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Wie eine Regenbogenfamilie im Jahr 2022 in Deutschland lebt: „Es verlangt einem viel ab“

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Eine Regenbogenfamilie mit einem Kind.
Für Regenbogenfamilien ist das Leben in Deutschland auch 2022 nicht immer einfach. © Diego Puentes/IMAGO

Für Regenbogenfamilien ist der Alltag in Deutschland noch immer voller Hürden. Wir haben mit einer Familie gesprochen, vor welchen Problemen sie steht und was sie sich wünscht.

Die LGBTQIA+-Community ist in den vergangenen Jahren immer mehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Seit beinahe fünf Jahren gibt es die gleichgeschlechtliche Ehe, die eine deutliche Mehrheit der Deutschen (83 Prozent) laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes befürwortet. Also alles super? 

Ganz so einfach ist es nicht. Das zeigte jüngst auch der Bericht des Sozialreferats der Stadt München mit Blick auf die Lebensrealität von Regenbogenfamilien. Dabei zeigt sich ein Phänomen, das bundesweit auf alle, offiziell registrierten, rund 10.000 Regenbogenfamilien in Deutschland zutrifft: Die Vorurteile gegenüber Familien mit schwulen Vätern oder lesbischen Müttern halten sich hartnäckig in der Gesellschaft. Nebst den rechtlichen Hürden wie ein langwieriges Adoptionsverfahren für den nicht biologischen Elternteil einer queeren Familie müssen sich Regenbogeneltern noch immer tagtäglich veralteten Ansichten stellen - wie jenen, dass sie gar keine „richtige Familie“ seien. 

Regenbogenfamilien haben es in Deutschland noch immer schwer

Zudem wird eine Regenbogenfamilie laut Marion Lüttig von der Münchner Beratungsstelle Regenbogenfamilien auch sehr schnell sexualisiert. Diffamierungen und Diskriminierung sei für viele Regenbogenfamilien bis heute trauriger Alltag. Lüttig erlebt auch, wie heterosexuelle Eltern von einer „schrillen Minderheit“ sprachen und es für unangebracht hielten, dass Regenbogenfamilien mit ihrer Lebensrealität sozusagen zwangsweise auch in den Schutzbereich Kindergarten eindringen würden. 

„Müssen wir denn wirklich schon im Kindergarten über Sexualität sprechen?“, so eine der klassischen Klischee-Fragen. Dabei schwingt oft die Frage mit, ob Kinder bei queeren Eltern wirklich gut aufgehoben sind. Daran ändert laut Lüttig auch die Faktenlage nichts - mehrere repräsentative Studien aus Deutschland, Italien und den Niederlanden haben bereits vor Jahren gezeigt, dass Kinder in Regenbogenfamilien keinesfalls schlechter aufwachsen. Trotzdem erleben Regenbogenfamilien oftmals den Druck, sich stets als „gleichwertige Familienform“ beweisen zu müssen. Buzzfeed News Deutschland wollte es genau wissen und hat eine Regenbogenfamilie in Baden-Württemberg besucht. Die Familie von Alexander Müller besteht aus zwei schwulen Vätern, zwei lesbischen Müttern und zwei Jungs im Alter von 4 und 6 Jahren. Sie leben nahe einer Großstadt in einer ländlichen Region.  

Sie leben als Regenbogenfamilie im kleinstädtischen Bereich. Wie erleben Sie und Ihre beiden Kinder den Alltag? Werden Sie noch immer als „Exoten“ wahrgenommen?

Ja und Nein. Unsere beiden Jungs haben einige gute Freunde und deren Eltern sind alle heterosexuell. Von diesen Eltern hat niemand ein Problem damit, dass wir in unserer Familie zwei schwule Väter und zwei lesbische Mütter sind. Wir sind aber auch von Anfang an sehr offen damit umgegangen, also auch die Freunde unserer Kinder wussten sofort von unserer Familienkonstellation. Wir haben nichts verheimlicht und das hat viel vom Exoten-Status sehr schnell eliminiert. Man muss aber auch sagen, dass unsere Jungs in einem Montessori-Kindergarten untergebracht sind, da ist die Klientel mit Sicherheit anders als in einer Einrichtung mit staatlicher oder religiöser Leitung. Von befreundeten anderen Regenbogenfamilien hören wir da durchaus auch ganz andere Erlebnisse. In unserem Kindergarten ist der Umgang ein ganz normaler, wir werden also auch nicht als besondere Image-Vorzeige-Familie herausgestellt. Im besten Sinne sind wir normal. 

Wie gehen denn Kinder von anderen Familien mit Ihnen und Ihren beiden Jungs um? 

Kinder haben damit gar keine Probleme, wenn es Probleme gibt, kommen sie immer von den Eltern. Der beste Freund einer meiner Söhne hat seinen Eltern neulich erklärt, wenn er groß ist, wolle er auch lieber einen Mann heiraten. Er will nämlich den Bauernhof der Eltern übernehmen und zwei Männer könnten einfach mehr arbeiten und anpacken. Für ihn ist ein schwules Ehepaar genauso selbstverständlich wie Mann und Frau in einer Ehe.

Ein Kritikpunkt vieler Regenbogenfamilien ist, dass sie sich im Alltag nicht repräsentiert sehen, zum Beispiel bei Schreiben von der Schule oder dem Kindergarten. Sehen Sie das auch so?

Ja, das stimmt. Regenbogenfamilien werden in den meisten Broschüren nicht mitgedacht. Aber ich empfinde es persönlich nicht als Herabsetzung. Ich würde es allerdings wichtiger finden, wenn in solchen offiziellen Informationsschreiben neutral von “Eltern“ gesprochen wird anstatt zumeist von Mama und Papa, denn das klassische Familienmodell ist schon heute nur noch eines von vielen. Mir geht es gar nicht darum, dass alle Formen mitgedacht werden, denn ich denke allein mit dem Begriff “Eltern“ könnten alle bereits gut leben und fühlen einen respektvollen Umgang im Miteinander. Familie ist heutzutage so unterschiedlich, es gibt alleinerziehende Mütter oder Väter, Patchwork-Familien in hundert verschiedenen Konstellationen und ja, auch Regenbogenfamilien, die selbst zudem wieder ganz unterschiedlich zusammengestellt sein können. Auch in den Schulen sollte es dringend mehr Diversität im Bereich Familie geben. Das Gleiche gilt für die meisten Kinderbücher. Wenn der Fokus immer nur auf Mama, Papa und Kind liegt, verengt das die Sichtweise auf Familien und wird der Realität einfach nicht mehr gerecht. Da wird eine Chance vertan, was für alle Seiten schade ist, nicht nur für die Kinder selbst. 

Die Ampel-Koalition will das Adoptionsrecht vereinfachen. Haben Sie die aktuelle Situation als besonders schwierig empfunden? 

Oh ja, da gibt es nach wie vor ganz extreme Hürden. Man braucht als „nicht biologisches Elternteil“ verschiedene Rechtsgutachten, die belegen sollen, dass man wirklich ein würdiger Adoptionspartner ist. Du wirst auf Herz und Nieren geprüft, immer und immer wieder. Zudem kostet es viel Geld, wir reden hier über die ganze Zeit von vielen tausend Euro – andere kaufen sich davon einen guten Gebrauchtwagen. Bei unseren beiden Kindern hat es jeweils drei Jahre gedauert, bis alles rechtlich tatsächlich abgeschlossen war. Drei Jahre! Jetzt, wo ich das laut sage und im Rückblick selbst betrachte, kommt es mir so unfassbar lächerlich vor. Als homosexuelles Paar fasst du nach reiflicher Überlegung den Entschluss, gemeinsam ein Kind großziehen zu wollen und wirst die ersten Lebensjahre dann trotzdem behandelt, als wärst du ein Fremdkörper. Während man in dem Prozess steckt, macht man sich darüber gar nicht so viele Gedanken, aber heute empfinde ich es als eine Unverschämtheit. Angesichts solcher Hürden ist es für mich bis heute erstaunlich, dass es überhaupt so viele Regenbogenfamilien in Deutschland gibt. 

Stimmt es, dass man als Elternteil einer Regenbogenfamilie ein Leben lang in die Situation kommt, sich sozusagen immer wieder outen zu müssen? 

Das ist tatsächlich so. Im Grunde wird ein Coming-out zu einer lebenslangen Begleiterscheinung, sobald man neue Leute trifft, zu einem Amt muss, den Job oder die Schule wechselt, neue Bekanntschaften macht. Und es ist dabei immer ein doppeltes Coming-out, also zunächst ein ganz privates über die eigene Sexualität und die des Partners und dann ein zweites Outing als queere Familie. Das kann durchaus auch problematisch sein, gerade zum Beispiel im Beruf, da hat man es nicht immer in der Hand, wie weltoffen das Gegenüber ist. Möchte man aber beispielsweise Kindergeld haben, musst du dich beim Arbeitgeber auch als Regenbogenfamilie outen. Mein Mann studiert wieder und unsere beiden Mütter und ich haben das große Glück, Arbeitgeber zu haben, die damit sehr entspannt umgehen, aber das ist keine Selbstverständlichkeit. Auf der einen Seite stärkt dich das Leben in einer Regenbogenfamilie sehr, denn es lässt dich zwangsweise kämpferisch und mutig werden. Auf der anderen Seite verlangt es natürlich einem auch viel ab, denn du fängst in gewisser Weise immer wieder bei Null an, wenn man sich gegenüber neuen Menschen, auf die man trifft, offenbaren muss. 

Würden Sie es dennoch für richtig halten, immer offen damit umzugehen?

Grundsätzlich finde es immer sinnvoll, offen mit der Situation umzugehen, irgendwann kommt es ja doch raus. Aber ich weiß auch, dass wir privilegiert sind beziehungsweise bisher einfach Glück hatten. Wenn das Umfeld nicht positiv auf queere Menschen reagiert, wird es für alle Familienmitglieder zu einem Spießroutenlauf. Und ich denke, da kann auch auf uns noch einiges zukommen. Kann ich wissen, wie künftige Lehrer:innen unserer beiden Jungs eingestellt sind? Schule ist bis heute aus meiner Erfahrung noch immer von Vorurteilen begleitet, nicht nur vonseiten der Mitschüler. Hier werden wir sicher noch den einen oder anderen Kampf austragen müssen. Im privaten Bereich kann man ja oft noch abwägen, wie wichtig einem das Gegenüber ist. Ist es die Sache wert, bei negativen Äußerungen gegenüber queeren Lebenskonstellationen, zu versuchen, Vorurteile abzubauen und ins Gespräch zu gehen? Es gibt einfach auch Menschen, da ist sehr schnell klar, jedes Wort ist nur verlorene Lebenszeit. In den meisten Fällen, in denen bisher bei mir Rückfragen kamen, geschah das allerdings aus ehrlichem Interesse und Neugier, nicht als ein Ausdruck von Ablehnung. 

Familie bedeutet heute Vielfalt, aber es zeigt sich auch, dass die Gründung einer Regenbogenfamilie nicht einfach spontan geschieht, oder?

Es ist eine extrem aktive Entscheidung für alle Beteiligten – in einer Regenbogenfamilie ist ein Kind nicht aus einem „Unfall“ heraus oder einfach spontan entstanden, wie das in vielen heterosexuellen Familien der Fall sein mag. Du bist dir als homosexueller Mensch und künftiges Elternteil immer der Konsequenzen bewusst und zwar bereits lange, bevor es zur Schwangerschaft kommt. Zudem überlegst du sehr genau, ob du wirklich Vater oder Mutter werden willst und in unserem Fall natürlich auch, ob vier Menschen bereit sind, eine so lange Wegstrecke im Leben gemeinsam zu gehen – auch unter Schwulen und Lesben soll es ja ab und an zu Streitigkeiten kommen, habe ich gehört. Im Idealfall versprechen sich ja nicht nur zwei Liebespaare, auf lange Zeit füreinander da zu sein, sondern man verspricht sich zudem als gesamte Familie, Verantwortung füreinander und für die Kinder zu übernehmen. 


Autor: JHM Schmucker

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