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„Es ist ein Alptraum“: Menschen versuchen verzweifelt, aus Kiew und vor Putins Krieg zu fliehen

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Eine Frau bittet die Menschen, Ruhe zu bewahren. Sie versuchen verzweifelt, Züge in Richtung Westen zu besteigen.
Eine Frau bittet die Menschen, Ruhe zu bewahren. Sie versuchen am 01.03.2022 am Bahnhof Kiew-Pasazhyrskyi verzweifelt, Züge in Richtung Westen zu besteigen. © Pete Kiehart/ BuzzFeed News US

Tausende Menschen kämpfen, um es in die letzten Züge aus Kiew schaffen. Buzzfeed News US Reporter Christopher Miller berichtet von der Situation im Ukraine-Krieg.

Während die russischen Streitkräfte immer näher an die Hauptstadt heranrücken, werfen sich die und alles, was sie tragen können, in den Zug, der am Montag (28. Februar) am Kiewer Hauptbahnhof abfährt.

In dem Chaos wird eine junge Mutter von ihrer Tochter getrennt. Ein Polizist hievt das Mädchen in den Zug, der jedoch losrollte, bevor die Mutter einsteigen konnte. Weinen rennt die Frau neben dem fahrenden Wagen her, bis sie den ausgestreckten Arm eines anderen Mannes ergreifen kann, der sie an Bord zieht. Der rosafarbene Einhornrucksack, den die Mutter sich über die Schulter gehängt hatte, schaffte es nicht und fiel auf die Gleise.

Tausende fliehen vor russischen Angriffen aus der Ukraine

Tausende andere Einwohner:innen, die am 1. März verzweifelt versuchen, aus Kiew zu fliehen, sitzen in der eisigen Kälte fest, größtenteils ohne Nahrung und Wasser. Sie fragen sich, ob sie das Glück haben werden, ein paar Zentimeter in einem der letzten Züge aus der ukrainischen Hauptstadt zu ergattern, bevor die russischen Streitkräfte die Stadt einkesseln und sich darauf vorbereiten, sie mit Raketen und Artilleriefeuer zu beschießen.

Während sie sich versammeln, droht Russland damit, Raketen auf Regierungsgebäude und Regierungseinrichtungen abzufeuern, darunter auch auf eine Einrichtung des ukrainischen Sicherheitsdienstes. Nur zwei Stunden nach dem BuzzFeed News US den Bahnhof besucht hat, schlagen russische Raketen im Kiewer Fernsehturm ein. Fünf Zivilist:innen werden getötet und fünf weitere verletzt.

BuzzFeed News US hat ein Team vor Ort in der Ukraine. Die Berichte von Chris Miller, Isobel Koshiw und Pete Kiehart könnt ihr auf Twitter verfolgen und hier ihre Texte auf Englisch lesen.

Es gibt noch wenige Züge, um dem Ukraine-Krieg zu entkommen

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind mehr als 660.000 ukrainische Zivilisten in die Nachbarländer geflohen, seit der russische Präsident Wladimir Putin vor sechs Tagen seine Invasion startete. Die internationale Organisation warnt, dass die Flut von Menschen, die das Land verlassen, schnell zur „größten Flüchtlingskrise in Europa in diesem Jahrhundert“ werden könne.

Unter den goldenen Kronleuchtern und filigranen Mosaiken, die die barocken Wände des Kiewer Bahnhofs schmücken, drängen sich viele Tausend Menschen, um sich den Geflüchteten anzuschließen. Aber niemand weiß, wann die Züge ankommen oder abfahren oder wer einsteigen darf oder abgewiesen werde und das, obwohl vor allem ältere Menschen, Frauen und Kinder Vorrang haben.

Verzweifelte Menschen versuchen am Bahnhof in Kiew, Züge in Richtung Westen zu besteigen.
Verzweifelte Menschen versuchen am Bahnhof in Kiew, Züge in Richtung Westen zu besteigen. © Pete Kiehart für BuzzFeed News US

Als ein Mann versucht, sich in den Zug zu drängen, schubsen ihn zwei Polizist:innen zurück und schreien die Gruppe an. Bei einer Auseinandersetzung auf einem anderen Gleis hält ein Mann in Zivil eine Pistole in die Luft, um die Menge unter Kontrolle zu bringen.

Die Menschen erkundigen sich verzweifelt bei den Umstehenden, welcher Zug auf welchem Gleis nach Lemberg, Rachiw, Kamyanets-Podilskiy und in andere westukrainische Städte fahren werden. Städte, die möglicherweise einen sicheren Hafen und eine Überfahrt in Länder der Europäischen Union ermöglichen. Einige bekommen Antworten und eilen dorthin. Andere sind ratlos. Fahrkarten können nicht aufgetrieben, gekauft oder umgetauscht werden. Am Bahnhof scheint es aber sowieso niemanden zu interessieren, ob jemand tatsächlich eine Fahrkarte hat.

Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen im Ukraine-Krieg das Land nicht mehr verlassen

Eine ältere Frau fällt vor Erschöpfung in Ohnmacht und muss weggetragen werden. Haustiere, die aus Platzgründen nicht an Bord der Züge können, werden von ihren weinenden Besitzer:innen an Freund:innen übergeben, die zurückbleiben. Ein:e Polizist:in tröstet einen Mann mit einem Kinderwagen, der nicht in den Zug passt, während er seiner Familie zuwinkt, die im Gang eines Waggons an das Fenster gepresst wird. Nachdem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die allgemeine Mobilisierung der Bevölkerung zum Kampf gegen die russischen Truppen angeordnet und das Kriegsrecht verhängt hat, dürfen Männer zwischen 18 und 60 Jahren das Land nicht mehr verlassen.

Vor dem Bahnhofseingang, an die Steinmauer des Gebäudes gekauert, überlegt Serhiy, was er tun sollt, während seine Frau Veronika ihre kleine Tochter Sofia in den Schlaf wiegt. Das Paar ist mit seinen Nachbarn gekommen, um einen Zug zu finden, der sie in den Süden nach Odessa bringt. Dort haben sie Familie und Freund:innen.

Veronika hält ihre Tochter Sofia im Arm, während ihre Freundin Ljudmila ihre Tochter Zlata im Arm hält.
Veronika hält ihre Tochter Sofia im Arm, während ihre Freundin Ljudmila ihre Tochter Zlata im Arm hält. © Pete Kiehart für BuzzFeed News US

Sie sagen, sie wissen, dass auch in und um die Hafenstadt am Schwarzen Meer gekämpft werde, aber sie glauben, dass es dort sicherer sei als in ihrer Kiewer Wohnung. Dort schliefen sie vier Nächte im Flur ihres Hauses hinter festen Wänden und eine Nacht in einem Luftschutzkeller, weil das Artilleriefeuer so nah und laut war.

Es ist ein absoluter Albtraum.

Veronika aus Kiew

„Es ist ein absoluter Albtraum“, sagt Veronika über die Situation und fügt hinzu, dass sie keine Fahrkarten haben, aber versuchen werden einen Zug in sieben Stunden zu nehmen.

Berichte von Rassismus an den Grenzen der Ukraine

Muhammed Ali kommt aus Turkmenistan und studierte an der Nationalen Pädagogischen Drahomanow-Universität in Kiew Programmieren, bis sie Anfang des Monats geschlossen wurde. Er sagt, dass er und fünf weitere Freund:innen versuchen, nach Rumänien zu gelangen, wo sie hofften, Flüge nach Hause zu kriegen. Er sagt, dass die Gruppe nicht damit rechne, einen Sitzplatz zu bekommen, sondern für einen Stehplatz im Korridor zwischen den Autos bete.

Ein Mann klettert auf einen Zug in Kiew, um jemandem eine Rolle Bargeld zu überreichen.
Ein Mann klettert auf einen Zug in Kiew, um jemandem eine Rolle Bargeld zu überreichen. © Pete Kiehart für BuzzFeed News US

Emmanuel und Sylvester, IT-Expertem aus Nigeria erzählen, sie seien untröstlich, Kiew zu verlassen. Eine Stadt, die sie in den letzten vier Jahren lieben gelernt haben. Sie haben ihre Wohnungen fünf Tage lang nicht verlassen und die letzte Nacht in einem Luftschutzkeller verbracht. Am Bahnhof hoffen sie, einen Zug zu finden, der sie nach Westen bringt, wo sie in die EU einreisen und einen Flug nach Hause nehmen können.

„Meine Mutter sagte mir, sie würde mich [vor Putin] umbringen, wenn ich nicht gehe“, sagt Emmanuel.

Nachdem sie Berichte gelesen hatten, wonach die ukrainische Polizei und die Grenzbeamt:innen nigerianische Staatsbürger:innen, die zu fliehen versuchten, schikanierten und die polnischen Behörden Menschen wie ihnen die Einreise verweigerten, beschlossen sie nach Ungarn zu fliehen, sagen sie.

Russland zerstört im Ukraine-Krieg die Heimat vieler

In der Nähe weint Molvina, Mutter von zwei Töchtern im Alter von zehn und fünf Jahren, auf dem Boden der internationalen Halle des Bahnhofs. Zusammen mit ihrem kleinen Terrier Kompot, benannt nach dem in diesem Teil der Welt beliebten hausgemachten Fruchtsaft, hofft sie, es nach Polen zu schaffen. „Wir wissen nicht, was wir danach tun sollen“, sagt sie. „Alles, was wir haben, ist jetzt hier.“ Alles, was sie mitnehmen konnte, waren drei kleine Taschen mit Habseligkeiten und den Hund.

„Wir hoffen, dass wir bald zurückkommen. Wir werden bald zurück sein“, sagt sie trotzig. Sie habe Georgien in Richtung Ukraine verlassen, nachdem Russland 2008 in ihr Heimatland einmarschiert war. Sie verbrachte die letzten 14 Jahre damit, sich ein neues Leben aufzubauen, nur um es von Putin wieder zerstören zu lassen.

Hinter ihr stehen die Menschen in der Schlange vor einem Café, in dem normalerweise butterweiche Croissants und dampfende Cappuccinos serviert werden. Am Dienstag (01.03.2022) gibt es dort einfachen Eistee in Plastikbechern und Weißbrotscheiben. Gegen 14:30 Uhr geht der Tee zur Neige, sodass das Café heißes Wasser ausgibt, um die Leute warm zu halten, während sie warten.

Menschen drängen sich im Bahnhof Kyiv-Pasazhyrskyi und warten auf Züge in Richtung Westen.
Menschen drängen sich im Bahnhof Kyiv-Pasazhyrskyi und warten auf Züge in Richtung Westen. © Pete Kiehart für BuzzFeed News US

Natalia, eine pensionierte Lehrerin, gehört zu denen, die auf etwas Warmes zu trinken warten. Sie hofft, zu ihrer Tochter nach Iwano-Frankiwsk reisen zu können, sagt sie, während sie an einem selbstgebackenen Brötchen mit Kartoffelbrei knabberte. Den Rest der Brötchen habe sie den ukrainischen Soldat:innen und den Streitkräften der nationalen Verteidigungsarmee gegeben. Sie verstärken in Erwartung eines Angriffs ihre Stellungen und besetzen Kontrollpunkte rund um Kiew.

„Es ist wichtig, dass sie stark sind. Sie verteidigen unser Land“, sagt Natalia.

Ich bin eine alte Frau. Ich werde bald tot sein. Aber die Ukraine wird weiterleben.

Natalia aus Kiew

*Autor dieses Textes ist Christopher Miller. Er wurde aus dem Englischen von Pia Seitler übersetzt.

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