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Wie es ist, während der Corona-Pandemie 30 zu werden (schrecklich!)

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Eine lange Geburtstagstafel und eine Geburtstagstorte.
Die Autorin erzählt von ihrem 30. Geburtstag während der Pandemie. © Molly Fairhurst für BuzzFeed News

Der Monat vor deinem 30. Geburtstag war ein nicht endender Sturm schlechter Nachrichten. Du versuchst, den Kopf oben zu halten, weil du deinen Geburtstag liebst – du bist schließlich Wassermann. Aber vor allem ein Narzisst, also sollte es genau dein Ding sein. Stattdessen fühlt es sich an, als ob du deine Stirn gegen sehr kaltes Glas drückst und nur darauf wartest, dass es zerbricht und dich in eine Million kleine Stücke zerschneidet.

Eine Girlande mit den Buchstaben Depression
Depression © Molly Fairhurst für BuzzFeed News

Du befindest dich im zweiten Jahr der Quarantäne, dank der Pandemie, die du anfangs als „nur eine schlimmere Grippe“ abgetan hast. Jeden Tag machst du deinen blöden, depressiven Spaziergang mit deiner blöden Maske und denkst an dein blödes kleines Gehirn und wie es dich für einen flüchtigen Moment davon überzeugt hat, dass das hier alles nicht real ist. Du hast weder deine Familie noch die meisten deiner Freunde seit Anfang 2020 gesehen, denn du, ein Genie, hast dich dazu entschieden aus Toronto wegzuziehen, nach New York, ein Jahr vor der Pandemie. Und jetzt fühlst du dich an einem Ort gefangen, der zwar wie zu Hause aussieht, aber sich völlig fremd anfühlt. Wenn du nach Supermärkten googelst (Du kennst natürlich keine der Ketten), um Bucatini-Nudeln zu finden, findest du nur einen Weinladen, der nichts außer sechs Jahre alte Limettenchips verkauft. Deine Nichte ruft dich an und sagt, dass sie sich kurze Videos von dir im Internet angeguckt hat, weil sie es vermisst, dein Gesicht zu sehen oder deine Stimme zu hören. Dir wurde zwar noch nie mit der Faust ins Gesicht geschlagen (was überraschend ist, weil du es mehr als einmal verdient gehabt hättest), aber wahrscheinlich fühlt es sich genau so an.

Jedes Wochenende sitzt du in einer durchsichtigen Blase bestehend aus Kunststoff und Reißverschlüssen, innen drin ein kleiner Terrassentisch, ein Stuhl und eine Heizung. Deine Knöchel brennen, dein Kopf ist eiskalt. Du bist zu gechillt – im wahrsten Sinne des Wortes - um das Betrunkensein überhaupt richtig genießen zu können. Du nimmst zitternd einen Schluck deines Corpse Reviver No. 2, einem sogenannten Katerdrink, und denkst dir dabei, dass alles in Ordnung ist.

Drei Wochen vor deinem Geburtstag stirbt deine Tante Veena Masi in Indien, einem Land, das dir einst sagte, dass du dort hingehörst, nur um dir dann kurz vor der Pandemie das Einreisevisum zu verweigern. Die Leute sagen einem, dass die abgesagte Reise eine gute Nachricht war– “Stell dir vor, du würdest jetzt in Indien feststecken!” Es ist ein kleiner Trost – denn du bist sicher, dass sie dich aufgrund eines Artikels, den du ein Jahr zuvor geschrieben haben, abgelehnt haben, in welchem du die indische Regierung und ihren Umgang mit Kaschmir kritisiert hast, aber nichtmal das weißt du sicher. Deine Tante war eine kleine, lebhafte Frau, die zwar sehr schlecht Englisch sprach, aber immer deine Hände in ihre legte und dir sagte, dass du wie deine Mutter aussiehst. Sie war ein Jahr jünger als deine Mutter, die dich aus Kanada anruft und ins Telefon weint. Ihre Familie schrumpft. Sie hat das alles nicht kommen sehen. Du willst zu ihr rennen, ihr Chai machen und deinem Vater helfen, aber das kannst du nicht, denn da ist eine Pandemie, und ausversehen deine Mutter zu töten scheint schlimmer, als sie vor deinen Augen auf FaceTime leiden zu lassen. “Meine Kindheit ist vorbei”, sagt sie. Du bist still und hörst zu, denn du weißt genau, dass die unerträgliche Trauer deiner Mutter ebenso eine Erinnerung an dich ist, dass auch deine Kindheit vorbei ist.

Der Hund deiner Nichte, Steven “Steve” Roger Koul, ein Dackel, den dein Bruder bekam, als du in der 11. Klasse warst, wird langsam älter. Er isst nicht, er wirkt desorientiert und sein Gesicht ist schon größtenteils grau. Die meisten seiner Zähne mussten gezogen werden, also schaut er nun mit der Zunge aus dem Mund durch den Raum. Es ist süß, aber trotzdem ein Vorbote des Untergangs. Er ist ein alter Mann, aber du hoffst trotzdem, dass er das Jahr übersteht. Du denkst daran, wie du dich mal drei Wochen um ihn gekümmert hast, und er auf den Küchentisch gesprungen ist, um dein Mittagessen zu essen, und das Tag für Tag. Du weinst, weil er jetzt überhaupt keine Sandwiches mehr essen kann.

Obwohl du jeden Tag zehn bis 13 Stunden an deinem Laptop sitzt, hast du so gut wie keine Fortschritte mit deinem Buch gemacht. Du hast es ein Jahr vor der Pandemie verkauft, eine Sammlung von Essays über. . . was war es noch mal? Kämpfen? Kämpfe? Ein Arschloch zu sein? Vielleicht auch alle drei. Aber du hast einfach komplett das Gefühl verloren wer du bist, und das macht das Schreiben über sich selbst unmöglich. Wenn du die Gedanken deiner eignen Erzählung liest und dir nur denkst: Gott, hasse ich diese Frau. Du fragst dich, ob du deinem Verleger das Geld zurückgeben solltest, oder einfach etwas so Polarisierendes sagst, dass sie es von selbst kündigen. (Aufzeichnungen in deinem Notizbuch während eines Brainstorms: “Mord? Rassistisch gegenüber einer Ethnie äußern? Versuchen, die Rote Angst vor dem Kommunismus wieder heraufzubeschwören?”)

Du lässt dir die Haare schneiden, weil du dich besser fühlen willst. Am Ende sieht es aus als ob Steve an deinen Haaren rumgekaut hat. Du rufst deine Freundin Barb an, die dir mit ihren traurigen Augen mitteilt, dass hier nichts mehr zu machen ist – so wird dir dann richtig klar, dass alles auseinanderfällt. Du weinst drei Tage lang und dein Mann, der normalerweise frech und selbstbewusst ist, steht unbeholfen in der Schlafzimmertür und schaut dich erschüttert an. “Aber ich mag den Pony”, mehr zu sich selbst als zu mir.

Eine Girlande mit den Buchstaben Anger
Wut © Molly Fairhurst für BuzzFeed News

Steve muss zwei Wochen nach dem Tod deiner Tante eingeschläfert werden. Deine Nichte kommt damit besser zurecht als alle Erwachsenen; sie ruft dich in einem Tiger Onesie an und versucht, dich mit Plattitüden zu trösten. „Er war alt, Boo”, sagt sie. „Seine Zeit war gekommen.” (Sie ist noch klein genug, um dich Boo zu nennen, aber wird sich das auch irgendwann ändern?) Sie fragt, ob ihr noch Videospiele zusammenspielen könnt – ein Hoffnungsschimmer, dass sie noch jung genug ist, um von diesem traurigen Moment nicht für immer gezeichnet zu sein. Muss diesem kleinen Mädchen wirklich alles zur gleichen Zeit weggenommen werden? Sie ist wieder im Homeschooling, wie Kinder überall auf der Welt, und sie hasst es. Sie kann nicht einmal ihre Großeltern umarmen, das versteht sie, aber ihre Großeltern tun es irgendwie nicht, obwohl sie 60 Jahre älter sind als meine Nichte. „Nur eine Umarmung”, sagt dein Vater, als sie zu Besuch kommt, draußen, mit einer Maske, viele Meter voneinander entfernt. „Ich werde dich in eine Decke einwickeln und dich dann umarmen.” Deine Nichte wird wütend, weil dein Vater die Regeln ignoriert. „Verstehst du das nicht?” schreit sie ihn an, ihr rosa Gesicht wird rot. „Ich könnte dich umbringen!”

Die ältere Schwester deiner Mutter bekommt Covid, also ruft sie an, um darüber zu reden, anstatt über die Knieoperation, die sie dringend braucht. Sie schickt dir das wein-lachende Emoji, anstatt des weinenden Emojis, das du ausnahmsweise nicht sehr lustig findest.

Was allerdings ein bisschen lustig ist, ist dass die Leute, ab dem Punkt wo du 30 wirst, aufhören, dich für außergewöhnlich zu halten. Wenn man jung und kompetent ist, behandeln sie einen wie ein Wunderkind. Es ist beeindruckend, dass du deinen Job richtig machen kannst, dass du deine Schulden bezahlen kannst, dass du gesunde Beziehungen aufbaust. Aber sobald du 30 bist, tust du nur, was von dir erwartet wird. Es ist alles alltäglich, deine halb aufgeräumte Wohnung, dein Regal voller Bücher, von denen die Besucher erwarten, dass du sie tatsächlich gelesen hast. Das erscheint mir unfair. Du realisierst, dass du die nächsten Jahre damit verbringen wirst zu akzeptieren, dass du nicht mehr jung genug bist, um als interessant oder überzeugend gesehen zu werden, und nicht alt genug, um echte Macht oder ein fortgeschrittenes Selbstbewusstsein zu haben. Niemand lobt dich mehr, weil du ein Bügeleisen besitzt. Wer interessiert sich für dein durchschnittliches Buch in deinem durchschnittlichen Alter?

Dein Pony wächst sich langsam raus, aber horizontal. Du siehst aus wie Präsident eines My Chemical Romance-Fanclubs. Eigentlich würdest du gerne sterben, aber du musst dankbar sein dafür, dass du kein Corona hast, dass es den meisten in deiner Familie gut geht, dass du gesund bist, dass du lebst. Es ist eine dumme Liste – was ist das für ein Leben, wenn man einfach nur dankbar sein muss dafür, nicht die ganze Zeit alles zu verlieren. Du knirschst so hart mit den Zähnen, dass die Rückseite deines Vorderzahnes abplatzt. Anstatt zum Zahnarzt zu gehen, verbringst du Tage damit, so lange deine Zunge daran zu reiben, bis sie blutet. Du postest ein Foto deines grauenvollen Haarschnitts auf Instagram, als Versuch, dich selbst darüber lustig zu machen, denn das ist der einzige Weg, den du kennst, um mit dieser Kleinigkeit umzugehen. Am Ende hast du deine eigenen Gefühle verletzt, als dir ein Fremder schreibt, dass er Vokuhilas bei braunen Frauen liebt. Du löschst das Foto und schreibst auf die nächsten sieben Seiten deines Tagebuchs “FUCK”.

Eine Girlande mit den Buchstaben Bargaining
Verhandlung © Molly Fairhurst für BuzzFeed News

Eingehüllt in deine eigene Trauer über die Pandemie - und den Gedanken, 30 zu werden, von dem du entschieden hast, dass es nur ein Gedanke bleibt, weil du nicht wirklich daran interessiert bist, tatsächlich 30 zu werden – wirst du dem erst wieder entrissen, wenn der Onkel und Cousin deines Mannes kurz hintereinander sterben. Er ist stundenlang am Telefon, mit einer Familie, die er nicht umarmen kann, mit all den Cousins, die ihm so ähnlich sehen. Während er durch seine Tränen hustet, blickst du wütend auf den kleinen Hindu-Schrein, den du in deinem Bücherregal gebaut hast. Du bist nicht religiös, aber dieses Jahr hat dich so verzweifeln lassen, dass du regelmäßig eine Kerze zu Füßen der Gottheiten angezündet hast, und ihnen dabei verschiedene Deals angeboten: Wenn ihr niemanden tötet, könnt ihr mich zwingen, diesen grauenvollen Haarschnitt auf unbestimmte Zeit zu behalten. Wenn ihr sicherstellt, dass niemand in meiner Familie verletzt wird, bevor wir sie wiedersehen können, nehme ich ein paar Schulden auf mich. Aber keine, wie Erika Jayne sie hat. (Die US-Sängerin, auch bekannt aus „The Real Housewives of Beverly Hills“, hat laut Medienberichten 100 Millionen Dollar Schulden. Anm. d. Red.) Ein bisschen Schulden. Süße Schulden. Schulden, über die ich später Witze machen kann.

Wenn dein Mann schläft, marschierst du zu den fünf Gottheiten. „Ich dachte, wir hätten einen Deal? Ich dachte, etwas Nag Champa (Duftrichtung indischer Räucherstäbchen, Anm. d. Red.) anzuzünden und zu erwägen, dienstags kein Fleisch zu essen, war der Preis??“ Sie sagen nichts. Du fragst dich, ob du dich vielleicht stattdessen einer Sekte anschließen solltest.

Die Nichte deines Mannes erkrankt an Covid-19, weil sie in diesem ganzen Jahr der Qual immer noch zur Arbeit gehen muss. Er ärgert sich leise über sie, auch wie weit sie von zu Hause entfernt ist und wie niemand da ist, der sich um sie kümmert. Sie ist auf dem College, sie sollte Spaß haben. Wie alles, fühlt sich auch das einfach nicht fair an.

In der nächsten Woche erhältst du deine erste amerikanische Steuererklärung: unglaubliche 10.000 Dollar. Du kannst es bezahlen, aber gerade noch so und auch nur so, dass dir jetzt schlecht wird, wenn du daran denkst, deine Banking-App zu öffnen. In derselben Woche erholen sich die Nichte deines Mannes und deine Tante innerhalb weniger Wochen nach den ersten Symptomen. Du spürst Lakshmis (hinduistische Göttin des Glücks, Anm. d. Red.) Augen auf deinem Rücken, ihr Gesicht wie in Porzellan gegossen. Du bittest, ich liefere.

Eine Girlande mit den Buchstaben Denial
Verweigerung © Molly Fairhurst für BuzzFeed News

Da die Pandemie weitgehend alles in deinem Leben gestoppt hat - außer, angeblich, das Verstreichen der Zeit - ist die größte Party, die du zu deinem Geburtstag schmeißen kannst, mit deinem Mann zu einem kleinen Haus zu fahren, das du für ein langes Wochenende gemietet hast. Es ist eine Backsteinhütte in einer Wohnanlage, die nach ein paar Stürmen mit Eis bedeckt ist, was das Verlassen des Hauses echt schwierig macht. Der Besitzer ist Kriminologe und war früher Antiquitätenhändler, was dem Haus ein bestimmtes „Hier wurde mal jemand ermordet“-Gefühl verleiht. Das Wohnzimmer riecht nach Mottenkugeln und steht voll mit mehr rostigen Teleskopen, als du wusstest, dass es überhaupt gibt. Ein Bücherregal ist komplett voll mit Muscheln und Teilen davon. Die Küche ist ein reines Chaos. Es gibt ein ganzes Regal nur für gold-umrandete Kelche, zwei Öfen, die sich nicht ausschalten lassen und immer bei derselben, aber uns nicht bekannten Temperatur blieben, was das Kochen zur Zauberkunst werden lässt. An der Wand hängt ein Telefon aus den 1880er Jahren, das nicht funktioniert, wahrscheinlich weil das Haus nicht will, dass du um Hilfe rufst. Ein guter Ort, wenn man über das Leben und den Tod nachdenken will.

Du ziehst an der Schnur, die zum Dachboden führt, und findest zwei Einzelbetten vor, dazu einen Haufen Pelze. Es stehen Schränke mit dicken, verschlossenen Schlössern rum.

Aber wen kümmert‘s? Diese Reise ist umsonst, weil du ja nicht wirklich 30 wirst. 30 Jahre alt zu werden würde ja bedeuten, dass das Jahr, das du in Quarantäne verbracht hast, überhaupt gezählt hat. Es würde bedeuten, dass die Zeit normal weitergegangen ist, was ganz eindeutig nicht der Fall ist. Es wird durch die Tatsache belegt, dass du das Haus seit Monaten nicht verlassen hast. Du warst zu Beginn der Pandemie 29, es ist also unmöglich, dass du 30, oder sogar 31 bist, wenn die Pandemie wieder vorbei ist.

Du bist in einer Familie aufgewachsen, in der du jeden Abend anrufen musstest und jeden deiner Urlaubstage nutzen musstest, um nach Hause zu kommen. Natürlich hast du noch angerufen, klar, aber die Gespräche sind immer dieselben, es gibt nie Neuigkeiten, nie neue Geschichten zu erzählen. Du bist einfach nur glücklich, dass deine Eltern am Leben sind und dir zuliebe Heiterkeit vorspielen. Keine Nachrichten, kein Fortschritt, keine Zeit vergangen. Das ist also nicht wirklich dein 30. Geburtstag. Du hast noch Zeit, es auf eine „30 Under 30“-Liste zu schaffen, denn dieses Jahr zählt nicht.

Am Tag vor deinem Geburtstag stürmst du aufgeregt mit einem Plan zu deinem Mann. „Lass uns morgen Drogen nehmen“, sagst du und hüpfst leicht auf deine Zehen, während er sich in der Küche mit dem Herd abmüht, der immer an ist. Er macht Cassoulet (Bohneneintopf, Anm. d. Red.), genauso wie dein Lieblingsrestaurant in Toronto es macht. Schon seit Tagen gart er die Ente, kocht Ragù, toastet Brotkrumen und schmort Wurst. „Willst du wirklich an deinem Geburtstag drauf sein?“, fragt er. Wer weiß. Du wolltest vor allem ein Buch fertig schreiben. Aber das ist es halt, was junge Leute tun, und du bist immer noch jung, weil du noch nicht 30 bist.

„Wir können schon“, sagt dein Mann und rührt die Bohnen, die bereits seit 16 Stunden kochen. „Aber ich habe dieses tolle Essen gemacht, und ich möchte, dass du es genießen kannst.“ Er schaut dich besorgt und verwundet an, dass du dich nicht von deinem allgemein strammen Appetit leiten lässt. „Du hast Recht“, sagst du ihm, und lässt ihn mit einem kurzen Kuss auf die Wange zurück zu seinen Bohnen gehen. Du verbringst einige Zeit auf dem Dachboden und suchst aufgeregt nach einer Leiche. Du kannst nicht immer dagegen ankämpfen, wer du bist.

Eine Girlande mit den Buchstaben Acceptance
Akzeptanz © Molly Fairhurst für BuzzFeed News

Am Morgen deines Geburtstags wachst du auf und dein Mann präsentiert dir Videos von allen, die du kennst und liebst, die dir alles Gute zum Geburtstag aus ihren Teilen der Welt wünschen, die alle voneinander entfernt sitzen, aus Angst vor dem Tod. Er schenkt dir einen wirklich überteuerten Föhn. Du bist 30. Es fühlt sich okay an. Wenn du ein Foto von dir auf Instagram postest, auf dem du dein Alter akzeptierst, wirst du mit Komplimenten überhäuft: „Du siehst so viel jünger aus!“ oder „Ich dachte, du wärst älter, du bist so erfolgreich!“ Beide sind auf unterschiedliche Weise befriedigend, und du freust dich wie ein Honigkuchenpferd.

Ein paar deiner besten Freunde haben einen Video-Call für den Nachmittag geplant. Sie sind deine Freunde, aber die Nähe, die du zu ihnen fühlst, selbst nach genau einem Jahr Abstand, gibt dir das Gefühl, als ob es ein besseres Wort für sie geben sollte, eines, das verdeutlicht, wie sie dich während des Tiefpunkts deiner anhaltenden Depression am Leben gehalten haben.

Du unterhältst dich stundenlang mit ihnen, währenddessen leerst du eine Flasche Wein. Irgendwann wirst du müde und versuchst, dich zu verabschieden - jeder hat diese Meeting-Müdigkeit, und du willst es für die anderen Gesichter, die du in diesen kleinen schwebenden Würfeln siehst, nicht schlimmer machen. Menschen, die in einer ähnlich emotionalen Tundra stecken und auf eine Art der Befreiung warten. Aber plötzlich schalten alle deine Freund:innen ihre Mikrofone auf stumm, einer nach dem anderen verlässt dann das Meeting. Am Ende bleibt nur noch Seb übrig, er schaut dich an, während er auf seinen Nägeln kaut. „Ich schicke dir einen neuen Link“, sagt er und verschwindet dann selbst.

Als du auf den neuen Link klickst, wirst du zum offiziellen Zoom-Konto der University of Minnesota weitergeleitet. Ein Fehler? Ein Streich vielleicht? Keiner deiner Freund:innen ist dumm genug, einen solchen Fehler zu machen, und keiner von ihnen ist grausam genug, dich an deinem Geburtstag in einen Wirtschaftskurs für Erstsemester zu schicken. Plötzlich kannst du das Greifvolgelzentrum der Universität erkennen. Und was noch wichtiger ist, dass du eine Eule namens Ricky sehen kannst, die unter Rachitis leidet (eine Knochenkrankheit, Anm. d. Red.), die zu deinem Geburtstag engagiert wurde, eine ganze Maus zu essen. Ricky schreit kurz und verschlingt die Maus dann in drei Bissen. Es ist entsetzlich. Du warst noch nie in deinem Leben so glücklich. Stell dir vor, du hättest so viel Glück, dass deine Freunde – diese Menschen, die du vor einem Jahrzehnt oder noch länger kennenlernt hast – genau wissen, was du willst: Nämlich zu beobachten, wie eine Eule eine Maus zu deinen Ehren verputzt.

Das Cassoulet ist perfekt. Du isst drei Portionen. Du und dein Mann schlafen gemeinsam ein – umeinander geschlungen, wie zwei Bäume, die gelernt haben, umeinander herum zu wachsen. Vielleicht ist es Liebe, vielleicht machst du dir Sorgen, dass etwas aus dem Dachboden kriechen und dich töten wird. Aber wen interessiert es. Es ist einfach ein gutes Gefühl.

Monate später - das Eis schmilzt schon - hält deine Freundin Jenna beim Abendessen am Tisch in Bushwick deine Hand. Sie weint, weil auch bei ihr 30. Geburtstag vor der Tür steht. So vieles wollte sie zuvor noch erlebt und erledigt haben, doch auch ihr haben die letzten anderthalb Jahre einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie tupft auf ihren makellosen Lidstrich, um zu verhindern, dass er ihr über die Wangen läuft. „Alles wird gut“, sagst du ihr und drückst ihre Hand. „Es ist nur ein Geburtstag. Es gibt Schlimmeres.“

Deine Nichte bekommt einen neuen Hund, einen kleinen Welpen, Beans (dt. Bohnen) nennt sie ihn. Seit Jahren nennst du deine Nichte „Bean“, die Bohne. Jetzt gibt es also Bean und Beans, zwei kleine Racker, die du sehr liebst. Steve lebt in Beans schrillem Bellen und unbändiger Freude weiter

Du schickst ein paar Seiten aus deinem Buch an deine Lektorin, endlich. Ein Jahr, nachdem sie dich per Mail gebeten hat, ihr das Manuskript zu schicken. „Du hast recht, deine Zeilen sind ohne Zusammenhang und ungeordnet. Und doch ist da was“, sagt sie dir. Bist du erleichtert? - Vielleicht – ganz aufzuhören wäre aber auch nicht schlecht gewesen.

„Das Problem ist wohl, dass du noch so schreibst, wie vor der Pandemie. Doch das funktioniert nicht, denn dieser Mensch bist du nicht mehr. Und ich weiß nicht, ob du den Menschen magst, zu dem du geworden bist. Wie sollst du über jemanden schreiben, den du nicht magst?“ Du ziehst an der grauen Haarsträhne, die neuerdings an deiner Schläfe wächst.

„Wenn du mich fragst“, schreibt sie „Mir gefällt, wer du geworden bist. Ich finde sie großartig.“ Es ist Jahre her, dass du dich selbst gemocht hast, noch länger, seit du es in Worte fassen kannst. Einmal hast du es geschafft, vielleicht gelingt es dir wieder. Diesen Nachmittag verbringst du mit deinem neuen „Ich“ und machst dich wieder an die Arbeit.

*Autorin ist Scaachi Koul. Der Artikel erschien am 24. Novemeber 2021 auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Max Kienast.

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