1. BuzzFeed
  2. News

Til Schweiger verliert vor Gericht gegen „Keinohrhasen“-Autorin - es könnte die Filmbranche verändern

Erstellt:

Von: Mika Engelhardt

Kommentare

Anika Decker und Til Schweiger stehen im Jahr 2009 bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises für Keinohrhasen auf der Bühne.
Damals war noch alles gut: Im Jahr 2009 erhielten Anika Decker und Til Schweiger den „Publikumspreis“ beim Bayerischen Filmpreis für „Keinohrhasen“. © pa/Tobias Hase

Wenn es um Erfolgsbeteiligung am Film geht, kommen viele Kreative schlecht weg. So auch im Fall von Til Schweigers „Keinohrhasen“. Die Drehbuchautorin klagt.

Der Name Anika Decker sagt wahrscheinlich nur wenigen deutschen Filmfans etwas. Dabei ist die Drehbuchautorin und Regisseurin seit vielen Jahren eine feste Größe in der Filmlandschaft. Sie führte Regie bei den Filmen „Traumfrauen“ (2015) mit Elyas M‘Barek und Karoline Herfurth und „High Society“ (2017). Doch ihren größten Erfolg feierte die heute 46-Jährige in den Jahren 2007 und 2009, als sie die Drehbücher zu den Kinohits „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“ mitverfasste. Sollte man auf jeden Fall meinen.

Denn die Drehbuchautorin befindet sich seit einiger Zeit in einem Kampf vor Gericht mit Til Schweigers Barefoot Films und dem Filmverleih von Warner Bros. Deutschland. Vor kurzen gab das Gericht ihr recht. Sie darf nun genau erfahren, wie viel Geld die Filme eingespielt haben - und dann eventuell eine Ausgleichszahlung fordern. Denn die beiden Filme von Til Schweiger waren so erfolgreich, dass in diesem Fall der „Fairnessparagraf“ im Urheberrecht greifen könnte, der eine zusätzliche Honorierung einer Arbeit beschreibt, wenn das Endprodukt überdurchschnittlich erfolgreich war.

Das „Keinohrhasen“-Team muss offenlegen, wie viel Geld der Film eingebracht hat

„Keinohrhasen“, der in diesem Jahr 15 Jahre alt wird, erschien Ende 2007 und wurde im Jahr 2008 zum erfolgreichsten deutschen Film. Fast 6,3 Millionen Zuschauer:innen strömten in Deutschland bis November 2008 in die Lichtspielhäuser, um die Komödie zu sehen. Bis heute belegt der Film damit Platz 13 auf der Liste der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten. Die Fortsetzung „Zweiohrküken“ kam immerhin noch auf über 4,2 Millionen Zuschauer:innen. Til Schweiger und seine Produktionsfirma dürften an den Kinohits höchstwahrscheinlich sehr gut verdient haben. Aber eben nicht Anika Becker.

Die Drehbuchautorin und Regisseurin Anika Decker zu Gast in der WDR Talkshow Kölner Treff am 08.09.2017
Hat Recht bekommen: Anika Decker darf jetzt einsehen, wie viel Geld „Keinohrhasen“ dem Studio eingebracht hat. © IMAGO/Horst Galuschka

Da die Drehbuchautorin der Meinung ist, für ihre Arbeit nicht angemessen honoriert worden zu sein, fordert sie nun die Offenlegung aller Einkünfte durch Kinotickets, DVD- und Blu-Ray-Verkäufe, aber auch Einnahmen durch Pay-TV und Streaming-Dienste. Dieser Forderung wurde im Oktober 2020 vom Landesgericht Berlin stattgegeben, aber Barefoot Films und Warner Bros. legten Berufung ein. Jetzt haben sie die Berufung zurückgezogen und Anika Decker kann mit der Offenlegung der Zahlen im nächsten Schritt prüfen lassen, ob tatsächlich ein Zahlungsanspruch besteht.

Nicht nur „Keinohrhasen“: Klagen wegen schlechtem Gehalt auch bei „Fluch der Karibik“

Auch wenn sie also noch nicht final gesiegt (und mehr Geld bekommen) hat, setzt Anika Decker mit diesem Schritt ein deutliches Zeichen für sogenannte „below the line“-Talente in der Filmbranche. Diese Menschen, die eben nicht die Stars oder Regisseur:innen sind, tragen maßgeblich zur Produktion und zum Erfolg eines Filmes bei, werden aber bei der Auszahlung von Boni oder Gewinnbeteiligungen oft übergangen.

Weitere bekannte Fälle in diesem Bereich gab es in Deutschland oft in der Synchronisation. Fans und Zuschauer:innen waren erbost, als im vierten „Fluch der Karibik“-Film plötzlich eine ganz neue Stimme für Captain Jack Sparrow gefunden wurde. Was die wenigsten Menschen wissen: Der bisherige Sprecher, Marcus Off, stritt vor Gericht mit dem Filmstudio. Für die drei Filme, die ein Millionenpublikum anlockten, hatte er nur knapp über 9.000 Euro bezahlt bekommen. Erst im Jahr 2017 entschied sich das Gericht für Off, der dann eine Nachzahlung bekam.

Der neue Film von „Keinohrhasen“-Autorin Annika Decker erscheint noch 2022

Auch bei „Die Tribute von Panem“ gab es im Jahr 2015 Probleme, als der Synchronsprecher Ricardo Richter, der die Rolle des Peeta in Deutschland vertonte, für den letzten Teil eine höhere Vergütung forderte. Er sah sich „in Relation zum Erfolg nicht angemessen bezahlt“ und suchte das Gespräch mit dem Verleih. Kurz darauf, wurde er ersetzt - und äußerte seinen Unmut auch im Internet.

Annika Decker hat als Drehbuchautorin eine deutlich prominentere Position inne als viele Synchronsprecher:innen. Somit könnte das aktuelle Urteil Symbolwirkung für die deutsche Filmbranche haben. Nun muss sich erst einmal zeigen, ob Deckers Zahlungsanspruch wirklich rechtens ist, aber sollte das so sein, könnten zukünftig auch andere Talente eine angemessene Bezahlung für überproportional erfolgreiche Filme fordern. Annika Deckers nächster Film als Regisseurin, „Liebesdings“, erscheint übrigens noch dieses Jahr. Dafür arbeitet sie jedoch mit einer anderen Produktionsfirma zusammen.

Auch interessant

Kommentare