1. BuzzFeed
  2. News

Gen Z-Trend „Lipfiller“ – Brauche ich das auch?

KommentareDrucken

Unsere Autorin flirtet mit der Idee, sich die Lippen aufspritzen zu lassen. Ist sie damit trendy und feministisch oder schon dem Selbstoptimierungswahn verfallen?

„Was ist denn in Deutschland los, überall sehe ich Frauen mit so dicken Lippen“, sagt mein Freund zu mir, während wir durch den Wedding in Berlin spazieren. Er schürzt die Lippen, zieht eine Schnute, um die Frauen nachzumachen, die gerade an uns vorbeigegangen sind. „Ja, stimmt“, antworte ich, „ist mir auch schon aufgefallen“. Lipfiller mit Hyaluronsäure und Botox sind total angesagt, wie viele weitere Trends aus den 2000ern, die gerade ein Comeback erleben.

Als Teenie saß ich vor dem Fernseher und schaute Germany’s Next Topmodel. Ich erinnere mich noch genau daran. Heidi Klum sagte in einer Sendung: „Ab 40 gibt es nur zwei Optionen, um die Falten auf der Stirn zu verstecken: Pony oder Botox“, und enthüllte damit ihre neue Frisur. Damit war Heidi etwas Besonderes. Jede prominente Frau ließ sich das Zeug spritzen, aber keine gab es zu.

Heute, so mein Eindruck, geht es aber um etwas anderes. Und Studien belegen meine Vermutung: Denn die Frauen, die heute „etwas machen lassen“ sind nicht 40 oder älter, sondern Mitte bis Ende zwanzig. Statt Alterserscheinungen zu kaschieren, wollen wir ihnen vorbeugen, uns ständig optimieren, immer noch besser aussehen.

Junge Frau bekommt eine Behandlung mit Lipfillern
Lipfiller und andere Eingriffe liegen im Trend © Shotshop/IMAGO. Bearbeitung: BuzzFeed DE

Ich dachte, wir hätten etwas Wichtiges von Kim Kardashian gelernt

Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmannstiftung über Lebensziele junger Erwachsener liegt „Wunderschön aussehen“ auf dem zweiten Platz, nach „viele Besitztümer haben“ und vor „klare Ziele im Leben entwickeln“. Die Frage, was hier los sei, scheint mir da durchaus berechtigt, wenn junge Leute erst vermögend und schön sein wollen, und erst danach weniger „lost“.

Lost bin ich aber bei diesem Thema selbst. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich nicht entscheiden kann. Einerseits denke ich mir: „Warum verurteilt mein Freund die Frauen, die sich die Lippen aufspritzen lassen? Sollen sie doch, ihre Entscheidung!“ Doch während ich die Schar an Schmollmündern beobachte, die an mir vorbei wippen, schießen mir auch andere Gedanken in den Kopf, etwa: „Wie unnötig. Wir haben doch gerade erst verkraftet, dass der Hintern von Kim Kardashian nie echt war. Wir sind dafür ins Gym gerannt und haben gepumpt ohne Ende, weil wir dachten, wir müssen so aussehen. Nur, damit sie jetzt auf einmal mit schmaler Silhouette ein neues Ideal setzt. Ich dachte, wir hätten daraus gelernt.“

Mehr dazu: Gen Z feiert mit „Heroin Chic“ dünne Körper

Wer bestimmt, wo Selbstoptimierung anfängt?

Doch abends merke ich: Während ich am Nachmittag noch gedanklich geschimpft habe, sieht das ein paar Stunden später schon wieder anders aus. Ich daddle am Handy und merke beim Scrollen durch Social Media, wie mit jedem weiteren vollen und schön geschminkten Kussmund mein Selbstbewusstsein bröckelt. Und dann ist er auf einmal da, dieser Gedanke: Wieso eigentlich nicht?

Ein bisschen vollere Lippen wären doch schön(er). Außerdem habe ich mir schon immer perfekte Augenbrauen gewünscht. „Microblading“, eine neue Art von Permanent-Make-up, bietet da Lösungen. Statt ständig gegen die buschigen, verrutschen Brauen zu kämpfen, könnte ich einfach morgens aufstehen, zum Spiegel gehen und endlich sagen: Just woke up like this. Was ist schon dabei? Selbstoptimierung fängt theoretisch ja schon mit der Zahnspange oder beim Friseur an. Danach kräht doch auch kein Hahn.

„You do you“ und Doppelmoral

Dann muss ich an Louisa Dellert denken. Eine Influencerin, die viel zu den Themen Feminismus und Umwelt arbeitet. Mit ihr habe ich schon gesprochen, wie Frauen Opfer von Hass im Netz werden. Sie teilt Videos, in denen sie darauf aufmerksam macht, dass Falten und Speckrollen normal sind. Und dass es normal sein muss, das auf Social Media zu sehen. Dellert kritisiert auch den übermäßigen Konsum von Filtern und erklärt mit Selbstversuchen, wie sie unsere Wahrnehmung verzerren.

Es gibt aber auch andere Stimmen. Sie sind nicht gegensätzlich, verhandeln das Thema aber anders. So sagt etwa die Podcasterin Jule Lobo, die selbst Botox benutzt, dass es feministisch und selbstbestimmt sei, eine „Problemzone“ oder Unzufriedenheit am Körper zu korrigieren. Sie spricht zwar auch von Trends und Beeinflussung, dennoch ist ihr Credo: „You do you“.

Die Autorin Sophie Passmann geht noch einen Schritt weiter. Sie sagt, dass Eingriffe und Operationen lediglich Weiterentwicklungen der bereits akzeptierten Optimierungen seien, die Frauen sowieso schon täglich vornehmen. Etwa enthaaren, Nägel lackieren und schminken. Sie kritisiert auch die Doppelmoral der Gesellschaft: So werden die täglichen Korrekturen von Frauen erwartet, damit sie gewissen Anforderungen entsprechen und ein Minimum an Respekt erfahren, während sie für andere Eingriffe verurteilt werden.

Mehr Trends: Trad Wives - Ich kann verstehen, warum sich Frauen für ein Leben als Hausfrau entscheiden

Brauche ich einen Lipfiller?

Ich kann alle drei Frauen nachvollziehen. Ich will das Recht haben, solche Dinge tun zu können, ohne verurteilt zu werden. Ich will aber nicht den Druck verspüren, es tun zu müssen, nur um in dieser Gesellschaft klarzukommen. Brauche ich alsoLipfiller?
Unwahrscheinlich. Ich mag meine Lippen. Klar, sie könnten voller sein und ja, mit zunehmenden Alter werden sie schrumpeln. Aber der Gedanke, das zu ändern, kam mir erst, als ich gesehen habe, dass andere das auch machen und dieser Eingriff kein Celebrity-Ding mehr ist. Das mit den Augenbrauen ist etwas anders. Das nervt mich tatsächlich schon seit Jahren. Momentan klatsche ich sie mir mit Gel ans Gesicht – das funktioniert gut. Und vielleicht sollte ich dabei bleiben. Denn who knows, welche Augenbrauenform in ein paar Jahren Trend ist.

Auch interessant

Kommentare

Teilen