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Ich habe 2 Wochen vegan gelebt und gemerkt: Vorurteile gegenüber veganer Ernährung sind Blödsinn

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Von: Mika Engelhardt

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Redakteur Mika Engelhardt zeigt selbstgemachten veganen Käse in einem Topf. Daneben ist die fertige Pizza zu sehen.
Im Topf beäuge ich den selbstgemachten veganen „Pizzakäse“ noch kritisch. Aber das fertige Essen kann sich sehen lassen. © Mika Engelhardt/Buzzfeed

Es gibt immer mehr Veganer:innen. Doch nach wie vor sträuben sich einige Menschen mit Klischees und Vorurteilen gegen diese Lebensweise. Ein Selbstversuch.

Vegan zu leben, ist für mich die Königsdisziplin. Es ist etwas, das ich schon sehr lange bewundernd beobachte, denn offenbar gibt es keine bessere, klimafreundlichere Art, zu essen. Ich lebe seit über fünf Jahren vegetarisch, aber den Schritt zum Veganismus habe ich noch nicht hinbekommen. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als sich die Möglichkeit ergab, für einen Artikel einen Selbstversuch zu starten. Zwei Wochen veganes Leben ist genug Zeit, um die Lebensweise wirklich kennenzulernen - aber es ist auch nicht zu lang, sollte ich es nur noch schwer aushalten.

Während ich in den vergangenen beiden Wochen vegan gelebt habe, habe ich überlegt, was ich dazu schreiben könnte. Veganismus ist schließlich bereits in der Gesellschaft weit verbreitet. Fast jedes Restaurant bietet vegane Alternativen an und in den Supermärkten stapeln sich Ersatzprodukte. Aber dennoch bin ich im Laufe der zwei Wochen bei verschiedenen Menschen auf verschiedene Reaktionen gestoßen, die ich an dieser Stelle aufgreifen möchte. Klischees sind noch immer weit verbreitet. Und auch wenn ich die vegane Lebensweise nicht fortführe, möchte ich zumindest mit diesen Klischees aufräumen.

1. Veganes Essen ist super teuer

Jein. Denn veganes Essen ist vor allem erst einmal ziemlich billig. Paprika, Tomaten, Zucchini, Aubergine, Erbsen, Hafer, Linsen, Kichererbsen, Bohnen und so weiter und so weiter. Der Großteil unseres Essens ist bereits vegan - und diese Dinge lassen sich in beinahe jedem Supermarkt meist sogar unverpackt oder mit wenig Verpackung kaufen. Aus diesen Dingen, gepaart mit Reis oder Nudeln, lassen sich in Windeseile leckere Aufläufe oder Pfannengerichte zaubern. Solche veganen Gerichte sind nicht nur einfach und lecker, sondern vor allem vollwertig.

Aber natürlich ist das nur eine Seite der Medaille. Denn so lecker Nudeln und Reis auch sind, man kann von niemandem verlangen, jeden Tag das Gleiche zu essen. Da kommen dann Ersatzprodukte ins Spiel - und die sind deutlich teurer als vergleichbare „echte“ Produkte. Vegane, käseähnliche Scheiben kosten fast doppelt so viel wie echter Käse. Bei Fleischersatz oder Frischkäseimmitaten ist es nicht anders.

Ein veganer Wocheneinkauf liegt auf einem Tisch
Wocheneinkauf: Zu Beginn meines Selbstversuchs will ich einige Ersatzprodukte ausprobieren, aber auch frisch und viel Gemüse essen. © Mika Engelhardt

Am Ende geht es darum, die richtige Balance zu finden. Ich habe in den zwei Wochen nicht mehr Geld als sonst ausgegeben, denn an anderen Stellen konnte ich sparen. Wenn man jeden Tag Ersatzprodukte essen möchte, merkt man das am Ende des Monats natürlich. Aber wenn man, wie bei jeder Essensweise, auf eine ausgewogene Ernährung achtet, kann man vegan nicht nur lecker, sondern auch preiswert leben.

2. Veganer:innen müssen sich total einschränken

Definitiv nicht. Heutzutage gibt es fast nichts, was es nicht auch in veganen Versionen gibt. Wenn man gerne mal zu einem Ersatzprodukt greift, kann man in den Genuss von veganen Burgern, Dönern, Bratwürsten, von Lasagne, Geschnetzeltem und überhaupt von allem kommen. Auch beim Essengehen sollte eine vegane Lebensweise keinerlei Probleme mehr darstellen. Die meisten Restaurants weisen vegane Speisen extra aus oder wissen bei Nachfragen Bescheid.

Auch in Sachen Snacks und Süßigkeiten habe ich in den zwei Wochen absolut nichts vermisst. Chips, mein Lieblingssnack, sind meist eh vegan, ein kurzer Blick auf die Zutatenliste genügt. Außerdem habe ich extremen Appetit auf Schokolade bekommen. Ich bin sonst kein Schokoladenfan, aber in dem Fall konnte ich mir schnell Abhilfe verschaffen. Nicht nur gibt es von jeder Marke von Lindt bis Ritter Sport mittlerweile vegane Alternativen, Schokolade mit einem Kakaogehalt von mindestens 60 Prozent meist automatisch vegan, auch wenn das nicht ausgeschrieben wird.

Ich konnte also die vergangenen zwei Wochen rundum und vielfältig schlemmen. Zudem fand ich es sehr spannend, einmal selbst auszuprobieren, wie ich gewisse Produkte ersetze. Da ich nicht den teuren veganen „Streukäse“ kaufen wollte, habe ich beispielsweise eine eigene Mischung angerührt. Die sah zwar im Topf nicht besonders schön aus (siehe Titelbild), machte sich aber auf der Pizza ziemlich gut. In dem Sinne habe ich durch das Vegansein meinen Essens-Horizont sogar erweitert, denn gewisse Sachen würde man sonst niemals ausprobieren.

3. Veganes Essen verursacht Mangelernährung

Nein. Das sage nicht ich, das sage ich mit Berufung auf viele Studien und Quellen, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Natürlich kann man sich mit jeder Ernährungsweise mangelhaft ernähren. Aber Proteine und Vitamine kann man prima auch aus Linsen, Bohnen, Obst und Gemüse ziehen. Aber natürlich muss man sich dafür schlaumachen und die eigene Lebensweise im Kopf behalten. Es gibt zum Beispiel Expert:innen, die Schwangeren oder auch jungen Kindern von veganer Ernährung abraten.

Ein veganes Wokgericht steht auf dem Herd
Foodblogger werde ich wohl nicht mehr, aber mein veganer Wok schmeckt trotzdem ganz vorzüglich. © Mika Engelhardt

In allen Fällen lohnt es sich, ab und an ein Blutbild machen zu lassen - aber auch, wenn man „normal“ Fleisch isst. Sollte sich ein Mangel abzeichnen, kann man den eigenen Speiseplan dementsprechend umstellen oder mit Vitaminen nachhelfen. Proteine kann man durch Kartoffeln und Hülsenfrüchte bekommen, bei Vitamin B12 sind ab und an tatsächlich Nahrungsergänzungsmittel oder angereicherte Lebensmittel angebracht. Zink bekommt man durch Nüsse, Kalzium durch Gemüse wie Brokkoli, Grünkohl oder Tofu. Mit der richtigen Herangehensweise steht der ausgewogenen Ernährung also nichts im Wege.

4. Veganer:innen wollen uns ihre Lebensweise aufzwängen

Wie ich eingangs gesagt habe, werde ich nicht vollends vegan weiterleben. Dafür liebe ich meine Butter und meine Scheibe Käse doch zu sehr. Aber die zwei Wochen haben mich noch einmal dafür sensibilisiert, wie einfach vegan leben im Jahr 2022 doch ist. Es ist genauso leicht, als würde man sich „normal“ ernähren - und das ist eine tolle Sache. Vegan ist inzwischen überall, das stimmt. Aber ich kann das Argument, Veganer:innen würden allen ihren Willen aufzwingen, nicht mehr hören.

Klar, ein paar Extreme gibt es in jeder Gruppe, aber von den meisten Leuten hört man kaum etwas darüber, dass sie vegan sind. Wenn euch jemand sagt: „Ich lebe vegan“ und euer erster Impuls ist, sich wütend zu rechtfertigen oder gegen Veganer:innen zu schießen, dann solltet ihr hinterfragen, was an Veganer:innen euch so einschüchtert. Dass es für den Planeten wahrscheinlich die beste Ernährungsweise ist, lässt sich kaum noch bestreiten. Und dass wir als Gesellschaft über Veganismus reden und es vereinfachen, ist gut.

Vegan leben: Wir alle haben die Wahl

Aber am Ende haben alle die Wahl, wie sie sich ernähren wollen. Man kann sich zwischen dem Ersatzprodukt, das eventuell voller Lebensmittelchemie und Geschmacksstoffen ist, oder dem Bio- oder dem Billig-Fleisch entscheiden. Nicht alles ist ideal, das weiß ich auch. Und deshalb ist die Wahl so schön. Es steht allen frei. Ich finde das eine gute Sache, und ich würde mir wünschen, dass sich auf allen Seiten die Fronten etwas erweichen. Niemand will einer anderen Person etwas wegnehmen.

Vegan zu leben ist einfacher denn je. Ein Selbstversuch gelingt über mehrere Wochen problemlos. Ob Gemüseauflauf oder Ersatz-Schnitzel, die Ernährung ist lecker und vielfältig. Und jetzt ist es wirklich mal an der Zeit, die Klischees und Vorurteile fallenzulassen.

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