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Nur Clubhouse bleibt noch: Menschen in Russland nutzen vergessene App, um über Ukraine-Krieg zu sprechen

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Von: Pia Seitler

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Im Libanon lebende Ukrainer halten Transparente, Schilder und Fahnen während einer Demonstration gegen die russische Invasion in die Ukraine.
Kriegsgegner:innen und Regierungskritiker:innen in Russland flüchten zur App Clubhouse. © Marwan Naamani/dpa/Thiago Prudencio/imago

Nachdem Instagram und Facebook verboten sind, bekommt eine in Deutschland längst vergessene App im Ukraine-Krieg für Russ:innen besondere Bedeutung: Clubhouse.

Seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs werden die sozialen Medien in Russland massiv eingeschränkt. Am Montag, 21. März, hat Russland Facebook und Instagram im gesamten Land verboten. Sie seien „extremistisch“, begründet die russische Regierung die Entscheidung. Die freie Meinungsäußerung ist so beinahe unmöglich. Medien in Russland ist es verboten, in der Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine Begriffe wie „Krieg“, „Invasion“ oder „Einmarsch“ zu verwenden. Kriegsgegner:innen werden unterdrückt und festgenommen.

Zuletzt sorgte der Protest von Marina Ovsyannikova für Aufsehen. Mit lauten Rufen sprang die Journalistin und Kriegsgegnerin im russischen Staatsfernsehen während der Live-Übertragung der abendlichen Hauptnachrichtensendung ins Bild und hielt ein Schild mit der Aufschrift „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen“ hoch. Sie wurde verhaftet und zu einer Geldstrafe verurteilt.

Clubhouse wird Zufluchtsort für freie Meinungsäußerung über den Urkaine-Krieg in Russland

Nachdem ihnen der russische Präsident Wladimir Putin beinahe alle Möglichkeiten genommen hat, ihre Meinung im Netz zu äußern und sich auszutauschen, suchten die russischen Regierungskritiker:innen und Kriegsgegner:innen nach einer Alternative. Erinnert ihr euch noch an Clubhouse? Inmitten der Corona-Pandemie, Anfang 2021, tauchte die neue App auf. Nur mit Einladung bekam man zunächst Zugang zur „Social-Audio“-App und der Hype, um das potenziell nächste große Ding in den sozialen Medien war groß.

Millionen Menschen lauschten über die App aus dem Silicon Valley den Gesprächen von prominenten User:innen, Politiker:innen, Journalist:innen und Start-Up-Gründer:innen. Die Gespräche fanden live statt, man konnte in die „Räume“ als Zuhörer:in eintreten, sich melden und an der Diskussion teilnehmen. Clubhouse erstellt nach eigenen Angaben keine Aufzeichnungen der Gespräche. Diese Besonderheit und die Tatsache, dass Putin die App noch nicht auf seinem „Extremismus“-Radar hat, macht sie aktuell zu einem beliebten digitalen Ort für regierungskritische Russ:innen, um sich dort auszutauschen. Das berichtet das Magazin Input.

Russ:innen auf Clubhouse fühlen sich frei, ihre Gedanken zum Ukraine-Krieg zu äußern

Genauso groß wie der Hype um die App hier war, genauso schnell war er dann auch wieder vorbei. In Deutschland hat das Interesse an der App inzwischen stark nachgelassen. Dennoch hat Clubhouse bis heute eine treue Nutzer:innenbasis von zehn Millionen Menschen weltweit. Nach Angaben von App-Vertreter:innen werden jeden Tag etwa 700.000 Räume erstellt, und viele von ihnen befassen sich mit Themen, die in der Welt passieren, wie zum Beispiel Russlands Einmarsch in der Ukraine, berichtet Input.

Viele Russ:innen nutzen Clubhouse, um über die Geschehnisse in ihrem Land zu diskutieren und zu debattieren, heißt es. Einige von ihnen unterhalten sich in einem Raum über die Situation in der Ukraine, der seit mehr als zwei Wochen ununterbrochen läuft, andere chatten in russischsprachigen Räumen, in denen es um den Ukraine-Krieg geht.

Ilya Yablokov, Wissenschaftler an der Universität Sheffield in Großbritannien, beschäftigt sich mit Zensur in postsowjetischen Ländern und ist über die Nutzung der App erstaunt. Er habe Clubhouse völlig vergessen, sagt er im Gespräch mit Input. Es sei aber ein großartiges Beispiel dafür, dass soziale Medien positive Auswirkungen haben. Noch kann Clubhouse auch in Russland frei verwendet werden, auch wenn es eventuell nur eine Frage der Zeit ist, bis Russland auch diese Plattform verbietet.

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