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„Sie nehmen keine Rücksicht“: Netflix feuert zahlreiche Mitarbeitende kurz nach ihrer Einstellung

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Von: Mine Hacibekiroglu

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Die TV-Fernbedienung wird mit dem Netflix-Logo auf einem Bildschirm angezeigt.
Netflix ist einer der beliebtesten Streaming-Dienstleister. © NurPhoto/IMAGO

„Netflix“ stellte Autor:innen für das Online-Magazin „Tudum“ ein und feuerte sie kurz darauf – jetzt sind die ehemaligen Mitarbeitenden stinksauer.

„Du wirst heute einen Haufen Tweets von Leuten sehen, die von Netflix/Tudum entlassen wurden“, twitterte die Autorin Nichole Perkins am Donnerstag (siehe unten), „also stellt uns bitte alle ein“. Perkins bezog sich damit auf die plötzliche Entscheidung von Netflix, sein Marketingteam umzustrukturieren und die aktuelle Version von Tudum, eine Fan-Service-Website, die erst vor wenigen Monaten eingerichtet wurde und für die rund ein Dutzend Mitarbeitenden neu unter Vertrag genommen wurden, einzustellen. Insgesamt wurden am Donnerstag etwa 25 Menschen zu entlassen.

Obwohl der Streaming-Riese ein „notorisch wankelmütiges ‚jeder-kann-zu-jeder-Zeit-gefeuert-werden‘-Credo“ haben soll, wie der Hollywood Reporter es beschrieb, schockierte die Geschwindigkeit und Rücksichtslosigkeit, mit der die Tudum-Mitarbeitende benutzt und entlassen wurden, sowohl die Betroffenen selbst als auch externe Beobachter:innen auf Twitter wie beispielsweise Alex Zalben, Editor bei Decider (siehe unten).

Viele der entlassenen Mitarbeitenden sind zudem farbige Frauen. Dabei sei das ehrgeizige Projekt Tudum von Anfang an auf frustrierende Weise zum Scheitern verurteilt gewesen sein. Es habe trotz großer Versprechungen kaum interne Unterstützung oder Marketing seitens Netflix gegeben, so ehemalige Tudum-Mitarbeitende.

Netflix feuert Mitarbeitende: „Sie nehmen keine Rücksicht auf den Lebensunterhalt der Leute“

„Ich bin extrem nachtragend und sehr wütend. Ich denke, was sie getan haben, ist böse“, sagte eine ehemalige Tudum-Mitarbeiter:in, die aus Gründen des Datenschutzes nicht genannt werden möchte, zu BuzzFeed News US. „Sie nehmen keine Rücksicht auf den Lebensunterhalt der Leute, die sie für dieses Team rekrutiert haben. Einige hatten ihren Arbeitsplatz bei der Gewerkschaft aufgegeben, um in diesem Team mitzuarbeiten.“

Ich denke, was sie getan haben, ist böse.

Ehemalige Mitarbeiter:in bei Netflix

Auf Twitter teilte die Schriftstellerin Sara David ihren Schock und ihre Traurigkeit darüber, dass ihr nach nur wenigen Monaten Beschäftigung eine Abfindung von zwei Wochen angeboten worden sei. Zuvor habe sie einen gewerkschaftlich organisierten Job bei Vice gekündigt, bei dem sie nach eigenen Angaben 18 Wochen lang eine Abfindung erhalten habe. „Ich bin am Boden zerstört“, schrieb David.

Eine zweite Tudum-Mitarbeiter:in, die mit BuzzFeed News US sprach und ebenfalls anonym bleiben wollte, sagte, sie habe sich überrumpelt und getäuscht gefühlt, was die Unterstützung des Projekts durch Netflix angehe. „Uns wurde gesagt: ‚Tudum geht es gut. Es ist so neu. Sie wissen, dass ihr Zeit braucht, um es zu entwickeln und zum Erfolg zu führen‘“, so die zweite Mitarbeiter:in. „Dass sie es sich dann einen Monat später anders überlegen und uns loswerden, ist irreführend.“

Netflix verlor dieses Jahr bereits 200.000 Abonnent:innen

Doch hinter der Geschichte von Tudums plötzlichem Zusammenbruch stehen größere Probleme, sowohl bei Netflix als auch in der Streaming-Branche im Allgemeinen, wie die New York Times berichtete.

Die Kostensenkungen des Unternehmens kommen, nachdem eine Gewinnmitteilung Anfang des Monats alarmierende Zahlen enthüllte: Netflix verlor im ersten Quartal des Jahres 200.000 Abonnent:innen – der erste vierteljährliche Abonnent:innen-Verlust seit mehr als einem Jahrzehnt und ein starker Kontrast zu den 2,5 Millionen neuen Abonnent:innen, die das Unternehmen zu gewinnen hoffte. Angesichts des ebenfalls rückläufigen Umsatzwachstums erwägt Netflix nach eigenen Angaben Änderungen an seinem Modell, möglicherweise sogar die Einführung eines werbefinanzierten Abonnements zu einem niedrigeren Preis.

(An dieser Stelle sei auf eine dunkle Ironie hingewiesen: BuzzFeed News US baut nach einem enttäuschenden Ergebnisbericht, über den unter anderem der Guardian berichtete, ebenfalls Personal ab.)

Online-Magazin „Tudum“ wurde nach dem Geräusch des Netflix-Logos benannt

Eine Netflix-Sprecher:in sagte, dass Tudum in gewisser Weise weiterbestehen werde. „Unsere Fan-Website Tudum ist eine wichtige Priorität für das Unternehmen“, sagte die Sprecher:in in einer Erklärung an BuzzFeed News US.

Die Startseite von „Tudum“.
Die neuesten Benachrichtigungen zu Netflix-Angeboten. © Tudum / Via netflix.com

Tudum startete laut Hollywood Reporter erst im Dezember letzten Jahres, wobei die meisten Mitarbeitenden im Januar und Februar eingestellt wurden. Das Projekt gehörte zur Marketingabteilung des Unternehmens und war der Liebling des ehemaligen Marketingchefs Bozoma Saint John, der Netflix laut Angaben von Forbes letzten Monat nach weniger als zwei Jahren in dieser Funktion verließ.

Tudum, benannt nach dem Geräusch, das das Netflix-Logo macht, wenn es auf dem Bildschirm erscheint, war ursprünglich eine Fan-Konvention, die im September 2021 mit dem Ziel stattfand, die Inhalte auch nach der Veranstaltung weiterzuverbreiten. Die Prämisse war, dass die Website Inhalte im Stil von BuzzFeed produzieren sollte, so wie dieser Text 10 Fragen, die uns Netflix mit „Élite“ Staffel 5 unbedingt beantworten muss. Mithilfe von SEO (Suchmaschinenoptimierung) sollte die Seite eine Anlaufstelle für Leser:innen sein, die sich fragen, in welchen Serien sie ein:e Schauspieler:in schon einmal gesehen haben oder wie sie einen der grünen Trainingsanzüge von Squid Game kaufen können.

„Tudum“ bei Netflix: Ein zum Scheitern verurteiltes Vorhaben

Von Anfang an scheiterte Tudum jedoch an der mangelnden Klarheit der Führung bezüglich seinen Zielen und Zwecken. Es wurde als sogenanntes „MVP“ (Minimum Viable Product) gestartet, das heißt, es handelte sich also um ein reines Experiment – alles Weitere sollte, während das Projekt lief, ausgebaut werden. Die Dinge änderten sich jedoch ständig und oft wurde zurückgeschraubt, so erzählen es die beiden ehemaligen Mitarbeiter:innen.

Das ehrgeizige Ziel von Tudum, eines Tages mit den Funktionen von Amazon Prime Video zu konkurrieren, wo Netflix-Nutzer:innen eine Sendung anhalten und mit verwandten Tudum-Inhalten interagieren können, die auf dem Bildschirm erscheinen, wurde zu einem Link, der während des Abspanns erscheint. Langfristig war geplant, Tudum vollständig in die Netflix-App zu integrieren, aber kurzfristig existierte Tudum nur als schwer auffindbare weitere Seite auf der Netflix-Website.

Diese Unklarheit darüber, wie die Leser:innen Tudum-Inhalte finden sollten, verwirrte die Mitarbeiter:innen. „Es macht wirklich nicht viel Sinn. Ich habe immer noch Mühe, mir einen Reim darauf zu machen“, sagte die eine Tudum-Mitarbeiter:in gegenüber BuzzFeed News US. „Als ich dort gearbeitet habe, hatte ich auch Mühe, den Sinn zu verstehen.“

Netflix feuert Mitarbeitende: Es gab nie eine zentrale Strategie, um das Publikum zu erreichen

Die Website war nicht auf traditionelle Rubriken oder „Vertikalen“ ausgelegt. Stattdessen sollten die Inhalte von den sich verändernden Erkenntnissen der Verbraucher:innen bestimmt werden, die zeigen sollten, was bei den Leser:innen gut ankommt. Doch während die Optimierung der Suchmaschinen die zentrale Strategie war, um das Publikum zu erreichen, gab es für die Mitarbeiter:innen nie eine klare Metrik, anhand derer sie hätten beurteilen können, ob ein Beitrag erfolgreich war.

Ursprünglich wurden die Autor:innen von Tudum durch das Versprechen hoher Gehälter – die erste Mitarbeiter:in sagte, sie verdiente dreimal so viel wie in ihrem vorherigen Job – und großer kreativer Freiheit angelockt. Doch schon bald, so die beiden Mitarbeiter:innen, habe die redaktionelle Unabhängigkeit nachgelassen.

Die Führungskräfte sollen sich zunehmend gegen Tudum-Inhalte gesträubt haben, die rassistische oder kulturelle Konfliktpunkte berühren könnten. Schon bald mussten Geschichten weit im Voraus gekennzeichnet, um nicht in letzter Minute gestrichen zu werden. „Wir mussten meist zwischen den Zeilen lesen“, sagte die erste Mitarbeiter:in. „Sie sagten dann: ‚Das ist ein heikles Thema. Wir wollen das nicht ansprechen.‘“

„Netflix stand als Unternehmen nicht gut da“

„Ich denke, dass Tudum zu einer wirklich schwierigen Zeit für Netflix im Allgemeinen gestartet ist, mit all dem Zeug von Dave Chappelle“, sagte die zweite Mitarbeiter:in und bezog sich dabei auf die Proteste gegen Arbeitsniederlegungen und die Reaktionen auf das Netflix-Special des Komikers, in dem er Anti-Trans-Witze machte. „Die Kultur hat sich sehr verändert. Es gab einen kritischeren Blick darauf, was wir sagen durften und was nicht, weil Netflix als Unternehmen nicht gut dastand. Ich konnte spüren, dass etwas nicht stimmte.“

Es habe auch technische Probleme gegeben, die nach Aussage der beiden Mitarbeiter:innen durch die schlechte Kommunikation zwischen den Redaktions- und Produkt-Teams verschlimmert worden seien. Es habe zum Beispiel Monate gedauert, bis die Website Einbettungen aus sozialen Medien unterstützt habe. Netflix sei auch zurückhaltend gewesen, wenn es darum ging, YouTube-Inhalte zu hosten, sogar Videos, die dort von den eigenen Konten gepostet worden seien und habe es stattdessen vorgezogen, sein eigenes Videoabspielsystem einzubetten. Es soll auch keine Möglichkeit gegeben haben, auf den Namen eines Autors zu klicken und sein Archiv zu sehen.

Die beliebtesten Posts auf „Tudum“.
So sahen die beliebtesten Posts auf „Tudum“ aus. © Tudum / Via netflix.com

Die Mitarbeiter:innen seien auch zunehmend beunruhigt gewesen darüber, dass es keine speziellen Tudum-Kanäle für soziale Medien gab und hatten das Gefühl, dass ihre Arbeit veröffentlicht wurde und dann im Äther verschwand. „Es war definitiv eine Frustration unter den Mitarbeiter:innen, insbesondere unter den Autor:innen, weil es für sie keine Möglichkeit gab, ihre Arbeit wirklich zu bewerben“, sagte die zweite Tudum-Mitarbeiter:in.

Netflix feuert Mitarbeitende: Nur drei Tudum-Inhalte wurden auf Social-Media je geteilt

Nach Aussage der beiden ehemaligen Mitarbeiter:innen sei Netflix der Meinung, dass Tudum ein Misserfolg werden würde, wenn es neue Social-Media-Kanäle mit eigenem Namen einrichten müsste, da Netflix bereits über eine Vielzahl von Konten verfüge. Die Mitarbeiter:innen von Tudum sagten jedoch, dass es für sie schwierig war, ihre Inhalte auf diesen bestehenden Konten zu bewerben.

Eine Twitter-Suche ergab, dass nur drei Tudum-Inhalte vom offiziellen Netflix-Account an seine mehr als 17,7 Millionen Follower:innen weitergegeben wurden, darunter das Video, das den Start von Tudum ankündigte. „Um sie dazu zu bringen, irgendetwas von dem, was wir taten, zu teilen, war es sehr spontan“, sagte die zweite Mitarbeiter:in. „Wir mussten sozusagen durch die Hintertür handeln, indem wir uns an sie wandten und sie um ein einmaliges Posten baten.“

Eine Netflix-Quelle sagte gegenüber BuzzFeed News US, dass die Mitarbeiter:innen nie verstanden hätten, warum Saint John, die ehemalige CMO, Tudum überhaupt ins Leben gerufen hatte. Der Grund für die Existenz von Tudum sei innerhalb des Unternehmens schlecht vermarktet worden, so die Quelle und als sie das Unternehmen verließ, wusste niemand, was man damit anfangen sollte. Die zweite Mitarbeiter:in wies ebenfalls darauf hin, dass Saint Johns Weggang, zusätzlich zu der Gewinnmitteilung in diesem Monat, der Anfang vom Ende gewesen wäre. „Diese beiden Dinge“, so die Mitarbeiter:in, „haben die Stimmung völlig verändert“.

Hier schreiben wir von BuzzFeed darüber, warum Netflix‘ „Heartstopper“ sowohl traumatisch als auch zutiefst befriedigend ist.

Autor ist David Mack. Der Artikel erschien am 30. April 2022 auf buzzfeednews.com. Brandon Hardin trug zur Berichterstattung bei. Aus dem Englischen übersetzt von Mine Hacibekiroglu.

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