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Schwangerschaftsabbruch bei trans* Männer – „hat mir das Leben gerettet“

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Ein Bild von einer schwarzen schattenartigen Gesichtskontur, die auch ein Bauch sein könnte, und eine schattenartige Hand, die in das Gesicht und den Bauch greift
Für trans* Männer ist eine Abtreibung oft der einzige Ausweg, um Geschlechtsdysphorie zu entgehen. © Vatika Sharma/for BuzzFeed News

Nach dem gekippten Abtreibungsurteil in den USA haben viele trans* Männer Angst: „Wenn ich schwanger werden würde, würde ich diese Erfahrung nicht überleben.“

Im Jahr 2012 erfuhr der damals 19-jährige Oliver aus Missouri, dass er schwanger war. „Es war wirklich surreal für mich. Und ich denke, dass das Trans-Sein diese Surrealität irgendwie verkompliziert hat“, sagte Oliver. (Nachnamen werden in dieser Geschichte zum Schutz der Privatsphäre nicht genannt). „Ich wusste nicht wirklich, dass es trans* Menschen gibt, also wusste ich nicht, warum ich Dysphorie hatte. Ich wusste nur: jedes Mal, wenn mein Körper etwas tat, das als weiblich angesehen wurde, war es verwirrend und unangenehm für mich.“

Es dauerte nicht lange, bis Oliver eine Entscheidung traf. „Es fühlte sich an, wie eine lebensbedrohliche Situation. Ich konnte mich die meiste Zeit über nicht einmal selbst ernähren. Wenn man sich in einer solchen Situation befindet, ist eine Abtreibung die eindeutige Antwort“, sagte er. Sein damaliger Freund stimmte dem zu – er hatte bereits ein Kind und konnte den Unterhaltszahlungen nicht mehr nachkommen.

Oliver hatte keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern, die ihn nach eigenen Angaben misshandelten. Er hatte finanzielle Probleme und suchte im Internet nach Abtreibungsanbietern, befürchtete aber, sich die Abtreibung nicht leisten zu können. „Ich hatte zu viel Angst, andere um Hilfe zu bitten, und ich war wirklich jung und ehrlich gesagt ziemlich dumm“, sagte er. Er lieh sich etwa 400 Dollar – das meiste davon von seiner 15-jährigen Schwester. „Sie hatte das Geld für Weihnachtsgeschenke gespart, was wirklich verrückt und traurig war, aber gleichzeitig auch lebensrettend und großartig.“

Schwangerschaftsabbruch als schwangerer trans* Mann: Oliver hielt seine Abtreibung geheim

Er fand eine einzige „Planned Parenthood“-Organisation in Kansas (USA), die Schwangerschaftsabbrüche anbot, und die war etwa zweieinhalb Stunden entfernt. Er vereinbarte einen Termin für den 5. Juli. Am Tag zuvor besuchte er eine Feier zum Unabhängigkeitstag der USA, dem 4. Juli. Unter den Corn-Dog-Verkäufer:innen war damals auch ein Stand einer Anti-Abtreibungsgruppe. Er überlegte, ihnen am nächsten Tag von seinen Plänen zu erzählen, entschied sich aber dagegen.

Zum Zeitpunkt des Abtreibungs-Termins war er seit elf Wochen und vier Tagen schwanger, drei Tage davon entfernt, eine Abtreibung nicht mehr vornehmen lassen zu können. Er befürchtete, dass sich vor der Klinik Demonstrant:innen aufhalten würden, aber es gab keine. Nach dem Eingriff saß er 30 Minuten lang in einem Liegestuhl im Wartezimmer, aß Salzcracker, trank Wasser und schluckte Ibuprofen. Neben ihm saß eine andere Abtreibungspatientin, die ihm sagte, dass sie bereits zwei Kinder habe und kein weiteres wolle. „Es war ein netter kleiner therapeutischer Moment, in dem wir uns sagten: ‚Ja, das war die richtige Entscheidung für mich‘“, erzählte er.

Oliver hielt seine Abtreibung geheim. Er lebte in einer konservativen Gegend und war von katholischen Eltern erzogen worden. Er nahm an, dass die Nachricht über seine Abtreibung nicht gut ankommen würde. Dann, zwei Jahre nach seiner Abtreibung, begann er, sich mehr für Aktivismus zu interessieren. „Ich beschloss, dass ich mit meiner Abtreibung an die Öffentlichkeit gehen wollte“, sagte er. „Ich beschloss, es einfach auf Facebook zu veröffentlichen – und zu sehen, was passiert.“

Viele Transgender und nicht-binäre Menschen versuchen selbst abzutreiben

Oliver ist einer von Hunderten von trans* Männern und nicht-binären Menschen, die jedes Jahr in den Vereinigten Staaten abtreiben. Eine Studie aus dem Jahr 2017 ergab, dass in diesem Jahr in den USA etwa 500 Transgender und nicht-binäre Menschen in einem klinischen Umfeld abgetrieben haben. Aber die tatsächliche Zahl ist wahrscheinlich höher, so Heidi Moseson, leitende Wissenschaftlerin bei Ibis Reproductive Health, die auf Epidemiologie und reproduktive Gesundheit spezialisiert ist und Artikel über die Erfahrungen von trans- und nicht-binären Menschen mit Abtreibungen veröffentlicht hat.

Genaue Daten sind schwer zu bekommen, da die Kliniken keine Daten zum Geschlecht erheben und viele transsexuelle und nicht-binäre Menschen Abtreibungen außerhalb von Kliniken selbst vornehmen. Nach Angaben des BMJ Journals, versuchen neunzehn Prozent der transsexuellen und nicht-binären Menschen selbst abzutreiben, eine viel höhere Rate als die sieben Prozent der Cis-Frauen.

Ein trans* Mann, mit dem ich sprach, sagte, er habe Webseiten mit Lesezeichen versehen, auf denen beschrieben ist, wie er sich selbst eine Abtreibung mit Kräutern vornehmen kann, falls er keinen Termin bekommen sollte. „Ich war noch nicht ganz so verzweifelt einen Kleiderbügel zu benutzen, aber ich war nicht weit davon entfernt“, sagte er. Hier erfährst du mehr zu der erschreckenden Geschichte, die hinter dem TikTok Kleiderbügel-Trend steckt.

US-Abtreibungsgesetz: Transsexuelle Menschen von Illegalisierung am stärksten betroffen

Seit der Aufhebung des Urteils in der Rechtssache Roe v. Wade im Juni wurden trans* Menschen weitgehend aus der Diskussion ausgeschlossen. Die Expert:innen, mit denen ich gesprochen habe, sagen jedoch, dass trans* Menschen von der Illegalisierung der Abtreibung (so ist es abzutreiben, wenn es im eigenen Staat illegal ist) am stärksten betroffen sein werden. Trans* Personen „sind bereits mit den größten Hindernissen beim Zugang zu medizinischer Versorgung konfrontiert“, sagte Moseson. Darunter fallen finanzielle Schwierigkeiten, eine geringere Krankenversicherungsquote und Diskriminierung von trans* Personen in Arztpraxen. Jetzt, da Abtreibung in einigen Staaten kriminalisiert wird, glaubt sie, dass trans* Menschen unverhältnismäßig oft verhaftet werden könnten.

Trans* Menschen sind in hohem Maße von sexuellen Übergriffen betroffen. Die US-Transgender-Umfrage von 2015 ergab, dass 47 Prozent der Transgender-Personen in ihrem Leben sexuelle Übergriffe erlebt haben. „Wenn es keinen Raum für uns gibt, darüber zu sprechen, wie wir Zugang zu Abtreibungsbehandlungen bekommen können, gibt es sicherlich auch keinen Raum für uns, über die Art und Weise zu sprechen, wie wir sexuell angegriffen wurden“, sagte Rena Yehuda Newman, eine transmaskuline Comix-Künstlerin und Chefredakteurin des Magazins „New Voices“.

Sie hat eine transinklusive Illustration zum Thema Abtreibung erstellt, die eine Nacktzeichnung von sich selbst mit einer Kippa zeigt. Newman sagte, ihre Illustration sei eine Widerlegung der Behauptung, dass transsexuelle Menschen zum Thema Abtreibung schweigen müssten. „Ich wollte den Menschen, die so sind wie ich und die Körper haben wie ich und die so kämpfen, wie ich kämpfe, wirklich sagen: ‚Ihr verdient es, diesen Platz einzunehmen, wenn die Welt euch sagt, dass es keinen Platz für euch gibt‘“, sagte sie.

Auch Gesetze für Homo-Ehen und Verhütung könnten durch das Abtreibungsurteil auf der Kippe stehen.

Begriffe wie „Schwangere“ oder „Gebärende“ werden belächelt

Die Einbeziehung von trans* Personen in die Diskussion über Abtreibung ist politisch heikel. Befürworter:innen der Trans-Inklusion, die vorschlagen, Begriffe wie „schwangere Menschen“ oder „gebärende Menschen“ anstelle von „schwangere Frauen“ zu verwenden, wurden belächelt. Bette Midlers viraler Tweet vom vergangenen Monat bringt dieses Argument auf den Punkt: „FRAUEN DER WELT! Wir werden unserer Rechte über unseren Körper, unser Leben und sogar unseres Namens beraubt! Sie nennen uns nicht mehr ‚Frauen‘, sondern ‚Gebärende‘ oder ‚Menstruierende‘ und sogar ‚Menschen mit Vaginas‘! Lasst nicht zu, dass sie euch auslöschen! Jeder Mensch auf der Erde schuldet euch etwas!“

Midler ist nicht die einzige prominente Person, die behauptet, dass eine Änderung der Terminologie oder die Einbeziehung von trans* Menschen in die Diskussion über Roe Frauen auslöscht. Hier schreibt unsere Autorin darüber, warum wir öfter „Menschen mit Uterus“ sagen sollten.

Während einer Sitzung des Justizausschusses im Senats spottete der republikanische Senator Josh Hawley über den Begriff „Menschen mit der Fähigkeit zur Schwangerschaft“, indem er im Streit mit der Rechtsprofessorin Khiara Bridges von der UC Berkeley sagte: „Sie meinen Frauen?“, und später hinzufügte: „Nein, ich glaube nicht, dass Männer schwanger werden können.“ Trans* Menschen die Existenz absprechen – genau darum geht es auch beim Vollbrechts Vortrag an der HU. In einer Analyse zeigen wir, wie er Trans-Hass befeuert.

Nach Roe v. Wade: Auch Trans* Männer brauchen Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen

Moseson ist mit Äußerungen wie der von Hawley nicht einverstanden. „Die Mehrheit der Menschen, die eine Abtreibung brauchen und eine Abtreibungsbehandlung in Anspruch nehmen, sind Cis-Frauen“, sagte sie, aber wir können anerkennen, dass auch Transgender-Männer und nicht-binäre Menschen Zugang zur Abtreibung brauchen. „Als Wissenschaftlerin, als Epidemiologin ist es einfach ungenau, über Abtreibung nur als ein Thema zu sprechen, das Cis-Frauen betrifft. Es braucht einen zusätzlichen Blickwinkel.“

Aspen Ruhlin, Koordinatorin für gesellschaftliches Engagement im Mabel Wadsworth Center, einem Zentrum für reproduktive Gesundheitsfürsorge in Maine, das sich auf geschlechtsspezifische Behandlungen und transsexuelle Schwangerschaftsabbrüche spezialisiert hat, meinte: „Was mich immer wieder verblüfft, ist, dass TERFs (Anm.d.R. Trans-Exclusionary Radical Feminists) typischerweise behaupten, dass Frauen ausgeschlossen oder entmenschlicht werden, wenn sie ‚schwangere Menschen‘ sagen. Das verwirrt mich immer ein wenig, denn Frauen sind Menschen“, sagten sie.

Anti-Abtreibungsgesetze „gehen Hand in Hand“ mit „Gesetzen, die Geschlechtsangleichung angreifen“, sagte Ruhlin, weil beide Gesetze „fest in der Kontrolle der Körper von jedem verwurzelt sind, der kein weißer Cis-Mann ist“. Dieselben Leute, die gegen den Zugang zur Abtreibung sind, hätten mit Zwangssterilisation behinderter Menschen, die in den meisten Teilen des Landes legal sei, kein Problem. Seit dem gekippten Abtreibungsgesetz sehen viele Menschen in einer Sterilisation die sicherste Lösung.

„Sieh nur, wie ekelhaft diese Person ist“, muss sich Oliver wegen seiner Abtreibung anhören

Um herauszufinden, wie sich Roe auf trans* Männer auswirken könnte, habe ich mit 14 trans* Männern gesprochen, die abgetrieben haben oder eine Gebärmutterentfernung (Hysterektomie) planen, nachdem Roe gekippt wurde. Die meisten von ihnen stammen aus den Vereinigten Staaten, aber ich habe auch mit Männern in Kanada, England und Frankreich gesprochen. Sie hielten es für wichtig, sich zu Wort zu melden, weil ihre Stimmen in der Diskussion um Roe weitgehend unterdrückt wurden, und sie wollen das Bewusstsein dafür schärfen, dass transmaskuline Menschen Zugang zu Abtreibungen brauchen.

Oliver liegt auf seiner Couch mit drei Katzen und schaut in die Kamera
Oliver auf der Couch mit seinen drei Katzen © Courtesy Oliver

Nachdem Oliver auf Facebook über seine Abtreibung berichtet hatte, teilte eine ehemalige Klassenkameradin aus der Highschool den Beitrag mit der Bildüberschrift: „Sieh nur, wie ekelhaft diese Person ist, sie ist stolz auf den schrecklichen Mord, den sie begangen hat“, erinnert er sich. Bald darauf erhielt Oliver belästigende Nachrichten von den Freund:innen seiner Mitschülerin.

„Das war schon ein bisschen beängstigend, aber ich wollte es nicht verschweigen“, erzählte Oliver. „Wenn ich mich mit jedem dieser Menschen einzeln hinsetzen und ihnen erzählen würde, was mir passiert ist und wie sehr ich das gebraucht habe, dann würden die meisten von ihnen es wahrscheinlich, wenn sie halbwegs anständige Menschen wären, verstehen.“ Sieben Jahre nach seiner Abtreibung, im Jahr 2019, begann Oliver in einer Klinik von „Planned Parenthood“ Testosteron einzunehmen und änderte seine Geschlechtsmerkmale.

Oliver spricht auf einer Kundgebung für Abtreibungsrechte

Kurz nachdem er erfahren hatte, dass Roe gekippt worden war, ging Oliver zu einer Kundgebung für Abtreibungsrechte. Nachdem die Demonstration beendet war, fragten die Organisator:innen, ob jemand aus der Menge sprechen wolle. Obwohl er extrem nervös war, stand Oliver auf und ging zum Mikrofon. „Ich bin ein trans* Mann. Als ich 19 war, hatte ich eine Abtreibung. Planned Parenthood hat mir zweimal das Leben gerettet“, sagte er. Das Publikum klatschte. Eine nicht-binäre Person in der Menge kam auf ihn zu und dankte ihm dafür, dass er seine Meinung gesagt hatte.

Oliver hat als Mann viel positivere Erfahrungen damit gemacht, seine Abtreibungsgeschichte zu erzählen, als wenn er als Frau auftritt. „Wenn man als Frau auftritt – nur weil wir in einer Kultur leben, in der Frauenfeindlichkeit die Norm ist [hier sprechen wir mit einer Anti-Frauenhass-Influencerin über Frauenfeindlichkeit und Andrew Tate] – werden deine Entscheidungen und deine Moral eher bagatellisiert. Die Leute denken, dass du nicht verstehst, was du tust“, sagte er. „Als Mann werde ich häufiger und konsequenter als kompetent wahrgenommen und als jemand, der weiß, was gut für mich ist. Ich habe das Gefühl, dass mir mehr geglaubt wird, und ich fühle mich sicherer, wenn ich sage, dass es das Richtige für mich war.“

Ich bin ein trans* Mann. Als ich 19 war, hatte ich eine Abtreibung. Planned Parenthood hat mir zwei Mal das Leben gerettet.

Oliver gegenüber BuzzFeed News US

„Mir wurde klar, dass ich nie biologische Kinder haben wollte“

Doch abgesehen von dieser Erfahrung habe er sich seit seiner Transition nicht mehr so sehr in die Abtreibungsdebatte einbezogen gefühlt. Vor der Umwandlung sagte er: „Liberale Leute wollten immer meine Stimme erheben. Und jetzt, nachdem ich die Transition habe vornehmen lassen, habe ich fast das Gefühl, dass ich für einige Leute ein Dorn im Auge bin. Leute, die sich als meine Verbündeten betrachten, vergessen nicht nur mich, sondern sagen mir auch: ‚Wenn Männer abtreiben könnten oder wenn Männer schwanger werden könnten, dann bla, bla, bla‘, und es ist wie, nun, ich bin ein Mann und ich kann schwanger werden, willst du mir also sagen, dass du mich die ganze Zeit nicht als Mann gesehen hast?“

Anfang dieses Jahres hatte Oliver eine Hysterektomie als Teil einer Unterleibsoperation in Betracht gezogen. „Mir wurde klar, dass ich nie biologische Kinder haben wollte und auch nie schwanger sein wollte. Es ist einfach ein Körperteil, von dem ich definitiv weiß, dass ich ihn nicht brauche und nicht will“, sagte er. „Aber gleichzeitig wurde mir klar: Ich zögerte auch, weil ich das Gefühl hatte, dass die Entfernung dieses Körperteils meine Stimme in diesem Gespräch weniger wichtig machen würde“ (eine Anspielung auf den Slogan „keine Gebärmutter, keine Meinung“).

Gekipptes US-Abtreibungsgesetz: „Ich denke, das könnte mich umbringen“

Dann führte Missouri 2019 ein Gesetz ein, das die Abtreibungsbehandlung bei Eileiterschwangerschaften betreffen könnte, und der Roe-Entwurf wurde geleakt. „Ich denke, das könnte mich umbringen. Ich musste mich also beeilen und es zu Ende bringen“, sagte er. „Wenn wir in einem Vakuum leben würden und ich mich nicht mit der Politik auseinandersetzen müsste, hätte ich wahrscheinlich länger gewartet.“ Er vereinbarte einen Termin für eine Gebärmutterentfernung. Zunächst lehnte seine Krankenkasse die Kostenübernahme für den Eingriff ab, weil er ein trans* Mann ist. Er legte Widerspruch ein und verbrachte viel Zeit mit der Rechnungsabteilung, bis man sich schließlich bereit erklärte, den Eingriff zu übernehmen.

Olivers Erfahrung ist unter trans* Männern, die eine Abtreibung vornehmen lassen wollen, nicht ungewöhnlich, so Ruhlin, die ursprünglich von dem Zentrum eingestellt wurde, um sich für Patient:innen einzusetzen, deren Versicherungsunternehmen ihnen die Kostenübernahme verweigerten, weil sie trans* sind. „Es verstößt eigentlich gegen das Bundesgesetz, wenn Versicherungsgesellschaften das tun“, sagte sie. „Sobald man erwähnt, dass es illegal ist, fangen sie an, das Gesetz zu befolgen“. Da jedoch viele elektronische Krankenakten keinen Abschnitt für männliche Patienten haben, die eine Schwangerschaft, einen Schwangerschaftsabbruch oder eine gynäkologische Betreuung benötigen, verweigern die Versicherungsunternehmen weiterhin die Kostenübernahme.

„Ich denke, das könnte mich umbringen. Ich muss mich also beeilen und das erledigen“, sagte er.

Oliver gegenüber BuzzFeed News US

Viele trans* Männer lassen ihre Gebärmutter entfernen

Am 22. Juli 2022, weniger als einen Monat nachdem Roe gekippt worden war, wurde bei Oliver eine Gebärmutterentfernung vorgenommen. Als ich vor der Operation mit ihm sprach, sagte er: „Ich bin mir sehr sicher, dass meine Stimme immer noch eine Rolle spielen wird. Ich werde zwar keine Gebärmutter mehr haben, aber ich werde mich trotzdem so oft wie möglich lautstark für diese Sache einsetzen.“

Wie Oliver planen viele trans* Männer, mit denen ich gesprochen habe, als Reaktion auf die Aufhebung des Roe-Urteils eine Unterleibsoperation und eine Gebärmutterentfernung. Sie befürchten, dass sie gezwungen werden würden, eine Schwangerschaft auszutragen, und dass ihnen das Recht auf eine Geschlechtsumwandlung entzogen werden könnte.

„Wenn ich schwanger werden würde, würde ich diese Erfahrung nicht überleben“

Jaden*, ein 19-jähriger College-Student in Los Angeles, der Biologie studiert und Kinderarzt werden möchte, sagte: „Als ich von der Entscheidung hörte, war ich völlig aus dem Häuschen. Mein erster Gedanke war, dass es mir die nächsten zehn Jahre gut gehen würde, weil ich eine Kupferspirale habe. Die habe ich mir vor ein paar Monaten einsetzen lassen, nur für den Fall, dass so etwas passiert“, sagte er. Aber nun will er die Operation an seinem Unterleib vorziehen. „Ich wollte immer zuerst die Brust-Operation machen. Aber ich kann auch ohne die überleben. Wenn ich schwanger werden würde, würde ich diese Erfahrung nicht überleben. Das Ausmaß an Dysphorie, das es auslösen würde – es ist sehr unangenehm, wenn man daran denkt.“

Jalen meint, er liebe Kinder und würde vielleicht welche adoptieren, wolle aber keine eigenen biologischen Kinder. A. J. Lowik, ein Forscher auf dem Gebiet der reproduktiven Gesundheit von Transsexuellen, der 2019 ein Handbuch für die USA über transsexuelle Abtreibungsbehandlungen verfasst hatte, sagte, dass zwar viele transsexuelle Menschen bei einer Schwangerschaft Dysphorie erleben, aber nicht alle. Einige trans* Männer streben Schwangerschaften an (ihnen ist sogar ein ganzer Subreddit gewidmet: r/seahorsedads).

„Es wird immer gefährlicher, als anders oder andersartig angesehen zu werden“

Auch John*, ein 34-jähriger trans* Mann, plant wegen Roe früher als erwartet eine Hysterektomie. Er wurde vergangenes Jahr operiert und wollte bis 2023 warten, um seinem Körper Zeit zur Heilung zu geben und Geld zu sparen, um ein größeres finanzielles Polster zu haben, aber seine Pläne haben sich geändert.

„Ich lebe in einem roten Bundesstaat, in dem es ein Trigger-Gesetz gibt, sodass es schwierig wäre, eine Abtreibung zu bekommen, wenn ich vergewaltigt würde. Ich müsste dazu in einen anderen Staat reisen. Und die Tatsache, dass manche Konversionstherapien Vergewaltigung und Schwangerschaft nutzen, um transsexuelle Männer zu ‚heilen‘, macht die Sache noch beunruhigender“, sagte er. Nicht nur die Angst, ein Kind austragen zu müssen, sei besorgniserregend (für Menschen, die den Breeding-Kink mögen, ist genau diese Angst der Adrenalin-Kick), auch die Diskriminierung von Transsexuellen habe sich in letzter Zeit verschärft.

Die Aufhebung der Roe-Rechtsprechung „scheint in einigen Menschen das Schlimmste hervorgerufen zu haben“, sagte er. „Ich komme als junger Mann ziemlich gut durch. Doch selbst ich musste mich damit auseinandersetzen, dass Leute plötzlich laut darüber sprachen, was ihrer Meinung nach getan werden sollte, um trans* Menschen zu helfen, und einen fragenden Blick von der Seite ernteten. Es wird immer gefährlicher, als anders oder andersartig angesehen zu werden. Ich möchte kein Risiko eingehen.“

US-Abtreibungsgesetz gefährdet trans* Menschen: „Abwärtsspirale der Panik“

Dan*, ein 30-jähriger trans* Mann, der in Tennessee lebt, hat nicht nur seine Hysterektomie für den ersten August (viel früher als erwartet) geplant, er bereitet sich auch darauf vor, aus dem Bundesstaat wegzuziehen, in dem er sein ganzes Leben lang gelebt hat und in dem fünf Generationen seiner Familie aufgewachsen sind. Er hat sich um seine schwer kranke Mutter gekümmert und befürchtet, dass nicht gut gepflegt werden würde, wenn er wegziehe. „Ich geriet in eine regelrechte Abwärtsspirale der Panik, nur wegen des Dobbs-Drafts. Ich wusste, dass nur sehr wenig zwischen dem Staat Tennessee und der direkten Verfolgung von Transgender-Erwachsenen stand, wenn [die US-Abtreibungsgesetze] Roe, Griswold, Lawrence und Obergefell aufgehoben würden“, sagte er.

„Die Menschen in den blauen Staaten wissen nicht, wie beängstigend das ist. Es gibt immer noch die Vorstellung, dass es nur um Pronomen und Spitzensport geht. Die wirklichen Fragen sind: Wenn meine Brust-Operation oder meine Eileiterunterbindung abgelehnt werden und sich das Berufungsverfahren über Monate hinzieht, ist sie dann nächstes Jahr noch legal? Wenn ich jetzt die HIV-Präventionspille bekomme, kann sie dann 2025 in meinem Sodomie-Prozess als Beweismittel verwendet werden?“[Anm. der Red.: Unter dem Begriff „Sodomie“ wurden im englischsprachigen Raum bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts abwertend alle Sexualpraktiken zusammengefasst, die nicht heterosexueller, vaginaler oder oraler Geschlechtsverkehr sind. In den USA gibt es immer noch Gesetze, die solche Praktiken verbieten.]

Angst vor den Gefahren der Geburt und der Geschlechtsdysphorie

Dan leidet unter extremer Tokophobie, einer Angst vor der Schwangerschaft. Vor allem wegen seiner Geschlechtsdysphorie, die damit einhergehe, aber auch, weil er sich vor den Gefahren der Geburt fürchtet, seit seine Mutter in einem „politisch liberalen, natürlichen Geburtszentrum gearbeitet hat, das fast verklagt wurde.“

Roe hat Dan dazu veranlasst, auch andere Änderungen vorzunehmen. „Ich überstürze nicht nur die Operation“, sagt er. „Ich ordne mein Leben neu. Ich gehe auf eine Fachschule für medizinische Rechnungsausstellung, damit ich es mir in Zukunft leisten kann, woanders zu leben. Ich trenne mich von überflüssigen Besitztümern, die einen Umzug erschweren würden.“

Dan ist der Meinung, dass der rechte Flügel die LGBTQIA+-Community wieder so sieht wie in den 1980er Jahren. „Man kann das Aqua Net [Anm. der Red.: Haarspraymarke] und den Zigarettenrauch riechen“, sagte er. „Ein Pastor, der mit der Polizei in meiner Gegend in Verbindung steht, wurde bekannt, weil er behauptete, AIDS sei eine Strafe Gottes.“ Hier schreiben wir darüber, dass HIV-Infizierte bis zu 4,8 Jahre schneller altern.

Eine Schwangerschaft als trans* Mann ist für viele „das Schlimmste“

Tim, ein 17-jähriger trans* Mann, saß im Klassenzimmer seiner britischen Highschool, als sein Lehrer die Nachricht brachte, dass Roe v. Wade in den USA gekippt worden war. Alle seine Klassenkamerad:innen stimmten zu, dass Menschen das Recht auf Abtreibung haben sollten, sagte er. Dann meinte seine Lehrerin, dass sie eine Änderung des Lehrplans zum Thema sexuelle Gesundheit anstrebe und einige Recherchen durchführen wolle. Tim blieb noch nach Unterrichtsende im Klassenraum. „Das hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber ich habe vor einem Monat eine Abtreibung hinter mir, und ich möchte gerne darüber sprechen“, sagte er zu ihr.

Seine Lehrerin wollte seine Geschichte hören. Sie bat ihn sogar, mit anderen Lehrer:innen an der Schule über das Thema Abtreibung zu sprechen und „Wege aufzuzeigen, die Schüler:innen einschlagen können, wenn sie dieses Problem haben und nicht mit ihren Eltern darüber sprechen können. Es ist ja schön und gut, wenn man sagt: ‚Sprich mit einem vertrauenswürdigen Erwachsenen‘, aber nicht jeder hat einen vertrauenswürdigen Erwachsenen“, sagte er.

Anfang dieses Jahres war Tim übel, und er machte im Urlaub einen Schwangerschaftstest, um sich zu beruhigen. Als der Test positiv ausfiel, schickte er ein Bild an seinen Freund, mit dem er seit zehn Monaten zusammen ist, und der ihn sofort anrief. „Er wollte sich vergewissern, dass es mir gut geht, denn die Hormone und die Dysphorie waren krass“, sagte Tim. „Im Alltag kann ich die Tatsache, dass ich als Frau geboren wurde, normalerweise einfach ignorieren ... aber die Schwangerschaft war das Schlimmste, weil ich ständig das Gefühl hatte: ‚Das ist nicht richtig‘. Sein Freund war mit der Abtreibung einverstanden. „Er weiß, dass ich kein großer Kinderfreund bin, vor allem nicht im Alter von 17 Jahren, und ich wusste, dass er es auch nicht ist“, so Tim.

Tim macht ein Selfie. Er schaut zur Seite und hat eine Hand vor seinem Mund, die sein Gesicht verdeckt.
Tims TikTok-Video, in dem er über seine Abtreibung spricht, wurde 2,4 Millionen mal angeschaut. © Courtesy Tim

Tims berichtet in TikTok-Videos über seinen Schwangerschaftsabbruch

Er rief seine Mutter an, um ihr die Nachricht zu überbringen. „Ich wusste, dass sie in der Vergangenheit bereits zwei Abtreibungen hinter sich hatte, und sie hat immer gesagt: ‚Wenn du Hilfe brauchst, komm zu mir‘“, sagte er. „In dieser Hinsicht hatte ich also großes Glück, dass ich bei ihr nicht auf Zehenspitzen laufen musste.“ Tims Mutter half ihm, den Termin für die Abtreibung zu vereinbaren, die von seiner Krankenkasse kostenlos übernommen wurde. Nach Angaben des National Health Service können im Vereinigten Königreich, Jugendliche unter 18 Jahren, die eine Abtreibung wünschen, diese auch ohne elterliche Erlaubnis vornehmen lassen.

„Die Leute in der Klinik waren sehr freundlich und zuvorkommend“, erzählte Tim. Als er ihnen von seiner Dysphorie erzählte, waren sie verständnisvoll. Sie benutzten seine Pronomen und seinen gewählten Namen. Da er in der siebten Woche schwanger war, hatte er die Wahl zwischen einer Pille oder einem chirurgischen Abbruch. Er entschied sich für den chirurgischen Eingriff, da er während des gesamten Vorgangs betäubt werden würde. Hier zeigt eine Fotografin Fotos davon, wie eine Abtreibung wirklich aussieht.

Das einzig Seltsame geschah während des Ultraschalls. Er lag auf dem Tisch, als die Technikerin den Ultraschallkopf unter seinem hochgezogenen T-Shirt auf seinen Bauch legte. „Würden Sie Ihre Meinung ändern, wenn es Zwillinge wären?“, fragte sie. Tim sagte: „Nein.“ Die Technikerin hielt inne, schaute auf den Bildschirm und sagte: „Es sind keine Zwillinge.“ „Prima. Danke“, antwortete Tim. Er drehte ein TikTok-Video über diese Erfahrung, das 2,4 Millionen Mal aufgerufen wurde. Die meisten Kommentare waren positiv, einige jedoch auch transfeindlich, wie auch einige der Reaktionen auf seinen Beitrag auf Reddit. „Warum hast du Sex, wenn du trans* bist und dich selbst nicht magst – wenn du kein Kind willst?“, heißt es in einem der Kommentare.

„Trans* Personen sollten das Recht haben, die Intimität zu mögen, die damit einhergeht, wie Sex mit ihrem Partner, genauso wie jeder andere auch“, so Tim.

Archies Erfahrung mit Transsexualität im Süden – „laut und deutlich zurückgedrängt“

Archie, ein 23-jähriger trans* Mann, der im Südwesten der USA lebt (genauere Angaben wollte er aus Datenschutzgründen nicht machen), erfuhr im Januar dieses Jahres, dass er schwanger war. Zu dieser Zeit arbeitete er bei Walmart und hatte sich einigen seiner Kolleg:innen gegenüber geoutet, aber nicht allen. „Wenn man im Süden laut und deutlich sagt, dass man transsexuell ist, wird man auch laut und deutlich zurückgedrängt“, sagte er. Viele queere Menschen fühlen sich in den USA einfach nicht mehr wohl – werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

„Der Grund, warum ich schwanger wurde, war, dass ich eine Zeit lang unter Depressionen litt und nicht wirklich das Geld hatte, um mein Testosteron zu bekommen, also habe ich eine Zeit lang aufgehört, es zu nehmen“, sagte er. (Testosteron kann die Fruchtbarkeit beeinflussen, ist aber kein Verhütungsmittel). Er hatte auch das von seinem Arzt empfohlene Verhütungsmittel abgesetzt.

„Planned Parenthood“ teilte Archie mit, dass er wahrscheinlich im November schwanger geworden sei. „Ich bin also ziemlich ausgeflippt“, sagte er. Er entschied sich für eine Abtreibung, kurz nachdem er es erfahren hatte, und sein nicht-binärer Partner unterstützte seine Entscheidung.

Trans* Menschen sollten mehr in die Diskussion um Schwangerschaftsabbrüche einbezogen werden

Zunächst ließ er sich bei einem örtlichen Anbieter einen Termin für Abtreibungspillen geben, jedoch war der Termin zu spät. Zu diesem Zeitpunkt hätte er keinen Anspruch mehr auf eine Abtreibung mit Pille gehabt. Also fuhr er mit einer Freundin zwei Stunden lang in die nächstgelegene Großstadt, um Abtreibungspillen zu besorgen. Sie lieh ihm das Geld. „Als ich die Pillen endlich bekam, war ich, glaube ich, zehn Wochen und fünf Tage schwanger – zwei Tage mehr und ich hätte die Pille nicht mehr nehmen können“, sagte er.

In der Klinik sprach er mit den Krankenschwestern nicht offen über seine Geschlechtsidentität. „Ich wollte nicht einmal versuchen, das zu erklären. Ich wollte einfach nur hineingehen und es loswerden“, sagte er. Auch den Patienten, mit denen er im Wartezimmer sprach, erzählte er nichts von seiner Geschlechtsidentität. „Ich versuche einfach, in den Südstaaten sicher zu sein“, sagte er. Er hofft, dass Abtreibungsanbieter in Zukunft transsexuelle und nicht-binäre Menschen in ihre Botschaften einbeziehen werden.

„Nachdem die Diskussion über Abtreibungen in den USA immer hitziger geworden war, habe ich in der Stadt, in der ich lebe [in Ontario, Kanada], Graffiti gesehen, auf denen stand: 'Abtreibung ist Mord'“, erzählte mir Elliott, ein 26-jähriger, kanadischer trans* Mann. „Es ist wirklich sehr beunruhigend, so etwas zu sehen, vor allem in einer Provinz und in einer Stadt, die ich für sehr fortschrittlich halte, und an einem Ort, an dem ich eine geschlechtsangleichende Behandlung bekomme und abgetrieben habe. Es ist wirklich beängstigend, weil ich so etwas noch nie gesehen habe.“

„Ich erinnere mich bis heute an die unmittelbare Panik, die ich verspürte, als der Test positiv war“

Die Kosten für die Abtreibung und die Operation wurden von der kanadischen Krankenkasse übernommen. Obwohl Premierminister Justin Trudeau davon gesprochen hatte, ein Gesetz zum Schutz der Abtreibung in Kanada zu erlassen, sagte Elliott, er habe Angst, da das, was gerade in den USA passiere, auch Kanada betreffe.

Elliott hatte eine Woche lang Testosteron genommen, als er erfuhr, dass er schwanger war. Seine Periode war einen Monat zu spät. „Ich habe einfach gemerkt, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmt. Mir war wirklich schlecht“, sagte er. Also machte er einen Test. „Ich erinnere mich bis heute an die unmittelbare Panik, die ich verspürte, als der Test positiv war“, sagte er. „Eine Schwangerschaft an sich ist etwas, wovor ich schon immer große Angst hatte, und ich wusste bereits, dass ich es nicht durchziehen wollte. Aber in dem Moment, in dem ich wusste, dass ich etwas in mir hatte, das ich nicht wollte, war in meinem Gehirn pures Chaos.“

Für den nächsten Tag hatte er bereits einen Termin bei seinem Hausarzt vereinbart, um seine Testosterontherapie zu kontrollieren. Seine Lebensgefährtin rief den Arzt an und fragte, ob auch ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt werden könne. Der Arzt sagte seiner Partnerin, sie würden „das schon hinbekommen“, so Elliott.

Elliots Abtreibungserfahrung als schwangerer trans* Mann

Obwohl er vor dem Termin ängstlich war, fühlte er sich in der Praxis des Arztes bald wohl. Er erzählte seinem Arzt ganz sachlich: „Ich war nicht so vorsichtig. Und am Ende bin ich schwanger geworden. Das ist etwas, das ich nicht durchstehen möchte, und ich würde gerne abtreiben.“

Elliott war sich nicht sicher, wie sein Arzt reagieren würde. „Er hat nicht gegen mich argumentiert, mit mir gestritten oder mich gefragt, ob ich mir sicher sei, denn wir hatten schon vorher besprochen, dass eine Schwangerschaft nichts ist, womit ich einverstanden wäre“, sagte er.

Dann fragte der Arzt, ob seine Dysphorie schlimm sei. Elliott sagte ihm, dass sie es sei. „Der Prozess, ihm das zu sagen und dann Pillen zu bekommen, dauerte vielleicht 20 Minuten“, sagte er. Nach der Abtreibung wurde dem trans* Mann eine Spirale eingesetzt.

Gekipptes US-Abtreibungsurteil: Für viele trans* Menschen ein großer Schock

Als er die Nachricht hörte, dass Roe gekippt worden war, stand er unter Schock – hatte ein flaues Gefühl im Magen. „Das Erste, was ich dachte, war: Wenn ich in einer Situation wäre, in der die Regierung alles tun würde, um mich zu zwingen, ein Baby zu behalten, von dem ich wusste, dass ich es nicht lieben würde, hätte ich mir wahrscheinlich entweder das Leben genommen oder wäre nahe dran gewesen. Und ich weiß, dass viele Menschen in den USA wahrscheinlich auch diese Optionen in Betracht ziehen“, sagte er. „Es ist tödlich für trans* Menschen, sie aus dieser Diskussion auszuschließen.“

Expert:innen sind der Meinung, dass es Änderungen gibt, die eine Abtreibung sicherer und zugänglicher für trans* Personen und die Gynäkolog:innen, die sie behandeln, machen könnten. (Eine 2015 durchgeführte Umfrage unter Gynäkolog:innen ergab, dass sich fast zwei Drittel nicht wohl bei der Behandlung von Transgender-Patienten fühlten).

Es ist tödlich für trans* Menschen, sie aus dieser Diskussion auszuschließen

Elliott gegenüber BuzzFeed News US

Viele Abtreibungsdienste sind auf Cis-Frauen ausgerichtet

Lowik, Forscherin auf dem Gebiet der reproduktiven Gesundheit von trans* Menschen, sagte: „Es geht darum, die Patient:innen dort abzuholen, wo sie sind, keine Annahmen über ihre Körperteile oder ihre reproduktive Gesundheit zu treffen [und] sich zu bemühen, die Sprache zu nutzen, die Kund:innen oder Patient:innen verwenden. Einige der Änderungen sind leicht umzusetzen, wie die Änderung der geschlechtsspezifischen Sprache auf den Aufnahmeformularen und die Verwendung von geschlechtsspezifischen Schildern, um sicherzustellen, dass jemand, der sich nicht als Frau identifiziert, den Raum und seine Dienstleistungen positiv erlebt.“

Da einige Anbieter von Abtreibungsdiensten nur auf Cis-Frauen ausgerichtet sind, fühlen sich trans* Menschen oft nicht willkommen. Ruhlin sagte: „Wenn ein trans* Mann, der schon eine Weile auf Testosteron ist – er hat Gesichtsbehaarung, er hat eine tiefere Stimme, sein Name ist Dylan – in eine Abtreibungsklinik geht, nehmen [die Angestellten] an, dass er nicht der Patient ist, oder sie nehmen an, dass es sich um einen Cis-Mann handelt, der etwas Dubioses im Sinne hat.“ Hass auf Homosexuelle in Kinderbüchern

Trans* Menschen werden als Gefahr dargestellt

Lowik sagte, dass wir Begriffe wie „schwangere Menschen“ verwenden sollten, obwohl sie wissen, dass viele Menschen befürchten, dass die Verwendung einer inklusiven Sprache zu effektiveren Angriffen auf den Zugang zur Abtreibung führen wird, wie Carrie N. Baker und Carly Thomsen kürzlich im Ms. Magazine argumentierten. Lowik hält diese Sorge jedoch für unbegründet.

„Damit wird ein altes Argument wiederholt. In den 70er-Jahren waren Feministinnen besorgt, dass die Einbeziehung von Lesben die Botschaft schwächen würde. Den Lesben wurde gesagt, dass sie warten sollten, bis sie an der Reihe seien, dass wir zuerst für die Rechte heterosexueller Frauen kämpfen würden und dass Lesben, sobald sie sich etabliert hätten, einen Platz am Tisch hätten und für ihre eigenen Bedürfnisse kämpfen könnten“, sagte Lowik.

Genau das ist aber nicht geschehen. Betty Friedan, Mitbegründerin der National Organization for Women, nannte Lesben bekanntlich die „Lavendel-Bedrohung“ und entließ einige prominente lesbische Mitglieder aus der Organisation, da sie befürchtete, Lesben würden Frauenrechten schaden. Auch Verschwörungstheoretiker:innen sehen in queeren Menschen heute eine Gefahr für die heteronormative Mehrheit – sie nennen es Genderismus. Lesben waren gezwungen, ihre eigenen Organisationen zu gründen, und kämpften darum, in der breiteren Frauenbewegung akzeptiert zu werden.

Unterdrückung von trans* Menschen in der Abtreibungsdebatte nicht zielführend

Lowik ist der Meinung, dass einige Abtreibungsgegner:innen absichtlich Streit unter den Abtreibungsbefürworter:innen provozieren würden, denn „wenn sich die Gruppen gegenseitig bekämpfen, können wir weniger effektiv zusammenarbeiten, um gemeinsam das Patriarchat und die Machtsysteme zu bekämpfen, die darauf ausgerichtet sind, uns alle in untergeordneten Positionen in der Gesellschaft zu halten“.

Das Ignorieren von trans- und nicht-binären Menschen sei nicht zielführend und werde nach hinten losgehen, meinte Lowik. „Ich glaube nicht, dass es als politische Strategie Sinn ergibt, Menschen zurückzulassen und ihnen zu sagen, dass sie warten sollen. In der Zwischenzeit sind das die Menschen, die tatsächlich am negativsten betroffen sind, die Menschen, die die Hauptlast der unterdrückenden Gewalt durch Regierungen und Einzelpersonen tragen“ – so wie auch beim Angriff eines Transsexuellen in Münster.

Befürworter:innen von Abtreibungsrechten sind verständlicherweise wütend, meinte Olive. „Aber sie zeigen mit dem Finger in die falsche Richtung, sie zeigen auf Männer, anstatt auf diejenigen zu zeigen, die meiner Meinung nach schuld sind – religiöse Menschen, die in die Kirche gehen und Konservative.“ Queere Menschen fordern von der Kirche schon lange mehr Akzeptanz.

„Reproduktive Rechte sind für alle da“ – auch für trans* Männer

Oliver sagte, dass es um Leben und Tod ginge, wenn man seine Meinung sage. „1999 gab es einen trans* Mann namens Robert Eads, der an Eierstockkrebs starb, weil alle Ärzt:innen, die er anrief, sich weigerten, ihn zu behandeln, weil er ein trans* Mann war“, sagte er. Wie Oliver stammte auch Eads aus einem südlichen Bundesstaat. Die Gynäkolog:innen befürchteten, dass sie von anderen Patient:innen gemieden würden, wenn sie Eads eine Krebsbehandlung gewährten. „Einer der Hauptgründe, warum ich mich für die Einbeziehung transmaskuliner Menschen in die Diskussion über Abtreibung und Gynäkologie insgesamt einsetze, ist die Sicherheit und das Wohlbefinden transmaskuliner Menschen“, sagte Oliver.

Oliver macht sich nicht nur Sorgen darüber, dass ihm das Recht auf Abtreibung genommen werden könnte, sondern auch über einen möglich verwehrten Zugang zu Testosteron. Er und seine Freundin, die ebenfalls trans* ist, planen, Missouri, wo beide geboren und aufgewachsen sind, innerhalb der nächsten vier Jahre zu verlassen. „Reproduktive Rechte sind für alle da, Punkt. Es spielt keine Rolle, welche Art von Genitalien man hat, welche Identität man hat“, sagte er.

Apropos Abtreibungen: Spanien scheint für Menschen mit Uterus in feministischer Hinsicht ein richtiges Traumland zu sein – ein Kommentar.

*Für Personen, die ihre Privatsphäre schützen wollten, wurden Pseudonyme verwendet.

Autorin ist Hallie Liebermann. Dieser Artikel erschien am 15. August 2022 zunächst auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Aranza Maier.

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