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„Rasenmäher-Eltern“ erziehen Kinder zu lebensunfähigen Erwachsenen – Psychologin warnt

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Von: Jana Stäbener

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„Rasenmäher-Eltern“ trainieren ihren Kindern im schlimmsten Fall Versagensängste an. Wir erklären, was sich hinter der Erziehungsmethode verbirgt.

Wie soll ich meine Kinder erziehen? Diese Frage stellen sich wohl alle Eltern. Eine einfache Antwort darauf gibt es wohl nicht. Ein Kinderarzt ist der Meinung, Eltern sollten nicht so perfektionistisch sein – wichtiger sei, dass sie sich mit ihrem Kind beschäftigen, anstatt es mit technischen Geräten „auszuschalten“. Doch das mit dem Perfektionismus ist wohl leichter gesagt, als getan. Denn es gibt auch so einige Erziehungsmethoden, von denen Expert:innen klar abraten. Eine davon ist die der „U-Boot-Eltern“, die den Erfolg ihrer Kinder durch Abtauchen gefährden.

Auch Helikoptereltern werden gerne belächelt. Die kreisen andauernd über ihren Kindern und sind überfürsorglich, was Kinder von Helikoptereltern laut einer US-amerikanischen Studie später jedoch mal erfolgreicher macht. Schwierig wird es jedoch dann, wenn Eltern aus dem Helikopter aussteigen, den Rasenmäher anwerfen und damit jeden noch so kleinen Grashalm abmähen, der vor ihren Kindern vor sich hin wächst. Dann spricht man nämlich von Rasenmäher-Eltern (engl. lawnmower parents). Aber was ist an denen so bedenklich?

Rasenmäher-Eltern nehmen ihren „Kindern die Chance, Hindernisse zu überwinden“

Im Grunde genommen meinen es Rasenmäher-Eltern eigentlich nur mit ihren Kindern. Genau das sei jedoch das Problem, sagt die Psychologin Jenny Grant Rankin gegenüber NBC News. „Diese Eltern denken, dass sie ihren Kindern helfen, aber [sie] nehmen den Kindern die Chance, Hindernisse zu überwinden“, erklärt die Erziehungsexpertin. Ein Beispiel hierfür sei, ein Elternteil, das seinem Kind die Geige hinterherfahre, die es zu Hause vergessen habe. Eigentlich würde das Kind über sein vergessenes Instrument eine wichtige Botschaft lernen: nämlich die, dass große und kleine Missgeschicke und Misserfolge zum Leben dazugehören.

Werde ihm diese Chance jedoch genommen, so lernen Kinder nie, Hindernissen oder Misserfolgen im Leben auf eine gesunde Art zu begegnen, erklärt Rankin NBC News. „Kinder, die von allem nur das Beste bekommen und keine Gelegenheit haben, sich in Niederlagen zu üben, werden später Schwierigkeiten haben, mit der chaotischen Natur des Lebens fertig zu werden.“ Solche Kinder seien auch weniger in der Lage, Dankbarkeit zu zeigen – die sei aber ein wichtiger Faktor, um glücklich zu sein.

„Rasenmäher-Eltern“ meinen es nur gut mit ihren Kindern. Möglicherweise „zu gut“.
„Rasenmäher-Eltern“ meinen es nur gut mit ihren Kindern. Möglicherweise „zu gut“. © "photographie_Hannes_Eichinger" via www.imago-images.de

Bei Lehrer:innen sind Rasenmäher-Eltern ein großes Thema

Weitere Beispiele für Rasenmäher-Eltern nennt auch das Institut für integrative Lerntherapie und Weiterbildung. Rasenmäher-Eltern seien vor allem bei Lehrer:innen ein großes Thema, denn diese erlebten häufig, wie ein Rasenmäher-Vater für sein Kind einen Aufsatz schreibe, oder eine Rasenmäher-Mutter beim Chemie-Experiment helfe.

Ein Extrembeispiel für diese Art der Rasenmäher-Erziehung findet sich wohl bei „Desperate Housewife“-Schauspielerin Felicity Huffman, über die unter anderem die Süddeutsche Zeitung berichtete. Sie tat sich mit anderen Eltern zusammen, um ihren Kindern für Unsummen an Geld einen Studienplatz an renommierten US-Universitäten zu erschwindeln und stand 2019 dafür vor Gericht. Extrem sind auch diese „Boomer“-Großeltern, die Grenzen überschreiten – Mütter verraten, wie toxisch das ist.

In einem Beitrag beim Sat.1-Frühstücksfernsehen erzählt der Lehrer und Vater Arne Ulbricht, von Erlebnissen mit Rasenmäher-Eltern. Bei älteren Schüler:innen kämen auch E-Mails, in denen Eltern um Noten für ihre Kinder verhandelten. „Rasenmäher-Eltern verhindern die Selbstständigkeit ihrer Kinder“, sagt der Lehrer und Buchautor (hier schreiben wir über 13 großartige Lehrkräfte, die sich für ihre Schüler:innen echt ins Zeug legen). „Insgeheim denken Eltern eben, sie tun ihrem Kind etwas Gutes. Aber sie tun es nicht“, sagt Ulbricht.

Helikoptermama? Christine Lambrecht zahlt 261 Euro für Sylt-Flug ihres Sohnes im Regierungsflieger – auf Twitter muss sie sich Kommentare dafür anhören.

Rasenmäher-Eltern müssen lernen, Erfolg neu zu interpretieren

Neben der Psychologin Rankin äußern sich im NBC News-Artikel auch noch andere Expertinnen zu Rasenmäher-Eltern. Der Wunsch zu helfen sei natürlich, also sollten Eltern auch nachsichtig mit sich selbst sein, sagt so Saba Harouni Lurie, eine Familientherapeutin. Wichtig sei es, Erfolg neu zu interpretieren. Erfolg bedeute dann nicht mehr, gute Noten, perfekte Hausaufgaben oder keine einzige verpasste Geigenstunde, sondern dass Kinder Unabhängigkeit und Widerstandsfähigkeit entwickeln.

„Dann können wir unsere Energie darauf verwenden, ihnen dabei zu helfen, das zu erreichen. Gleichzeitig erlauben wir ihnen, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und uns dagegen wehren, unser Leben auf sie zu übertragen“, sagt Lurie zu NBC News. Sie empfiehlt Menschen, die merken, dass sie sich wie Rasenmäher-Eltern verhalten, eine Liste zu machen. Auf dieser sollte stehen, wie Erfolg für einen persönlich aussehe. Die Definition könne man dann schrittweise überarbeiten.

Wichtig sei Geduld und nicht sofort aufzugeben. „Am Anfang wird es schwer sein: Dein Kind wird die Veränderung nicht mögen und dich drängen, zu Ihren alten Gewohnheiten zurückzukehren, also sei stark. Gute Erziehung wird leichter werden“, sagt Lurie bei NBC News und empfiehlt jedem, der weniger Rasenmäher-Elternteil sein will, das Buch „Mindset“ von Carol Dweck, das dabei helfe, Kinder zu mehr Selbstständigkeit und Widerstandsfähigkeit zu erziehen.

Nicht nur Eltern in der Erziehung – auch Kinder können manchmal etwas falsch machen oder echt gemein sein. Hier 17 Beweise, dass Kinder die grausamsten Menschen der Welt sind.

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