1. BuzzFeed
  2. News

Nord Stream 2: Die wichtigsten Fragen zur umstrittenen Ostsee-Pipeline

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Anna-Katharina Ahnefeld

Kommentare

Der russische Präsident Wladimir Putin.
Die Furcht ist groß, dass der russische Präsident Wladimir Putin der Bundesrepublik den Gashahn zudrehen könnte. © dpa/Imago/Collage

Das Milliardenprojekt Nord Stream 2 ist wegen der Ukraine-Krise gestoppt worden. Aber worum geht‘s dabei eigentlich?

Nord Stream 2: der Name kommt mittlerweile einem Donnergrollen gleich. Über kaum ein Projekt wird derzeit weltweit so hitzig diskutiert wie über die Pipeline, die russisches Erdgas nach Deutschland und Europa transportieren soll. Nun hat die Bundesregierung Nord Stream 2 angesichts der sich immer weiter zuspitzenden Ukraine-Krise vorübergehend auf Eis gelegt. Doch bereits vor Putins Säbelrasseln war die Pipeline höchst umstritten und die Argumente dagegen zahlreich. BuzzFeed News Deutschland beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem umstrittenen Mega-Projekt.

Was ist Nord Stream 2 eigentlich?

Die Pipeline Nord Stream 2 des russischen Staatskonzerns Gazprom soll Erdgas von Russland durch die Ostsee nach Deutschland bringen. Jährlich sollten so 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Deutschland und Europa transportiert werden. Nord Stream 2 ist, wie der Name vermuten lässt, das Nachfolgeprojekt von Nord Stream 1, welches 2005 unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) geplant wurde und 2011 in Betrieb ging. Das Besondere an Nord Stream 2 ist, dass dadurch Transitländer wie etwa die Ukraine vermieden werden.

Warum wird Nord Stream 2 nicht in Betrieb genommen?

Weil es ein Druckmittel gegen Russlands Vorgehen im Ukraine-Konflikt ist. Bereits seit Jahren erhitzen sich beim Thema Nord Stream 2 die Gemüter. Denn Fakt ist: Das Projekt ist höchst politisch. Dabei geht es um Sicherheitsbedenken, zum einen wegen einer noch stärkeren Abhängigkeit beim Erdgas von Russland, zum anderen wegen des dadurch drohenden Einnahmeverlusts durch die Ukraine. Die Geopolitik spielt eine zentrale Rolle. Denn bereits im Fall Alexej Nawalny war der Stopp von Nord Stream 2 als Teil möglicher Sanktionen auf dem Tisch. Die Ukraine-Krise hat die Diskussion erst richtig zum Überkochen gebracht.

Und nun hat die Bundesregierung das Genehmigungsverfahren für den Betrieb der russisch-deutschen Erdgasleitung ausgesetzt. Damit reagierte sie auf die russische Anerkennung der selbst ernannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk in der Ostukraine. Die Lage habe sich grundlegend verändert, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zur Begründung. Er spricht von sehr schweren Tagen und Stunden für Europa. „Knapp 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs droht ein Krieg im Osten Europas. Es ist unsere Aufgabe eine solche Katastrophe abzuwenden.“

Knapp 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs droht ein Krieg im Osten Europas. Es ist unsere Aufgabe eine solche Katastrophe abzuwenden.

Bundeskanzler Olaf Scholz.

Nach Ansicht des Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck (Grüne) wäre es klüger gewesen, Nord Stream 2 gar nicht erst zu bauen. Europa brauche eine vielfältige Energielandschaft und nicht „einen Klumpen Risiko durch die Ostsee“, sagte Habeck am Dienstag in den ARD-„Tagesthemen“. Man habe sich zulange der Illusion hingegeben, dass „die Pipeline nur wirtschaftspolitisch zu betrachten ist“. Energiepolitik sei aber immer „auch Sicherheitspolitik und geopolitisch zu beurteilen“.

Was kostet Nord Stream 2?

Laut der Nord Stream 2 AG belaufen sich die Kosten auf circa 9,5 Milliarden Euro. Hinter dem Projekt steht ja der russische Konzern Gazprom als alleiniger Besitzer und übernimmt die Hälfte der Kosten. Außerdem haben große Energiekonzerne in das Milliarden-Projekt investiert, laut der Webseite von Gazprom sind das ENGIE, OMV, Royal Dutch Shell, Uniper und Wintershall. Bei einem endgültigen Stopp wird darüber debattiert, ob die Finanzinvestoren mit Schadenersatzforderungen reagieren könnten.

Wo verläuft Nord Stream 2?

Das Gas soll durch zwei Rohre direkt vom russischen Ust-Luga bis nach Lubmin bei Greifswald transportiert werden. Die parallel verlaufenden Rohe befinden sich übrigens auf dem Grund der Ostsee und haben eine Länge von circa 1.200 Kilometer. Das Brisante: Nord Stream 2 steht und beide Rohre sind mittlerweile mit Gas befüllt. Nur die Inbetriebnahme stand zuletzt noch aus, nachdem die zuständige Bundesnetzagentur in Bonn das Zertifizierungsverfahren vorübergehend ausgesetzt hatte.

Stellungnahme des ukrainischen Gaskonzerns Naftogaz zu Nord-Stream-2-Stopp

Yuriy Vitrenko, Geschäftsführer von Naftogaz, teilte gegenüber IPPEN.MEDIA in einer Stellungnahme mit: „Die heutige Entscheidung ist ein Zeichen der Solidarität Deutschlands mit der Ukraine, sowie Unterstützung unserer Position zu Nord Stream 2, die wir in den vergangenen Monaten gegenüber der neuen Regierung kommuniziert haben. Das haben wir zuletzt vor wenigen Tagen im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz und der sich abzeichnenden Eskalation der russischen Militäraggression getan. Putins revisionistische imperiale Politik stellt eine Bedrohung für die Ukraine, Europa und die ganze Welt dar. Nord Stream 2 ist eines der Bestandteile dieser Politik und erfordert daher eine angemessene Reaktion.“

Welche Länder sind gegen Nord Stream 2?

Eigentlich fast alle. Vor allem die USA sind entschiedener Gegner von Nord Stream 2 – was zu einem jahrelangen Konflikt zwischen Deutschland und den USA führte. So machte US-Präsident Joe Biden bei seinem ersten Besuch in Deutschland bereits deutlich, dass er es im Falle eines Überfalls auf die Ukraine ernst damit meine, das Projekt zu stoppen. So gab er an: „Ich verspreche Ihnen, wir werden in der Lage sein, das zu tun.“ Aber natürlich geht es auch, wie eigentlich immer, um wirtschaftliche Interessen, der Abnahme ihres Fracking-Gases.

Die Gemengelage der Fronten beschreibt der ehemalige Grünen-Chef und EU-Politiker Reinhard Bütikofer im Gespräch mit IPPEN.MEDIA wie folgt: „Gegen dieses Projekt stehen nicht nur die Grünen, gegen dieses Projekt steht die übergroße Mehrheit im Europäischen Rat, die Europäische Kommission, eine große Mehrheit des Europäischen Parlaments, die meisten unserer Nachbarländer und die USA. Für dieses Projekt haben sich in die Bresche geschmissen die Österreicher, Angela Merkel , die SPD und Putin.“

Wie stark würde der Stopp von Nord Stream 2 Russland treffen?

Russland ist stark von seinen Erdgaslieferungen abhängig. Ein endgültiger Stopp von Nord Stream 2 wäre also schmerzhaft. Doch wie etwa Deutschlandfunk berichtet, gehe es Russland weniger um wirtschaftliche Aspekte, da das Land vor allem vom Export ihres Erdöls profitiert. Jedoch: „Ohne Nord Stream 2 wäre allerdings ein wichtiger Antrieb für die Erschließung der neuen Vorkommen in Russland entfallen: Die alternativen Transportrouten wären deutlich teurer. Die Kosten würden steigen, die Rentabilität sinken“, heißt es bei Deutschlandfunk. Aber vor allem sei Nord Stream 2 jedoch ein politisches Prestigeprojekt, das eine direkte Verbindung zu Deutschland darstellen würde.

Gibt es klimapolitische Bedenken?

Oh ja. Angesichts der Klimakrise erscheint das Erdgas-Projekt tatsächlich aus der Zeit gefallen. „Nord Stream 2 ist ein klimapolitischer Irrweg. Die Pipeline soll weit über 2050 hinaus fossiles Erdgas nach Deutschland transportieren. Das Projekt steht für 100 Millionen Tonnen CO2 im Jahr, klimaschädliche Methan-Emissionen aus der Erdgasförderung noch nicht mal mitgerechnet. Damit ist die Pipeline vermutlich das größte fossile Neubau-Projekt Europas“, schreibt etwa die Deutsche Umwelthilfe auf ihrer Webseite.

Fakt ist: Mit Nord Stream 2 würde Deutschland und die EU weiter am Tropf fossiler Energie-Quellen hängen. Und das, obwohl die Ampel-Regierung Deutschland bis 2045 klimaneutral machen will. Auch die Europäische Union dringt mit ihrem Plan „Fit for 55“ auf Klimaneutralität bis 2050. Und das setzt voraus, dass die Treibhausgas-Emissionen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten erheblich reduziert werden.

Wie abhängig ist Deutschland vom russischen Gas?

Der Ukraine-Konflikt legt die deutsche Abhängigkeit vom russischen Gas offen. Denn auch ohne die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 bezieht Deutschland einen großen Teil seiner Erdgasimporte aus Russland. Die aktuelle Eskalation im Ukraine-Konflikt lässt diese Importe in einem neuen Licht erscheinen – befürchtet wird, dass der russische Präsident Wladimir Putin der Bundesrepublik den Gashahn zudrehen könnte. Nach Berechnungen der Bundesregierung dürften die vorhandenen Gasvorräte vorerst jedoch ausreichen.

Die Bundesregierung gibt sich also optimistisch. Selbst wenn Russland den Gashahn komplett zudreht, sei mit einem Versorgungsengpass in Deutschland nicht zu rechnen, berichtete der Spiegel unter Berufung auf Regierungskreise. „Deutschland ist versorgungssicher“, sagte am Dienstag auch Bundeswirtschaftsminister Habeck. Die deutschen Gasvorräte seien ausreichend, zusätzlich könne außerdem bei Bedarf noch Flüssiggas über Kurzzeitverträge eingekauft werden. Voraussetzung für diese Prognose ist laut Spiegel jedoch, dass es zu keinem länger anhaltenden Kälteeinbruch kommt.

Auch interessant

Kommentare