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„Sorry“: Kardinal Marx entschuldigt sich bei queeren Menschen - meint die Kirche es ernst?

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Der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, hält in der Paulskirche einen Queer-Gottesdienst.
Der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, hält in der Paulskirche einen Queer-Gottesdienst. © Tobias Hase/dpa

Kommentar von Michael Schmucker

Kardinal Reinhard Marx entschuldigt sich bei queeren Menschen in Deutschland dafür, dass die Kirche ihnen das Leben schwer gemacht hat. Ist das ernst gemeint? 

Mit einem „Amen“ wird in der katholischen Kirche normalerweise ein Gebet beendet – am vergangenen Sonntag endete eine Entschuldigung dagegen schlicht mit einem „Sorry“, ausgesprochen von Kardinal Reinhard Marx in München. Die LGBTQIA+-Gemeinde in München hatte zu ihrem zwanzigjährigen Bestehen den Kardinal eingeladen und Marx war tatsächlich auch gekommen.

In ungewohnt klaren Worten entschuldigte sich Marx bei der queeren Community und erklärte, dass die katholische Kirche vielen lesbischen und schwulen Menschen das Leben sehr schwer gemacht habe. „Es ist eine Leidensgeschichte für viele Menschen“, so der Erzbischof von München und Freising. Zudem müsse man sehen, welche „Verletzungen wir angerichtet haben“.

Kirche geht auf LGBTQIA+-Menschen zu

Wie sind die neusten Schritte hin zu LGBTQIA+-Menschen einzuordnen? Klar ist, dass die römisch-katholische Kirche seit Jahren ein immer größeres Imageproblem hat und die Kritik und Aktionen immer lauter und massiver werden, um die alten Strukturen der Kirche zu brechen und neu zu gestalten. Eine allumfassende Antwort, ob die obersten Herren des exklusiven Männerclubs das auch wirklich wollen, bleibt die Kirche bisher schuldig. Natürlich, es gibt immer wieder Bekundungen, die Belange der queeren Community ernst zu nehmen, allerdings immer erst dann, wenn ein erneuter medialer Einschlag die Grundfeste der Institution auf ein Neues zu erschüttern drohen. Allein in diesem Jahr bereits sorgten zwei Ereignisse für ein Erdbeben, das bis nach Rom hörbar gewesen sein muss. 

Im Januar outeten sich 125 queere Beschäftigte der Kirche unter dem Motto #OutInChurch – ein Donnerschlag, der bis heute noch immer Konsequenzen nach sich zieht. Mehrere Bistümer überlegen aktuell, das Kirchenrecht zu ändern und auch offiziell queeren Personen eine Anstellung im Dienste Gottes zu erlauben. Bei der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz kündigte der Vorsitzende, der Limburger Bischof Georg Bätzing, eine Änderung des kirchlichen Arbeitsrechtes an. Eine kleine Revolution, bedeutete ein Coming-out bis vor kurzem noch den Jobverlust für Angestellte der Kirche. Inzwischen rumort es auch über die Grenzen Deutschlands hinweg. Angeblich planen aktuell auch Priester und Seelsorger in der Schweiz eine ähnliche Aktion.

#OutInChurch-Initiative übergibt Bischöfen eine Petition

Bei der Vollversammlung wurde den Bischöfen von Vertretern der deutschen #OutInChurch-Initiative auch eine Petition übergeben, unterschrieben von rund 118.000 Menschen. Darin sieben maßgebliche Forderungen wie beispielsweise jene, Diskriminierungen in der Kirche künftig zu unterlassen: „Derartige Aussagen sind im Licht theologisch-wissenschaftlicher und humanwissenschaftlicher Erkenntnisse weder länger hinnehmbar noch diskutabel. Dadurch werden queere Liebe, Orientierung, Geschlecht und Sexualität diffamiert und unsere Persönlichkeit entwertet.“

Die Kirche und ihre Bischöfe seien dafür verantwortlich, eine Kultur der Diversität zu schaffen, sodass LGBTIQ+-Personen ihren Beruf in der Kirche offen und angstfrei leben können. Weitere Forderungen sind unter anderem die Segnung queerer Paare oder die Änderung lehramtlicher Aussagen an den Schulen.

Das zweite Ereignis, welches die Kirche in Deutschland in diesem Jahr erschüttern hat lassen, war die Vorstellung des zweiten Gutachtens zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising – also genau jenes Bistums, dem Marx als Erzbischof vorsteht. Die Kanzlei Westphal, Spilker und Wastl stellte das fast 2.000 Seite dicke Gutachten vor, insgesamt werden darin rund 500 Geschädigte von sexuellem Missbrauch durch Kleriker zwischen 1945 und 2018 aufgezählt. Nach Aussage der Anwälte sei die Dunkelziffer viel höher.

„erschreckendes Phänomen der Vertuschung“ in der Kirche

Pikant waren nebst der schieren Wucht der Fälle zum einen die Tatsache, dass auch der spätere Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, von den Fällen gewusst und geschwiegen haben soll und zum anderen, dass sich an dem System Kirche nach dem ersten Gutachten 2010 nichts geändert habe. Auch nach der Meldepflicht der Missbrauchsfälle kam es wohl zu keinem Umdenken bei den Verantwortlichen. Anwältin Marion Westpfahl sprach von einem „erschreckenden Phänomen der Vertuschung“. Rechtsanwalt Ulrich Wastl hatte bei der Vorstellung leicht resigniert gefragt, wie viele Gutachten das Land eigentlich noch brauche, um sich dieser Tatsachen zu stellen.

Der sich nun bei der queeren Community entschuldigende Kardinal Marx war im Januar bei der Vorstellung des Gutachtens trotz expliziter Einladung ferngeblieben. Laut Westpfahl werfe dies erneut ein bitteres Bild auf das Reue-Verständnis der katholischen Kirche insgesamt.

Wie lassen sich also nun die segnungsreichen Worte des Kardinals einordnen? Beim Gottesdienst sprach er weiter davon, dass alle Beziehungsformen von „Gott angenommen werden“ können, solange sie dem „Primat der Liebe“ folgen würden. Er wünsche sich, so Marx, dass die Kirche alle mit einschließe und meinte damit explizit auch die LGBTQIA+-Community. Er deutete es als Fehler an, dass die Kirche bisher annahm, sie könne „dirigieren und genau bestimmen, wer wem sagen dürfe: Ich liebe Dich.“ Während die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ die Worte des Kardinals als Zeichen einer Wende verstand, herrscht in der queeren Community in weiten Teilen noch Skepsis. Zu oft hat die Kirche in der Vergangenheit schönen Worten keine Taten folgen lassen. Sollte die Kirche tatsächlich den Wandel wollen, bedarf es wohl noch mehr Engagement für queere Menschen.

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