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Onlyfans-Creator werfen Agenturen Ausbeutung und Knebelverträge vor - „sie machen einen fertig“

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Unterschrift auf einem Vertrag
Onlyfans-Creator berichten von fragwürdigen Einstellungspraktiken. © Kiersten Essenpreis für BuzzFeed News US

Onlyfans-Creator berichten von Knebelverträgen und unverschämten Arbeitsbedingungen bei Künstleragenturen in den USA.

Immer mehr Kund:innen, aktuelle und ehemalige Mitarbeiter:innen des Social-Media-Management-Unternehmens „Unruly“ und der Firma „Behave“ berichten in den USA, dass die Agenturen mit fragwürdigen Einstellungsmethoden Neukunden in Verträge zwingen und ihnen Strafen in sechsstelliger Höhe für Vertragsverletzungen androhen. Das Unternehmen soll weitreichende Kontrolle über ihr Privatleben gehabt haben. Gleichzeitig seien Leistungen verlangt worden, von denen sie nicht wussten, dass sie im Vertrag stehen – in einigen Fällen seien sogar Nacktbilder ohne ihre Zustimmung veröffentlicht worden.

Unruly, das für die Verwaltung von Onlyfans-Konten im Auftrag der Creator verantwortlich ist, ist zu einem der dominierenden Akteure der Branche aufgestiegen. Es wirbt damit, Frauenrechte zu stärken, bietet Berufsanfänger:innen einen scheinbar spannenden Job in der Pandemie und verspricht Content-Creatorn ein explosionsartiges Wachstum ihrer Follower:innen und steigende Einnahmen. Aus Interviews mit 18 Personen und aus Dokumenten, die BuzzFeed News vorliegen, geht jedoch hervor, dass Mitarbeiter:innen des Unternehmens Kund:innen unter Vertrag nahmen und neue Arbeitnehmer:innen unter Bedingungen einstellten, die nicht immer eindeutig waren. Teilweise enthalten die Verträge Details, die im Widerspruch zu dem stehen, was die Arbeitnehmer:innen und Kunden dachten, in Gesprächen mit dem Unternehmen vereinbart zu haben. Die Bedingungen sind laut ihren Anwälten in einigen Fällen illegal.

„Sie haben uns sofort unter Druck gesetzt, alles zu unterschreiben.“

Ein Dokument, in dem es eigentlich um einen Haftungsausschluss in Falle einer Covid-Erkrankung nach einer Unternehmensveranstaltung geht, enthält auf der dritten Seite eine Bedingung, die besagt, dass jeder, der gegen die Geheimhaltungsbedingungen verstoße, dem Unternehmen fünf Millionen Dollar schulde. „Ich weiß nicht, was ich dort unterschrieben habe“, sagt Alexis Marquez, die etwas über ein Jahr als Kundenbetreuerin bei Unruly arbeitete. „Sie haben uns sofort unter Druck gesetzt, alles zu unterschreiben.“

Beim Versuch, als Gigworker („Gigwork“ bezeichnet eine zeitlich befristete Tätigkeit, die neben dem hauptberuflichen Job oder anstelle dessen ausgeübt werden kann, Anm. d. R.) während der Pandemie zu überleben, und wegen Verträgen, aus denen sie nicht mehr herauskamen, so berichten Kund:innen und ehemalige Mitarbeiter:innen, stünden sie vor einem Dilemma: Sie müssten Bedingungen tolerieren, von denen sie nicht wussten, dass sie sie unterschrieben haben, oder mit Vergeltungsmaßnahmen rechnen, die vom Verlust ihres Arbeitsplatzes bis hin zu einer Klage durch das Unternehmen reichen.

Unruly-Gründerinnen widersprechen: Klagen „nicht durch Beweise gestützt“

Die Gründer:innen von Unruly, Tara Niknejad und Nicky Gathrite, lehnen es unter Verweis auf laufende Gerichtsverfahren ab, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Die Behauptungen in den Klagen gegen sie „sind weit gefasst und nicht durch Beweise gestützt“, heißt es in einer Erklärung. „Unruly ist zuversichtlich, diese Angelegenheiten vor Gericht erfolgreich zu klären und freut sich darauf, die Behauptungen auf dem Rechtsweg zu widerlegen.“

In einer Erklärung sagt Unruly, dass es ein von Behave getrenntes Unternehmen sei. E-Mails und Textnachrichten zeigen jedoch, dass die beiden Agenturen oft zusammenarbeiten, sich einige Mitarbeiter:innen teilen und gemeinsam rekrutieren. E-Mails, in denen um einen Creator geworben wird, der später bei Behave unterschrieb, zeigen, dass Pitch und Vertrag von „Unruly/Behave“ stammen. In den E-Mails beziehen sich sowohl einen Behave-Vertreter als auch Unruly-Eigentümerin Niknejad auf „unsere Agentur“. Ein anderer Creator, der einen Vertrag mit Behave unterzeichnete, kommunizierte via Textnachricht mit einem Mann, der sich als Leiter des Talentmanagements von „Unruly/Behave“ ausgab.

Die Plattform Onlyfans erfreut sich wachsender Beliebtheit. Das schafft einen hart umkämpften Markt für Online-Creator, indem Unruly und Behave ihnen versprechen, mit einer Zusammenarbeit noch mehr Geld zu verdienen. Social-Media-Manager gibt es schon lange, und seit Onlyfans zum Repertoire der Möglichkeiten gehört, mit denen Influencer online Geld verdienen, tauchen immer mehr solcher Content-Management-Dienste wie Unruly und Behave auf. Die einzelnen Vereinbarungen können variieren, aber die Unternehmen helfen meist dabei, Inhalte zu verkaufen, Videos zu produzieren, die Arbeit der Creators zu bewerben und auf die mitunter überwältigende Menge an Nachrichten von Fans zu reagieren.

Sechs Creator:innen erzählten BuzzFeed News US, dass sie Probleme hatten, aus den Verträgen mit den in Los Angeles ansässigen Agenturen herauszukommen. Vier Verträge für Kund:innen von Unruly und Behave, die von BuzzFeed News überprüft wurden, enthielten automatische Verlängerungsklauseln, die die Kund:innen für drei Jahre oder noch länger an sich binden, wenn sie nicht innerhalb eines Zeitfensters von zwei Wochen bis zu zwei Monaten schriftlich kündigten. Der Vertrag mit Behave enthielt eine Klausel, die dem Unternehmen das Recht einräumt, eine Lebensversicherung auf den oder die Auftraggeber:in abzuschließen. Diese:r muss für medizinische Untersuchungen zur Verfügung stehen und dem Unternehmen Auskunft über die Gesundheit geben, sollte der Versicherungsanbieter die Ausstellung einer Lebensversicherung ablehnen.

„Es ist fast wie eine Zusammenstellung aus den schlechtesten Bestimmungen, die ich je in einem Vertrag gesehen habe“, sagt Robert Tauler, ein Anwalt, der zwei ehemalige Unruly- und Behave-Kund:innen vertritt, die die Unternehmen verklagen. „Ich denke, es handelt sich um einen rechtswidrigen Vertrag, der lediglich der Manipulation dient. Er wird ausschließlich als Druckmittel genutzt, um Macht über das Leben junger Frauen zu behalten, die sich in einer misslichen Lage befinden.“

Nacktaufnahmen ohne Zustimmung auf Onlyfans?

Eine ehemalige Kundin, die anonym bleiben möchte, da ihre Familie nichts von ihrem Onlyfans-Konto weiß, erzählt, sie wäre, nachdem sie sich bei Unruly angemeldet hatte, um mit Dessous-Fotos zu Geld zu machen, von Mitarbeiter:innen des Unternehmens unter Druck gesetzt worden, freizügigere Inhalte zu posten. „Sie versuchten, mich zu zwingen, mich mit Dingen wohlzufühlen, mit denen ich mich von Anfang an nicht wohlfühlte“.

Eine weitere Kundin, ein Model, das Bikini-Fotos veröffentlichen wollte, verklagt das Unternehmen nun anonym. Sie fand heraus, dass Unruly ein Bild verkauft hatte, das ihre entblößte Brust zeigt und ohne ihre Zustimmung oder ihr Wissen aufgenommen wurde, während sie sich bei einem Fotoshooting vom Unternehmen umzog. Sie sagt, sie habe dem Unternehmen von Anfang an klargemacht, dass sie keine Nacktaufnahmen machen wolle. „Ich weiß nicht einmal, für wie viel sie es verkauft haben, an wen sie es verkauft haben – ob es nur eine einzige Person war oder Tausende von Menschen“, sagt sie. „Ich habe lange geweint.“

Eine Lifestyle-Influencerin mit etwa 100.000 Followern auf Instagram, die bei Behave unter Vertrag stand, behauptet, das Unternehmen habe eines ihrer Nacktvideos im Haupt-Feed ihrer Onlyfans-Seite geteilt. Und das, obwohl das Unternehmen darüber informiert gewesen sei, dass sie normalerweise eine zusätzliche Gebühr und einen Ausweis von jedem verlange, der das Video sehen möchte. In ihrer Klage gibt sie an, das Unternehmen habe ein zweites privates Foto von ihr auf dem Konto einer anderen Person freigegeben, nachdem sie mitgeteilt habe, dass sie den Vertrag beenden wolle. Seitdem verlangt Behave von ihr rund 400.000 Dollar wegen Vertragsbruchs, behauptet sie in ihrer Klage, die sie ebenfalls anonym einreichte. „Ich würde niemals einem anderen Mädchen oder Jungen wünschen, dass sie das durchmachen müssen, was ich durchgemacht habe“, so die Influencerin.

Creator:innen haben das Gefühl, in der Falle zu sitzen

Eine andere ehemalige Kundin, die unter dem Künstlernamen Amia Miley auftritt, unterschrieb im Oktober 2020 bei Behave, nachdem ihr eine Führungskraft des Unternehmens gesagt hatte, dass ihr Einkommen im ersten Monat der Zusammenarbeit auf mindestens 25.000 US-Dollar steigen müsse, „damit der Vertrag in Kraft tritt“. Das geht aus einer E-Mail hervor, die BuzzFeed News vorliegt. Nachdem ihr Einkommen laut den von BuzzFeed News eingesehenen Kontoauszügen von Onlyfans diese Marke nicht erreicht hatte, verließ sie das Unternehmen. Behave verlangte daraufhin laut einem Schreiben, das BuzzFeed News ebenfalls vorliegt, fast 300.000 Dollar von Miley. Das Unternehmen führte einen dreiwöchigen Zeitraum von Ende Januar bis Anfang Februar 2021 an, in dem sie angeblich mehr als 25.000 Dollar verdiente. Miley sagt, die Berechnung sei zwar korrekt, aber ungerechterweise wurden bestimmte Daten herausgepickt und ihr Monatseinkommen habe diese Zahl nie erreicht.

„Das ist so ein großes Unternehmen. Ich hätte nie gedacht, dass sie so verzweifelt versuchen würden, jemanden in eine Falle zu locken“, so Miley gegenüber BuzzFeed News US. „Ich weiß nicht, wie sie immer noch Geschäfte machen, wahrscheinlich, weil sie so vielen Frauen Angst einjagen, die sich nicht melden oder nicht wissen, wem sie etwas sagen sollen.“

Miley und die Lifestyle-Influencerin äußerten beide Bedenken bezüglich einiger Bestimmungen in ihren Verträgen. Vertreter:innen des Unternehmens versicherten ihnen jedoch, dass es sich bei den Dokumenten um Formalitäten und nicht um verbindliche Bedingungen handele – also unterschrieben sie. „Sie sagten nur: ‚Machen Sie sich keine Sorgen, das verlangt unser Anwalt von uns‘“, erzählt Miley. Ein Personalverantwortlicher des Unternehmens versicherte der Lifestyle-Influencerin nach eigenen Angaben, dass sie, wenn sie irgendwann gehen wolle, „wir eine glückliche Lösung für uns beide finden werden“.

Creatorin wirft Agentur vor, ihr finanziell gut laufendes Konto zerstört zu haben

Nachdem sie sich 2016 Onlyfans angeschlossen hatte, baute sich Miley eine treue Fangemeinde auf, die ihr etwa 10.000 bis 15.000 Dollar pro Monat einbrachte, kurz bevor sie bei Behave unterschrieb. Aber Niknejad rechnete vor, dass das Unternehmen ihr helfen könne, ihr Einkommen zu Verfünffachen, wie aus den BuzzFeed News vorliegenden E-Mails hervorgeht. Ein Gewinn, der die Gebühr von 25 Prozent mehr als wieder reinholen würde. Miley, die zu diesem Zeitpunkt schwanger war und froh, weniger arbeiten zu müssen, fand das Angebot gut.

Aber die Dinge entwickelten sich nicht gut. Der erste Schritt von Behave bestand darin, ihr Konto kostenlos anzubieten und damit den zuverlässigen Stamm an bezahlenden Abonnent:innen, den sie sich über Jahre hinweg aufgebaut hatte, zu zerstören. Ihr Einkommen hinge nun von Spenden und Verkäufen über Direktnachrichten ab, was deutlich arbeitsintensiver ist. Das Unternehmen, so Miley, habe ihr gegenüber behauptet, dass es seine Konten in der Regel so strukturiere. Zwei Mitarbeiter:innen bestätigen dies. Das Ergebnis sei jedoch gewesen, dass sie während der gesamten Zeit, in der sie mit dem Unternehmen zusammenarbeitete, Geld verloren habe.

„Ich sagte, dass ich mich dabei nicht wohlfühle. Ich habe Jahre damit verbracht, diese Zahlen zu erreichen, und das ist das restliche Geld, auf das ich zähle“, sagte sie. Mein Baby könnte jeden Moment auf die Welt kommen, erinnert sie sich an ihre Gedanken zu der Zeit. Diese Leute ruinieren mein Leben.

Agenturen tauschten eigenmächtig Bankdaten in Onlyfans-Konten aus

Ohne Vorwarnung tauschte das Unternehmen die Bankdaten ihres Onlyfans-Kontos aus und ersetzte sie durch ihre eigenen, so Miley. Eine andere ehemalige Kundin behauptet in einer Klage, dass ihr das Gleiche passiert sei. Anstatt die Einnahmen auf ihren Onlyfans-Konten zu erhalten und Behave für ihre Dienste zu bezahlen, seien sie nun darauf angewiesen, dass das Unternehmen ihnen das verdiente Geld auszahle, so die Frauen.

„Sie brachten mich in eine Lage, in der ich sagte: ‚Ich kann jetzt nicht gehen - ihr habt mein Geld, ihr habt mich noch nicht bezahlt‘“, sagt Miley und merkt an, dass das Unternehmen regelmäßig mit den Zahlungen in Verzug war. Eine ehemalige Kundenbetreuerin von Behave behauptet, dass sie oft Nachrichten von anderen Models erhielt, die ihr mitteilten, dass auch ihr Geld noch nicht da sei.

Über die Klagen des Models und der Lifestyle-Influencerin gegen das Unternehmen berichteten zuerst The Daily Beast und Insider.

Als Reaktion auf die Klagen versuchten Unruly und Behave, ein Urteil vor Gericht zu verhindern, indem sie die Schiedsklausel in den Verträgen der ehemaligen Kunden aktiviert haben (Eine Schiedsklausel bestimmt, dass Rechtsstreitigkeiten durch ein Schiedsgericht beigelegt werden, Anm. d. R.). Der Fall der Lifestyle-Influencerin sollte im Januar vor ein Schiedsgericht kommen. Der Fall des Mainstream-Models ist noch in der Schwebe. Die Unternehmen haben weder Fehlverhalten ihrerseits in diesen Fällen zugegeben, noch gab es bisher Gerichtsurteile gegen die Unternehmen. (Der Text erschien im Dezember 2021 auf buzzfeednews.com)

„Wir haben über 100 Stunden pro Woche gearbeitet. Seit meinem Start im Jahr 2020 hatte ich nur drei ganze Tage frei.“

Auch die Mitarbeiter:innen werfen Unruly Ausbeutung vor. Sechs derzeitige und ehemalige Beschäftigte, die dafür bezahlt wurden, Konten im Namen von Creatorn zu führen, verklagen das Unternehmen selbst wegen Diebstahls oder haben einen Anwalt damit beauftragt. Das Unternehmen hat noch nicht auf diese Klagen vor Gericht reagiert.

Lizzie Machabeli und ein:e weitere:r ehemalige:r Kundenbetreuer:in, die gemeinsam gegen Unruly vorgehen, behaupten in ihrer Klage, dass das Unternehmen sie fälschlicherweise als unabhängige Auftragnehmer:innen eingestuft und rechtswidrig unterbezahlt habe, während sie gezwungen wurden, rund um die Uhr an Accounts zu arbeiten, die ihrer Meinung nach jeden Monat Zehntausende von Dollar einbrachten. Die beiden ehemaligen Mitarbeiter:innen, die berichten, gefeuert worden zu sein, nachdem sie Anwälte eingeschaltet haben, erzählen BuzzFeed News US, dass sie Schwierigkeiten hatten, Rechnungen zu bezahlen und oft zwischen ihrer Miete und dem Kauf von Lebensmitteln abwägen mussten. „Wir haben über 100 Stunden pro Woche gearbeitet“, sagt Machabeli. „Seit meinem Start 2020 hatte ich nur drei ganze Tage frei.“

Laut Machabeli, habe sie zu einem bestimmten Zeitpunkt alle paar Stunden etwa 300 Nachrichten beantwortet. Außerdem sei es den Kundenbetreuer:innen verboten gewesen,   Kund:innen mitzuteilen, dass sie einen freien Tag haben oder in der Mittagspause waren. Ein Teil des Streits über die Arbeitsbedingungen geht auf das kalifornische Arbeitsrecht zurück, demzufolge Beschäftigte nicht als unabhängige Auftragnehmer:innen gelten können, wenn ihre Arbeit - einschließlich ihres Zeitplans - der Kontrolle oder Weisung des Unternehmens unterliegt. Drei ehemalige Beschäftigte geben an, dass die Vorgesetzten ihre Zeitpläne oft genau überwachten. Manchmal versetzten sie Kundenbetreuer:innen auf Provisionsbasis von gut verdienenden Kund:innen zu weniger gut verdienenden Kund:innen, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllten, berichtet die ehemalige Kundenbetreuerin Marquez. Eine ehemalige Kundenbetreuerin sagte, sie sei unter Druck gesetzt worden, zu arbeiten, während sie auf einer Hochzeit war. Eine andere sagte, sie sei verwarnt worden, weil sie sich Zeit für eine Black-Lives-Matter-Demonstration genommen hatte. Marquez behauptet, ein Vorgesetzter habe sie gefragt, warum sie nicht mehr arbeite, obwohl sie gerade an der Beerdigung einer Tante teilnahm.

In der Klage, die im November 2021 eingereicht wurde, behaupten Machabeli und der/die ehemalige Kundenbetreuer:in, dass Verantwortliche des Unternehmens sie mit Versprechungen von Schecks in fünfstelliger Höhe und üppigen Reisen angeworben hätten. Als sie bei dem Unternehmen anfingen, mussten sie feststellen, dass sich ihre Gehälter und Aufgaben ohne Vorankündigung änderten, oft in einer Weise, die ihr Einkommen verringerte. In ihrer Klage behauptet Machabeli, ihr hätten einmal 500 Dollar auf einem Gehaltsscheck gefehlt, und zwei weitere Mitarbeiter:innen sagen, dass auch ihnen Fehler in ihren Gehaltsschecks aufgefallen seien. „Es war so manipulativ“, so Machabeli.

Kund:innen der Agenturen gaben wichtige Rechte auf, sagt eine Anwältin

Zehn Tage, nachdem Machabeli im April in einer E-Mail an die Geschäftsführung Bedenken über ihren Status als Auftragnehmerin des Unternehmens geäußert hatte, erhielten sie und andere Beschäftigte ein Dokument, das in der Betreffzeile als „Provisionsstruktur“ von Unruly bezeichnet wurde. Es enthielt eine Vereinbarung über unabhängige Auftragnehmer:innen, die sie bei Streitigkeiten an ein Schiedsgericht bindet, sie für Klagen Dritter haftbar macht und ihre Behauptung, „Angestellte“ von Unruly zu sein, widerlegt.

Die Beschäftigten „hatten nie die Möglichkeit zu verstehen, dass sie sehr wichtige Rechte mit ihrer Unterschrift aufgeben“, so Courtney Abrams, eine Anwältin, die die Beschäftigten vertritt.

Abrams beschrieb Teile der Schiedsklausel und Elemente in anderen Dokumenten, die die Arbeitnehmer unterschreiben sollten – einschließlich der COVID-Haftungsverzichtserklärung mit den fünf Millionen Dollar Schadenersatz und einer Wettbewerbsverbotsklausel, die 100.000 US-Dollar Schadenersatz pro Verstoß vorsah – nach kalifornischem Recht als illegal.

„Das sind Tyrannen. Sie machen einen wirklich fertig.“

In den Monaten nachdem Machabeli ihren Status als Auftragnehmerin angefochten hatte, positionierte das Unternehmen die Kundenbetreuer:innen von Auftragnehmer:innen zu Angestellten um. Ihnen stehe eine Krankenversicherung zu, berichten zwei derzeitige Arbeitnehmer:innen. Dies habe ihren Aussagen zufolge jedoch nicht zu einer höheren Bezahlung geführt.

Mit ihrer Klage fordern die beiden ehemaligen Mitarbeiter:innen die Bezahlung von Überstunden, die ihnen ihrer Meinung nach zugestanden hätte, wenn sie als Angestellte eingestuft worden wären. Nach Angaben von zwei derzeitigen und einem ehemaligen Beschäftigten haben die Unternehmensvertreter und -chefs die derzeitigen und ehemaligen Beschäftigten aufgefordert, eine Verzichtserklärung zu unterzeichnen, in der sie sich bereit erklären, gegen eine Entschädigung von 100 US-Dollar auf jegliche Ansprüche gegen das Unternehmen wegen ihres Arbeitsstatus zu verzichten. Zwei Mitarbeiter:innen zufolge, sei Niknejad auf sie zugekommen, um einen Preis auszuhandeln.

Derzeitige und ehemalige Beschäftigte von Unruly beschreiben ein Umfeld, in dem sich die Beschäftigten davor fürchten, Probleme intern anzusprechen – aus Angst ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder mit rechtlichen Konsequenzen konfrontiert zu werden. „Das sind Tyrannen“, sagt ein derzeitiger Mitarbeiter. „Sie machen einen wirklich fertig.“

„Ich konnte nicht schlafen, ich hatte Zusammenbrüche“, so ein:e ehemalige:r Kundenbetreuer:in, welche:r gemeinsam mit Machabeli gegen das Unternehmen klagt. „Ich erinnere mich, dass ich einfach unter der Dusche stand und anfing zu weinen. ... Und ich fühlte mich einfach gefangen, als könnte ich mich nicht befreien, weil ... wir Angst hatten, kein Einkommen zu haben, obwohl dieses Einkommen schon so gering war.“

Für Marquez, die während der Pandemie Vollzeit für Unruly arbeitete und gleichzeitig ein volles Pensum an Kursen für ihren Bachelor-Abschluss absolvierte, wurde der Druck so groß, dass sie eine Panikattacke erlitt und im Krankenhaus landete.

Ein paar Tage später postete sie auf TikTok, dass sie ihren Job kündigen wolle – ohne das Unternehmen beim Namen zu nennen. Ein Account mit dem Usernamen „thebossatyourjob“ kommentierte das Video: „Dass du kündigst, war zwar nicht Thema deiner Leistungsbeurteilung nächste Woche, aber das kann es sein. Oder soll ich das einfach als deine Kündigung betrachten <3 Dein Boss.“ Marquez fiel auf, dass der Account das gleiche Profilbild hatte, wie der Account von Michael Eisman, dem Chief Operating Officer von Unruly. Auf eine Anfrage nach einem Kommentar reagierte Eisman nicht.

Nur Stunden später stellte Marquez fest, dass sie von ihren Arbeits-E-Mails und Gruppenchats gesperrt und ohne Vorankündigung entlassen worden war.

*Autorin ist Otillia Steadman. Der Artikel erschien am 16. Dezember 2021 auf Buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Aranza Maier-Escobar und Pia Seitler.

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