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Trinkgeld ist unfair und sexistisch – und das sage ich als ehemalige Kellnerin

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Von: Jana Stäbener

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Bedienung in einem Restaurant mit Meinungs-Badge von BuzzFeed.
Unsere BuzzFeed Autorin hat selbst schon als Bedienung gearbeitet und zweifelt gewaltig am Konzept „Trinkgeld“. © Westend61/IMAGO (Collage)

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Twitter diskutiert darüber, wie sinnvoll Trinkgeld ist. Unsere Autorin hat auch schon in der Gastronomie gearbeitet – sie findet das Konzept fragwürdig.

Es begann mit einem ganz harmlosen Tweet der Userin @popupanna (siehe unten), die ihre Twitter-Community fragt, wie viel Trinkgeld sie bei 29,13 Euro geben würden. Die Antworten sind so vielfältig, dass einem fast schwindlig wird. „29,00 € und hoffe, dass er auf den Rest verzichtet“, schreibt ein:e User:in. Eine andere meint: „Wenn alles gut war, 33 – 35 €.“ Dem schließen sich einige an: „10 Prozent finde ich eigentlich Minimum, wenn es keine erheblichen Mängel gab“, kommentiert ein:e andere:r User:in.

Doch manche können sich Trinkgeld gar nicht leisten, so wie eine User:in (nennen wir sie Anna*), die von Armut betroffen zu sein scheint. Sie kommentiert, dass es schön war, früher Trinkgeld geben zu können, und ihr das nun nicht mehr möglich wäre. Hier sammeln wir 13 Tweets dazu, was es heißt, #Armutsbetroffen zu sein. Ein:e andere:r User:in sagt er:sie gebe mittlerweile kein Trinkgeld mehr, da aufgrund der Inflation sowieso alles schon so teuer sei.

Trinkgeld sollte nicht nötig sein, weil das Servicepersonal fair entlohnt werden sollte

Eine andere Person erzählt, er oder sie gebe in der Gastronomie immer Trinkgeld, frage sich aber „auch manchmal: Warum bekommt die Schuhverkäuferin nach 30 Minuten Beratung [...] wie viel bekommt die Floristin, wenn der Strauß toll ist?“ Der User @EliyahHavemann (siehe unten) geht noch einen Schritt weiter und schreibt: „Wir sollten uns daran gewöhnen, 29,13 Euro zu geben.“ Die Arbeitgeber in der Gastronomie sollten das Servicepersonal so fair entlohnen, dass Trinkgeld nicht nötig sei. Anders würden die Mitarbeiter:innen um ihr Krankheitsgeld und ihre Rente betrogen werden.

Für seinen Tweet bekommt er viel Gegenwind. „Was für ein absoluter Geier kann man sein, Junge?“, fragt eine Userin. Sein Kommentar sei nur eine faule Ausrede, um nicht „ein paar Euro mehr an jemanden abzugeben, der die mehr braucht als du“. Die Twitter-Nutzerin @PewPeeew, die in der Gastronomie arbeitet, schreibt „lol alter“ zu seiner Aussage. „Als ob es mir nicht lieber wäre, mehr Festgehalt zu bekommen und später mehr Rente und nicht jede Woche vom Trinkgeld abzuhängen. Aber das ist nicht der Weg, das zu erreichen!? [...] Also spart euch das überflüssige Mansplaining.“

Ich finde: Recht hat sie – kein Trinkgeld ist keine Lösung und hilft auch anderen Menschen in Mindestlohn-Jobs nicht. Aber steckt da nicht auch ein Funken Wahrheit in Eliyahs Aussage? Ich habe selbst schon jahrelang immer wieder in Gastronomie-Jobs gearbeitet und bezweifle, dass Trinkgeld ein gutes Konzept ist.

Trinkgeld ist die Schulnote für Bedienungen – dachte ich jedenfalls

Wie viele andere habe auch ich während meiner Schulzeit und während meines Studiums immer wieder als Bedienung gearbeitet. Vom urigem schwäbischen Restaurant, übers Weindorf, Catering für Hochzeiten, einem indischen Restaurant in England und veganem Imbiss war alles dabei. Mit 17 begann ich meine „Gastro-Karriere“, in einem dörflichen Restaurant mit schwäbischer Küche. Ich erinnere mich noch gut an die ersten Male, als ich Trinkgeld bekam. Es hat sich super angefühlt, war aufregend.

Irgendwie (das muss ich zugeben) war Trinkgeld gerade zu Beginn immer eine riesige Motivation für mich. Jeder Tisch mit neuen Gästen war eine neue Chance, einen guten Job zu machen und den Personen einen schönen Abend zu ermöglichen. Trinkgeld hatte für mich damals eine ähnliche Funktion, wie Noten in der Schule. Es zeigte mir (so dachte ich jedenfalls), ob ich den Job gut gemacht hatte – oder, ob es eben nur so lala war.

Doch je länger ich in besagtem Restaurant arbeitete, desto mehr merkte ich, dass Trinkgeld keine exponentiell wachsende Funktion ist, die eins zu eins an die Zufriedenheit der Gäste gekoppelt ist. Da gab es schließlich diesen einen Stammgast, der immer wieder kam und bei seinem Bier nur wenige Cent aufrundete – er zeigte seine Zufriedenheit mit einem glücklichen Lächeln oder einem netten Smalltalk.

In vielen Restaurants wird Trinkgeld im Team aufgeteilt

Dass Trinkgeld für mich immer mehr in den Hintergrund rückte, hat noch einen weiteren Grund: In vielen Restaurants und Cafés, gerade in denen, die viele Minijobber angestellt haben, wird das Trinkgeld im Team aufgeteilt. Ist ja auch nur fair – weswegen sollte der:die Köch:in kein kleines Extra bekommen? Ich glaube, dass diese Tatsache aber immer noch vielen Menschen nicht bewusst ist. In meinen diversen Jobs in verschiedenen Restaurants und Catering-Firmen bekam ich kein einziges Mal direkt das Trinkgeld, das meine Gäste mir zahlten. Immer war ich auf das Wohlwollen meiner Chef:innen angewiesen, die das überschüssige Geld am Ende der Schicht im Team aufteilten. Manchmal war es mehr, manchmal weniger – im Schnitt vielleicht zehn Euro pro Arbeitstag.

Versteht mich nicht falsch: Auch zehn Euro sind nicht schlecht, wenn man nur Mindestlohn verdient. Aber wäre mir damals ein höherer Stundenlohn lieber gewesen, als Trinkgeld? Auf jeden Fall. Denn mit Trinkgeld kann man keine Miete planen und auch kein Spotify-Abo bezahlen – denn man weiß nicht, ob und wie viel Geld da zusammenkommt. Auch als Studentin hat man regelmäßige Ausgaben, die gezahlt werden wollen. Gerade Studierende und junge Menschen in Niedriglohnjobs betrifft Armut derzeit wieder stark. Bei einem Job auf dem Weindorf war der Betrieb beispielsweise stark vom Wetter abhängig. Wenn es aus Kübeln schüttet und vielleicht zehn Gäste auftauchen, sieht es mit Trinkgeld eher mau aus. Auch dann, wenn ein Essen nicht schmeckt oder man einen Fehler macht, wird beim Trinkgeld sowieso nur aufgerundet.

In einem Fast-Food-Restaurant habe ich noch nicht gearbeitet. Aber diese Personen hier schon. Hier sind 13 Dinge, die du schon immer von einem McDonald’s-Mitarbeiter wissen wolltest.

Trinkgeld befeuert die Leistungsgesellschaft – und ist der Preis für Sexismus

Und Spoiler Alert: Fehler passieren – auch nach jahrelanger Erfahrung. Wir sind auch nur Menschen, vergessen mal eine Bestellung oder verschütten mal ein Getränk. Trinkgeld befeuert den Gedanken einer Leistungsgesellschaft, in der es nur darum geht, besser, schneller und freundlicher zu sein als alle anderen. Und seien wir mal ehrlich: Natürlich geht es auch ums Aussehen. Gerade in der Gastronomie gibt es vielleicht doch einen Euro mehr, weil die Bedienung „so freundlich gelächelt hat“ oder sich halt doch auf die Witze von Boomern einlässt, die schon ein paar Bierchen zu viel intus haben. Trinkgeld ist der Preis für Sexismus in der Gastronomie – wer das leugnet, hat noch nicht oft genug in dieser Branche gearbeitet.

Lies auch: Sexismus ist auch im Alltag ein Problem. Hier sind 19 „Catcalling“-Sprüche, die sprachlos machen – und was du in solchen Fällen tun kannst.

Es ergibt nur Sinn, denn die Ursprünge des Trinkgelds liegen im 19. Jahrhundert, wo es noch nicht lange her war, dass die Sklavenhaltung abgeschafft wurde. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) beschreibt in einem Artikel, dass sich das Trinkgeld zu „einem Mittel sozialer Distinktion“ entwickelte, „durch das sich selbst noch der Kleinbürger von den Unterschichten abgrenzen konnte“. Kritische Stimmen sahen im Trinkgeld damals ein Symbol für Entmenschlichung. Trinkgeld fördere eine „knechtische Gesinnung“ hieß es und würde weibliche Bedienstete zur Prostitution zwingen. Es gab damals mehrere Versuche, Trinkgeld abzuschaffen: In den USA, wo das Trinkgeld heute noch wichtiger ist als bei uns in Deutschland, galt es lange als antidemokratisch und „unamerikanisch“ – war Mitte des 19. Jahrhunderts sogar strafbar.

Trinkgeld muss man sich leisten können – was ist, wenn man selbst Mindestlohn bekommt?

Heute ist Trinkgeld eine Form der Höflichkeit. Wer keins gibt, gilt als „geizig“. Aber was ist mit Personen wie Anna*, die sich Trinkgeld einfach nicht leisten können? Und warum können Menschen in der Gastronomie nicht über den Preis der Speisen und Getränke bezahlt werden – so wie eben auch ihr:e Arbeitgeber:innen, die das Trinkgeld in vielen Fällen sowieso verteilen? Mir leuchtet das nicht wirklich ein. Denn, wie auch diese Nutzerin (siehe unten) aufführt, bekommen Reinigungskräfte, Krankenhauspersonal und viele weitere auch kein Trinkgeld, obwohl ihr Job genauso viel wert sind und auch nur Mindestlohn abwerfen. So auch Einzelhandels-Verkäufer:innen, die hier schlimme und dreiste Dinge teilen, die Kund:innen getan haben.

Natürlich möchte ich nicht, dass wir alle aufhören, Trinkgeld zu geben. So wie auch @EliyahHavemann in einem gesonderten Tweet klarstellte, geht es nicht darum. Würden wir alle aufhören, Trinkgeld zu geben, wäre wahrscheinlich niemandem geholfen. Aber: Das Konzept des Trinkgelds ist unfair. Es befeuert eine Leistungsgesellschaft, in der ich eigentlich nicht leben möchte, denn viele junge Menschen der Generation Z haben schon jetzt Burnouts – hier 5 Gründe, warum.

Ich finde es nicht ok, dass die eine Personengruppe Trinkgeld bekommt, weil sie Menschen bedient, während die, die ihnen den Ar*** abwischt, leer ausgeht. Trinkgeld tut so, als ob es Leistung belohnt, ist aber eigentlich nicht nur sexistisch und oberflächlich, sondern auch historisch erniedrigend.

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