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„Frauen und Kinder bombardiert“: Kämpfer:innen in der Ukraine berichten von Russlands gnadenlosen Angriffen

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Ein ukrainisches Militärfahrzeug fährt durch Lwiw nach Luftangriffen auf einen nahegelegenen Militärkomplex in Nowojavorivsk.
Ein ukrainisches Militärfahrzeug fährt durch Lwiw nach Luftangriffen auf den nahegelegenen Militärkomplex in Nowojavorivsk. © IMAGO/ZUMA Wire

Ausländische Kämpfer:innen haben sich auf den Weg in die Ukraine gemacht, um dort gegen Russland zu kämpfen. Sie schildern ihre Erlebnisse.

Sechs westliche Kämpfer:innen, die in die Ukraine gekommen sind, um sich der neuen internationalen Legion anzuschließen, beschreiben eine Szene völliger Verwüstung und Chaos, als russische Raketen am Sonntag auf ein NATO-Trainingszentrum eingeschlagen sind. Zu der Zeit schliefen sie gerade

Ukraine-Krieg: Ein Video zeigt den russischen Raketenangriff auf Militärbasis der NATO

„Wir sind von einem lauten shoooooo aufgewacht“, sagt James, ein ehemaliger britischer Soldat und erfahrener Artillerie- und Boden-Luft-Raketenführer, und beschreibt das schreckliche Rauschen der Raketen, die ein paar Meter von ihm entfernt explodierten. „Ich habe nur da gelegen und gedacht: „Ich werde sterben. Und dann gab es einen großen Knall.“

Ein Video des Raketenangriffs, das von einem der Kämpfer aufgenommen und BuzzFeed News US exklusiv zur Verfügung gestellt wurde, zeigt, wie zwei der Bomben das Trainingszentrum treffen und explodieren. Die Raketen sind in dem Video einige Sekunden lang zu hören, bevor sie abstürzen, was etwa 35 Sekunden nach Beginn des Videos zu sehen ist:

Mindestens 35 Menschen wurden getötet und 134 weitere verletzt, als acht russische Marschflugkörper das internationale Zentrum für Friedenssicherung und Sicherheit in Yavoriv trafen, einer Stadt, die 16 Kilometer von der Grenze zu Polen entfernt liegt und bis letzten Monat US-Truppen beherbergt hatte. In der nahe gelegenen westlichen Stadt Ivano-Frankivsk bestätigt Bürgermeister Ruslan Martainkiv, Russlands Raketen hätten den Flughafen zum zweiten Mal getroffen.

Ukraine-Krieg: Ausländische Waffenlieferungen werden von Russland ins Visier genommen

„Alle Legionäre sind in Sicherheit. Keine Toten, keine Verletzten!“, betont Oberst Anton Mironovich, Direktor für öffentliche Angelegenheiten an der Nationalen Armeeakademie in Lwiw und Ansprechpartner für ausländische Kämpfer:innen, gegenüber BuzzFeed News US. (Einzelheiten über die getöteten Personen wurden nicht veröffentlicht.) Er sagt, der Luftangriff sei von Kampfflugzeugen ausgeführt worden, die vom Flughafen Saratow in Westrussland gestartet sind, sich aber aus dem Süden, vom Schwarzen Meer und vom Asowschen Meer, genähert haben.

James, der aus Sicherheitsgründen seinen Nachnamen nicht genannt haben will, bestätigt dies und sagt, niemand der ausländischen Gruppe in Yavoriv sei bei dem Angriff verwundet worden.

Ukrainische Soldaten beziehen Stellung vor einer Militäreinrichtung in Kiew, während Feuerwehrleute zwei brennende Autos löschen.
Ukrainische Soldaten beziehen Stellung vor einer Militäreinrichtung in Kiew, während Feuerwehrleute zwei brennende Autos löschen. © Emilio Morenatti/dpa

Der Angriff auf den Stützpunkt Yavoriv ist einen Tag, nachdem der stellvertretende russische Außenminister Sergej Rjabkow davor gewarnt hat, dass er Waffenlieferungen aus dem Westen in die Ukraine als legitime Ziele betrachten würde, erfolgt. Ein ukrainischer Beamter, mit dem/der BuzzFeed News US anonym gesprochen hat, weil Beamte nicht mit der Presse sprechen dürfen, beschreibt den Angriff auf Yavoriv als „eine Botschaft an die internationale Gemeinschaft“, dass ihre Waffenhilfe für die Ukraine „gezielt angegriffen“ wird, und Ausländer:innen, die zum Kampf in die Ukraine kommen, werden als Truppen von Drittstaaten betrachtet, die am Krieg teilnehmen.

BuzzFeed News hat Reporter vor Ort in der Ukraine. Folgen Sie Christopher Miller und Pete Kiehart auf Twitter und lesen Sie hier die vollständige Berichterstattung.

Am späten Sonntag hat das russische Verteidigungsministerium eine Erklärung veröffentlicht, in der es mit weiteren Angriffen auf ähnliche Ziele gedroht hat. „In diesen Einrichtungen hat das Kiewer Regime ein Ausbildungszentrum für ausländische Söldner:innen eingerichtet, bevor sie in die Kriegsgebiete gegen russisches Militärpersonal geschickt wurden, sowie eine Lagerbasis für Waffen und Ausrüstung aus dem Ausland“, heißt es in der Erklärung. „Infolge des Angriffs wurden bis zu 180 ausländische Söldner:innen und eine große Ladung ausländischer Waffen vernichtet. Die Vernichtung ausländischer Söldner:innen, die auf dem Territorium der Ukraine angekommen sind, wird fortgesetzt.“

US-Präsident Biden hat weitere Hilfen angekündigt

Unterdessen verurteilt US-Außenminister Antony Blinken den Angriff. „Wir verurteilen den Raketenangriff der Russischen Föderation auf das Internationale Zentrum für Friedenssicherung und Sicherheit in Yavoriv, ​​nahe der Grenze zwischen der Ukraine und Polen“, sagt er. „Die Brutalität muss aufhören.“

Am Samstag hatte US-Präsident Joe Biden weitere 200 Millionen Dollar für Waffen und Ausrüstung für die Ukraine genehmigt. Aber der Raketenangriff könnte zukünftige Waffenlieferungen in das Land in dem Moment behindern, in dem das Militär mehr Hilfe braucht, um russische Truppen zurückzuschlagen, während sie weitere Gebiete erobert und sich der Hauptstadt Kiew weiter nähert.

Der ukrainische Offizier sagt, dass zum Zeitpunkt des Angriffs bis zu 1.000 ausländische Kämpfer:innen auf der Basis trainiert haben. Die Kämpfer:innen sind in die Ukraine gekommen, nachdem Präsident Wolodymyr Selenskyj im vergangenen Monat Ausländer:innen öffentlich dazu aufgerufen hatte, „sich der Verteidigung der Ukraine, Europas und der Welt anzuschließen“ und die Waffen gegen Russland zu ergreifen. Mironovich lehnt es ab, genau zu sagen, wie viele ausländische Kämpfer:innen sich seit Selenskyjs Aufruf am 26. Februar der neuen Truppe angeschlossen haben. „Wir haben eine ganze Reihe von Anfragen. Sogar mehr als wir brauchen. Sagen wir Tausende“, sagt er BuzzFeed News US.

Ukrainische Truppen und amerikanische Soldaten üben auf einem Schießstand in der Nähe von Yavoriv mit Ausbildern der Florida National Guard den Einsatz von in den USA hergestellten M141-„Bunkerbuster“-Raketen. am 04.02.
Ukrainische Truppen und amerikanische Soldat:innen üben auf einem Schießstand in der Nähe von Yavoriv mit Ausbilder:innen der Florida National Guard den Einsatz von in den USA hergestellten M141-„Bunkerbuster“-Raketen. am 04.02. © Pete Kiehart for BuzzFeed News

Die „Untätigkeit des Westens“ hat einige dazu gebracht, in die Ukraine zu kommen und zu kämpfen

Zu den sechs ausländischen Kämpfer:innen, mit denen BuzzFeed News US in Lviv gesprochen hat, gehören vier britische Staatsbürger:innen, ein:e Amerikaner:in und ein:e Dän:in. Sie essen nach einem langen und anstrengenden Tag in einer Wohnung Dominos Pizza und berichten, dass sie alle in den vergangenen fünf Tagen in der Ukraine angekommen und getrennt angereist sind. Sie seien zuerst nach Polen geflogen und dann mit dem Auto über die Grenze in die Ukraine gekommen, wo sie von ukrainischen Militärbeamt:innen sie zum Stützpunkt Yavoriv gebracht worden sind.

Die Gruppe sagt, sie sei wütend, was russische Truppen ukrainischen Zivilist:innen angetan haben, und haben das Gefühl, dass sie über die nötigen Fähigkeiten und Erfahrungen verfügen, Kiew bei der Verteidigung zu helfen. „Frauen und Kinder wurden bombardiert“, erklärt ein Amerikaner auf die Frage, warum er in die Ukraine gekommen ist. „Ich habe irgendwie meinen Respekt vor der NATO verloren, als ich gesehen habe, dass sie nichts tun. Ich war wütend.“

Ukraine-Krieg: Die russischen Raketen sind nachts in dem Stützpunkt eingeschlagen

Angesichts Dutzender russischer Raketenangriffe in der gesamten Ukraine hätten die ukrainischen Militärführer am Tag vor der Bombardierung Luftangriffsübungen auf dem Stützpunkt Yavoriv angeordnet, sagt James. „Wir haben Übungen mit Luftangriffen gemacht und alle haben es sehr schnell verstanden“, sagt er und führt diese Übung als einen Grund an, warum die Verluste an Menschenleben am Sonntag nicht höher waren. Er beschreibt eine chaotische und erschreckende Szene, die die Gruppe aus dem ersten Schlaf rüttelte, den viele von ihnen nach mehreren langen Tagen des Trainings in der Basis hatten. Er sagt, die Rakete habe sich angehört, als würde sie schnell und tief fliegen, bevor sie sich nach oben bewegte und dann „eine Art Tauchgang“ gemacht hat, bevor sie explodiert ist. „Es hat sich wie ein Flugzeug mit Turbojet angehört“, sagt der Däne.

Ein anderer britischer Kämpfer und Militärveteran sagt, er sei gerade nach mehreren harten Tagen, ohne sich richtig ausruhen zu können, in seinen Schlafsack gekrochen und habe seine Schlafmaske aufgesetzt, als er das erste Zischen einer Rakete hörte. „Es war verdammt gemütlich. Es war das erste verdammte Mal seit Tagen, dass ich mich wohlgefühlt habe. Und dann ging alles... verdammt“, fügt er hinzu und wedelt mit den Händen in der Luft. „Ein paar Gebäude wurden getroffen, man konnte es hören“, sagt James. „Einen haben sie zerstört und einer hat gebrannt. Und dann war überall nur noch Zerstörung. Und ein Krater von der Größe des Kraters vom Mann im Mond mitten im Lager.“ „Einige Menschen waren unter den Trümmern eingeschlossen“, sagt der Däne.

Eine Frau fotografiert eine Statue, die zum Schutz vor der russischen Invasion in Lwiw nach den Luftangriffen auf einen nahegelegenen Militärkomplex am 13. März 2022 in der Ukraine eingewickelt war.
Eine Frau fotografiert eine Statue, die zum Schutz vor der russischen Invasion in Lwiw nach den Luftangriffen auf den Militärkomplex in Yavoriv am 13. März 2022 in der Ukraine eingewickelt wurde. © IMAGO/ZUMA Wire

Yavoriv dient seit 2014 als Ausbildungszentrum der NATO für ukrainische Truppen

Ausbilder:innen aus den USA und anderen NATO-Staaten sind seit 2014 im Yavoriv-Zentrum stationiert und helfen, das ukrainische Militär zu stärken, damit es sich besser gegen Russland verteidigen kann. Oberst Andriy Bestyuk, stellvertretender Leiter der Ausbildungsabteilung des Generalstabs der Streitkräfte der Ukraine, sagte Anfang Februar gegenüber BuzzFeed News US in Yavoriv, ​​dass sein Militär zu einer Kraft geworden sei, die Russland einiges entgegenzusetzen habe.

Diese Einschätzung hat sich als zutreffend erwiesen. Obwohl Russland über das größere und schlagkräftigere Militär verfügt, ist es den Streitkräften der Ukraine bisher gelungen, russische Truppen daran zu hindern, Großstädte zu erobern. Truppen der Nationalgarde von Florida bildeten in der Einrichtung ukrainische Soldat:innen für den Einsatz im Rahmen einer NATO-Mission aus, als BuzzFeed News US sie Anfang Februar besucht hat. Die USA haben die Wachen nur wenige Tage vor Beginn der neuen russischen Invasion abgezogen. Beim Einschlag der Raketen waren keine NATO-Truppen anwesend. Aber es gab Hunderte von westlichen Militärveteran:innen.

Seit dem ersten Ausbruch des Krieges im Jahr 2014 ist eine vielfältige Anzahl von Ausländer:innen gekommen, um in der Ukraine zu kämpfen. Hunderte kamen aus der Europäischen Union, etwa 40 aus den USA und mindestens zwölf aus Großbritannien, laut BuzzFeed News-Berichten und unabhängiger Forschung von Expert:innen, die solche Kämpfer:innen begleiten. Einige von ihnen haben im Militär im achtjährigen Kampf gegen Russland und seine separatistischen Stellvertreter:innen im Osten der Ukraine mit Auszeichnung gedient.

Ukrainische Truppen üben am 4. Februar auf einem Schießstand in der Nähe von Yavoriv mit Ausbildern der Florida National Guard den Einsatz von in den USA hergestellten M141-„Bunkerbuster“-Raketen.
Ukrainische Truppen üben am 4. Februar auf einem Schießstand in der Nähe von Yavoriv mit Ausbildern der Florida National Guard den Einsatz von in den USA hergestellten M141-„Bunkerbuster“-Raketen. © Pete Kiehart für BuzzFeed-News

Die ausländischen Kämpfer:innen sind alle freiwillig in den Ukraine-Krieg gezogen

Das Justizministerium hat sieben US-Bürger:in wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen untersucht, die in der Ostukraine begangen worden sein sollen - einige von ihnen haben mit rechtsextremen paramilitärischen Kräften gekämpft, berichtete BuzzFeed News US im Oktober. Als sie in Yavoriv angekommen sind, sind die ausländischen Kämper:innen über ihre vergangenen militärischen Erfahrungen befragt und auf der Grundlage dieser Erfahrungen in Gruppen eingeteilt worden, berichtet der amerikanische Soldat.

Die sechs Ausländer:innen sagen alle, sie hätten keine Verträge unterschrieben, außer einem Dokument, das besagt, dass sie Militäruniformen akzeptieren. Vielen der Kämpfer:innen sind schnell Waffen angeboten worden, aber die von BuzzFeed News US befragte Sechsergruppe hat ihre Waffen von einer dritten Partei, welche, nach eigenen Angaben, besser wären. In den Tagen vor dem Angriff haben sie zusammen trainiert und „ein paar Taktiken, wie man sich bewegen muss und einige medizinische Verfahren“ geübt, sagt James. Ein anderer britischer Kämpfer beschrieb, wie man verwundete Soldat:innen triagiert und sie evakuiert.

„Es lief noch nicht alles perfekt, also hat jede:r alles geübt, um zu sehen, wie es funktioniert. Wir hatten gerade erst richtig angefangen“, sagt der britische Soldat, der darum gebeten hat, anonym zu bleiben, weil seine Familie nicht weiß, dass er in der Ukraine ist. Die Gruppe hat es unter Berufung auf das Militärgeheimnis abgelehnt, die Kommandostruktur der Fremdenlegion zu beschreiben. „Nichts war perfekt. Nichts ist jemals perfekt. Aber einige Dinge hätten besser laufen können“, sagt der Brite. Trotzdem sind die Kämpfer:innen einfach froh, am Leben zu sein.

Die Bombeneinschläge sind schnell hintereinander gekommen

„Als die ersten Bomben einschlugen, war ich sehr überrascht, dass uns keine getroffen hat“, sagt ein weiterer britischer Soldat, der in die Ukraine gekommen ist, und bezog sich dabei auf eine Rakete. „Es war immer eine nach der anderen. Es gab keine gleichzeitigen Bombeneinschläge“, sagt er. „Es war nicht wie in Bagdad, wo sie alle gleichzeitig eingeschlagen haben, perfekt organisiert von den alliierten Streitkräften, wo fünf oder sechs landeten, fügt er hinzu, und zeigt ein Bild eines brennenden Gebäudes, von dem er sagte, dass es auf der anderen Straßenseite von seinem Aufenthaltsort im Irak gewesen sei.

Dieser Soldat sagt, dass die Gruppe nach dem Angriff geglaubt hat, dass die Landung russischer Fallschirmjäger in der Nähe eines Hubschrauberlandeplatzes auf der Basis unmittelbar bevorstehe. Aber das ist nicht passiert, was eine Erleichterung war: Er hakt eine Liste von Waffen ab, die normalerweise bei einem solchen Angriff eingesetzt würden.

Die Basis ist nach den Angriffen zunächst verlassen worden

Die Gruppe beschloss, die Basis zu verlassen und nach Lwiw zu gehen, um ihre Köpfe frei zu bekommen und dem Chaos zu entkommen. Sie sagen, dass sie aufgefordert worden sind, ihre Waffen abzugeben, bevor sie die Basis verlassen haben.

Einer der Briten sagte, er sei jetzt hin- und hergerissen zwischen dem Verbleib bei der Fremdenlegion und dem Versuch, einer humanitären Organisation beizutreten, um sich ausschließlich auf die Hilfe für Menschen zu konzentrieren. Der Rest der anderen ist immer noch versessen darauf, der Ukraine beim Kampf gegen Russland zu helfen. „Wegen ein paar Raketen gehe ich nicht nach Hause“, sagt James.

Autoren sind Christopher Miller und Pete Kiehart. Der Artikel erschien am 13. März 2022 auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Max Kienast.

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