1. BuzzFeed
  2. News

Genderneutrale Toiletten an Schulen: So sieht es in 10 großen deutschen Städten aus

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Pia Seitler

Kommentare

Junge wäscht sich die Hände und Schild zum Klo zeigt „Klo für Alle“.
An einigen Schulen in deutschen Städten gibt es das „Klo für Alle“ bereits. ©  Westend61/Imago/privat

An Schulen in Zürich gibt es künftig dreigeteilte Toiletten. Wie sieht es in deutschen Städten aus? Haben sich genderneutrale Toiletten dort schon durchgesetzt?

In neugebauten Schulen in Zürich gibt es künftig drei verschiedene Toiletten und Garderobenräume. Das heißt, es wird in WCs für Mädchen, für Jungs und in genderneutrale Toiletten unterteilt, die dann alle Schüler:innen benutzen dürfen, berichtet der Schweizer Tages-Anzeiger. Bedürfnisse von trans*-Schüler:innen sollen damit stärker berücksichtigt und diskriminierende Situationen verhindert werden.

Wie ist die Situation an deutschen Schulen? Eine Recherche von BuzzFeed News Deutschland gibt einen Einblick in die Pläne deutscher Städte.

Wer in Restaurants, Kinos, Museen, an Unis, Schulen oder im Büro auf die Toilette geht, muss sich meistens entscheiden: Männer- oder Frauen-WC. „Viele inter*, trans*, nicht-binäre und gender-nonkonforme Personen machen diskriminierende und gewaltvolle Erfahrungen auf solchen Toiletten und Umkleiden“, heißt es auf der Webseite „Regenbogenportal“ zu gleichgeschlechtlichen Lebensweisen und geschlechtlicher Vielfalt der Bundesregierung. Personen berichten davon, dass sie misgendert, angestarrt oder sogar beschimpft werden. „All-Gender-Toiletten“ oder auch genderneutrale Toiletten, wie sie jetzt beim Schulbau in Zürich eingesetzt werden, können Diskriminierungen und Ängste abbauen, denn einfach alle können sie unabhängig ihres Geschlechts nutzen.

Mangelndes Wissen und Unsicherheit mit dem Thema Trans* an Schulen

Auch wenn trans* Menschen in politischen Debatte und der medialen Berichterstattung sichtbarer werden und die Ampel ein Selbstbestimmungsgesetz plant, über das wir mit der Grünen-Politikerin Tessa Ganserer gesprochen haben, kann Trans*-Sein in Deutschland noch immer schwer sein. Befragte für einen Forschungsbericht zu Lebenssituationen und Bedarfe von jungen Trans*-Menschen kritisierten mangelndes Wissen und Unsicherheit im Umgang mit dem Thema Trans*, insbesondere an Schulen und Fachschulen.

BuzzFeed News Deutschland wollte wissen, wie die Situation hinsichtlich genderneutralen Toiletten an deutschen Schulen ist. Da in Deutschland die Schulträger für den Bau und die Sanierung von Schulgebäuden zuständig sind, hat BuzzFeed News Deutschland in mehr als zehn der größten Städte nachgefragt, wie sie zu genderneutralen Toiletten an Schulen stehen und was sich bereits getan hat.

1. Frankfurt

„Die Stadt Frankfurt befasst sich als Schulträger schon länger mit der Frage genderneutraler Toiletten“, heißt es auf BuzzFeed News Anfrage von SPD-Stadträtin Sylvia Weber. So steht im Planungsrahmen für weiterführende Schulen: „Die Einrichtung von Einraum-Toiletten hat sich in vielen Schulen in Deutschland und im europäischen Ausland bewährt und wird auch für Frankfurt favorisiert.“ Im Mai 2022 habe sich außerdem die Stadtverordnetenversammlung im Rahmen der Leitlinien für inklusives Bauen von Schulen mit dem Thema beschäftigt. Wenn eine Schule neu gebaut, oder erweitert wird, werde dies mit der Schulgemeinde durchdacht und diese habe nun die Möglichkeit, genderneutrale Toiletten zu planen, sei es im kompletten Neubau oder nur in Teilen, wenn das ihr Wunsch ist.

Der Stadtschüler:innenrat Frankfurt findet die Einführung von zusätzlichen genderneutralen Toiletten in den Schulen in die städtischen Planungsrichtlinien gut. „Diese muss aber auch in der Praxis angewendet werden“, sagt Stadtschulsprecher Hannes Kaulfersch gegenüber BuzzFeed News Deutschland. Er findet es wichtig, dass sich alle in der Schule wohlfühlen können. Binäre Sanitäranlagen können jedoch bei einigen Schüler:innen Unwohlsein auslösen, so Kaulfersch. Weshalb er vorschlägt, im Zuge von Sanierungsmaßnahmen und bei Neubauten sollten genderneutrale Toiletten mitgedacht werden.

Feedback der Schüler:innen auf genderneutrale Toiletten an ihren Schulen ist positiv

„Für viele Personen ist es schwierig, sich andauernd in zwei Kategorien einzuordnen. Vor allem Personen, die trans* oder inter sind, haben Probleme bei der Wahl einer Toilette. Sie werden oft weder auf Damen- noch Herrentoiletten akzeptiert oder fühlen sich dort unwohl“, sagt auch Florian Ulrich, Schulsprecher der Schillerschule in Frankfurt. An seiner Schule gibt es seit etwa einem Jahr schon das „Klo für Alle“. Eine Einzelkabine – früher eine Lehrer:innentoilette – die regelmäßig von allen an der Schule genutzt werde. „Das Feedback ist durchweg positiv“, so Ulrich. Ziel des Queerkollektivs an der Schillerschule, das für Aufklärungsarbeit gegründet wurde und um queeren Menschen einen Safe Space an der Schule zu bieten, war eigentlich eine Toilette mit mehreren Kabinen und einem Vorraum.

Aber hierfür müsse man einen langen und komplizierten Weg gehen: Die Schulleiterin habe sich einverstanden erklärt, auch eine normale Toilette umzufunktionieren, wenn die Gremien entsprechend entscheiden würden. Also stimmten zunächst die Klassen ab: 27 waren dafür, acht dagegen und eine Klasse enthielt sich. Die Abstimmung der Lehrer:innen und des Schulelternbeirats steht noch aus. Stadtschulamt und staatliches Schulamt müssen laut Ulrich ebenfalls erst noch zustimmen. „Ich bin der Meinung, dass jede Schule, die neu gebaut wird, auch immer eine große, genderneutrale Toilette haben sollte“ so der Schulsprecher. Die Schulleitung der Schillerschule war für ein Statement bisher nicht zu erreichen.

Die Schüler:innen der Musterschule in Frankfurt finden es ebenfalls gut, dass es eine genderneutrale Toilette an ihrer Schule gibt. „Es muss nur klar kommuniziert werden, dass es eine genderneutrale Toilette ist, sodass niemand, der das WC benutzt, angesprochen wird: ‚Sorry, die Toilette ist nebenan.‘“, sagt Lasse Weigelt, Schulsprecher der Musterschule in Frankfurt.

2. Berlin

Auch in Berlin gibt es Vorgaben für den Neubau von Schulen. Es seien ausreichend Sanitäranlagen vorgesehen, um den Bedarf einer neugebauten Schule oder Sporthalle zu versorgen. „Vorgegeben wird jeweils eine Fläche für WC-Anlagen, jedoch keine zwingende Unterteilung in zwei Einheiten“, heißt es von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berlin gegenüber BuzzFeed News Deutschland. Genderneutrale Toiletten können dann ausgewiesen werden. Dafür zuständig seien allerdings die Bezirke und die Schulen selbst.

3. München

Die bayrische Landeshauptstadt München hat sich bei Neubauten von Grund-, Mittel-, Realschulen und Gymnasien, sowie für Schulsportanlagen verpflichtet, neben den geschlechtergetrennten Toiletten barrierefreie Toiletten bereitzustellen. „Diese werden als geeignete Nutzungsmöglichkeit als geschlechtsneutrale Toilette gesehen. Menschen mit Mobilitätseinschränkungen oder besonderem Pflegebedarf sollen die entsprechenden Sanitäreinheiten zwar weiterhin vorrangig nutzen können. Daneben ist aber auch eine geschlechtsneutrale Nutzung für alle Personen im Schulgebäude möglich“, heißt es von der Stadt München. 

4. Köln

In Köln erfordern genderneutrale Toiletten einen Beschluss der jeweiligen Schulkonferenz. Die Stadt begrüße und unterstütze solche Beschlüsse. In den Heliosschulen in Köln seien beispielsweise genderneutrale Toiletten gewünscht. Dies sei aber derzeit noch nicht mit den gängigen Regeln vereinbar. Deshalb wurde im Baugenehmigungsverfahren die ausreichende Anzahl von WCs geschlechtergetrennt sowie nach Personal und Schüler:innen separat ausgewiesen. Davon können allerdings viele als genderneutrale Toiletten genutzt werden, heißt es von der Stadtverwaltung Köln auf Anfrage von BuzzFeed News Deutschland. „Dabei kann der Nutzer selbst entscheiden, ob er diese im laufenden Betrieb getrenntgeschlechtlich oder genderneutral nutzen möchte.“ Gleichzeitig entwickelt die Gebäudewirtschaft der Stadt Köln mit einer ersten Schule und dem Amt für Integration und Vielfalt eine Mustertoilette als Prototypen, der für öffentliche Gebäude nutzbar wäre. So etwas gebe es nämlich noch nicht.

Unisex-Toiletten an Ulmer Schule.
Jungen und Mädchen gehen in eine Unisextoilette an der Sägefeldschule in Ulm. © Stefan Puchner/dpa

Wie sieht so eine genderneutrale Toilette aus?

Bereits bestehende Toiletten können eigentlich ziemlich einfach zu genderneutrale Toiletten werden, in dem sie neu beschriftet werden als „divers“ oder „Klo für Alle“, wie die Toilette in Frankfurt. Trans* und inter* Menschen müssen diese Toilette nicht zwingend benutzen, sie können natürlich auch die Toilette für Frauen oder Männer wählen, wenn sie sich als Frau oder Mann identifizieren und damit wohlfühlen.

Bei Neubauten kann ein Bereich mit mehreren verschließbaren Kabinen eingerichtet werden, zum Beispiel mit eigenem Waschbecken und Spiegeln. An der Technischen Universität in Hamburg gibt es außerdem Toiletten, die zusätzlichen Schutz bieten. „Toiletten für alle Geschlechter“ und Toiletten für Frauen, inter*, nicht-binäre und trans* Menschen, von denen cis endogeschlechtliche Männer ausgeschlossen sind. Grund dafür sei ein potenziell höheres Sicherheitsbedürfnis von vielen trans* und cis Frauen, und von trans* und inter* Menschen allgemein, heißt es auf der Webseite zu gleichgeschlechtlichen Lebensweisen und geschlechtlicher Vielfalt der Bundesregierung.

5. Düsseldorf

In der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen gibt es an mehreren Schulen genderneutrale Toiletten, erfährt BuzzFeed News Deutschland auf Anfrage. Die Einrichtung von genderneutralen Toiletten werde allerdings nicht von der Stadt als Schulträger, sondern von den Schulen selbstständig vorgenommen. Am Leibniz-Montessori-Gymnasium zum Beispiel. Dort sei vor Kurzem eine Lehrer:innentoilette in eine genderneutrale Toilette umgewandelt worden.

6. Dortmund

In Dortmund werde seit „Januar 2019 bei Baumaßnahmen bei der Städtischen Immobilienwirtschaft darauf geachtet, dass mindestens ein geschlechterneutrales WC im Gebäude eingeplant wird“, so eine Sprecherin der Stadt auf Anfrage von BuzzFeed News Deutschland. Es gebe bereits vier Schulbauprojekte, bei denen genderneutrale Toiletten ausgeführt wurden beziehungsweise werden sollen. Im Sommer 2020 entstand die Arbeitsgruppe „genderneutrale WC bei städtischen Baumaßnahmen“. So konnte ein Konzept für genderneutrale WC erarbeitet werden. Aktuell werde bei jedem Projekt entschieden, ob und in welcher Form genderneutrale Toiletten umgesetzt werden können.

7. Leipzig

An Leipziger Schulen stehen derzeit nur barrierefreie Toiletten als genderneutrale Toiletten zur Verfügung. Die Schulbaustandards werden allerdings gerade überarbeitet und „die Frage der Berücksichtigung von Geschlechtervielfalt bei baulichen Aspekten in die Diskussion eingebracht“, so heißt es aus dem zuständigen Amt für Schule in Leipzig. Außerdem gebe es ein Pilotprojekt, eine Gemeinschaftsschule, bei der zum ersten Mal das Thema genderneutrale Toiletten bei einem Schulbau von Beginn an berücksichtigt werde. In den genderneutralen Toiletten werde auf Urinale komplett verzichtet und es werde abschließbare WC-Kabinen für die Privatsphäre geben.

Hier berichtet GNTM-Gewinnerin Alex Mariah Peter von unsensiblem Umgang mit ihren Erfahrungen als trans* Frau.

8. Essen

In der Schulbauleitlinie der Stadt Essen heißt es unter dem Punkt Toiletten: „. Die Entwicklungen im Bereich der Genderthematik (m/w/d) sind zu berücksichtigen.“ Allerdings gebe es keine abschließende Gesetzesgrundlage, die klare Vorgaben und klare Formulierungen festlegt. Um aber den Schüler:innen den Schulalltag zu erleichtern, habe die Stadt Essen Übergangslösungen geschaffen. „So werden bei allen Baumaßnahmen überall dort, wo barrierearme Toiletten in Schulen oder Turnhallen errichtet oder saniert werden, mit „Toiletten für Alle“ beschriftet“, so Pressereferentin der Stadt Jacqueline Schröder auf Anfrage von BuzzFeed News Deutschland. In Essener Schulen und Turnhallen gebe es daher künftig Jungentoiletten, Mädchentoiletten, Toiletten für Alle und Personaltoiletten.

9. Dresden und Stuttgart

Genderneutrale Toiletten stehen in Dresden indes „nicht auf der politischen Agenda“, sagt eine Pressevertreterin der Stadt gegenüber BuzzFeed News Deutschland. In den Planungsvorgaben der Stadt Dresden gebe es bislang auch keine separat ausgewiesenen genderneutralen Toiletten. In der Schulbauleitlinie stehe lediglich, dass es zwingend „geschlechterneutrale, barrierefreie WCs“ für Schüler:innen und Lehrer:innen geben müsse. In Stuttgart sieht es ähnlich aus: „Unisex-Toiletten für Schülerinnen und Schüler werden in Stuttgart nicht eingerichtet“, heißt es von einem Sprecher. Die allgemeinen Schulbauempfehlungen für Baden-Württemberg sehen getrennte Ausführungen für Schülerinnen und Schüler vor, so die Erklärung. Hamburg meldete sich auf BuzzFeed News Deutschland Anfrage nicht.

Genderneutrale Toiletten in Schulen abseits großer Städte: „Umbau können die Kommunen nicht leisten“

Pinke und blaue Tür mit Zeichen für Mann und Frau.
An vielen Schulen müssen sich Schüler:innen noch zwischen Mädchen- und Jungs-WC entscheiden. © Panthermedia/Imago

Während die BuzzFeed News-Recherche und Anfragen ergaben, dass in den großen deutschen Städten bereits einige genderneutrale Toiletten an Schulen existieren oder zumindest geplant sind, scheint das Thema in ländlichen Regionen noch nicht diskutiert zu werden. Der Städte- und Gemeindebund Sachsen-Anhalt hat „keinerlei Hinweise“, dass es an Schulen bereits ein genderneutrales WC gebe und auch vom bayrische Gemeindetag heißt es, dass es in bayrischen Gemeinden noch „keinen Bedarf an Plänen, beim Schulbau Kinder, die inter- oder transsexuell sind, stärker zu berücksichtigen“ gebe. Der Präsident des niedersächsischen Städte- und Gemeindebunds Marco Trips schreibt zudem, dass einen Umbau aller Toiletten die Kommunen nicht leisten können.

Auch interessant

Kommentare