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Dermatillomanie: Menschen beschreiben, wie sich die Krankheit anfühlt - „wie ein Käfig“

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Frau, die sich an die Stirn fasst und unglücklich in die Kamera blickt. In Schrift ist „Ich brauchte jemanden, der mir den Arm wegzog.“ zu lesen.
Dermatillomanie bekommt immer mehr Aufmerksamkeit. © Panthermedia/IMAGO

Wer unter Dermatillomanie leidet, kratzt sich ständig wunde Stellen in den eigenen Körper. Betroffene berichten, wie es ihnen ergeht.

Monatelang hatte Jaylin Scott an ihren Achselhöhlen herumgezupft. Sie grub zu jeder Tageszeit – sogar im Schlaf – in ihre Haut, bis sie blutete und brannte. Diese Episoden ließen sie vor Schmerz schreien und weinen, ausgelaugt von dem Zwang, ihre Haut „glatt“ zu machen. „In meinem Kopf schrie ich mich an, ich solle aufhören zu kratzen und zu zupfen, aber ich konnte es einfach nicht“, sagte Scott. „Ich brauchte jemanden, der mir den Arm wegzog.“

Die trockene Hitze, in der sie als Rettungsschwimmerin in Las Vegas arbeitete, war sehr anstrengend, aber sie konnte kein Deodorant tragen, weil ihre Haut durch das Rupfen rau wurde. Deswegen machte sie sich auch ständig Sorgen um ihren Körpergeruch. „Es war wirklich beschämend“, sagte Scott. „Ich habe mich vor mir selbst geekelt.“

Dermatillomanie auf TikTok: Jaylin ist nicht allein mit der Krankheit

Dann fand sie auf TikTok Videos über Menschen, die mit dem gleichen Problem zu kämpfen hatten, was ihr das Gefühl gab, gesehen zu werden. Das war das erste Mal, dass sie von der „Skin Picking Disorder“ hörte. Dabei handelt es sich um eine psychische Erkrankung, die mit einer Zwangsstörung verwandt ist und bei der man wiederholt an der Haut des Körpers zupft, was zu emotionalen und körperlichen Schäden führt.

Vor etwa sechs Monaten stellte ein:e Dermatolog:in schließlich die Diagnose und verschrieb ihr eine Salbe namens Triamcinolonacetonid. Das Medikament heilte den Schorf, der sich in ihren Achselhöhlen gebildet hatte und half Scott, den Drang zu vermeiden, an ihrer Haut zu zupfen – ein Gefühl, das viele Betroffene aufgrund emotionaler und physischer Faktoren erleben.

Die Diagnose half ihr ungemein. Jetzt ist Scott auf dem Weg der Besserung und hat sich den vielen Betroffenen angeschlossen, die auf TikTok über ihre Reise berichten. „Ich bin sehr stolz auf mich“, schrieb Scott im August 2021 in einer TikTok-Nachricht. „Ich habe das lange geheim gehalten. Jetzt denke ich, ist es ist an der Zeit, meinen Weg zu teilen, damit sich andere nicht allein fühlen!“

Dermatillomanie: Warum Menschen an ihrer Haut zupfen

Bis zu 1 von 20 Menschen leidet laut International OCD Foundation unter der Zupf-Störung, die eine Form der Selbstberuhigung ist, um mit emotionalem Stress umzugehen. Bis 2013 wurde die Krankheit informell als Dermatillomanie (ein immer noch gebräuchlicher Begriff) oder zwanghaftes Hautzupfen bezeichnet. Dann wurde sie im Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen (DSM-5) der American Psychiatric Association als Exkoriationsstörung eingestuft.

Die Forschung zu dieser Störung steckt noch in den „Kinderschuhen“, aber das Bewusstsein für die Krankheit ist gewachsen, vor allem in den vergangenen fünf Jahren, so Karen Pickett. Sie ist eine zugelassene Psychotherapeutin in Kalifornien, die sich seit 20 Jahren mit dieser Krankheit beschäftigt. Die Krankheit geht weit über das Aufstechen von Pickeln oder das Entfernen trockener Haut hinaus. Sie kann zu auffälligen Läsionen am Körper führen. Menschen mit dieser Störung verpassen oft ihr normales Leben oder leiden unter dem Zwang.

Pickett sagte, dass Betroffene gleichzeitig den Wunsch haben könnten, damit aufzuhören, und trotzdem Befriedigung darin fänden, die Haut auf zu bearbeitende Stellen zu untersuchen. Das Verhalten setze Synapsen in Gang, die im Gehirn Dopamin und Endorphine ausschütten. „Skin Pickers sprechen über die ‚Belohnung‘ als ein Gefühl der Errungenschaft oder der Erleichterung oder als einen Weg zur Selbstberuhigung“, so Pickett.

Die Auslöser für Dermatillomanie sind vielfältig

Laut Lauren McKeaney, CEO und Gründerin der in Chicago ansässigen Picking Me Foundation, hängen die Auslöser von der jeweiligen Person ab, können aber von einem stressigen Tag bis hin zu einem Kommentar über das eigene Aussehen reichen.

Die Hauptarten des „Skin Picking“ sind das Scanning, ein Prozess, bei dem die Haut unbewusst nach etwas abgesucht wird, das geglättet werden soll, oder das fokussierte Picking, bei dem man sich über einen längeren Zeitraum auf eine wahrgenommene Unvollkommenheit konzentriert, bevor man „zu sich kommt“ und erkennt, welchen Schaden man angerichtet hat, so McKeaney. Sie vergleicht das „Picking“ mit einem unvermeidlichen „Signal“ des Körpers über einen emotionalen Zustand. Um eine Lösung für das „Picking“ zu finden, sei es wichtig, die Emotion hinter dem Verhalten zu erkennen, sagte sie BuzzFeed News US.

Auf der Grundlage von Forschungsergebnissen über eng verwandte Störungen sagte Pickett, dass etwa 80 Prozent der Menschen, die an „Skin Picking“ leiden, aufgrund der emotionalen Regulationskomponente auch andere psychische Störungen wie Depressionen haben. Lauren Brown, 26, sagte, sie glaube, dass die Sucht- und Depressionsgeschichte in ihrer Familie und ihre eigene „Suchtpersönlichkeit“ sie für die Dermatillomanie prädestiniert hätten. In welchem Alter sind Menschen zum ersten Mal depressiv? Neue Studie liefert wichtige Ergebnisse.

Dermatillomanie – ein vermeintliches Gefühl von Erfolg

Für Lauren war das Zupfen in der Haut eine normale Angewohnheit, die sich durch eine Veränderung in ihrer Umgebung gefährlich verschlimmerte. Brown, die unter dem Titel „Hands“ (Hände) ihre Memoiren über Ängste und das Zupfen der Haut aufgeschrieben hat, sagte, dass dieses Verhalten ihr Trost gab, nachdem sie in eine neue Stadt gezogen war und sich einsam gefühlt hatte. Nach einer Weile konnte sie nicht mehr widerstehen, sich längere Zeit im Spiegel zu betrachten, an ihrer Haut zu zupfen und die Belohnung für die Beseitigung vermeintlicher Unregelmäßigkeiten auszukosten. Es sei schwer, das jemandem zu erklären, der nicht an der Störung leidet, sagte sie, aber sie hatte ein Gefühl von „Erfolg“.

„Man denkt: Es ist nur eine Angewohnheit und ich kann aufhören, wann immer ich will“, sagte Brown und fügte hinzu, dass das Rupfen der Haut durch den Wunsch motiviert sein kann, die Haut zu verschönern, oder durch den Wunsch, ein Gefühl loszuwerden. Sie wollte sich von negativen Gefühlen in ihrem neuen Leben befreien. Nach dem Rupfen würden die Emotionen kurzzeitig verschwinden, aber dann würde sie wieder in die Realität zurückgerissen.„Man gerät in diesen gedankenlosen Zustand, in dem man sich fast vergnügt... Plötzlich wacht man auf und stellt fest, dass die Zeit vergangen ist – das kann ein schockierender Moment sein“, sagt sie. Hier berichten 5 junge Menschen, die an einer „Dissoziativen Störung“ leiden: Auch sie haben in den Momenten der Krankheit „das Gefühl, die Welt ist nicht real“.

Ihre Eltern erlaubten ihr nur schwarze Bettwäsche, weil sie darauf keine Blutflecken hinterließ

„Skin Picking kann einer Person tatsächlich helfen, sich selbst durch unangenehme Gedanken und Gefühle zu beruhigen“, sagte die Psychologin Pickett und fügte hinzu, dass „Skin Picking“ ein üblicher Weg für jemanden sei, mit schwierigen Emotionen umzugehen, wenn er bereits von einer anderen psychischen Krankheit genesen sei. Ein emotionaler Regulator ersetze den anderen.

Links: Lauren Brown; rechts: Jaylin Scott
Links: Lauren Brown; rechts: Jaylin Scott © Mit freundlicher Genehmigung von Lauren Brown und Jaylin Scott

Für McKeaney war es eine Möglichkeit, sich selbst zu beruhigen, wenn sie sich zu ängstlich oder aufgeregt fühlte. „Es entwickelte sich wirklich zu einem sich wiederholenden, tief verwurzelten Verhalten, mit dem ich Reize regulieren konnte“, sagte sie. Die Störung wirkte sich auf viele ihrer Kindheitserfahrungen aus. Sie gab das Eiskunstlaufen auf, eine Sportart, die sie liebte, weil der heilende Schorf an ihren Beinen es schwierig machte, ihre Strumpfhosen auszuziehen. Sie konnte nicht bei Freunden übernachten, weil sie befürchtete, einen Pick-Anfall zu bekommen. Ihre Eltern erlaubten ihr nur schwarze Bettwäsche, weil sie die kleinen Blutflecken verdeckte, die sie im Schlaf hinterließ.

Trichotillomania ist eine ähnliche Erkrankung

Vieles von dem, was über die „Skin Picking Disorder“ bekannt ist, basiert auf der Forschung über die eng verwandte Trichotillomanie oder Haarziehstörung, bei der es sich ebenfalls um ein körperbetontes, wiederkehrendes Verhalten handelt, so Pickett. Menschen können sich aus ähnlichen emotionalen Gründen an den Haaren ziehen oder an der Haut zupfen oder sogar beides tun, sodass Wissenschaftler:innen die beiden Störungen genau untersuchen. Eine andere Krankheit mit ausgefallenem Namen ist Alopezie. Hier erzählen 5 Menschen mit Alopezie, wie sie über Chris Rocks Witz bei den Oscars denken.

Eine Studie aus dem Jahr 2006 über Trichotillomanie kam laut WebMD zu dem Schluss, dass zwei Mutationen im SLITRK1-Gen mit der Störung des Haareziehens in Verbindung stehen. In Anbetracht der Ähnlichkeiten zwischen Haarzieh- und Hautzupfstörungen könne man laut Pickett davon ausgehen, dass auch die Hautzupfstörung durch einen genetischen Marker verursacht wird, auch wenn die Forschung noch keinen gefunden habe.

Pickett sagte, dass sie mit Eltern arbeitet, die Angst haben, ihren Kindern diese Störung zu übertragen. Simone Kolysh, 38, Soziologin aus Maryland, hatte festgestellt, dass ihr 15-jähriger Sohn sich an den Schultern und Armen kratzt, also an denselben Stellen wie sie. Sie wies ihn darauf hin und bot ihm ein Zappelspielzeug an, um den Drang des Kratzens zu ersetzen, ohne eine große Sache daraus zu machen. „Ich bin viel netter zu meinen Kindern als zu mir selbst“, sagte Kolysh, die vier Kinder hat und sich schämt, wenn sie sieht, wie ihr Kind an seiner Haut herumzupft. Sie gibt sich selbst die Schuld für sein Verhalten.

Wie die Pandemie das Bewusstsein für Dermatillomanie schärfte

Die Pandemie war für viele Menschen, die unter Hautpicken leiden, wie ein Dampfkochtopf, sagte die Psychotherapeutin Pickett. Einige Menschen mit Dermatillomanie, die mit BuzzFeed News US sprachen, sagten, die Pandemie habe ihre Ängste und Depressionen verschlimmert, was dazu geführt habe, dass sie ihr Verhalten auf der Suche nach einer Form der Linderung verstärkt hätten. Lockdown bedeutete schließlich auch, dass andere Menschen ihre Haut nicht so oft sahen.

McKeaney von der Picking Me Foundation sagte, dass sie im Alter von fünf Jahren mit dem Rupfen ihrer Haut begann. Ihr Körper ist übersät mit Narben von Wunden, die sie sich als Kind „überall dort zuzog, wo ihre Hände hinkamen“, sagte sie gegenüber BuzzFeed News US. Heute ist sie 35 Jahre alt und befindet sich im Genesungsprozess. Die Pandemie sei ein Auslöser gewesen; plötzlich sagte die CDC „Berühre dein Gesicht nicht“, etwas, das ihre Eltern immer sagten, um sie vom Picken abzuhalten. Aber mehr Zeit vor dem Spiegel bedeutete auch mehr Selbstreflexion und sie stellte fest, dass während der Pandemie die Zahl der Menschen, die sich an die Organisation wandten, stark zunahm.

Da die Menschen während der Pandemie isoliert waren und Unsicherheit erlebten, stieg das Interesse am Verständnis dieser Symptome: Google Trends zeigt einen Anstieg der Suchanfragen in den USA für „Dermatillomanie“ und „Skin Picking“ nach dem Frühjahr 2020. Jetzt meldet sich eine sonst wenig bekannte Gemeinschaft zu Wort: Organisationen, Bots, Apps, TikToker und Instagram-Accounts verbreiten das Bewusstsein für die Krankheit, räumen mit Mythen auf, teilen persönliche Erfahrungen und bieten Unterstützung und Ressourcen an.

Aaron vermied es, ein „High Five“ zu geben

Aaron Jeanfrancois hat seit dem 27. Juni 2020 nicht mehr in der Haut seiner Handflächen gekratzt. Der 18-jährige Erstsemesterstudent am Brooklyn College, der Autist ist, begann im Alter von fünf Jahren damit, Läsionen an den Händen als eine Form des „Stimmings“ zu erzeugen, ein Begriff, der sich auf selbst beruhigende Verhaltensweisen bezieht. Er konnte nicht mehr aufhören, manchmal war er 30 Minuten am Stück mit einer Stelle beschäftigt. Jeanfrancois schämte sich für das Aussehen seiner Handflächen, die vom Zupfen rot und rau wurden, und vermied es, ein „High Five“ zu geben oder hielt seine Hand so, dass nur die Spitze sichtbar war.

Bild von Aaron Jeanfrancois.
Aaron Jeanfrancois teilte seine Genesung von „Skin Picking“ auf TikTok, um das Bewusstsein für diese Krankheit zu schärfen. © Mit freundlicher Genehmigung von Aaron Jeanfrancois.

Doch im ersten Sommer der Pandemie beschloss Jeanfrancois, etwas zu ändern. Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass sie sich als Kind auch in die Haut gepickt hatte, und ihre Genesung motivierte ihn, damit aufzuhören. Indem er sich auf andere Aktivitäten wie Meditation, Videospiele oder Sport konzentrierte, konnte Jeanfrancois die Lücke füllen. Seitdem hat er auf TikTok über seine Erkrankung gepostet und berichtet, wie er mit dem Rupfen aufgehört und wichtige Meilensteine bei der Genesung (siehe unten) erreicht hat.

Dermatillomanie: Warum es oft Jahre dauert, bis eine Diagnose gestellt wird

Jahrzehntelang gelang es den Mediziner:innen nicht, eine Lösung für McKeaney zu finden oder ihren Zustand überhaupt zu diagnostizieren. Dermatolog:innen und Psychiater:innen sagten, sie habe ein Ekzem oder Schuppenflechte, aber keine psychische Erkrankung. McKeaney erkannte ihre Erkrankung 2014, als sich eine Stelle, die sie an ihrem rechten Oberschenkel zupfte, entzündete.

Sie hatte starke Schmerzen und schämte sich, dass ihre Krankheit so weit fortgeschritten war. Die Ärzte hatten mit ihr sogar über die Möglichkeit einer Amputation ihres Beins gesprochen, da die Bakterien gegen mehrere Antibiotika resistent waren. Als eine junge Krankenschwester im Zimmer ihre Haut sah, sagte sie: „Das sieht nach Dermatillomanie aus.“ „Ich fühlte mich gewappnet, als ich endlich einen Namen für diese Störung hatte“, sagte McKeaney. „Es war ein großartiges Gefühl, etwas zu haben, das man teilen kann.“

Bild von Lauren McKeaney.
Lauren McKeaney leitet in Chicago eine Organisation, die sich für „Skin Picking“ einsetzt. © Mit freundlicher Genehmigung von Lauren McKeaney.

„Skin Picking Disorder“: Es gibt eine Menge Scham bei dieser Krankheit

Jennifer Hollander, Krankenschwester im Beverly Hills Center for Plastic & Laser Surgery, hilft landesweit Hunderten von Patienten mit kosmetischen Hautproblemen und sagt, dass die Menschen nur selten wissen, dass sie an einer „Skin Picking Disorder“ leiden, wenn sie zu ihr kommen. „Ich würde sagen, es wird zu wenig darüber berichtet, weil es eine Menge Scham gibt“, sagte Hollander und fügte hinzu, dass sie einen „Aufschwung“ bei Patienten mit „Skin Picking Disorder“ beobachtet hat und sie „jetzt mehr denn je“ behandelt. Aber sie konzentriert sich darauf, mit den Patienten darüber zu sprechen, wie häufig die Krankheit ist.

Laut Hollander kann es schwierig sein, festzustellen, ob ein Patient an einer Picking-Erkrankung oder an einer anderen Hauterkrankung wie Akne leidet, da beim Picking „sekundäre“ Wunden entstehen, die zusätzlich zu den durch andere Erkrankungen verursachten Wunden auftreten. Da es an medizinischer Forschung zu dieser Erkrankung mangelt, ist sie froh, dass sie Patient:innen mit Selbsthilfegruppen in Verbindung bringen oder ihr Fachwissen über soziale Medien weitergeben kann. Auch bei körperlichen Krankheiten, wie Parkinson, mangelt es oft an Aufklärung. Die Krankheit haben auch junge Menschen – hier berichten sie von ihren Erfahrungen mit Parkinson: „Ich konnte meinen Kuli nicht mehr halten“.

Über die Krankheit zu sprechen, sowohl mit der Familie als auch online, habe ihr sehr geholfen, sagte Kolysh. Bei Krankheiten spielt die Familie oft eine wichtige Rolle, so auch bei der Aphasie-Diagnose von Bruce Willis, der kürzlich seine Karriere beendete. „Als ich anfing, Bilder davon zu posten und ganz allgemein darüber zu sprechen, bekam ich es besser in den Griff“, sagte sie. „Ich hatte das Verhalten besser unter Kontrolle, weil ich es aus meinem Unterbewusstsein in mein Bewusstsein geholt habe.“ „Darüber zu sprechen und Fotos von meiner Haut zu zeigen, ohne sie zu pixeln oder zu bearbeiten, hat dazu beigetragen, sie zu normalisieren“, fügten sie hinzu.

Seltene Diagnose bei Schwarzen und anderen nicht-weißen Gruppen

Laut der Psychotherapeutin Pickett sind viele der Menschen, die öffentlich über ihre Erfahrungen mit der „Skin Picking Disorder“ berichten, weiße Frauen wie sie selbst. Ein Grund dafür ist, dass weiße Frauen in den USA eher eine Therapie in Anspruch nehmen als andere Gruppen, wie eine Studie zeigt. Ein weiterer Grund ist, dass Schwarze und andere nicht-weiße Gruppen zwar mehr emotionale Traumata erleben als Weiße, es aber eine Lücke gibt, wenn es darum geht, eine Diagnose zu erhalten oder eine Therapie zu machen, so Mental Health America. (Im Jahr 2018 erhielt mehr als die Hälfte der Schwarzen und afroamerikanischen Erwachsenen mit einer schweren psychischen Erkrankung keine Behandlung.)

Jeanfrancois, der Schwarz und bisexuell ist, sagte, er sei inspiriert, das Bewusstsein für die „Skin Picking Disorder“ unter Menschen zu verbreiten, die keine weißen Frauen sind. Dies sei besonders wichtig, weil Symptome wie blutige Wunden auf nicht-weißen Körpern anders aussehen.

Scott, die Schwarz ist, sagte, dass die Störung bestehende Unsicherheiten bezüglich ihrer Hautfarbe wieder aufleben ließ. Bevor sie anfing, in ihren Achselhöhlen zu zupfen, war sie bereits wegen der dunklen Flecken, die durch das Rasieren entstehen, verunsichert, was bei Schwarzen Frauen aufgrund des höheren Melanin-Spiegels der Fall ist. „Weiße Frauen sind in der Forschung überrepräsentiert“, sagte Pickett. „Hoffentlich wird sich das mit mehr Bewusstsein und Akzeptanz ändern“.

Wie es sich anfühlt, wenn man an Dermatillomanie leidet

„Skin Picking“ ist ein komplexes Problem, weil es sich im Moment gut anfühlt, aber oft folgen Scham und Gewissensbisse. Scarlett, 20, ein Online-Personal-Coach in Northamptonshire, England, hat sich von Depressionen und einer Essstörung erholt, kämpft aber seit ihrem zwölften Lebensjahr mit „Skin Picking“. Es diente ihr als Mittel, um Selbstverletzungen aufgrund von Depressionen zu vermeiden oder mit ihren Gefühlen nach dem Essen umzugehen.

Scarlett (die aus Gründen des Datenschutzes ihren Nachnamen nicht nennen wollte) sagte, man solle es vermeiden, zu den Betroffenen zu sagen: „Hör auf, in der Haut zu zupfen“ oder „Deine Haut sieht besser aus“. „Wenn jemand irgendetwas sagt, das mit meiner Haut zu tun hat, macht es das nur noch schlimmer“, sagte sie und fügte hinzu, dass solche Kommentare die Ursache des Verhaltens nicht ansprechen und sie manchmal dazu zwingen, sich noch mehr auf ihr Gesicht zu konzentrieren. „Es geht nur darum zu verstehen, dass es schwierig ist, es nicht zu tun“.

Innerer Konflikt

Pickett fügte hinzu: „Scham ist ein großer Teil der Skin-Picking-Störung, vor allem wegen des Mangels an Informationen. Es ist nicht ihre Schuld.“ „Das ist der innere Konflikt – ich will zupfen und ich will aufhören“, sagte Pickett. Wenn sie Menschen behandelt, spricht sie über das Verhalten, ndesse „süchtig machende Qualität“, die emotionale Regulierung, die nötig ist, um ihr Gehirn zu beruhigen, wie man aufhört und andere Techniken für den Umgang mit Gedanken und Gefühlen findet.

Pickett sagte, dass den Forscher:innen nicht klar sei, wie das Gehirn in der Lage ist, sich grundsätzlich abzuschalten, aber selbstberichtete Daten zeigten, dass dies eine Form der Selbstberuhigung des Geistes sein kann. Sie sagte, die Störung sei ein Pendeln zwischen Belohnung und Scham: „Man fühlt sich schlecht, und das löst all diese Emotionen aus, mit denen man dann mit dem Verhalten umgeht. Diesen Kreislauf zu durchbrechen, kann ziemlich schwierig sein.“

Persönliche Erfahrung

Kim Mills, eine 29-jährige Kreative, die auf TikTok und Instagram als Kim on Skin postet, biss als Kind auf ihren Nägeln, und nach der Pubertät entwickelte sich das zum „Skin Picking“. Die Störung war ein „Käfig“, sagte sie, und sie war frustriert, dass sie nicht aus ihm herauswuchs. Sie setzte sich immer wieder Ziele – sobald sie einen Freund oder ihre erste Wohnung hätte, würde sie aufhören zu kratzen – aber das Ende kam nie.

Es war isolierend. „Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen um mich herum nur eine bestimmte Seite von mir kannten“, sagte Mills. „Ich hatte das Gefühl, dass Freunde und Familie mich nicht wirklich kannten.“ Es ist wichtig, offen über eigene Krankheiten zu sprechen. Genau das tun Jada Pinkett Smith und 10 weitere Prominente, die offen über ihre Haarausfall-Krankheit Alopezie sprechen.

Mills moderiert jetzt Dermatillo-Diaries: Der BFRB-Podcast, veröffentlicht Inhalte über verbreitete Missverständnisse und Auslöser und wirbt für Produkte wie Nudge, ein Armband für Hautpicker, das vibriert und aufleuchtet, wenn jemand seine Hände zum Gesicht oder zum Kopf hebt. (Mills sagte, dass das Nudge-Gerät seit Beginn der Pandemie nicht mehr auf Lager sei, aber das Unternehmen lehnte eine Anfrage von BuzzFeed News US ab, wann es die Vorräte wieder auffüllen wolle).

Wie man „Skin Picking“ in den Griff bekommt und wo es Hilfe gibt

Es gibt keine einheitliche Vorgehensweise bei der Behandlung von Hautrötungen. Das Bewusstsein für diese Krankheit wächst noch immer, und die Lösung ist für jede Person anders. Manche Ärzt:innen verschreiben eine Salbe, wie sie Scott erhalten hat, während andere die Patient:innen zu einer Therapie schicken, um eine psychologische Untersuchung durchzuführen. McKeaney von der Picking Me Foundation sagt, dass sie Informationspakete für Ärzt:innen – die oft die erste Anlaufstelle für Menschen mit Dermatillomanie sind – und ein Verzeichnis informierter medizinischer Dienstleister erstellt.

Die Krankenschwester Hollander gibt den Patienten die „Fiddle Packs“ der Stiftung mit, die Werkzeuge enthalten, um die Hände zu beschäftigen und jemanden davon abhalten, den Körper zu berühren. Sie sagte, sie könne nicht für die gesamte medizinische Gemeinschaft sprechen, merkte aber an, dass sie aufgrund ihres pflegerischen Hintergrunds einen „ganzheitlichen“ Ansatz für die Skin-Picking-Störung hat, der sich auf die emotionalen Faktoren hinter einem Hautproblem konzentriert; sie überweist Patienten mit Skin-Picking-Störung auch an Therapeut:innen für eine kognitive Verhaltenstherapie, die den Betroffenen Wege aufzeigen, wie sie bestimmte Verhaltensweisen angehen können.

Viele Skinpicker haben das Gefühl, dass sie die Einzigen sind, denen es so geht. Aber die Picking Me Foundation betreibt seit März 2020 eine virtuelle Selbsthilfegruppe, die von drei Teilnehmern auf etwa 40 pro Treffen angewachsen ist. Die Stiftung hat inzwischen über 800 Mitglieder, und die Zahl ihrer E-Mail-Listen hat sich seit Beginn der Pandemie verdoppelt.

Es gibt sogar eine App namens „SkinPick“

Mills sagte, dass sie selbst Schwierigkeiten hatte, nützliche Foren oder Behandlungen zu finden, als sie vor drei Jahren mit ihrer Genesung begann, was sie dazu veranlasste, Social-Media-Inhalte wie „Kim on Skin“ zu erstellen, um anderen zu helfen, sich gesehen zu fühlen und selbst mehr über die „Skin Picking Disorder“ zu erfahren. Sie begann ihre Genesung damit, dass sie ihre Auslöser verfolgte, indem sie aufschrieb, wann sie zupfte, wie lange die Episoden dauerten und wie diese mit anderen Ereignissen des Tages zusammenhängen könnten. Es gibt sogar eine App namens SkinPick, die sie zu diesem Zweck nutzte. Sie bietet ein Instrument zur Selbstbeobachtung und einen vierwöchigen Kurs, der Menschen helfen soll, ihr Picken zu verstehen und zu reduzieren.

Nachdem sie diese Daten gesammelt hatte, stellte Mills fest, dass der Stress im Job oft der Grund für ihr Picken war, so dass sie von einer Karriere im Finanzwesen zu einer in den sozialen Medien wechselte. Sie hat jetzt einen Vollzeitjob, hofft aber, sich irgendwann ganz auf „Kim on Skin“ konzentrieren zu können.

Mills wies erneut darauf hin, wie wichtig es ist, das Hautpicken einer Person nicht als bloße Angewohnheit abzutun. „Dann stehen sie wieder am Anfang“, sagte sie, „es ist ihnen peinlich und sie fühlen sich noch mehr allein“. Zeit in die Genesung zu investieren, ist für Menschen mit Dermatillomanie nicht selbstverständlich, so Mills. „Die große Mehrheit hat Schwierigkeiten, sich selbst zu versorgen“, sagte sie. „Deshalb ist eine große Investition in sich selbst für die Betroffenen wirklich schwer zu rechtfertigen.“

Verschiedene Möglichkeiten einer Behandlung

Die selbstgesteuerte Behandlung hängt von der Person und ihren Auslösern ab. Für McKeaney ist die Vermeidung von Spiegeln wichtig. Sie bespritzt das Waschbecken in ihrem Badezimmer mit Wasser, damit sie ihr Gesicht nicht in die Nähe des Spiegels bringen kann. Außerdem lässt sie das Licht aus, lässt die Tür offen, markiert mit Klebeband eine Grenze auf dem Boden, verwendet Acrylnägel (die weniger scharf auf der Haut sind) und trägt Pickelpflaster, um die Stellen zu verbergen, an denen sie in Versuchung kommen würde, zu zupfen.

Scarlett, die Personal Trainerin aus England, hat ihr Picken im Griff, indem sie spazieren geht, einen Stressball im Badezimmer aufbewahrt und Spiegel mit Handtüchern abdeckt. Auf TikTok sprach sie über „Skin Picking“ und tauscht sich über DMs mit anderen Betroffenen aus, wodurch sie sich weniger allein fühlt. Sie sagt, dass ihr „Skin Picking“ mit jeder kleinen Veränderung weniger intensiv geworden sei. Im Juli 2020 beschloss sie, an einem Bodybuilding-Wettbewerb teilzunehmen; das Wissen um die bevorstehende Veranstaltung erinnerte sie daran, sich vom „Skin Picking“ zurückzuhalten.

„Ich bitte alle, die damit zu kämpfen haben, ebenso sanft mit sich selbst umzugehen“

Pickett rät allen, die einen Freund oder Verwandten mit einer „Skin Picking Disorder“ treffen, die Definition, Behandlungsmöglichkeiten und andere Ressourcen der TLC Foundation zu nennen und sie dann zu fragen, ob sie von der Störung gehört haben und ob sie denken, dass es etwas sein könnte, das sie haben. Dadurch wird jegliches Gefühl von Schuld oder Scham vermieden, als ob sie etwas getan hätten, wofür sie sich schämen müssten. „Ich bitte alle, die damit zu kämpfen haben, ebenso sanft mit sich selbst umzugehen“, sagte McKeaney. „Diese Krankheit reißt uns bereits auseinander und verdient keine weitere Minute unserer Zeit.“

Mehr zum Thema Gesundheit? Seit es keine Maskenpflicht mehr gibt, sind Risikogruppen stark gefährdet. Hier sprechen wir mit einer Patientin, die findet: Euer Freedom Day ist für uns der absolute Horror.

Autorin ist Nicole Fallert. Der Artikel erschien am 21. März 2022 auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Mine Hacibekiroglu.

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