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Putins Krieg: Wie sich der russische Präsident mit fragwürdiger Rhetorik selbst entlarvt

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Von: Mika Engelhardt

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Wladimir Putin
In seiner eigenen Welt: Nicht viel von dem, was Wladimir Putin zur Erklärung seines Einmarsches in die Ukraine sagt, ergibt Sinn. © Mikhail Klimentyev/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa/Archivbild

Mit einer Fernseherklärung startete Wladimir Putin den Ukraine-Krieg. Die aber lässt tief in die Psyche des russischen Präsidenten blicken, wie zwei Journalisten der Washington Post beschreiben.

Es habe etwas von einer Therapie-Sitzung, schreiben Anthony Faiola und Sammy Westfall für einen Newsletter der Washington Post über die einstündige Fernsehansprache Wladimir Putins, in der der russische Präsident den Einmarsch in die Ukraine bekannt gab. Jetzt, nur wenige Stunden später, herrscht nach Jahren des Friedens Krieg in Europa. Fast alle Augen sind auf die Lage in der Ukraine gerichtet und auf den Mann, der Völkerrecht gebrochen und die Eskalation herbeigeführt hat. Der Text der beiden Autoren ging im Netz viral.

Putin präsentiert sich den russischen Medien als Opfer, das lediglich auf einer Friedensmission ist. Er sieht fast alle als schuldig an der aktuellen Situation - nur sich selbst nicht. Der Westen habe ihn „zum Feind gemacht.“ Aber auch historische Figuren wie Stalin und Lenin macht er dafür verantwortlich, dass die Ukraine überhaupt entstehen konnte, die, so Putin, historisch und kulturell eigentlich ein Teil Russlands sei. Damit wiederholt er Vorwürfe aus einem Text, den er im Sommer vergangenen Jahres schrieb. Mit diesen historisch falschen Anschuldigungen legitimiert Putin nun seine territorialen Ansprüche.

Putin nutzt Propaganda und Falschinformationen

An Propaganda-artigen Äußerungen mangelt es in der Rede nicht, analysieren die beiden Journalisten. Putins Wut gelte auch den Ukrainer:innen, die sich gegen ihre Heimat, „Mutter Russland“, gewendet hätten. Im weiteren Verlauf lasse er weitere, unfundierte Vorwürfe gegen die Ukraine laut werden. Von der angeblichen Tatsache, dass Ukrainer:innen auf Geflüchtete aus Belarus schießen würden bis hin zu der Anklage, die Ukraine arbeitete in der Region Donbass an einem „Genozid“. Er strebe die „Entmilitarisierung und Entnazifizierung“ des Landes an, so Putin.

Mit seiner Rede bricht Wladimir Putin mit Aussagen, die er in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder getätigt hatte. Noch vor kurzem beharrte Putin darauf, er plane keinen Einmarsch in die Ukraine - auch vor politischen Führungsfiguren wie dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz. Jetzt ist klar: Er hat glatt gelogen.

Geschichtlich falsche Aussagen: Bei Putin in Dauerschleife

Es ist Geschichtsrevisionismus, den der russische Präsident da betreibt. Weitab von Fakten und Realität, scheint sich der 74-Jährige in einer Scheinwelt zu befinden. Die Journalisten Faiola und Westfall betonen in diesem Atemzug, dass auch Staatsoberhäupter in der näheren Vergangenheit Sorgen über Putins Verhalten geäußert haben. Frankreichs Präsident Macron sagte nach einem Treffen, er habe Putin kaum wiedererkannt. Vor wenigen Tagen fanden die Menschen den Fakt, dass Putin seine Gäste an einem langen Tisch sechs Meter entfernt von sich sitzen ließ. Manche sehen in dem Verhalten Zeichen einer Psychose.

Dass die Ukraine sich im Jahr 1991 mit großer Mehrheit für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion aussprach, akzeptiert Putin nicht. Er erhebt Anspruch auf das Territorium, das historisch schon immer zu Russland gehört habe. Auch das stimmt nicht. Teile der Ukraine lagen im Gebiet des russischen Imperiums. Andere Teile gehörten zu Ungarn, Polen oder Litauen. Während Putin dem Land die Existenz abspricht, hat die Ukraine sich als demokratische Kraft etabliert, in der sogar schon einmal ein Präsident abgewählt wurde. Dass Putin bei diesem System von „Entnazifizierung“ spricht, ist purer Hohn.

Putin droht der Welt: Russland verfügt über Atomwaffen

All das könnte man vielleicht vertragen und als wirres Gerede abstempeln, aber Putin schließt mit einer ganz besonderen Drohung an die Länder, die der Ukraine zur Hilfe eilen könnten. „Konsequenzen von bisher unbekannten Ausmaß“ verspricht der russische Präsident. Die Gefahr ist eindeutig: Atomwaffen. Russland könnte als Atommacht eine weltweite Bedrohung werden und die Situation weiter zur tödlichen Eskalation bringen.

Im Laufe des Vormittags kam die Frage auf, wie lange Putin seine Invasion schon plant. Dass er in den vergangenen Wochen die Truppen so positioniert hat, dass er von vielen Seiten auf einmal einmarschieren konnte, ist offensichtlich. Aber schon Putins vergangene Videokonferenzen zeigten Indizien auf, dass es sich um vorgedrehte Video handelte. Die Uhr eines Beraters zum Beispiel zeigte die falsche Uhrzeit für die angebliche Liveschaltung - Putin selbst hatte seine eigene abgenommen.

Putin ist tief in den Kaninchenbau gestiegen - Wirksamkeit der Sanktionen muss sich zeigen

Es könnte also ein lang geplanter Streich Putins sein, der sich zunehmend in Falschinformationen und Propaganda verloren hat. Vorwände für eine kriegerische Invasion hat der russische Präsident viele. Von einem angeblichen Anschluss der Ukraine in die NATO bis hin zu imaginären historischen und aktuellen Feinden - Putin scheint entschlossen, nach Gründen für kriegerische Auseinandersetzungen zu suchen und einen Regierungswechsel in der Ukraine zu erreichen. Die Autoren der Washington Post sprechen dabei von einer geradezu „oscarreifen Performance“ Putins.

Ob die angedeuteten Sanktionen einen Einfluss auf Putin haben und doch noch zum Frieden führen kann, muss sich noch zeigen. Aber klar ist, so Faiola und Westfall, dass Putin sich ziemlich tief in seinen Kaninchenbau gegraben hat. Er verbreitet Propaganda und sieht sich als bedrohtes Opfer gleich mehrerer Feindbilder. Nicht nur das Essay für die Washington Post, auch ein einfaches Anschauen von Putins Rede oder ein Blick in die Nachrichten zeigen, wie kritisch die Situation ist.

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