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Babynahrung in den USA knapp: Eltern werden im Netz kritisiert – „sollen doch einfach stillen“

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In den USA wird Babynahrung knapp.
In den USA wird Babynahrung knapp. © Armin Weigel/dpa

In den USA mangelt es an Säuglingsnahrung. Im Netz werden Eltern dafür verurteilt, weil sie nicht stillen. Viele Kritiker:innen, scheinen nicht zu wissen, wie das mit dem Stillen funktioniert.

Seit Monaten fehlt Säuglingsnahrung in den USA. Social Media-Nutzer:innen sagen den Eltern, dass sie doch einfach ihre Brust auspacken und ihre Kinder auf die Art ernähren sollen, wie „Gott es vorgesehen hat“ – ganz so als ob eine Brust ein voller Kühlschrank mit Milchkartons sei. Aber so funktioniert das Stillen nicht. Manche Menschen können oder wollen nicht Stillen, manche arbeiten und haben nicht die Zeit dafür, oder sie produzieren nicht ausreichend Milch für ihr Baby.

„Die Leute sind einfach sehr schlecht informiert. Sie verstehen offensichtlich nicht, wie viel Aufwand nötig ist, um ein Kind mit Muttermilch zu versorgen“, sagte Jackee Haak, eine Stillberaterin, die im Vorstand der amerikanischen Stillberater:innengesellschaft sitzt, gegenüber BuzzFeed News US. Obwohl Stillen als die gesündeste Option für Babys angesehen werde, leben wir in einer Gesellschaft, die das nicht unterstützt. Menschen schämen sich, es in der Öffentlichkeit zu tun, und Mutterschaftsurlaub – der für das Stillen unerlässlich ist – ist in den USA oft relativ kurz oder gar nicht vorhanden.

Wenn es keine Option ist zu Stillen, bietet fertige Säuglingsnahrung eine sichere und effektive Möglichkeit, Babys zu ernähren – zumindest, wenn sie verfügbar ist.

Warum gibt es einen Mangel an Säuglingsnahrung in den USA?

Nach Angaben von Datasembly – ein Unternehmen, das Produktdaten sammelt – fingen die Vorräte an Säuglingsnahrung im November letzten Jahres an zu schwinden. Die Quote der vergriffenen Produkte stieg bis Anfang April von 11 Prozent auf 31 Prozent. In einigen US-Bundesstaaten, darunter Connecticut, Delaware, New Jersey, Rhode Island, Texas, Washington und Montana, liegt die Quote bei über 40 Prozent. Datasembly begründet den Mangel an Säuglingsnahrung mit der Inflation, Engpässen in der Lieferkette und Produktrückrufen. Der Mangel soll sich mit der Zeit noch verschlimmern, so die Einschätzung des Unternehmens.

Im Februar erfolgte der jüngste Rückruf von Säuglingsnahrung in den USA. Die Gesundheitsbehörde FDA warnte vor der Verwendung von drei Säuglingsnahrungspulvern, die von Abbott Nutrition, einem der weltweit größten Hersteller von Säuglingsnahrung, produziert werden.

Das Regal einer Apotheke in New York mit geringem Vorrat an Säuglingsnahrung.
Eine Apotheke in New York mit geringem Vorrat an Säuglingsnahrung. © BuzzFeed News

Trotz Knappheit sollte auf Produktrückrufe von Säuglingsnahrung reagiert werden

Vier Babys wurden zwischen September und Januar in Minnesota, Ohio und Texas mit bakteriellen Infektionen ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem sie mit Säuglingsnahrung gefüttert wurden, die in einer Fabrik in Sturgis, im US-Bundesstaat Michigan, hergestellten wurden. Beamt:innen der Gesundheitsbehörde geben an, dass das Produkt möglicherweise den Tod von zwei Säuglingen verursacht hat.

„Wir sind uns darüber bewusst, dass viele Verbraucher:innen keinen Zugang zu Säuglingsnahrung und wichtigen medizinischen Nahrungsmitteln haben, die sie gewohnt sind. Darüber sind sie frustriert“, sagt der FDA-Mitarbeiter Robert Cardiff in einer offiziellen Erklärung. „Unsere Teams haben bisher unermüdlich daran gearbeitet, die Versorgungsprobleme anzugehen und zu mindern. Wir werden auch weiterhin alles tun, was in unserer Macht steht, um die Herstellung sicherer Säuglingsnahrung zu gewährleisten.“

Die FDA wies darauf hin, dass einige der Probleme in den Lieferketten vor den Rückrufen auf die Pandemie zurückzuführen seien und dass andere Hersteller von Säuglingsnahrung „die Kapazitätsgrenzen erreichen oder überschreiten. Insbesondere wurde im April mehr Säuglingsnahrung gekauft als im Monat vor dem Rückruf.“

Eltern teilen ihren Frust über den Mangel an Säuglingsnahrung auf Social Media

In der Zwischenzeit lenken Eltern auf Social Media die Aufmerksamkeit auf das Problem – und werden dort auch von negativen Kommentaren überschwemmt.

Manche Menschen verstehen nicht, warum sich Eltern wegen des Mangels an Säuglingsnahrung sorgen, weil „dafür doch die Brust da ist“. Jemand nannte das Stillen „Gottes Lösung“. Und dann gibt es da noch Menschen, die sagen, dass Eltern nicht die „beste und nährstoffreichste Milch“ priorisieren und Ausreden finden, um das Stillen zu vermeiden. „Bedeutet das, dass wir auch einen Brust-Mangel haben“, schrieb jemand auf Twitter.

Irreführende und verletzende Kommentare in den sozialen Medien „laufen darauf hinaus, dass Eltern im Allgemeinen beschimpft werden“, sagt Haak. „Ich glaube nicht, dass es unser Recht ist, Menschen zu verurteilen. Es ergibt keinen Sinn.“

Stillen wird den Eltern zwar empfohlen, ist jedoch nicht die einzige Lösung

Die American Academy of Pediatrics (eine Organisation von beruflichen Vertreter:innen der Pädiatrie) empfiehlt Eltern, ihren Kindern in den ersten sechs Monaten nur Muttermilch zu geben und dann für ein Jahr oder länger ‚Beikost‘ neben dem Stillen zu geben – wenn das Kleinkind oder die Eltern das möchten.

Laut einer Behörde des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums wurden jedoch doch nur etwa 26 Prozent der 2018 geborenen Babys sechs Monate lang ausschließlich gestillt, und etwa 60 Prozent der Mütter stillen nicht so lange, wie sie möchten.

Warum das Stillen schwierig für Eltern sein kann

Haak erklärt, dass eine Reihe von Problemen beim Stillen eine Rolle spielen können und viele Faktoren nicht von den Eltern beeinflusst werden können. Eine Person könne an einer Krankheit leiden, die es schwierig macht, Milch zu produzieren, wie etwa das polyzystische Ovarialsyndrom. Grund kann auch eine Verletzung an der Brust oder eine Erkrankung sein, bei der die Medikamente oder Behandlungen (wie bei einer Chemotherapie) nicht mit dem Stillen vereinbar sind. Sexuelle Traumata können es auch schwierig machen zu Stillen und außerdem sind nicht alle Kinderbetreuer:innen diejenigen, die das Kind zur Welt gebracht haben.

„Es ist auch ein systembedingtes Problem“, sagt Haak. Arbeitsplätze bieten oft keine angemessene Elternzeit an, oder Pausen, die die nötige und wichtige Zeit verschaffen, eine richtige Anlegetechnik mit dem Baby zu entwickeln, die Milcheinschuss bringt. „Es ist eigentlich ziemlich schwierig, sofort zu stillen“, erklärt Haak. „Wenn Eltern nicht genug Zeit haben, sich damit zu beschäftigen, dann haben sie vielleicht auch nicht die Zeit, das Stillen zu etablieren.“

Dieselbe Aussage gilt nun auch für Eltern, die sich ursprünglich gegen das Stillen mit Muttermilch entschieden haben, die Entscheidung nun aber nach Monaten wegen des Mangels an Säuglingsnahrung überdenken. Manche Eltern können nach so vielen Monaten nicht mehr genug, oder gar keine Milch mehr erzeugen, so Haak.

Verschiedene Ursachen für Probleme beim Stillen

Während der Stillzeit können Vorfälle passieren, die ein Elternteil dazu zwingen, mit dem Stillen aufzuhören. Ein:e Twitternutzer:in berichtete von einem verstopften Milchkanal in der Brustwarze, der sich zu einem Abszess entwickelte und chirurgisch entfernt werden musste. Noch jemand schrieb, dass sie an einer Mastitis – einer Entzündung des Brustgewebes, die zu einer Infektion führen kann – erkrankte, sodass sie zwei Tage lang mit 39,4 Grad Fieber im Bett lag.

Auch fehlende familiäre Unterstützung, Probleme beim Anlegen des Babys, Bedenken um die Nährstoffzufuhr und das Gewicht des Säuglings, und finanzielle Einschränkungen, durch die sich Eltern kein Zubehör wie Brustpumpen leisten können, müssen in Betracht gezogen werden.

Die amerikanische Gesundheitsbehörde rät den Bürger:innen davon ab, Säuglingsnahrung zu verdünnen und möglicherweise gefälschte Säuglingsnahrung im Internet zu kaufen. Sie sollen auch keine Säuglingsnahrung selbst machen, oder die Säuglinge füttern, weil wichtige Nährstoffe fehlen können.

Autorin ist Katie Camero. Dieser Artikel erschien am 11. Mai 2022 auf buzzfeednews.com. Übersetzt aus dem Englischen von Lea Samira Maier.

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