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Armutsbetroffene Familien können sich Schwimmkurse und Co. einfach „nicht leisten“

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Von: Jana Stäbener

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Die Hälfte aller Kinder aus Geringverdiener-Familien kann nicht schwimmen. Aber nicht nur das: Für sie sind Hobbys generell nicht drin, warnt #IchbinArmutsbetroffen.

Der Anteil der Nichtschwimmer:innen unter den Grundschüler:innen in Deutschland hat sich einer neuen Forsa-Umfrage zufolge binnen fünf Jahren verdoppelt. Im vergangenen Jahr hätten 20 Prozent der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren nicht schwimmen können – fünf Jahre zuvor seien es zehn Prozent gewesen, teilte die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft in Bad Nenndorf laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) mit.

„Was uns in der Deutlichkeit überraschte, sind die Unterschiede nach Einkommen“, meinte DLRG-Präsidentin Ute Vogt gegenüber der dpa. Denn fast die Hälfte (49 Prozent) der Kinder aus Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 2500 Euro kann der Umfrage zufolge nicht schwimmen – bei einem Haushaltsnettoeinkommen über 4000 Euro sind es zwölf Prozent. Vogt betonte: „Schwimmen zu können, darf keine Frage des Geldes sein. Umso wichtiger ist es, dass jede Schule in die Lage versetzt wird, das Schwimmen angemessen zu unterrichten.“

Das Einkommen spielt auch beim 49-Euro-Ticket eine Rolle: „Was ist mit Armutsbetroffenen, für die das zu teuer ist?“, wurde hier Kritik laut.

„Aus eigener Tasche können Armutsbetroffene Schwimmkurse nicht finanzieren“

Laut einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young will knapp jede dritte Kommune in Deutschland Hallen- und Freibäder schließen oder den Betrieb einschränken, viele haben dies schon umgesetzt. Eine gute Idee? Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) mahnt laut dpa jedenfalls, die steigenden Zahlen der Nichtschwimmer und der unsicheren Schwimmer unter Kindern und Jugendlichen sowie die sinkenden Zahlen der Bäder sollten „ein Weckruf für die Politik sein“.

Dem stimmt auch Susanne Hansen zu. Sie ist Sprecherin der Bewegung #IchBinArmutsbetroffen. „Aus eigener Tasche können Armutsbetroffene Schwimmkurse nicht finanzieren“, sagt sie. 25 Schwimmeinheiten zum Seepferdchen im Bäderland Hamburg beispielsweise, so Hansen, kosten 173 Euro. Noch günstigere Kurse bei der DLRG seien Monate, gar ein Jahr vorher schon ausgebucht.  

Junge auf Skateboard schaut böse/traurig.
Für armutsbetroffene Kinder sind Hobbys oft nicht drin, sogar Skateboardfahren. (Symbolbild) © Cavan Images/IMAGO

Hobbys bei armutsbetroffenen Kindern: „Der Bund müsste den Satz für das BuT anheben“

„Hier wurde, wie so oft, vieles einfach nicht zu Ende gedacht und das geht Zulasten von Kindern“, findet Hansen. Die Sprecherin der #IchbinArmutsbetroffen-Bewegung, weiß, wie es sich für arme Menschen in Deutschland anfühlt. Eigentlich solle hier das Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes (BuT) gegensteuern. Damit unterstützt der Bund mit 15 Euro im Monat die Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben in der Gemeinschaft (Sportverein, Musikschule).

Hansen merkt an, dass dies nur die Aktivität bezuschusse, nicht etwa die Kosten für das notwendige Equipment. Für Sportkleidung, Geräte oder Instrumente müssen die Erziehungsberechtigten aufkommen oder auf Unterstützung von Vereinen, Stiftungen oder Schulen hoffen. „Sportarten wie Reiten, Bogenschießen, Ballett, aber auch Skateboardfahren, Klettern oder einige Kampfsportarten sind da oft nicht drin. Auch nicht die teure Fußballausrüstung, gerade wenn die Kids noch wachsen. Von den Kosten für Musikinstrumente reden wir gar nicht erst.“

„Der Bund müsste den Satz für das Bildungs- und Teilhabepaket anheben und auch Sachleistungen für diese Kinder übernehmen!“, sagt Hansen. „Was hilft der Fußballverein, der Geigenunterricht, wenn ich mir Stutzen, Schuhe, Schützer oder Instrument nicht leisten kann?“ Es brauche „ganzheitliche, faire Konzept auf Augenhöhe“, damit alle Kinder Hobbys haben könnten. „Kinder sind unsere Zukunft – doch wir verspielen sie bei 20 Prozent, also jedem fünften Kind. So hoch ist die Armutsbetroffenheit bei unter 18-Jährigen.“ 

Hier schreiben wir darüber, dass 26 Prozent der jungen Menschen von 18 bis unter 25 Jahren von Armut betroffen sind.

Kindergrundsicherung statt BuT, Kindergeld und anderen Zuschlägen

Seit Jahren wird über die Kindergrundsicherung diskutiert, die die verschiedenen staatlichen Leistungen für Kinder, wie Kindergeld, Kinderzuschlag, Leistungen für Kinder im Bürgergeldbezug, Zuschüsse für Schul- und Freizeitaktivitäten (BuT) und steuerliche Kinderfreibeträge zusammenfassen soll.

Viele Familien beantragen Gelder bislang wegen Unkenntnis oder bürokratischer Hürden nicht, was nach Angaben von Familienministerin Lisa Paus zu „verdeckter Armut“ führe, berichtet die dpa. Mitte Januar 2023 wurden zur Kindergrundsicherung neue Eckpunkte vorgelegt. Bis Herbst soll ein Gesetzentwurf erarbeitet werden. 2025 soll die Kindergrundsicherung eingeführt werden.

*Anm. der Red.: In einer früheren Version haben wir berichtet, zwölf Einheiten Schwimmkurs würden 173 Euro kosten. Wir haben diese Zahl korrigiert. Ein fehlerhaftes Zitat haben wir entfernt.

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