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11 Fakten, die du über Waffen in Deutschland wissen solltest

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Von: Robert Wagner

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Wir haben keine amerikanischen Verhältnisse und ein relativ strenges Waffenrecht. Aber auch hier kommen Leute zu leicht an Waffen, die das eher nicht sollten.

Die Aufdeckung einer von Reichsbürger:innen getragenen rechtsextremen Terrorzelle im vergangenen Dezember, die über mehr als 100 Schusswaffen verfügte, hat der Öffentlichkeit wieder einmal drastisch vor Augen geführt: Waffen in den falschen Händen stellen eine ernst zu nehmende Gefahr für die öffentliche Sicherheit in Deutschland dar. Von den über 100 sichergestellten Waffen waren zwar mindestens zehn illegal, der Großteil aber legal, wie die tagesschau.de berichtete.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser kündigte bereits kurz nach der „Reichsbürger-Razzia“ an, das Waffenrecht verschärfen zu wollen. BuzzFeed News Deutschland hat sich durch das Dickicht des deutschen Waffenrechts geschlagen, um dir einen Überblick darüber zu geben, was bereits heute gilt. Hier sind elf Fakten, die du über Waffen und die dazugehörigen Gesetze in Deutschland wissen solltest:

1. Zwei Gesetze regeln das deutsche Waffenrecht, nur eines davon ist für dich interessant

Seit einer Gesetzesreform aus dem Jahr 2003 ist das deutsche Waffenrecht in zwei Gesetze aufgeteilt. Das Waffengesetz (WaffG) behandelt den Umgang mit Waffen oder Munition, also etwa deren Besitz, Erwerb, Gebrauch und Aufbewahrung. Das Beschussgesetz (BeschG) hingegen regelt die Verwendungssicherheit von Waffen und Munition, die von offiziellen Stellen, unter anderem sechs Beschussämtern, auf ihre Sicherheit geprüft und zugelassen werden. Dasselbe gilt übrigens auch für Böller und sonstige Waffen, zum Beispiel Reizstoffsprühgeräte oder Elektroimpulsgeräte, wie das Bundesinnenministerium erklärt. Relevant für die meisten Menschen ist also nur das Waffengesetz.

2. Voraussetzung für jeden Waffenbesitz: Die Waffenbesitzkarte

Das Waffengesetz (WaffG) unterscheidet zwischen dem Besitz und dem Führen einer Waffe. Die Waffenbesitzkarte (WBK) berechtigt lediglich zum Besitz von Waffen und Munition. Das bedeutet, die/der Besitzer:in erwirkt mit ihr das Recht, „die tatsächliche Gewalt über eine Waffe oder Munition“ auszuüben, allerdings nur in den heimischen vier Wänden beziehungsweise auf dem eigenen Grundstück. Sie ist unabdingabare Voraussetzung dafür, eine Waffe überhaupt besitzen zu dürfen, gilt allerdings nur für die Waffen, die in der WBK auch eingetragen sind.

3. Etwas anderes als die Waffenbesitzkarte: der (große) Waffenschein

Oft wird die Waffenbesitzkarte mit dem Waffenschein verwechselt. Während Erstere aber nur den Besitz erlaubt, darf man mit dem Waffenschein eine Waffe auch „führen“. Das heißt, man darf auch außerhalb der eigenen vier Wände oder des eigenen Grundstücks die „tatsächliche Gewalt“ über eine scharfe Waffe ausüben und sie „zugriffsbereit“ bei sich tragen, wie das Internetportal alle-schuetzenvereine.de erklärt. Zugriffsbereit wird die Waffe getragen, „wenn sie unmittelbar in Anschlag gebracht werden kann“ (WaffG), also etwa in einem Halfter. Zum Führen einer scharfen Waffen sind sowohl die Waffenbesitzkarte als auch der Waffenschein notwendig. In Abgrenzung zum Kleinen Waffenschein wird der klassische Waffenschein auch als großer Waffenschein bezeichnet.

4. Waffenschein ist nicht gleich Waffenschein: Der Kleine Waffenschein

Seit der Reform des Waffenrechts 2003 gibt es auch den sogenannten „Kleinen Waffenschein“. Er berechtigt zum Führen von Schreckschusspistolen, Reizstoffwaffen (Pfefferspray) und Signalwaffen, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) zugelassen worden sind. Für den Erwerb und Besitz dieser „freien Waffen“ ist keine Erlaubnis notwendig, die Waffenbesitzkarte entfällt hier also. Auch sind die Kriterien für den Erwerb eines „Kleinen Waffenscheins“ weniger streng. Das Abfeuern in der Öffentlichkeit bleibt allerdings verboten, außer in Fällen der Notwehr und der Gefahrenabwehr.

5. Waffenbesitzkarte und Waffenschein bekommt man nicht einfach so

Wer eine Waffenbesitzkarte oder einen großen Waffenschein erwerben möchte, muss strenge Kriterien erfüllen: neben der Volljährigkeit unter anderem die Zuverlässigkeit nach § 5, die persönliche Eignung nach § 6 und ein bewiesenes waffenrechtliches Bedürfnis nach § 8 und § 14 WaffG, wie das Internetportal alle-schuetzenvereine.de erklärt. Hinzu kommt noch ein Sachkundenachweis nach § 7 WaffG. Für Menschen, die nicht für staatliche Ordnungsorgane wie die Polizei arbeiten, keinen Jagdschein haben oder nicht in einem Schützenverein organisiert sind, ist es meistens sehr schwierig, ein berechtigtes Bedürfnis nach einer Waffe zu begründen. Ein diffuses Unsicherheitsgefühl reicht dafür nicht aus. Für den „Kleinen Waffenschein“ reichen hingegen Volljährigkeit, Zuverlässigkeit und persönliche Eignung, sofern das Vorstrafenregister nicht dagegen spricht.

6. Die meisten Waffen in Deutschland besitzen Jäger:innen

Die meisten legalen Waffen besitzen hierzulande Menschen mit einem Jagdschein. Von den insgesamt über 5,7 Millionen Schusswaffen, die Ende 2021 im nationalen Wafffenregister (NWR) eingetragen waren, entfielen 3,79 Millionen auf den Privatbesitz der Jägerschaft, wie die Rheinische Post berichtet. Meistens handelt es sich dabei um Gewehre und Flinten, also sogenannten Langwaffen.

7. Deutschland hat ein sehr restriktives Waffenrecht

Typisch für Deutschland ist ein traditionell sehr restriktives Waffenrecht. Die National Rifle Assoiation (NRA) aus den USA zählt Deutschland neben Staaten wie Schweden, Japan und Singapur zu den in waffenrechtlicher Hinsicht „sehr strengen“ Ländern. Zentral sind dabei hierzulande die Begriffe Zuverlässigkeit und Bedürfnis. Sie prägen das deutsche Waffenrecht seit 1928 und zielen darauf ab, dass die/der Besitzer:in einer Waffe zuverlässig sein und ein berechtigtes Bedürfnis für den Besitz einer Waffen haben muss. Erst dann kommt sie/er überhaupt dafür infrage, eine Waffenbesitzkarte oder einen großen Waffenschein zu erhalten (s. Punkt 5).

8. Das Waffenrecht wurde erst 2020 verschärft

Das Waffengesetz ist in den letzten 20 Jahren mehrfach überarbeitet worden. Zuletzt wurde es zum 1. September 2020 geändert, um das deutsche Gesetz an die 2017 verabschiedete EU-Feuerwaffenrichtlinie anzupassen, wie die tagesschau.de berichtet. Diese Anpassung war eine Reaktion auf die Terroranschläge von Paris im Jahr 2015. Seitdem muss unter anderem alle fünf Jahre überprüft werden, ob das Bedürfnis an der Waffe weiterhin besteht. Außerdem wird bei der regelmäßigen Überprüfung der Zuverlässigkeit nun auch eine Auskunft bei den Verfassungsschutzbehörden eingeholt. Für Sportschützen, die einen großen Anteil unter den Waffenbesitzer:innen ausmachen, gelten seit 2020 strengere Nachweispflichten und die Bundesländer können Waffen- und Messerverbotszonen einrichten.

9. Dennoch strotzt Deutschland vor Waffen

Die Washington Post hat 2022 auf Grundlage des Internetprojekts GunPolicy.org eine Statistik zusammengestellt, die den Waffenbestand pro 100 Einwohner:innen in den „25 am meisten entwickelten Ländern“ abbildet. Mit weitem Abstand an der Spitze stehen die USA mit einer Quote von 120,5 Schusswaffen auf 100 Personen. Für manche überraschend: Deutschland steht in dieser Statistik mit einer Quote von 32,5 zu 100 auf Platz fünf.

Die Tendenz dabei ist steigend: Waren in Deutschland laut t-online 2020 noch 5,57 Millionen Waffen und Waffenteille im nationalen Waffenregister (NWR) eingetragen, waren es laut der Rheinischen Post 2021 bereits mehr als 5,7 Millionen. Von den neu hinzugekommenen Waffen waren allerdings nur knapp 3.150 in privater Hand.

10. Die Zahl der „Kleinen Waffenscheine“ nimmt stetig zu

Einen drastischen Anstieg verzeichnen die Behörden hingegen bei der Zahl der ausgestellten „Kleinen Waffenscheine“. Dieser ist notwendig, um die immer beliebter werdenden Schreckschusspistolen und Pfeffersprays in der Öffentlichkeit mit sich führen zu dürfen (s. Punkt 4). Seit ihrer Einführung 2003 nimmt die Zahl der ausgestellten „Kleinen Waffenscheine“ stetig zu. Allein von 2015 bis 2018 hatte sich diese Zahl laut eines Berichts der Neuen Osnabrücker Zeitung mehr als verdoppelt. Ende 2021 waren laut desselben Berichts im nationalen Waffenregister (NWR) 740.038 „Kleine Waffenscheine“ registriert und damit 34.532 oder knapp fünf Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Zur Zahl der verkauften Schreckschusspistolen und Pfeffersprays liegen dem NWR keine Daten vor. Da für ihren Erwerb und Besitz aber keine Erlaubnis notwendig ist, gehen die Behörden davon aus, dass ihre Anzahl deutlich höher ist als die der „Kleinen Waffenscheine“.

11. Rechtsextremisten dürfen keine Waffe besitzen – aber dennoch auf dem Schießstand üben

Behördlich bekannte Rechtsextremisten ist es praktisch unmöglich, eine Waffe zu besitzen. Der Grund: Für den Besitz einer Waffe ist eine Waffenbesitzkarte notwendig ist und seit 2020 ist deren Erwerb mit einer Überprüfung durch den Verfassungsschutz verbunden (s. Punkte 2 und 8). Trotzdem können sogar vorbestrafte Rechtsextremisten an der scharfen Waffe das Schießen üben. Das ermöglicht eine Ausnahme im Waffengesetz: Wer auf einem Schießstand mit einer geliehenen Waffe das Schießen übt, braucht keine behördliche Genehmigung. Was jungen Sportschützen das Einüben ihres Sports ermöglichen soll, bietet damit teils gewaltbereiten Extremisten ein Schlupfloch, den Umgang mit Waffen zu trainieren, wie tagesschau.de berichtet.

Ein Verfassungsschutzbericht zeigt: Immer mehr Menschen in Deutschland sind extremistisch.

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