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Anschlag in Hanau: Skandalregisseur Boll veröffentlicht umstrittenen Film - gegen den Wunsch der Opfer

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Von: Mika Engelhardt

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Uwe Boll hat einen Film über den Anschlag vor zwei Jahren in Hanau gedreht.
Uwe Boll hat einen Film über den Anschlag vor zwei Jahren in Hanau gedreht. Keiner der bisherigen Filme des Regisseurs kam bei Kritiker:innen aber gut weg. © dpa/Collage

Für Emotionen oder Feingefühl steht Uwe Boll mit seinen Filmen nicht unbedingt. Deshalb sehen viele die Produktion seines Films über den Anschlag in Hanau kritisch.

Den 19. Februar 2020 werde ich als Darmstädter wohl nie vergessen. Meine Heimat ist nicht weit von Hanau entfernt, und wir hatten in der WG sogar eine Freundin von dort zu Besuch. Sie fuhr abends heim, und kurz danach kamen die ersten Meldungen über den Anschlag auf unsere Smartphones. Meiner Freundin ging es gut, aber der Schreck saß tief. Genau wie das Entsetzen, als mehr Details über die Tat ans Licht kamen. Bis heute sieht man in vielen Fenstern in Darmstadt Plakate mit den Namen der Opfer.

Am Tag des Anschlags vor zwei Jahren erschoss der 43-jährige Hanauer Tobias R. neun Hanauer:innen mit Migrationshintergrund aus rassistischen und rechtsextremen Motiven. Anschließend tötete er seine Mutter und sich selbst. Er ging laut Polizeiinformationen strategisch vor und wählte seine Opfer ganz bewusst nach deren Aussehen. Innerhalb einer knappen Viertelstunde tötete er seine Opfer in einer Shishabar, an einem Kiosk und in einer weiteren Bar.

Anschlag in Hanau: Der Täter verbreitete Verschwörungstheorien

Der Täter war polizeibekannt. Er radikalisierte sich über Jahre im Internet und verbreitete dort Verschwörungstheorien. Vor der Tat schrieb er ein wirres Manifest voller rassistischer und rechtsextremer Äußerungen. Zusätzlich litt er unter Verfolgungswahn. Dass er überhaupt Waffen besitzen durfte, ist bis heute ein Grund für Debatten. Auch die Reaktion der Polizei, die viel zu spät vor Ort und für einen Notruf zwischenzeitlich nicht erreichbar war, wird nach wie vor untersucht.

Die Tat sendete eine Welle der Erschütterung durch Deutschland. Namhafte Politiker:innen bezeugten ihr Beilied, genau wie gewöhnliche Bürger:innen. Innerhalb kürzester Zeit gab es in vielen Städten Mahnwachen und Demonstrationen gegen rechten Terror. Gleichzeitig motivierte die Tat in den Folgetagen Schüsse auf eine Dönerbude in Döbeln, auf eine Shishabar in Stuttgart und auf ein Haus in Heilbronn.

Am Jahrestag: Uwe Boll veröffentlicht seinen Film über den Anschlag in Hanau

Am Samstag jährt sich der Anschlag zum zweiten Mal. In und um Hanau, aber auch in ganz Deutschland sind Gedenktermine angekündigt. Eine Zeremonie vom Hanauer Friedhof wird im Fernsehen übertragen. Auch in meiner Heimat in Darmstadt ist eine Kundgebung mit anschließender Mahnwache angekündigt. Der 19. Februar wird mit solchen Aktionen, wie der hessische Landtagspräsident Boris Rhein im Jahr 2020 sagte, „ein unauslöschbares Datum“.

Ausgerechnet dieses Datum hat sich der Regisseur Uwe Boll herausgesucht, um seinen Film „Hanau“ auf den Markt zu bringen, in dem er die Bluttat aufarbeitet. Uwe Boll wird von manchen als einer der schlechtesten Filmemacher aller Zeiten bezeichnet. Er zeichnet für die verpönten Videospieladaptionen „Far Cry“ und „Alone in the Dark“ verantwortlich und realisierte in den vergangenen Jahren mit seinem eigenen Geld Reihen über Amokläufe und Terroranschläge. Mit „Auschwitz“ wagte er sich schon einmal an ein historisch bedenkliches Thema - und bekam desaströse Kritiken.

Skandalfilm „Hanau“: Uwe Boll prangert Missstände an

Uwe Boll selbst lässt die Kritik aber von sich abprallen. In Videos auf YouTube bezeichnet er sich als Visionär. Und um fair zu bleiben, muss gesagt werden, dass er seine Filme oft produziert, weil er Missstände sieht. So beginnt zum Beispiel sein „Auschwitz“-Film mit Interviews mit Schüler:innen, die offenlegen, wie wenig Wissen über die Tragödie vorhanden ist. Auch seinen Film Hanau produzierte er, wie der Spiegel schreibt, weil er auf der Seite der Opfer stehe und zur Aufklärung der Ereignisse beitragen wolle.

Gute Absichten hin oder her, Boll stößt mit seinem Projekt immer wieder auf Kritik. Zur aktuellen Veröffentlichung des Films regnet es schlechte Kritiken. Die Stadt Hanau und die Verbliebenen der Opfer wandten sich bereits im März 2021 in einem offenen Brief an den Regisseur und forderten ihn auf, „auf die Dreharbeiten zur Realisierung dieses Films zu verzichten.“ Weiter hieß es: „Unter dem Deckmäntelchen der Aufklärung und Kunst nutzen Sie das unbeschreibliche Leid der Opfer und ihrer Angehörigen, um Ihren Wunsch nach Publicity und die blutrünstige Sensationsgier Ihres Publikums zu befriedigen.“

Der Film „Hanau“ konzentriert sich auf den Attentäter

Dennoch ist der Film mittlerweile abgedreht. Er fokussiert sich nicht auf die Tat selbst, die erst gegen Ende passiert, sondern vor allem auf den Täter Tobias R. Der Verleih spricht von einem „Psychogramm eines Massenmörders“. Der Film untersuche die Radikalisierung von R. und wie es überhaupt zu der Tat kommen konnte. Das wird von Kritiker:innen nicht gut aufgenommen. Wie der Deutschlandfunk berichtet, nimmt der Film sich 40 Minuten Zeit, um den Täter zu begleiten. Dieser Fokus wird als „moralisch unmögliche Haltung“ bezeichnet. Braucht ein Mensch wie R. wirklich eine Bühne?

Boll inszeniert den Film mit einer Mischung aus dokumentarischen und nachgespielten Szenen. So entsteht laut Deutschlandfunk eine „abstruse Mischung, die sich kaum zusammenbringen lässt.“ Besonders verwirrend sei auch das Ende des Films. Nach der grafisch inszenierten Bluttat folgt plötzlich eine Collage aus AfD- und Trump-Videos, gefolgt von einem Abspann, in dem alle Opfer rechten Terrors der letzten 30 Jahre aufgelistet werden. Solche Versatzstücke zeigen, dass Boll mit seinen Filmen etwas aussagen will - aber offensichtlich hat er nicht die Fähigkeiten als Regisseur, um dem Thema die notwendige Gravitas zu verleihen.

Am Jahrestag des Hanau-Anschlags: lieber den Opfern gedenken

Im Endeffekt muss man sich bei allen Schreckenstaten und deren Verfilmungen fragen, was der Film für eine Bedeutung und einen Einfluss haben könnte. Wenn ein Steven Spielberg mit „Schindlers Liste“ den Holocaust aufarbeitet, zur Recherche mit Überlebenden spricht und die Erträge den Hinterbliebenen zukommen lässt, kann ein wertvolles Werk entstehen.

Aber wenn man der verqueren Denkweise eines Täters eine Bühne bereitet und den Film auch noch zu einer Zeit veröffentlicht, an der die Hinterbliebenen besonders emotional und angreifbar sind, können die Intentionen noch so gut sein. Viele Betroffene hätten es sich anders gewünscht.

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