei die Situation nicht ausweglos: „Deutschland kommt ohne russisches Gas durch den Winter, Panikmache ist fehl am Platz“, sagt Moritz Schularick, Professor beim Exzellenzcluster ECONtribute an der Universität Bonn. Mit seiner Studie nennen er und sein Team drei Stellschrauben, an denen die Politik drehen müsste, damit wir ohne russisches Gas durch den Winter kommen.

1. Verbrauch von Gas in der Stromerzeugung reduzieren

Hier sehen die Studienautor:innen etwa 6-7 TWh Einsparpotential pro Monat. Grund dafür: Existierende Reserven wurden nicht ausgenutzt und Braun-/ sowie Steinkohlekraftwerke gingen bisher nicht ans Netz, um bei der Stromerzeugung zu unterstützen. Ab Oktober sollen Braunkohlekraftwerke vollumfänglich ans Netz gehen, was dann übergangsweise wieder die Stromerzeugung erleichtere. Auch über eine Laufzeitverlängerung der verbliebenen Atomkraftwerke sollte nachgedacht werden, so die Forscher:innen – diese hätten sie jedoch nicht in ihre Studie einberechnet.

2. Verbrauch von Gas zur Gebäudeheizung verringern 

Das Beheizen von Gebäuden macht den Großteil des Gasverbrauchs in den Wintermonaten aus – deswegen sei das Sparpotential hier besonders hoch, sowohl bei Privatpersonen, als auch im gewerblichen Sektor. Rund 15 Prozent könnten hier gut eingespart werden. Rechnet man das auf die Heizperiode hoch, wären das also auch etwa 6-7 TWh pro Monat.

Dafür müsste laut der Forschenden die Raumtemperatur um bis zu 2,5 Grad sinken. Das gelinge, wenn man beispielsweise weniger Räume beheize oder bestimmte Räume nur kurzzeitig heize. Kurzfristig umsetzbare Investitionen wie smarte Thermostate, die Isolierung von Fenstern und Türen oder die Anpassung von Heizungsanlagen könnten hier helfen. Auch mehr Home-Office oder veränderte Ladenöffnungszeiten, könnten helfen, Heizungsenergie zu sparen.

Dazu seien aber starke finanzielle und nicht-finanzielle Anreize nötig, so die Forschenden. Wirtschaftspolitisch sei es deswegen sinnvoll, dass Gas- und Stromverträge so angepasst würden, dass Verbraucher:innen zum Gassparen verleitet werden – „Kompensation nach Vorjahresverbrauch“, heißt das Modell der Forscher:innen.

3. Gasverbrauch in der Industrie reduzieren und substituieren

„Die verbleibenden 90 TWh (bzw. 10 TWh pro Monat) wird die Industrie einsparen müssen“, heißt es in der Studie. Hier sei eine Reduktion von 25 Prozent notwendig. Hierfür müsste die Politik stärkere Preissignale setzen. Wichtig sei, dass Unternehmen ihr Gas und „gasintensive Produkte“ aus anderen Ländern beziehen – „neue Lieferketten aus dem Nicht-EU-Ausland gilt es zu fördern“, so die Forschenden.

Man müsse hier jedoch mit temporären Produktionsrückgängen im verarbeitenden Gewerbe rechnen – vor allem in der chemischen Industrie. Die mache jedoch schon vor, wie es besser gehe: Die Firma BASF in Ludwigshafen beispielsweise könne durch Heizöl bereits etwa 15 Prozent des für die Strom- und Dampferzeugung benötigten Erdgases ersetzen. Andere große Unternehmen wie der Autohersteller Mercedes-Benz sehen bei Erdgas ein Reduktionspotenzial von 50 Prozent „wenn regionales Pooling ermöglicht wird.” [„Pooling“ bezeichnet das digitale Zusammenschalten von Stromerzeugungsanlagen, verschiebbaren Lasten und Speichern zu einem Verbundsystem, einem sogenannten virtuellen Kraftwerk.]

Unternehmen spüren zwar die Auswirkungen von Gaskrise und Inflation, aber dass die Preise überall explodieren – ist das nur Inflation oder werden die Unternehmen gierig?

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