1. BuzzFeed
  2. News

Straftaten gegen queere Menschen in Deutschland um 50 Prozent gestiegen - „großes Dunkelfeld“

Erstellt:

Kommentare

Queere Menschen melden immer häufiger Angriffe aus Hass.
Queere Menschen melden immer häufiger Angriffe aus Hass. © Imago

Immer mehr queere Menschen in Deutschland melden Straftaten gegen sich, die aus Hass begangen wurden. Warum steigen die Zahlen so rasant?

Im Jahr 2021 kam es offiziell zu 1.051 hassmotivierten Straftaten gegenüber LGBTQIA+-Menschen in Deutschland, wie unter anderem der Lesben- und Schwulenverband auf seiner Website berichtet. Dabei sind sich queere Verbände und Fachleute des Bundesinnenministeriums einig, dass diese Zahl wohl nur die Spitze des Eisbergs ist. Studien der Europäischen Grundrechteagentur (FRA,2020) legen nahe, dass rund 90 Prozent der Übergriffe gar nicht erst zur Anzeige gebracht werden. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass wir es realistisch gesehen mit rund 10.000 Hassverbrechen gegenüber queeren Menschen zu tun haben – das wären gut 27 Fälle jeden Tag.

Das Bundesinnenministerium gliedert dabei die Hassverbrechen in zwei unterschiedliche Motivbereiche auf („Geschlecht/Sexuelle Identität“ sowie „Sexuelle Orientierung“), wobei es in den meisten Fällen zu Körperverletzungen, Beleidigungen und Drohungen kommt. Dabei stieg die Zahl der Fälle laut dem Portal queer.de binnen eines Jahres um rund 50 Prozent an. Wie kann das sein, obwohl es generell bedingt durch die Pandemie und die Lockdowns 2021 immer wieder zu Kontaktbeschränkungen gekommen ist?

Stefanie Lünsmann-Schmidt, Mitglied im Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD), betrachtet die jüngsten Ergebnisse gegenüber Buzzfeed Deutschland mit Vorsicht: „Die erste offensichtliche Erklärung ist, dass die Gewalt tatsächlich zugenommen hat. Nun könnte man allerdings auch sagen, vielleicht haben die Fallzahlen gar nicht zugenommen, sondern nur mehr Menschen haben einen Vorfall gemeldet. Das wäre erst einmal eine positive Entwicklung. Wir wissen das einfach aktuell nicht. Wir haben es hier mit einem unglaublich großen Dunkelfeld zu tun.“

Die konkreten Zahlen sind das eine, doch viel wichtiger ist die Tatsache, dass es tagtäglich zu Anfeindungen und Angriffen gegenüber queeren Menschen kommt. Ein Großteil dieser „alltäglichen“ Gewalttaten werden dabei oftmals gar nicht erfasst – zum einen, weil die Opfer beispielsweise aus Scham erst gar nicht zur Polizei gehen, zum anderen aber auch, weil der Umgang mit Hassverbrechen gegenüber LGBTQIA+-Menschen von Polizeistation zu Polizeistation sehr unterschiedlich verläuft – viele Beamte haben bis heute keine Schulung erhalten, wie sie überhaupt mit einer solchen Situation umgehen sollen.

In Berlin etwa werden viele Zwischenfälle auch zur Anzeige gebracht, wobei die Berliner Polizei auch bereits in den 90er-Jahren damit angefangen hat, ihr System umzustellen und in den Schulen auch die Thematik LGBTQIA+ mit aufzunehmen. „Und trotzdem gehen selbst die Berliner davon aus, dass von zehn Beleidigungen neun nie bei der Polizei landen. Bei Körperverletzungen liegt die Dunkelziffer bei rund 50 Prozent“, so Lünsmann-Schmidt weiter. Nun sind Berlin ebenso wie Bremen aber eigentlich sogar Vorbilder in puncto Umgangskultur mit queeren Opfern von Hassverbrechen. In anderen Bundesländern und vor allem auch in ländlichen Regionen werden die Übergriffe gar nicht erst als solche erfasst. Der LSVD fordert daher eine dringend notwendige Reform der polizeilichen Erfassungssysteme, denn eines sei klar: Das Risiko, Opfer einer gewalttätigen Attacke zu werden, ist für LGBTQIA+-Menschen deutlich größer als für den Durchschnitt der Bevölkerung.

„Hassmotivierte Straftaten zielen auch darauf ab, ganze Bevölkerungsgruppen einzuschüchtern“

„Hassmotivierte Straftaten zielen nicht nur auf die Menschen als Individuen, sondern zusätzlich auch darauf ab, ganze Bevölkerungsgruppen einzuschüchtern“, so Lünsmann-Schmidt. „Es kann auch heute noch gefährlich sein, im öffentlichen Raum als schwul, lesbisch, bisexuell oder trans erkannt oder dafür gehalten zu werden. Die Studien sagen, dass es sich dabei um eine hohe Anzahl von spontanen Taten handelt, die aus dem Moment und dem Gefühl heraus entstehen. Im Umkehrschluss bedeutet das, es muss gesellschaftlich verankert sein, dass LGBTQIA+-Menschen ein Stück weit als vogelfrei und minderwertig begriffen werden.“

Die Expertin des LSVD rät Opfern, in einem ersten Schritt eine queere Beratungsstelle für Gewalt aufzusuchen, um sich einen individuellen und professionellen Rat einzuholen und für sich selbst zu klären, ob der Angriff polizeilich erfasst werden soll. Aus politischer Sicht wäre dies natürlich wünschenswert, denn je höher die Fallzahlen, desto höher auch der Druck auf die Ampel-Koalition, schnell und nachhaltig zu handeln. „Ich erwarte tatsächlich, dass sich hier etwas tut. Stichwort nationaler Aktionsplan, da muss die Regierung ran! Es geht einfach nicht, dass sich eine Innenministerkonferenz noch nie mit dem Thema befasst hat!“, so Lünsmann-Schmidt. Damit könnte auch ein anderer Punkt an Macht verlieren, der laut der LSVD-Expertin oftmals Opfer davon abhält, zur Polizei zu gehen: Viele denken, es passiert sowieso nichts.

Rund 30 Prozent aller Hassverbrechen gegenüber queeren Menschen sind zudem rechts motiviert. Lünsmann-Schmidt dazu: „Gewalt ist immer dann ein größeres Problem, wenn Menschen autoritären Konzepten nachhängen. Das ist ein Problem bei Rechten, aber auch bei anderen politischen und religiösen Gruppen. Zahlenmäßig ist es bei den Rechten allerdings aktuell das größte Problem.“

Autor: JHM Schmucker

Auch interessant

Kommentare