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„Dumm und respektlos“ - Die Academy wirft mehrere Oscars aus dem Programm und Fans sind wütend

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Von: Mika Engelhardt

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Eine Szene aus Spider-Man No Way Home, die Oscar-Statue und eine Szene aus The Power of the Dog
Wer bekommt den Oscar? Die Academy erhofft sich durch die Inklusion von Filmen wie „Spider-Man“ mehr Zuschauer:innen. Doch andere, unbekanntere Filme verdienen den Goldjungen mehr. © Collage/Sony Pictures/Danny Moloshok/Netflix

Für die Quote? Die Academy kündigt an, einige Oscars nicht mehr während der Live-Show zu verleihen. Fans sind entsetzt.

Die Oscarverleihung im Jahr 2021 war für viele eine Katastrophe. Von Corona gebeutelt und seit Jahren gegen sinkende Quoten kämpfend, entschied sich die Academy, die den Oscar verleiht, für einen neuen Ansatz. Die Preisverleihung fand in einer Lobby statt in einem prall gefüllten Festsaal statt, die Musik-Acts wurden aus Straffungsgründen gestrichen und selbst die Clips aus den besten Filmen des Jahres fehlten in der Zeremonie weitgehend. Bei Kritiker:innen und Filmfans kam dieses Konzept nicht gut an - und das spiegelte sich in den Quoten wider. Die Oscars sanken auf einen historischen Tiefstand.

Klar, dass bei der Academy nach einer solchen Blamage die Alarmglocken klingeln. Die Oscars sind einer der größten Preise der Welt. Die Show verspricht Glamour, Stars und soll viele Menschen ansprechen. Aber die Realität sieht anders aus. Die meisten Menschen haben von einem Großteil der nominierten Filme noch nie gehört. „Belfast“, „Licorice Pizza“, „Nightmare Alley“, „Drive My Car“, „The Power of the Dog“ oder „CODA“ haben sich einfach nicht so ins popkulturelle Gedächtnis spielen können wie ein „Spider-Man: No Way Home“. Es sind Nischenfilme.

Die Oscars 2022 streichen einige Kategorien in der Live-Sendung

Aber die Academy muss sich entscheiden, was für ein Gremium sie sein möchte. Die eben genannten Filme gehören klar zu den besten des vergangenen Filmjahres - und gehören somit nominiert und geehrt. Aber es sind eben keine Blockbuster. Deshalb wird die Preisverleihung wohl kein riesiges Publikum anziehen. Bei der Academy scheint man zu diesem einfachen Schluss nicht zu kommen. Dort denkt man offenbar, es liege an einer ausufernden Show und einer zu langen Verleihung. Deshalb greift die Academy dieses Jahr auf eine verhasste Idee von 2018 zurück.

Am 23. Februar, knapp einen Monat vor der Preisverleihung, wurde bekannt gegeben, dass einige Preise in mehreren der 23 Kategorien dieses Jahr nicht während, sondern vor der Sendung verliehen werden sollen. Zusammenschnitte würden in die Show eingebaut, aber der Live-Charakter fehlt. Eine ähnliche Idee im Jahr 2018 sah vor, einige Preise in die Werbepausen zu legen. Die Idee wurde verworfen. Dass sie 2022 wieder auflebt, wird auf Twitter von Fans, der Presse und selbst Prominenten aufs schärfste kritisiert. Sie hat weitreichende Folgen.

Sind diese Kategorien den Oscars nicht „wichtig“ genug?

Sehen wir uns zuerst die Kategorien an, um die es geht: Bester Kurzfilm (Dokumentation), Bester Schnitt, Bestes Make-Up und Hairstyling, Beste Filmmusik, Bestes Produktionsdesign, Bester Kurzfilm (Animationsfilm), Bester Kurzfilm (Live Action) und Bester Sound. In einem Brief an die Mitglieder erklärt die Academy, diese Preise würden in einer eigenen Zeremonie eine Stunde vor dem Beginn der eigentlichen Oscars verliehen und dann „nahtlos“ in die Live-Show eingefügt. Alle Reden werden gezeigt und alle Filmschaffenden in diesen Kategorien bekommen, so die Academy, „ihren feierlichen Moment“.

Doch die Auswahl der Kategorien weist auf ein strukturelles Problem der Academy hin. Es ist offensichtlich, dass die Kurzfilme bei der breiten Masse nicht auf das Interesse stoßen wie beispielsweise die „Beste Schauspielerin“, aber gleichzeitig sind die Oscars einer der wenigen Momente, in denen diese Kategorien scheinen können. Jetzt wird ihnen selbst dieses Spotlight gestohlen oder zumindest deutlich verkleinert. Denn laut der Academy sind sie nicht wichtig genug, um live gezeigt zu werden und sie werden geopfert, um die Show für das Publikum dynamischer und knapper zu gestalten.

Fans teilen ihren Unmut mit den Oscars bei Twitter

Noch krasser ist es in den Kategorien Schnitt, Make-Up und Hairstyling, Produktionsdesign und Sound. Kein Film kommt ohne diese Dinge aus. Ohne Sets und Make-Up entstehen keine Kulissen, keine Figuren. Ohne Sound versteht man keine Dialoge, zuckt nicht beim Schuss aus einer Pistole zusammen, krallt sich nicht in die Armlehnen, wenn eine Verfolgungsjagd stattfindet. Kurzum: Diese Kategorien sind essenziell für das Filmemachen und haben es verdient, einmal im Jahr ihren großen Moment zu feiern.

Diese Meinung teilen die Nutzer:innen bei Twitter, die sich in den letzten Stunden auf die Academy gestürzt haben. In langen Threads wird die Wichtigkeit verschiedener Kategorien hervorgehoben.

Die Kritik geht bis hinein nach Hollywood. Auch der Schauspieler und Comedian Patton Oswald, den man aus Filmen wie „Zoolander“, „22 Jump Street“ oder der Serie „King of Queens“ kennt, gab seinen Senf zu der Kontorverse hinzu - und outete sich gleichzeitig als riesiger Film-Nerd. Er bezeichnet die Entscheidung der Academy als „dumm und respektlos“ und weist im weiteren Verlauf seiner Tweets darauf hin, dass auch eine Preisverleihung wie die Oscars ohne Make-Up, Sound und Produktionsdesign nicht funktionieren würde.

Dass die Academy sich für das Auslassen einiger Kategorien entschieden hat, stößt besonders auf Kritik, da vor kurzem eine weitere Neuerung in diesem Jahr angekündigt wurde: Erstmals sollen auch die Fans für ihre Lieblinge voten können und unter dem Hashtag #OscarsFanFavorite ihre Lieblingsfilme nominieren. Der Sieger-Film wird während der Live-Sendung geehrt. Die Lunte rochen Filmfans sofort: Das ist nur ein Vorwand, um den Publikumsliebling „Spider-Man: No Way Home“ in die Sendung zu schmuggeln. Auch davon erwartet sich die Academy offensichtlich bessere Quoten - erntet aber bisher nur Spott.

#OscarsFanFavorite stiehlt in der Live-Sendung also Zeit, die man auch den Kategorien, die jetzt ausgeschlossen wurden, hätte geben können. Besonders witzig wird die Geschichte aber, wenn man sich die bisherigen Voting-Ergebnisse ansieht. Denn dort steht „Spider-Man: No Way Home“ nicht wie erwartet an der Spitze, sondern die Musical-Komödie „Cinderella“ mit Camila Cabello in der Hauptrolle. Ihre Millionen Fans fluten aktuell Twitter mit dem Hashtag, weil sie ihren Lieblings-Star in die Oscarverleihung bringen wollen. Ein populärer Film ist „Cinderella“ aber nicht. Diese Aktion könnte der Academy ziemlich auf die Füße fallen.

Die Oscars sind ein Preis für Filmfans - das sollten sie nicht vergessen!

Aber im Endeffekt muss sich die Academy für die Zukunft überlegen, was für ein Filmpreis sie sein möchte. Ein Preis für Filmfans, der eben auch Filme berücksichtigt, die kein Millionenpublikum mit sich bringen, oder ein Preis für die breite Masse. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass ein Filmpreis eben besonders Filmfans anspricht. Ich bin Filmfan und gucke deshalb die Oscars. Die Verleihung zum „Fußballer des Jahres“ lasse ich dagegen aus - die ist für andere Menschen gemacht.

Diese Logik kann man auf jede andere Preisverleihung ausweiten. Es ist vollkommen normal, dass nicht alle Menschen die Oscars einschalten. Sie sind nicht mehr das größte Event des Jahres und Filme kommen heutzutage viel seltener groß raus als vor vielen Jahren, als es noch nicht so viele Entertainment-Möglichkeiten gab. Dass die Academy erkennt, dass viele Menschen „Spider-Man“ mögen ist schön, aber eigentlich hat der Film bei der Preisverleihung nichts verloren. Es geht um außergewöhnliche, großartige Filme - und auch wenn Marvel-Fans mich jetzt hassen, „Spider-Man“ gehört nicht in diese Gruppe.

Auf Höhen wie vor einigen Jahrzehnten werden die Oscars nie wieder klettern. Die Zeiten haben sich geändert. Viele Menschen gucken weniger Filme und konzentrieren sich auf Streaming und Serien. Noch weniger Menschen gucken regulär Fernsehen und schalten somit automatisch nicht mehr die Oscars ein. Auf der anderen Seite lieben Filmfans nach wie vor die Oscars. Jedes Jahr wird mehr auf Twitter diskutiert und besprochen. Die Oscars sind immer noch relevant, aber eben nicht mehr auf dieselbe Art wie früher.

Die Oscars 2022 werden ein historisches Jahr

Mit Aktionen wie #OscarsFanFavorite oder dem Auslassen einiger Kategorien verspricht sich die Academy einen Schritt in längst vergangene Zeiten. Ob sich diese Spielereien auszahlen, zeigen am Ende natürlich die Quoten. Aber jetzt schon lässt sich vermuten, dass die Auswirkungen nicht so groß sein werden, wie die Academy sich das erhofft. Vielmehr vergrault sie echte Filmfans, die sich eben für Schnitt und Produktionsdesign interessieren. Was auch immer geschieht, die Preisverleihung 2022 könnte die Weichen für die Zukunft der Oscars stellen. Die bisherigen Entscheidungen werden also weitreichende Folgen haben.

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