LGBTQIA+: Für junge queere Menschen ist das Leben auf dem Land noch immer schwierig

Queeres Leben auf dem Land? In Deutschland noch immer nicht überall problemlos.
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Queeres Leben auf dem Land? In Deutschland noch immer nicht überall problemlos.

Abseits von Großstädten, im ländlichen Raum Deutschlands, haben LGBTQIA+-Menschen noch immer mitunter schwer. Das soll sich ändern.

Wie sieht die Realität für queere junge Menschen auf dem Land aus? Nach vorsichtigen Schätzungen leben im ländlichen Raum Deutschlands ungefähr drei Millionen LGBTQIA+-Menschen. Stimmen die Klischees rund um Vereinsamung und Mobbing, gerade, auch wenn es um queeres Leben an ländlichen Schulen geht?

Das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend stellte sich diesen Fragen und lud queere Aktivist:innen, Lehrer:innen und Schüler:innen zum Fachgespräch ein. Eines wurde dabei gleich zu Beginn sehr schnell klar – das altbekannte Klischee vom grausamen Landleben für queere Menschen stimmt nur bedingt und liegt auch sehr viel an der persönlichen Einstellung einzelner Personen.

LGBTQIA+: Nicht jede:r hat „Bock darauf, in der Stadt zu leben“

Dabei zeigte sich klar, dass nicht jede junge LGBTQIA+-Person den Drang verspürt, schnellstmöglich das Kleinstadtleben zu verlassen und in eine der queeren deutschen Hochburgen wie Berlin, Köln oder München zu ziehen. Nicht alle Queers hätten „Bock darauf, in der Stadt zu leben“, so Fabian Schrader im ersten Teil des Fachgesprächs. Der junge Mann berichtet seit zwei Jahren in seinem Podcast „Somewhere over the Hay Bale“ über queeres Landleben in Sachsen-Anhalt. Landleben biete zwar weniger Szene, könne aber dafür mehr individuelle Freiheit und persönlichen Gestaltungsrahmen geben. Wer proaktiv an die Sache herangehe, könne oftmals auch im eigenen Ort oder in der Nachbargemeinde queere Jugendtreffs vorfinden.

Natürlich kann es auch heute noch auf dem Land zu Anfeindungen kommen, doch bedeute ein Umzug in eine deutsche Großstadt deswegen noch lange keine hundertprozentige Sicherheit, wie der Queer-Beauftragte der Bundesregierung Sven Lehmann erklärte. Auch in Städten wie beispielsweise Berlin müssen sich LGBTQIA+ mit Diskriminierung und Hasskriminalität auseinandersetzen.

Wichtig war Lehmann allerdings zu betonen, dass sich bereits in diesem Jahr die Situation verbessern solle – dabei bezog er sich explizit auf die Handlungsschwerpunkte der Ampel-Koalition in puncto LGBTQIA+. Bis zum Sommer soll so ein Nationaler Aktionsplan gegen Homo- und Transfeindlichkeit erarbeitet werden. Ziel ist es, die Aktivitäten gegen Homo- und Transfeindlichkeit auf Bundesebene koordiniert auszuweiten und so den Schutz und die Gleichberechtigung von LGBTQIA+ entscheidend voranzubringen. Lehmann weiter: „Wir sind auch ja deswegen in der Bundesregierung angetreten, um zu zeigen, die Regierung steht an der Seite von queeren Menschen!“

Ländliches Leben: Queere Menschen können aktiv etwas aufbauen

Ein interessanter Aspekt, der dabei mehrfach immer wieder genannt wurde, war die Aussage, dass queere Menschen auch daran mitarbeiten können, ihre Situation auf dem Land zu verbessern, gerade wenn sie bereits in ländlichen Gemeinschaften wie Vereinen oder Kirchengruppen aktiv sind. Hier gäbe es bereits enge freundschaftliche Bindungen, sodass LGBTQIA+ auch leichter zum Thema gemacht und positiv ausgearbeitet werden kann, wenn es aktiv von queeren Menschen direkt angesprochen wird.

Wie queeres Schuleben ganz direkt aussieht, berichteten im weiteren Verlauf Schüler:innen zweier Gymnasien aus Niedersachen und Rheinland-Pfalz. In beiden Fällen hätten queere Jugendschulgruppen das Bild von LGBTQIA+-Menschen nachhaltig in den Schulen verbessert. Teilweise in so herausragender Weise, dass inzwischen queere Schüler:innen anderer Gymnasien einen Schulwechsel in Betracht ziehen.

Dabei zeigte sich in beiden exemplarischen Fällen, dass mutiges Voranschreiten meistens die beste Herangehensweise ist, um Denkweisen bei Lehrkräften und Schüler:innen zu ändern, so Lehrerin Julia Lehnertz vom Gymnasium Konz in Rheinland-Pfalz: „Vielleicht gab es Kollegen und Schüler, die skeptisch sind, aber ich erfahre hauptsächlich Unterstützung und Zuspruch. Ich glaube, es ist uns gelungen, in vielen Dingen zu überzeugen. Vieles läuft sehr gut. Es ergeben sich viele Vernetzungsmöglichkeiten, zudem ist es auch als Lehrerin eine sehr sinnstiftende Arbeit!“

Schulen brauchen Zeit, um sich den Entwicklungen anzupassen.

Es brauche seine Zeit, so mehrere Schüler:innen unisono, Veränderungen einzuleiten und Vorurteile abzubauen, doch falle die Arbeit durchaus auf fruchtbaren Boden. Im Kern ginge es darum, im ersten Schritt ein Bewusstsein für Queerfeindlichkeit zu schaffen – nur dann können in einem nächsten Schritt aktiv Punkte erarbeitet werden, wie queeres Leben im schulischen ländlichen Raum besser gelingen kann.

Zwei Wünsche der Schüler:innen stehen dabei ganz weit oben: Zum einen müsse LGBTQIA+ auch ganz selbstverständlich und überall Einzug in den Lehrplan finden – gegebenenfalls auch mit speziellen Schulungsangeboten für Lehrer:innen –, zum anderen sollte an jeder Schule verpflichtend ein Queer-Beauftragter angestellt werden. (Von JHM Schmucker)

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