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Queer auf der Wiesn: Mit gegenseitiger Rücksicht „funktioniert das auch“

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Von: Michael Schmucker

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Das Oktoberfest ist für viele ein wichtiger Bestandteil des queeren Lebens in München. (Symbolbild)
Das Oktoberfest ist für viele ein wichtiger Bestandteil des queeren Lebens in München. (Symbolbild) © Addictive Stock/Imago/Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Das Oktoberfest, ein wichtiger Bestandteil des queeren Lebens in München? Ja, findet ein ehemaliger Gastronom und hat nur eine Bitte: „Seid lieb zueinander.“

Als ich mich das allererste Mal aufmachte, die Wiesn in München zu besuchen, war das für mich als junger schwuler Mann ein besonderes Ereignis. Zum einen war die Zeit noch eine andere, die CSU wetterte bei jeder Gelegenheit gegen Homosexuelle, zum anderen steckte auch das Internet noch in den Kinderschuhen, sodass beinahe niemand im ländlichen Bayern viel von Homosexuellen mitbekommen hatte.

So saß man als junger Kerl im Bummelzug nach München, der homosexuellen Oase der Glückseligkeit. Die queer-freundliche SPD regierte im Rathaus, im Glockenbachviertel feierte sich eine liebevoll gepflegte Community und auf dem Oktoberfest kamen tausende queere Menschen zusammen – man fühlte sich zu Hause angekommen. Seit 1977 gibt es bereits den Gay-Sunday auf der Wiesn, inzwischen ist der „Rosl Montag“ und die „Prosecco-Wiesn“ dazugekommen. Und am letzten Tag feiert man in der „Warmküche“ im Schottenhamel-Festzelt.

Feiern auf dem Münchner Oktoberfest? Wichtig für die queere Community

Blicken wir heute auf das Münchner Oktoberfest, scheinen Veranstaltungen für die LGBTQIA+-Community eine Selbstverständlichkeit zu sein. Wie besonders dabei das jährliche Treffen von queeren Menschen auf dem Oktoberfest noch immer ist, zeigte sich erst, als es Corona-bedingt abgesagt worden war. In diesen Tagen können wir endlich wieder feiern, flirten und flanieren. Wie wichtig das für die gesamte queere Gemeinschaft ist, bestätigt auch der ehemalige Münchner Gastronom Stephan Roock, der zusammen mit seinem Freund Peter jedes Jahr mehrfach die Wiesn besucht:

Die Wiesn mit ihren Veranstaltungen für die Community war und ist nun endlich wieder ein sehr wichtiger Bestandteil des queeren Lebens hier in München, gerade auch deswegen, weil es in München kaum noch wirklich gute Community-Treffpunkte gibt. Die Szene hat sich in den letzten Jahren sehr verändert und ist klein und überschaubar geworden. Da freut man sich natürlich über ein internationales Volksfest, auf dem man ausgelassen zusammen feiern kann.

Stephan Roock

Verhaltenstipps für schwule Wiesn-Gänger sorgten für Aufschrei in der Community

Die Wiesn wäre natürlich nicht die Wiesn, gäbe es nicht auch den ein oder anderen Skandal, dieses Mal traf es die LGBTQIA+-Community, als eine angeblich offizielle Wiesn-Homepage im Vorfeld erklärte, dass man sich als schwules Männerpaar doch mit Händchenhalten und Küssen zurückhalten solle, denn sinngemäß überstrapaziere man damit das Toleranzempfinden der Allgemeinheit. Schlussendlich stellte sich heraus, die Homepage war ein Fake und Wiesnchef Clemens Baumgärtner erklärte hoch offiziell: „Die Wiesn ist nicht homophob!“.

Geärgert hat sich die Münchner Community allerdings trotzdem, so Roock: „Natürlich gab es einen Aufschrei in der Community, mit Recht! Als ehemaliger Gastronom kenne ich viele Bedienungen und auch den einen oder anderen Wiesnwirt und weiß somit aus erster Hand, dass die Community auf der Wiesn gern gesehen ist, nicht zuletzt durch ihr Konsumverhalten. Querelen zwischen den einzelnen Besuchergruppen halten sich die Waage, auch wenn sie leider immer wieder vorkommen.“

Keine Gefahr für queere Oktoberfest-Besucher:innen

Eine Gefahr für queere Wiesn-Besucher:innen besteht allerdings nicht, so Roock: „Ich persönlich hatte wirklich noch nie Probleme mit heterosexuellen Betrunkenen. Ich denke, es kommt immer auch ein bisschen auf einen selbst an, wie man anderen gegenübertritt. Und es ist sicher auch eine Frage des Taktgefühls. Ich habe leider oft beobachtet, dass Situationen aus dem Ruder laufen, wenn das Verhalten zu provokant wird. Allerdings nehme ich die ‚Heteros´ da nicht aus der Schuld. Sexuelle Handlungen und Fetisch-Provokationen gehören nicht auf ein Volksfest, das gilt für beide Seiten!“

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Zudem stellt Roock gegenüber BuzzFeed News von IPPEN.MEDIA fest: „Wenn man provoziert, muss man damit rechnen, abgelehnt zu werden. Natürlich gibt es immer irgendwelche Leute, die negativ darauf reagieren, wenn Männer Händchen halten oder sich küssen, wenn man einfach darüber hinwegsieht, anstatt lauthals nach Respekt und Toleranz zu schreien, ist das ‚Gefahrenpotenzial´ deutlich reduziert.“ Auf der Wiesn gilt es also noch, das Motto Friedrich Schillers: Leben und leben lassen. Und vielleicht hilft es auch, ein bisschen Humor bei der Hand zu haben und nicht alles bierernst zu nehmen. 

Gastronom wünscht sich mehr Gelassenheit und Liebe auf dem Münchner Oktoberfest

Apropos Bier – bis heute die wichtigste Nahrungsquelle auf der Wiesn und ein Garant für Beständigkeit. In anderen Aspekten geht die Wiesn mit der Zeit, von den veganen Würstchen bis zum Nachhaltigkeitsgedanken. „Die Wirte kommen da natürlich den Gästewünschen nach. Da braucht sich auch niemand aufzuregen, denn im reichhaltigen Angebot der einzelnen Stände und Zelte ist für jeden etwas dabei“, so Roock, der allerdings trotzdem zu bedenken gibt: „Was mir allerdings ein großer Dorn im Auge ist, ist die Tatsache, dass die Cancel-Culture und Political Correctness in immer größeren Schritten Einzug hält. Das nimmt in meinen Augen wirklich langsam Überhand und ich finde es zu großen Teilen einfach nur lächerlich und nervtötend.“ Vielleicht täte also auch hier allen ein wenig mehr Gelassenheit wenigstens zur Wiesnzeit gut. 

So kann man sich auch heute noch auf der Wiesn zu Hause fühlen als queerer Mensch: „Es gibt gewisse Verhaltensregeln, die gelten für ALLE Bevölkerungsgruppen, egal ob Hetero oder Queer, und dann funktioniert das auch. Respekt und Empathie sind da zwei wichtige Schlagwörter.“ Und was rät der Wiesn-Fachmann nun queeren Besucher:innen abschließend?

„Ganz einfach, habt Spaß und genießt die Zeit, seht nicht alles so ernst. Lasst eure Puppy-Masken daheim und tragt stattdessen lieber eine gscheide Tracht. Dazu a Maß und ein resches Wiesnhendl frisch vom Grill oder eine leckere Ochsenfetzensemmel auf die Hand aus der Ochsenbraterei. Mein absoluter Geheimtipp ist eine knusprige Renkensemmel am Fischer-Vroni Stand. Und finally: Seid lieb zueinander!“

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