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Bildungsforscher erklärt, warum Hauptschüler:innen heute so schwer eine Ausbildung finden

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Von: Jana Stäbener

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Hauptschüler:innen haben es heute schwerer, eine Ausbildung zu finden. Ein Bildungsökonom erklärt, warum dahinter eine „Art Self Fulfilling Prophecy“ steckt.

Immer mehr Ausbildungsplätze werden einer Studie zufolge von Abiturient:innen besetzt, während es für Hauptschüler:innen schwerer wird. Das geht aus einer am Dienstag, 24. Januar 2023, veröffentlichten Studie des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) für die Bertelsmann-Stiftung hervor. Der Anteil der Abiturient:innen, die sich 2021 für eine Lehre entschieden, lag bundesweit bei 47,4 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es 35 Prozent.

Auf Twitter sorgte diese Nachricht kurzzeitig für Aufruhr. Unter dem Hashtag #Hauptschüler ließen sich Nutzer:innen darüber aus, dass Hauptschüler:innen früher besser gewesen seien, als heutige Abiturient:innen. Viele finden auch, dass Hauptschüler:innen heute schlechter sind, als noch vor 40 Jahren und deswegen eben keine Ausbildungsplätze mehr bekommen. BuzzFeed News DE fragt den Bildungsökonomen Dieter Dohmen, was an diesen Vorwürfen dran ist.

Auszubildende in Bäckerei.
Auszubildende in Bäckerei. © IMAGO/RAINER UNKEL

Hauptschüler:innen haben es immer schwerer, einen Ausbildungsplatz zu bekommen

In Deutschland stehe fast jeder zehnte junge Mensch ohne Ausbildung und Arbeit da. Grund dafür seien die fehlenden Ausbildungsbetriebe, sagt die Jugendorganisation der Gewerkschaft Verdi im Oktober gegenüber BuzzFeed News DE. Entweder das, oder es wird bei Ausbildungsplätzen immer noch „zu stark auf Noten“ geschaut, findet auch Kadim Tas, der CEO von Joblinge, eine gemeinnützige Organisation, die jungen Menschen mit schlechten Perspektiven Ausbildungsplätze vermittelt.

Während sich eine wachsende Zahl von Abiturient:innen für eine Berufsausbildung entscheidet, sieht es also für die mit weniger guten Perspektiven ganz anders aus. Laut der FiBS-Studie Monitor Ausbildungschancen 2023“ haben es Hauptschüler:innen immer schwerer, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Zwischen 2011 und 2021 hat sich der Anteil der Jugendlichen, die mit einem Hauptschulabschluss die Berufsausbildung beginnen, um ein Fünftel verringert.

Auch die Zahl der Jugendlichen, die sich weder in Ausbildung noch in der Schule oder in Arbeit befinden, die sogenannten NEETs (Not in Employment, Education or Training) habe sich deutlich erhöht. 2021 seien dies etwa 140.000 Personen mehr gewesen, als noch 2019. „Hauptschüler haben die Arschkarte und die sogenannten Politiker haben das zu verantworten“, schreibt ein User auf Twitter.

DEU , DEUTSCHLANEin Auszubildender im Beruf Metallbauer wird von seinem Meister in einem Ausbildungszentrum in Siegburg im Schweissen unterrichtet.D : Ein Auszubildender / Lehrling im Beruf Metallbauer wird von seinem Meister / Lehrherr in einem Ausbi
Ein Auszubildender im Beruf Metallbauer wird von seinem Meister in einem Ausbildungszentrum in Siegburg im Schweißen unterrichtet. © IMAGO/RAINER UNKEL

„Die meisten Hauptschüler:innen sind asozial und haben keine Werte gelernt“

Doch nicht alle gehen so verständnisvoll mit Hauptschüler:innen um. „Wenn Hauptschüler arbeiten wollen und sich benehmen können, finden die auch alle Arbeit. Es ist doch einfach so, dass die meisten asozial sind und keine Werte gelernt haben“, schreibt ein User. Ein anderer ist sich sicher: „Ein Hauptschüler, der seinen Abschluss 1980 gemacht hat, hat wahrscheinlich mehr auf dem Kasten als ein Abiturient aus 2023“. Heute sei das jedoch nicht mehr so: „Frag mal Ausbildungsbetriebe über die Klientel, die heute von der Hauptschule angeliefert wird“, schreibt eine weitere Person.

BuzzFeed News DE fragt den Bildungsforscher und Direktor des FiBS Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie, Dieter Dohmen, was er von solchen Gedanken hält. Seine Antwort ist deutlich: „Mir gehen diese aufgeblasenen Babyboomer auf die Nerven – und ich bin ja selbst aus dieser Generation. Dieses Herablassende gegenüber jungen Menschen finde ich unverschämt.“ Auch den Begriff „Abschlussinflation“ kritisiert Dohmen. „Das klingt so, als würden den Jugendlichen heute die Abschlüsse hinterher geschmissen, aber von den älteren Menschen heute würden viele diese Abschlüsse nicht schaffen.“

Allgemein lasse sich sagen, dass junge Menschen heute sogar intelligenter seien als früher. „Die Intelligenzquotienten sind gestiegen und das Kompetenzniveau ist insgesamt höher als früher – nur eben in anderen Bereichen. Und natürlich gibt es junge Menschen, die nicht mithalten können – die gab es aber damals auch.“ Und ja, das seien heute die Hauptschüler:innen, bei denen „sehen wir tatsächlich einen Kompetenzverlust“.

Apropos Ausbildung: In der Pflege gibt es zwar mehr Auszubildende, aber auch „sehr viele Ausbildungsabbrüche“

Bildungsforscher: „Hauptschulen sind heute so eine Art Auffangbecken“

Dohmen erklärt warum: „Einst war der Hauptschulabschluss der für die Massen und jetzt ist es der Abschluss für die unteren 20 Prozent.“ Mehr als die Hälfte der heutigen Hauptschüler:innen haben laut Bildungsökonom einen Migrationshintergrund. Das bedeute auch, dass ihre Eltern ihnen oft einfach nicht helfen könnten, dass sie weniger Unterstützung bekämen, keine finanzielle Sicherheit und andere Probleme hätten.

„Böse gesagt sind Hauptschulen heute so eine Art Auffangbecken für die, die hinten herunterfallen“, sagt Dohmen. Das sei problematisch, denn wenn Hauptschulen „Hauptschüler:innen keine Zukunftsperspektive bieten, wird das zu einer Art Self Fulfilling Prophecy“. Das bedeute seiner Meinung nach nicht, dass Abiturient:innen Hauptschüler:innen keine Ausbildungsplätze mehr wegnehmen sollten. „Heute brauchen wir Leute mit guten Abschlüssen viel mehr als früher. Die Anforderungen von Ausbildungen sind deutlich höher geworden.“

Es bedeute viel mehr, dass man das Konzept Hauptschulen grundlegend überdenke. „Wir müssen dafür sorgen, dass jeder rechnen und schreiben kann – und das garantiert der Hauptschulabschluss leider nicht mehr. Dafür müssen wir die Schulen aber auch entsprechend ausstatten, brauchen gut vorbereitete Lehrkräfte, Sozialarbeiter:innen und Migrationshelfer:innen“, sagt Dohmen. Die Schule und Lehrerausbildung sei Mitte des letzten Jahrhunderts stehen geblieben und benötige viel mehr Praxis. „Aus meiner Sicht braucht es ein duales Studium für Lehrkräfte. Das könnte in Teilen auch den Lehrermangel bekämpfen.“

Den Fachkräftemangel spüren nicht nur Lehrer:innen, sondern auch Erzieher:innen, die es „in ihrem Job einfach nicht mehr aushalten“.

Dieser Person hat noch eine weitere Idee, wie man Hauptschüler:innen in Ausbildungen bringen kann:

Ausbildungs-Einblicke: Eine Lkw-Fahrerin verrät 13 Dinge über ihre Ausbildung, die du schon immer wissen wolltest.

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