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Polnischer Botschafter will ukrainische Hauptstadt nicht verlassen - „Kiew ist uneinnehmbar“

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Bartosz Cichoki auf Stuhl in Zimmer
Der polnische Botschafter Bartosz Cichocki in Kiew. © Pete Kiehart/BuzzFeed News

Polens Botschafter Bartosz Cichocki will die Haupstadt Kiew trotz des Ukraine-Kriegs nicht verlassen. Er stellt sich demonstrativ an die Seite der Ukrainer:innen.

Bartosz Cichocki sitzt in einem von großen Fenstern gesäumten Raum im zweiten Stock, trägt ein Fußballtrikot, nippt an einem Glas Single Malt Scotch und nimmt die Raketenexplosionen, die durch die ukrainische Hauptstadt hallen, offenbar gelassen hin. Als polnischer Botschafter in Kiew so sagt er, fühle er sich in dem gewaltigen sowjetisch-modernistischen Gebäude, in dem seine Botschaft untergebracht ist, sicher - so sicher, dass er keine einzige Nacht in dem Luftschutzkeller geschlafen hat, seit Russland seine umfassende Invasion in der Ukraine begann und Kiew mit Luftangriffen bombardierte. „Warum?“ fragt Cichocki. „Menschen schlafen in ihren Betten.“

Aber viele verängstigte Ukrainer:innen schlafen nicht mehr in ihren Betten, seitdem der russische Präsident Wladimir Putin begonnen hat, sie mit brutalen Waffen zu beschießen, die ihre Städte und ihr Leben auseinanderreißen. Aus Angst vor den Granaten, die überall zu explodieren scheinen, verstecken sie sich in Kellern und U-Bahn-Stationen. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind mehr als eine Million Ukrainer:innen bisher aus dem Land geflohen. Etwa 600.000 von ihnen seien nach Polen gegangen, sagt Cichocki und erklärt auch, dass es keine Obergrenze für ukrainische Geflüchtete gebe, die sein Land aufzunehmen bereit sei. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Polen die Türen schließen würde“, so Cichocki.

Eine Frau im Zug und Menschenhände die ans Zugfenster gepresst sind
Menschen, die sich von ihren Angehörigen verabschieden, schauen aus einem Zug vor der Abfahrt aus Kiew. © Vadim Ghirda/AP

Die Botschafter:innen westlicher Länder und ihre Diplomaten-Teams - angeführt von den USA - zogen sich schon vor Wochen aus der Ukraine zurück. Aber nicht Cichocki. Einige seiner mehr als 80 polnischen Diplomat:innen zogen stattdessen in die westliche Stadt Lviv um, wo sie ein funktionierendes Konsulat unterhalten, oder zurück nach Warschau. Aber viele bleiben an seiner Seite in der Hauptstadt.

Dennoch gab es während seines Interviews mit BuzzFeed News USA am vergangenen Donnerstag Anzeichen dafür, dass Cichocki die russische Bedrohung mit Sorge betrachtet. Vor seiner Bürotür liegen ein Helm und eine kugelsichere Weste mit einem rot-weißen polnischen Flaggen-Aufnäher und an seiner Hüfte trägt er eine, wie er es nannte, „Reisetasche“ mit „wichtigen Dokumenten“. Seine Blutgruppe ist mit einem Permanentmarker auf seinen linken Arm gekritzelt. „Ich will ja nicht im falschen Sarg landen“, scherzt er.

Während er spricht, schlägt eine Raketensalve in den Außenbezirken von Kiew ein. „Öffnen wir das Fenster, damit wir etwas hören können“, so Cichocki

„Seine Anwesenheit in Kiew ist sehr symbolhaft“

Eine Frau sitzt auf einer Matratze in einem U-Bahnhof
Die Einwohner:innen von Kiew schlafen und suchen Schutz in den U-Bahn-Stationen, während der tägliche und nächtliche Beschuss der Hauptstadt am 3. März 2022 anhält. © Justin Yau / Sipa USA via AP

„Seine Anwesenheit in Kiew ist sehr symbolhaft“, sagt Wojciech Kononczuk, stellvertretender Direktor des Zentrums für Oststudien in Warschau, gegenüber BuzzFeed News. „Polen war das erste Land der Welt, das die ukrainische Unabhängigkeit am 2. Dezember 1991 anerkannt hat“, so Kononczuk. „Er zeigt, dass Polen an der Seite der Ukraine stehen wird, was auch immer dort geschehen wird.“ Die ukrainisch-polnischen Beziehungen waren in den vergangenen Jahren nicht frei von Unstimmigkeiten, und es gibt ungelöste historische Streitigkeiten, darunter das Massaker an Polen in Wolhynien und Ostgalizien durch die ukrainische Aufständische Armee in den Jahren 1943 und 1944.

Cichocki, der der rechtsnationalen polnischen Partei Recht und Gerechtigkeit angehört, sagt jedoch, es sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, über die Geschichte zu streiten. Laut Cichocki hätten der ukrainische Präsident Volodymyr Selenskyj und der polnische Präsident Andrzej Duda ihre Streitigkeiten vorerst beiseite gelegt. „Ich glaube, sie rufen sich fast jede Nacht an“, so Cichocki. Er sagt auch, dass die Ukrainer:innen tapfer gekämpft haben und bisher relativ erfolgreich in ihrem Kampf gegen Russland waren und Putins Pläne für einen schnellen Angriff auf Kiew und einen Sturz der Regierung durchkreuzt haben. „[Kiew] wird so stark verteidigt. Es gibt Leute auf der Straße, denen ich nicht begegnen möchte, wenn ich Russe wäre.“

Feuerwehrleute stehen vor brennendem Gebäude
Feuerwehrleute löschen ein Feuer in einem beschädigten Logistikzentrum nach einem Beschuss in Kiew, Ukraine, am 3. März 2022. © Efrem Lukatsky / AP

Polnischer Botschafter hält Kiew im Ukraine-Krieg für „uneinnehmbar“

"Sie können sprengen, sie können bombardieren", sagt er über die Russen. Aber er glaubt nicht, dass Kiew fallen wird. "Das wird nicht passieren. Kiew ist uneinnehmbar." Laut Cichocki liefere Polen "alles, worum die Ukrainer:innen bitten", um ihren Kampf gegen die russische Armee zu unterstützen.

Polen hat die Ukraine seit dem Einmarsch Russlands im Jahr 2014 mit Waffen und anderer militärischer Unterstützung, einschließlich Ausbildung, versorgt. Anfang Februar kündigte Polen seine jüngste Hilfsrunde für die Ukraine an und erklärte, es werde verschiedene Arten von Munition und Artilleriegranaten, tragbare Luftabwehrsysteme mit kurzer Reichweite, leichte Mörser und Aufklärungsdrohnen liefern. „Wir sind uns darüber im Klaren, dass [die Ukraine] auch für die Sicherheit Polens von entscheidender Bedeutung ist“, so Kononczuk vom Zentrum für Oststudien. „Wir sitzen im selben Boot wie die Ukrainer:innen. Aber sie sitzen vorne und wir sitzen hinten.“

Cichocki, der von 2015 bis 2016 als Diplomat in Moskau tätig war, sagt, es habe ihm dort sehr gut gefallen. „Es ist eine besondere Stadt. Wir haben sie auch privat genossen. Meine Kinder mögen die Eislaufbahnen“, sagt er. Aber er möchte nicht, dass die russische Armee durch sein neues Zuhause in Kiew rollt. Der Fall der Ukraine wäre eine schlechte Nachricht für Polen, so Cichocki. „Wenn Russland hier Erfolg hat, sind wir die Nächsten“.

Autor ist Christopher Miller. Dieser Artikel erschien zuerst auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Aranza Maier.

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