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Toxische Männlichkeit: In Bootcamps wollen Männer „zur Bestie werden“ - mit brutalen Aufgaben

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Von: Jana Stäbener

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Zwei Männer sind mit Schlamm verschmiert. Auf der rechten Seite schaufelt ein Mann ein Grab für sein „altes Ich“
In 3-tägigen Bootcamps besinnen sich Männer wieder auf ihre „echten Werte“ und begraben ihre „innere Schlampe“. © Wavebreak Media Ltd/IMAGO, CHROMORANGE/IMAGO (Collage)

In teuren Männercamps kriechen Männer über Steine und springen ins Eiswasser, um ihre „innere Schlampe“ zu beerdigen und wieder „zur Bestie zu werden“.

Frauen und Männer sind in der heutigen Gesellschaft immer noch nicht gleich. Frauen verdienen weniger oder, das hat eine Studie gezeigt, erledigen trotz besserem Verdienst den Großteil der Hausarbeit. Aber auch Männer leiden unter dieser Ungleichbehandlung. Von ihnen wird oft erwartet, dass sie eine Familie ernähren, Erfolg haben und „stark“ sind. Diese Vorstellung davon, dass Aggression zum Männerbild gehört, wird „toxische Männlichkeit“ genannt. In sogenannten „Männercamps“ lernen die Teilnehmer, sich davon eine gehörige Portion zurückzuholen – dies würde ihnen guttun und helfen „ihre innere Schlampe zu begraben“, sagen die Macher der Männer-Boot-Camps.

Toxische Männlichkeit: Viele Männer leiden unter „unsichtbaren“ Depressionen

Im Jahr 2018 veröffentlichte die American Psychological Association (APA) erstmals Richtlinien für die psychologische Praxis mit Männern und Jungen. Ihre Erkenntnis war damals: Das traditionelle Männerbild, also die Verherrlichung von Eigenschaften wie „Stoizismus, Wettbewerbsfähigkeit, Dominanz und Aggression“ sei psychologisch schädlich, weil es für Männer im Allgemeinen unerreichbar sei. Der ehemalige APA-Präsident Ronald Levant formulierte die Problematik folgendermaßen: „Obwohl Männer vom Patriarchat profitieren, werden sie auch vom Patriarchat beeinträchtigt.“ Auch Friedrich März ist ein gutes Beispiel: Als er über „feministische Außenpolitik“ lästert, weist Baerbock ihn zurecht und wird gefeiert.

Nach Angaben des National Institute of Mental Health stiegen die Selbstmordraten unter Männern seit 2000 stetig an. In den USA entfallen auf Männer 79 Prozent aller Selbstmorde – bei „alten, weißen Männern“ ist die höchste Selbstmordrate erkennbar.
Eine der Hauptursachen: die Unterdiagnose von Depressionen bei Männern. Studien deuten darauf hin, dass Depressionen bei Männern oft „unsichtbar“ sind, da sie nicht den klinischen Definitionen von Depressionen entsprechen. Doch was bringen depressiven Männern Männercamps, in denen gerade toxische Eigenschaften wie Dominanz oder Aggression verherrlicht werden?

In Männercamps begraben Männer ihre „innere Schlampe“

In einem Artikel von Vice beschreibt der Teilnehmer Keith Smith, warum er sich entschieden hat, bei einem Männercamp mitzumachen. Er sei „wie ein Zombie durchs Leben geschlurft und innerlich verrottet“, erzählt er dem Autor des Textes. Jetzt nach dem Camp fühle er sich wie ein „echter Mann“: zielstrebig, familienorientiert und stark. Er hatte von dem 75-stündigen Bootcamp „Modern Day Knight Project“ in einer Werbe-E-Mail gelesen und sich sofort angemeldet. Seit 2019 bietet der Erfinder des Projekts, Bedros Keuilian, Camps an, in denen Männer ihr „Trauma aufarbeiten und sich ihre ursprüngliche Essenz zurückerobern sollen“. Diese sei in der industrialisieren, materialistischen Gesellschaft verloren gegangen.

Im Werbevideo für das Projekt sagt der Gründer Keuilian: „Das Projekt ist wie eine Chemotherapie für einen krebsbefallenen Bereich des Körpers.“ Eine teure Therapie, denn ein Trip ins Bootcamp kostet ohne Flug und Hotel stolze 12.000 US-Dollar. Das Geld sei gut investiert, sagt Keuilian gegenüberVice. Die Männer würden sich in den Camps „selbst aus der Scheiße ziehen“ und lernen, was wirklich zähle: Glaube, Familie, Fitness und Finanzen.

Er konfrontiere Männer mit einem Scheideweg, sagt Keuilian: „Der Weg, eine Schlampe zu bleiben und der Weg, eine Bestie zu werden.“ Im Interview mit Vice ergänzt er, dass man manchmal eben seine „innere Schlampe“ begraben müsse. Im Camp machen die Männer genau das: Sie schaufeln ihr eigenes Grab und steigen hinein – begraben also ihre „innere Schlampe“.

„Man ist fast schon ein Rassist, wenn man heutzutage ein Mann ist“

Nicht nur das „Modern Day Knight Project“ bietet solche Camps an. Ein ähnliches Projekt ist das 10.000-Dollar-Programm „Wake Up, Warrior“ und die dazugehörige „Warrior Week“, die vom Unternehmer und Erfolgscoach Garrett White Kalifornien geleitet wird. Was alle Camps gemeinsam haben: Sie stellen den Teilnehmern harte, körperliche Aufgaben, lassen sie in Eiswasser steigen, brutale Wanderungen mit schweren Gewichten machen oder eine Meile über ein Feld mit Felsen kriechen. Wer genug hat, muss eine Glocke läuten, um dem Horror zu entkommen. Der Autor von Vice beschreibt in seiner Reportage sogar, dass den Teilnehmern zu Beginn eines solchen Camps Säcke über den Kopf gezogen werden (siehe Instagramvideo unten).

Für die, die nicht ganz so sehr Masochisten sind, gibt es Programme wie „ManTalks“ und das „Mankind Project“, das auch in Deutschland einen Ableger hat. Beide fördern eine Rückbesinnung auf alte Stereotype für Männer wie den „inneren Krieger“ oder den „wilden Mann“. Dafür finden sogenannte „Integrations-Gruppen“ statt, in denen sich Männer gegenseitig unterstützen. Ziel sei es, sich „weiterzuentwickeln und Verantwortung zu übernehmen für eine Welt, in der er sich auch morgen noch lohnt zu leben“, schreibt das „Mankind Project“ auf seiner deutschen Website. Man wolle, dass Männer sich verpflichtet fühlen, ihre Familien und den Planeten zu ernähren.

Steve Eckert, einer der Hauptausbilder des „Modern Day Knight Projekts“ ist ehemaliger Marine-Soldat, was man ihm ansieht, schreibt der Autor von Vice. Laut ihm befänden sich Männer an beiden Extremen: Entweder würden sie denken, sie müssten „töten, ficken, plündern“ oder sie fänden das so schrecklich, dass „sie weich und schwach“ seien und nichts sagen würden, „passiv-aggressiv“ seien und nicht zeigen würden, „wer sie wirklich sind“. „Aber so oder so, man darf kein Mann mehr sein, man ist fast schon ein Rassist, wenn man heutzutage ein Mann ist. Es ist verrückt“, sagt Eckert. Viele Männer heutzutage schreiben Hass-Nachrichten an Frauen auf Instagram – die Plattform handelt aber so gut wie nie.

Toxische Männlichkeit: „Männer neigen zu Extremen“, sagt Sozialpsychologe

Der Professor und Sozialpsychologe Roy Baumeister von der Florida State University hat ein Buch darüber geschrieben, dass Männer in vielen Kulturen eine Art „Übergangsritus“ bestreiten müssen, der in den Männercamps so wieder zum Vorschein kommt. Gelang ihnen dieser Übergangsritus – der bei Unternehmern wie Bedros Keuilian nur fünfstellige Summen kostet – steigen sie sozial und finanziell auf. Wäre die Gesellschaft eine Glockenkurve, die Frauen die Mitte beherrschen und Männer die Extreme. Sowohl am oberen Ende der Gesellschaft (CEOs, Politik) als auch am unteren Ende (Obdachlose, Gefängnisinsassen) seien verstärkt Männer anzutreffen. Aber warum ist das so?

Baumeister glaubt, dass es dafür einen anthropologischen Grund gibt: Männer seien entbehrlicher als Frauen, denn früher war die Gefahr groß, dass ein Stamm mit wenigen Frauen auf lange Sicht ausstirbt. Daher beuteten Kulturen Männer schon immer aus, um die gefährlichsten und risikoreichsten Aufgaben wie das Jagen und das Krieg-führen zu übernehmen. Auf diese Weise stehen Männer im ständigen Wettbewerb miteinander – eine Tatsache, die in diesen Männercamps künstlich erzeugt wird.

„Es ist kaum verwunderlich, dass so viele Männer ausrasten, böse oder heldenhafte Dinge tun oder jünger sterben als Frauen“, sagte Baumeister. Bei diesem unfassbaren „Femizid-Trend“ auf TikTok leben Männer auch ihre „böse Seite“ aus und schwärmen davon, wie sie Frauen ermorden.

Männer pflegen eher „Schulter-zu-Schulter“-Freundschaften

Anfang 2022 fanden britische Forscher:innen heraus, dass junge Männer, die in individualistischen Kulturen leben, am stärksten von Einsamkeit bedroht sind. Geoffrey Greif, Professor und Beziehungsexperte an der University of Maryland, weiß, warum: Männer würden dazu neigen, „Schulter-zu-Schulter“-Freundschaften zu entwickeln (gemeinsame Unternehmungen), während Frauen „Face-to-Face“-Freundschaften pflegten (Austausch von Gefühlen und Erfahrungen). In Boot-Camps wie dem „Modern Day Knight Project“ finden sie solche Freundschaften.

Der Autor von Vice, der bei diversen Männercamps in den USA teilgenommen hat, fand vor allem das Gruppengefühl in den Camps beeindruckend. „Wenn früher jemand aus deiner Stadt, deiner Familie oder deinem Stamm Erfolg hatte, galten alle als erfolgreich“, schreibt er. Das würden viele der Teilnehmer in der heutigen Gesellschaft vermissen. So auch Keith Smith. Er sagt gegenüber des Vice-Journalisten: „Wahre Männlichkeit bedeutet, Liebe zu zeigen, Mitgefühl zu zeigen, all diese Dinge zu zeigen, die traditionell nicht als Männlichkeit bezeichnet werden.“

In diesem Artikel diskutieren Leute toxische Erziehungstrends – und wir stimmen wirklich bei allem zu.

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